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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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ist und wenn wir das Wahre mit zehnfachem Erz um 
hüllen. Ich will auch nicht, dass das Bildwerk auf 
die Nachwelt kommt; wenn ich gestorben bin, soll es 
irgendwo vergraben werden, denn ich wünsche nicht 
in den Legendenkranz hineingezogen zu werden, der 
sich gewöhnlich um solche Bildwerke zieht. Möge sie 
später ausgegraben werden wie jene alten Meister 
werke, mit denen sie wohl dann und wann ver 
wechselt werden. Die sollen recht behalten, die die 
Werke der Antike für unerreicht erklären. 
* * 
* 
Seit acht Jahren ist der Marchese tot. Das Zimmer, 
in dem die Statue stand, hat man nach seinem Tode 
leer gefunden. Und trotz eifrigen Suchens ist die 
Statue bis jetzt nicht gefunden; vielleicht nach Jahr 
zehnten oder Jahrhunderten wird sie der Zufall ans 
Licht bringen und die Gelehrten werden aufs neue 
konstatieren, dass nur die Antike es war, die die wahre 
Kunst besessen. 
Die Mitschuldigen. 
Vier Skizzen von 0. Mora. 
(Nachdruck verboten.) 
1. 
Zwischen den weiten Wiesen der Marschniederung 
schlängeln sich schmale Wasserstrassen. Sie begleiten 
hohe, nur teilweise geptlasterte Fahrdämme, die von 
den Giebeln breiter Strohdächer kaum überragt werden. 
ln der düsterroten Abendsonne erglänzen die bunt 
gemusterten Fensterscheiben zweier Gehöfte. Den 
grösseren alten Bau aus mosaikartig gesetzen Back 
steinen ziert weisses Gebälk mit gewundenen Leisten 
und Emblemen. Alles erscheint blitzblank und sauber. 
Die Milcheimer auf dem Trockengestell vor der Tür, 
die grosse Diele mit den bunten Wandfliesen und die mit 
Schnitzereien und Intarsien geschmückten Wohnstuben. 
Vor dem Hause seiner Vorfahren sitzt der dicke 
Marschbauer, ein wohlhabender Hüfner, in schwarzen 
Kniehosen und Weste mit silbernen Knöpfen und qualmt 
behaglich eine lange Pfeife. Mit Stolz ruhen seine 
Augen auf dem Reichtum ringsum. Im fruchtbaren 
Gartenland wuchern die üppigsten Gemüsepflanzen, die 
Obstbäume brechen fast unter der Last ihrer Früchte 
und auf dem fetten Weideland stehen die satten, wohl 
genährten Milchkühe. 
Ein Flutgraben trennt sein Eigentum vom Grund 
stück des Nachbarn. Bei dem sieht’s ebenso ordentlich 
und reinlich aus — aber es ist nur der Hof eines 
Kätners, der kleine Besitz eines jüngeren Brudersohns. 
„Wat glöwt de Kerl — schült ober dat Fleet nah 
min Stine. Kann em woll passen! Se arwt mal da’n 
ganze Kram. Ne, min Dochter, di war’k de Leew 
utdrieben. Uenner min Dack schass’t du keen Hochtid 
hollen mit Hinnark.“ 
Mit hartem Lächeln im breiten Gesicht klopft der 
Bauer seine Pfeife aus, sieht prüfend nach dem dunklen 
Gewölk, das drohend im Westen aufzieht, und schliesst 
die mächtige Haustür. 
Menschen und Tiere suchen Ruhe in der schwülen, 
dunstigen Nacht. Leise klirrt die Kette des Hofhundes 
und im Stalle schnaubt ein träumendes Pferd. Doch 
am Himmel flammen Blitze und ferner Donner grollt 
über die Marschen. Ein kurzer Wirbelwind — und 
schon fallen schwere Tropfen. Auf den Wiesen brüllen 
die Rinder. 
Unter dem hohlen Stamme der alten Weide am 
Flutgraben rücken zwei Menschen enger zusammen. 
Der stattliche Hinrich tröstet die weinende Stine. „Ne, 
Hinnark, min Vadder ward dat nich lieden. Lewt 
Mudder, de helpt mi. Un ick hew die so von Harten 
leew.“ Und reichlicher fliessen die Tränen. Der 
Bursche stützt sie mit starkem Arm. „Stine, ick will 
fliedig sin — und täuwen. Min Fro warst du doch.“ 
Heisse Küsse sagen mehr als die ruhigen Worte. 
Ein greller Blitzstrahl, gleichzeitig prasselt betäubender 
Donner. Stine birgt ihren Kopf an der Brust des Ge 
liebten, doch Hinrich springt auf. „Dat hett inslogen 
Deern, din Vadder sin Hus brennt!“ 
Die fest schlafenden Leute werden mit Mühe ge 
weckt. Mit Gewalt jagt man das sinnlos tobende 
Vieh in’s Freie. Hinrich greift tüchtig zu und Stine 
leitet die Mägde beim Bergen der wertvollsten Habe. 
Schon droht das lodernde Dach sich zu senken, stürzt es 
hinab, dann versperrt die glühende Wand jeden Ausgang. 
„Wo is de Herr?“ rufen die Knechte. Er ward 
zuletzt im Stalle gesehen. Doch seine Schätze trieben 
ihn in’s Wohnhaus zurück, er will nichts verlieren. 
„Redd’ min ollen Vadder!“ fleht Stine. 
Ratlos sieht man sich an — es ist zu spät. Da 
stürzt Hinrich vor und verschwindet in Rauch und 
Qualm. Ein Augenblick schrecklicher Spannung. Stine 
liegt auf den Knieen und ringt die Hände. 
Endlich — mit geschwärztem Gesicht und ver 
sengtem Haar kehrt der mutige Jüngling zurück und 
zerrt den halb bewusstlosen Bauer hinter sich her. Als 
sie den Hof erreichen, fährt zischend das Strohdach 
hernieder. 
ln Hinrichs bescheidener Kammer liegt der gerettete 
Mann, zärtlich streichelt die Tochter seine Stirn und 
kühlt eine böse Wunde. Der Vater winkt Hinrich 
heran. Bedächtig legt er Stine’s Hand in die seine. 
„Uenner din Dack, Hinnark, und in din Hus schall 
de Hochtid sin. Hest mi twemal dat Leben redd. Du 
un Stine sünd rasch to Hand wesen, sünst wär’ allens 
in’n Slap iimkamen. 
Unter unverständlichen Dankesworten zieht Hinrich 
die glückliche Braut an sein Herz. Zufrieden nickt der 
grauharige Kopf vom Bett her. Doch plötzlich leuchten 
die klugen Augen und mit listiger Mine forscht der 
Alte: „Wie sünd jü beiden denn so gau in de Been’ 
kamen?“ 
Und die Mitschuldigen senken die Augen. 
2. 
ln seiner Arbeitsstube sitzt Arthur, der einzige 
Sohn des Geheimrats. Der lang aufgeschossene, blasse 
Jüngling hat den heissen Kopf in beide Hände ge 
stützt, seine Augen irren über ein blaues Schreibheft 
hinweg in die Ferne. 
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Arthur blieb im vorigen Jahr in der Untersekunda 
hängen — wie früher in den unteren Klassen. Er ist 
fleissig, aber nach dem Urteil seiner Vorgesetzten un 
begabt und phantasielos. Wie oft beneidete der Junge 
seine Mitschüler, die fröhlich und übermütig lärmend 
von der Schule nach Hause eilen. Was erwartet ihn 
daheim? Man forscht ihn strenge aus, und nie kann 
er leugnen, dass der Schultag ungünstig verlief. 
„Wenn du wieder sitzen bleibst, wirst du „dreijährig'* 
dienen müssen, du, der Sohn eines Geheimrats. Jeder 
Schusterjunge hat mehr Witz und Verstand als du — 
ich schäme mich deiner.“ Und zornig verweist ihn der Vater 
auf sein einsames Zimmer, während die Mutter ihm 
seufzend nachblickt. Er sucht dann meist Zuflucht in 
seiner kleinen Werkstatt auf dem Boden. Hier fühlt 
er sich wohl. 
Gewiss, sein Kopf arbeitet schwerfällig. Aber seine 
Hände sind recht geschickt, es gelingt ihnen trefflich, 
nach Modellen kleine Maschinen zusammenzustellen und 
selbstverfertigte Schiffe aufzutakeln. Doch was nützt 
dem Gymnasiasten diese mechanische Geschicklichkeit? 
Der einzige Sohn eines angesehenen Geheimrats darf 
kein Handwerk erlernen, das brächte der Familie 
Schande. — 
Dieser letzte Quartalsaufsatz im blauen Heft vor ihm 
wird seine Zukunft entscheiden. Mit leerem Kopf und 
wundem Herzen soll er über „den Segen der Schule für 
das Leben“ schreiben. Fluchen möchte er ihr, denn sie 
hat ihm die Liebe des Vaters und sein Selbstvertrauen 
geraubt. Er muss gegen seine innere Ueberzeugung 
schreiben — lügen. Und wie ungeschickt lügt der 
phantasielose Arthur! Seine Arbeit bringt nicht wahr 
empfundenes, sondern eine Verzerrung, eine ungewollte 
Travestie. 
Einige Tage des Höffens und Bangens sind vorüber. 
Heute küsst er beim Abschied der Mutter Hände inniger 
als sonst. Sie seufzt, wie immer, der Vater wendet sich ab. 
Auf dem Katheder thront der Herr Oberlehrer, vor 
ihm liegt ein Stapel blauer Hefte. Mit feierlicher Miene 
wählt er eine Arbeit aus, rückt seine Brille zurecht und 
liest in gemessenem Ton einen Aufsatz vor — es ist 
der beste. O wie anschaulich weiss der Verfasser den 
Segen der Schule zu schildern, man kann ihn sehen 
und greifen. Die Augen des Lehrers werden feucht: 
er ist es, der diesen Segen spendet! 
Eine verhängnisvolle Pause. 
„Nun hört das elende Machwerk eines unreifen 
Stümpers, eines Undankbaren, der nicht fühlt, was ihm 
täglich geschenkt wird.“ Die goldene Brille blitzt vor 
Unwillen. Tiefe Stille in der Klasse, manches Herz 
klopft unruhig. Der erste Satz wird verlesen. „Gott sei 
Dank, das ist nicht meine Arbeit“, atmen die geängsteten 
Gemüter auf nur eine arme Sünderseele nicht. 
Um Arthur wird’s finster und leer, er sieht nicht das 
strenge Gesicht auf dem Katheder, und er hört nicht 
das Zischeln und Lachen der Kameraden. Keine Ver 
setzung — Tränen der Mutter — Zorn des Vaters — 
eine zerstörte Zukunft! 
In der grossen Pause drängen die Schüler neugierig 
und aufgeregt nach dem Kellergeschoss. Einige rennen 
zum Lehrerzimmer, andere auf die Strasse. Ein Unglücks 
fall? Man sendet zum Arzt und zu den Eltern eines Jüng 
lings, der erschossen im Keller liegt. In den Händen hält 
er sein elendes Machwerk — „den Segen der Schule —“
        
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