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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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Ueber Arthurs Leiche beugen sich entsetzt Eltern 
und Lehrer. Und die Mitschuldigen senken die Augen. 
3. 
„Ihre Erzählung ist in der Tat recht interessant, 
Herr Leutnant.“ 
Mein Major parierte seinen alten fuchsigen Brod- 
verdiener zum Schritt. 
„Hand auf’s Herz, erwerben Sie Ihre Kenntnisse auf 
legale Weise, — ich meine, haben Sie Beziehungen zu 
höheren Regionen oder —“ Er sah mich scharf an. 
„Oder lesen Sie oppositionelle Zeitungen und Journale? 
Für einen strebsamen Adjutanten kaum denkbar.“ 
Ich überlegte schweigend. „Na, erzählen Sie nur 
erst mal die schöne Geschichte zu Ende“, ermunterte 
mich der wissbegierige Vorgesetzte. 
Mich kitzelte ein unvorschriftsmässiges Lächeln. 
Doch schnell gefasst, gab ich vermittels der Sporen 
diesen Kitzel an meine Rosinante weiter und beschäftigte 
mich eitrigst mit der unverständig bockenden Kreatur, 
die offenbar der Opposition angehörte. Dann beendigte 
ich meinen Bericht. 
,Nun aber heraus damit, lieber M. Woher stammen 
Ihre sensationellen Nachrichten?“ Mit niedergeschla 
genen Augen und leiser Stimme flüsterte ich den Titel 
des gefährlichen Journals. „Hm — — so.“ Pause. 
„Hören Sie mal, wenn Ihr Blatt wieder so Aehnliches 
bringt, bitte, senden Sie mir das Dings zu — abends 
— im geschlossenen Couvert.“ 
Wir hatten den Kasemenhof erreicht, gaben unsere 
Pferde ab und lauschten andächtig der „Besprechung“ 
des Regimentskommandeurs. 
„— Apropos, meine Herren. Es erübrigt noch, Sie 
darauf aufmerksam zu machen, dass ein Lesen oder gar 
Halten jener Zeitungen und Zeitschriften, deren politische 
Tendenz zweifelhaft oder garnicht zweifelhaft sind, sich 
für uns Offiziere von selbst verbietet. Besonders warne 
ich vor jenem Journal, dessen Enthüllungen in letzter Zeit 
so grosse Sensation hervorriefen. Meine Herren, denken 
Sie an Ihre Zukunft! Ich danke.“ Wir salutierten. 
War der Oberst kraft seines Amtes allwissend oder 
witterte er den bösen Feind? Bedrückt wandte ich 
mich an meinen Brodherrn. 
„Haben Herr Major noch Befehle?“ — „Danke, 
Herr Leutnant — nein.“ 
Und die Mitschuldigen senkten die Augen. 
4. 
Auf dem Rasenplatz vor meinem Hause sonnen 
sich zwei ungleiche Kameraden — Cesar und Peter. 
Cesar, der grosse englische Windhund, steht wie 
gewöhnlich auf drei Beinen. Er wimmert und klagt wie 
ein Kind, hat seine Ohren trauernd zur Hälfte gesenkt 
und die Augen fast gänzlich verschleiert. Ach, ihn plagt 
der schlimme Rheumatismus — er fühlt sich so invalide. 
Der hoch gekrümmte Rücken und der nur aus Rippen 
bestehende Rennerleib beben vor Frost, und im 
schmalen, festgeschlossenen Maule klappern die Zähne. 
Ein Bild des Jammers. 
Neben ihm liegt der alte Peter, mein schwarzbrauner 
Teckel. Trotz eines zwölfstündigen Schlafs fühlt er sich 
überaus müde. Der kleine zitternde Körper ist kugel 
förmig zusammengerollt, die zierliche Rute klopft gegen 
die sorgenvoll gerunzelte Stirn. Verächtlich zuckt es um 
seine feuchte Schnauze, wenn ein vierbeiniger Genosse 
vorüberläuft. Er ist fertig mit der Welt, er mag sie nicht 
mehr sehn. Ein tiefer Seufzer — er scheint zu verenden. 
Was ist geschehen? 
Cesar spitzt die Lauscher, seine Lichter funkeln nach 
den Feldern hin, langsam senkt sich der hochgezogene 
Lauf zur Erde. Peter blinzelt fragend an ihm empor, 
reckt sich und kriecht ventre ä terre vorwärts. Plötzlich 
stürzen die beiden Hunde aus der Gartenpforte. Ich 
pfeife und rufe mich blaurot. Vergebens. 
Am Feldweg wird rekognosziert. Starr äugt Cesar 
nach vorne. Peter schnuppert am Boden: „djau, djau, 
djau“. Er hat die Fährte und taucht unter in der grünen 
Saat. Cesar bleibt auf seinem Beobachtungsposten 
zurück, er fiebert vor Jagdeifer, in dem weitgeöffneten 
Maul werden Zunge und Zähne sichtbar. 
Im niedrigen Winterroggen duckt sich mit klopfendem 
Herzen ein Häschen. „Du liebe Zeit, ich habe den 
Beiden nichts zu Leide getan. Aber Vorsicht, es könnte 
ein Missverständnis vorliegen“. Doch näher kommt der 
laut jagende Teckel. Lampe legt die langen Löffel zurück 
und reisst aus, hält wieder, macht Männchen, um zu 
spähen, und schlägt listig einen Haken. Lautlos springt 
Cesar in’s Feld und schneidet mit grossen Sätzen den 
Bogen des Flüchtlings ab. Die Jagd verschwindet 
hinter den Hecken. 
Nach einer Stunde kehren die Ausreisser mit un 
schuldigen Mienen zurück. Ich halte ihnen eine derbe 
Strafpredigt über Ungehorsam und Jagdfrevel und drohe 
mit Kette und Peitsche. 
Cesar zieht das kranke Bein in die Höhe und heult, 
fast ohnmächtig vor Schmerzen, mit drei Beinen könne 
man doch wahrlich nichts ausrichten. Ja, wenn er 
solche kräftige Läufe und eine so laute Stimme wie 
der Kollege Peter hätte! Und dieser ruft mit unruhig 
zuckenden Augen den Himmel zum Zeugen seiner Un 
schuld an. Zweideutig schielt er nach dem grossen 
Kameraden: der da hat lange Beine, der da ist gefähr 
lich — er selbst ist nur ein harmloser, krummbeiniger 
Waisenknabe. 
Beide suchen den Glanz ihrer Blicke zu verbergen 
und gähnen krampfhaft vor Schmerzen und Lebens 
überdruss — und beide Mäuler sind blutigrot. 
„Ihr Schlingel, was habt ihr verbrochen? Ihr fingt 
den armseligen Lampe, ihr habt ihn ermordet!“ 
Und die Mitschuldigen senken die Augen. — 
Pnnbminocn eines Cidjtfrenniics. 
SÜJitteu int Hergen beS fjeWerbtäiigcn ©erlin fdhlettbere id) einher 
bort, wo Slunft unb Snbnftric feilte blojje gmangSeije, fonbertt einen 
förmlichen HcrgeitSbuitb gefdjloffen haben. SBie mögen feine ftriidjte 
auSfd)aiteit? So fragenb mache ich bor bertt Haufe Somman< 
bantenftrafje 16 £>a(t. 
®er etwas nüchterne £>of ift halb burchfdjritten. Schott fi(je 
ich in bettt eilte öornehnte Stühe atmenbett söeratutigSgimmer ber 
finita ß. St i ernannt ßo., ber befannten $abrif für föeleud)tititgS« 
gegenftättbe. ®ie teilweife eittgelaffenen, teilweife unter ber ®ecfe 
befeftigten cleftrifchen ifampeti erhellen beit Staunt, ohne bafj baS 2id)t 
fielt irgenbwie ftörcnb borbrängt. 3d) tnnftere bie attSliegenben ffach« 
fünften, $n ber einen Werben bie ftorberititgeti erörtert, bie bie 
moberne 3nnenard;iteftur an bie ©eleucf;tungSted;nif fteKt. ©ittb 
biefe (j-orberttngen erfüllt ober überhaupt erfüllbar? eine tut' 
gweibeutige Antwort wirb barauf niiht gegeben. Sch lefe nad)« 
benfüch: „2BaS für einett guten Stil gilt: beis rechte iffiort an ber 
reihten ©teile, baS and) für bie Snuenfunft: ber rechte Oegeitftanb 
am rechten Ort." ®od) anftatt ber grauen Shearie betrachte id) 
liebet bie lebettbige SßrapiS. 
ein glättgenb'er ainfd)auungSunterrid)t in ben Staunten ber 
$irtita Stiem amt beginnt. Schon fteljen wir in einem traulichen 
ßtttree, baS bttrd) eine leudjtettbe Fontäne ttod) eittlabcttber wirft, 
ein Speifegintnter, beffen behaglichen eittbruef ein fiinftlicijer 
Slawin fteigert, labet mit feiner litilbcit Hede pnt Sßerweilen ein. 
®cd) ba lorfett fdjon ein empircraunt, ein SBohitgimmcr mit einem 
laufdjigett Hämin, ein gietlidier Salon, beffen fofette Anmut bie mehr 
betonten 2id)tqueden gut botten ©eltung bringen. Aber WaS Wir 
big jetjt gcfchaut, ift geWiffermafjen ber Auftaft. SDtagifche 2id)t« 
fülle nmftrahlt ttttS, ein blauer wunberfamer Schein, ber ttnS in 
anbäd)tige Stimmung »erfenft, bringt wie aus traumhafter fferne 
gtt ttnä. ®aS golbumrahmte portal einer rontanifchen Hirdje 
öffnet fid). ®oci) auf bem äöege big bapitt erfdjlie&t fid) bettt 
fchaufreubigen !8eobad)ter ttod) manches Schöne, ntattd) präd)tige 
Arbeit unfereS in ©erlitt fo h 0< hfteheitben, leiber nicht immer 
genug anerfannten HunftgewerbeS. ®attf ber fuuftoerftänbigen 
Hattb beS Slrdjiteften unb mit Unterftü(;ung ber Hleinmöbe(«Hunft 
ift ein grofjer Staunt in eine Aitgahl einlabenber gimtneedjen auf« 
gelöft. ®odt fd)on ljutren nuferer neue ßiubtütfe. „Sßie attberS 
wirft bieg 3 e i<h clt auf '”14 ein! ©in wirtlicher Sempelrauttt mit 
feinen an ben Orient getttaftnenben gierraten empfängt uns, 
Strohgelb unb ißutputrot leuchtet ung farbenfroh entgegen. Stt 
biefeS 5£onfottgert fittb bie golbfehintmernben 83eleitd)titugSförper 
eingefügt unb ihre eleftrifche 2id)tfiide erfiellt ®ccfen, SBättbe unb 
Stiften. Arabifcpe $ortnengebttng unb Örnantentif feiern fjier 
Triumphe, ohne bafj ber Ardjiteft mit feiner $rcue gegen ben 
Orient unferem ©cfdpnacf etwas ^rentbactigeS gumutet. Unb Weid) 
inniges '-BiinbniS h al ber ©eleudjtutigSfiinftler mit bem Ard)itefieit 
gefdjloffen! 
Stod) Poll oott biefent StimmungSpuber beS Orients, trete ich 
in ein prüdjtigeS Herrenzimmer, luge neugierig in bas 5Eoiletten« 
g immer. einer ®ante bon SBelt. ’ Aber plöjjlid) }d)Winben alle 
profanen ©ebanfeit, bas fpöttifdjc Sßeltfinb wirb faft pttt an« 
bädjtigen ©cter. ®er blaue wttttberfante ©dteiit attS bem geöffneten 
tßortal ber Hird;e bringt Wiebcr zu ihm. Unb wenn Wir biefe 
Stätte betreten, bann teilt fid) bie weiljebolle Stimmung, bie 
fie burdjmebt, ttttS unmiHfürlidj mit. SlUcS bereiitt fiel; hier, um 
uns botit Alltäglichen, bem allzu $roifchen abgulöfen. ®er tctnpel« 
förmige Sluffap in getriebener '-Bronze attf bem @anbftein«Unterbau, 
über ben ntilbe Hede auSgegoffen ift — es ift hier mopl l )CC 
erfte, aber wohlgelungene Söerjttd) gentad;t, bie inbirefte ©c* 
leuchtung für bie Htrd)e etngufüljren — bie grofje .Urone mit 
ihrer pradjtboden Örnantentif, ihre ben Stülpt beS ©rnigett ber« 
fiinbeitben @ttgelfd)aar, biefeS anfd)cittettb fo tote ©ifett, baS bttrd) 
©elegen mit berfdjiebcnen SStetaden unb buntem ©eftein Heben ge« 
mimit, bie wttnberbaren itt magifthem Hid)t erfchimnternben 
©eitenfapellen, bieS h acm onifd)e 3neinanberfügen bon f^arbe, 
©teilt unb SSfeiall, bor attetn bie baS Sange tiberragenbe gläferne 
Slttppel beS ®abernafelS mit ihrem fo berfönlid) wirfenben blau« 
ftraplenben Sid)t löft eine anbächtige, weihebode Stimmung aus. 
SStit bem ©eWufetfein, baff meine SBanberung bttrd) bie 23e« 
teitd)tttnggauSftedung ber finita Stiemann, bereit Pforten jebciit 
Qntereffenleit frettnblid) offenftehen, mir gu einer äfthetifchen ©r« 
leuchtung geworben ift, trete id) beit Heimweg an. k. 3- vco.
        
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