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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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Die Venus des Marchese. 
Von Karl Pauli. 
(Nachdruck verboten. 
„Nicht hier, — bitte hier!“ fast zornig rief der 
Diener diese Bitte, indem er mir die Klinke der Tür, 
die ich eben geöffnet hatte, aus der Hand riss und die 
Tür wieder zuschlug. — „Hier, bitte führt der Weg in 
die Zimmer des Herrn Marchese!“ er deutete mit der 
Hand die Treppe hinauf, mich auffordernd vorauszu 
gehen. 
Aber was er verhindern wollte, war bereits ge 
schehen — ich hatte gesehen was er meinen Augen 
verbergen wollte; der Raum, der hinter jener Tür lag, 
die der Diener so energisch geschlossen, hatte sich 
meinen Blicken dargeboten und war von mir mit 
einem einzigen Blick umfasst worden. 
Was ich gesehen hatte war nichts weshalb meiner 
Ansicht nach jemand in solche Erregung geraten konnte, 
das Bild war zwar seltsam, aber weder furchtbar noch 
lächerlich. Ein rundes Gemach, wie ein kleiner Tempel, 
an dessen Wand, die der Tür gegenüberlag, auf einem 
Postament eine in Marmor oder Alabaster gemeisselte 
Venus stand, und ein Mann, der vor dieser Statue auf 
dem Fussboden kniete. Mehr hatte ich nicht gesehen, 
und was ich daran nicht hätte sehen sollen, war mir 
unverständlich. Die Statue? es gibt in Italien so 
viele Meisterwerke, dass man keins versteckt, — den 
knieenden Mann? — es gibt in Italien so viele 
Enthusiasten, die vor ganz anderen Dingen knieen, 
als vor steinernen Bildern, dass ein solcher Schwärmer 
niemanden in Erstaunen setzt. Warum also war der 
Diener so aufgebracht? Ich hatte die Tür wirklich, 
ohne mir etwas böses dabei zu denken, geöffnet, rein 
weil ich glaubte, dass dort der Weg zu den Zimmern 
des Marchese führe. Auf meine Frage sollte mir 
einstweilen keine Antwort werden, der Diener zog 
sich sofort zurück, nachdem er mir ein sehr elegantes 
Wartezimmer geöffnet, und der Marchese, der etwa 
zehn Minuten später erschien, war ziemlich zugeknöpft 
und wortkarg, sodass ich keine Gelegenheit fand, 
etwa durch eine Entschuldigung, wegen meines uner 
laubten Eindringens in das geheime Gemach, eine 
Erklärung aus ihm herauszubringen. Im Grunde war 
mir auch der ganze Vorfall ziemlich gleichgiltig, und 
daran, dass der Marchese meiner Störung wegen keine 
Bemerkung machte, sah ich, dass auch er kein grosses 
Gewicht auf das Vorgefallene legte, denn dass der 
Marchese der knieende Mann gewesen war, daran 
zweifelte ich jetzt, nachdem ich ihn persönlich kennen 
gelernt, nicht einen Augenblick mehr. So hatte ich 
denn in wenigen Tagen beinahe vergessen, dass es im 
Palast des Marchese ein Zimmer gab, das niemand 
betreten sollte und dass in demselben der alte Edel 
mann vor einer Venus zu knieen pflegte. Erst ein 
Zufall sollte mir den Umstand wieder in Erinnerung 
bringen. 
Consuela Fornarina, 
Beaute espagnole, z. Zt. Apollo-Theater, Berlin. 
Ich hatte täglich auf dem Schlosse zu tun. Es 
handelte sich um die Regulierung einer ziemlich ver 
wickelten Vertretungssache. Der Marchese war im 
Kriege 1866 zum Vormund eines österreichischen 
Schülers, der bei der Leiche seines in der Schlacht ge 
fallenen Vaters aufgefunden worden war, ernannt 
worden. Dieser Knabe war später verschollen, jetzt 
aber wieder aufgetaucht und suchte nun seine Identität 
zu beweisen. Ohne Zweifel war dieses Pseudomündel 
des Marchese ein Schwindler, aber die Angelegenheit 
musste doch geordnet werden, und da ich damals in 
Italien weilte, hatte die Familie des verschollenen 
Schülers, mit der ich bekannt war, mich gebeten, in 
dieser Angelegenheit mit dem Marchese zu verhandeln. 
Mit Feuereifer stürzte sich der alte Herr in die 
Sache und hatte denn auch bald heraus, dass an der 
Behauptung des Fremden, dass er der Verschollene 
wäre, kein wahres Wort sei. Das war also bald er 
ledigt, nicht so bald aber meine Besuche im Palast 
des Marchese. Wir hatten uns in der Zeit unserer 
geschäftlichen Verbindung so aneinander gewöhnt, 
dass sich eine gegenseitige herzliche Zuneigung, ja 
beinahe Freundschaft zwischen uns entwickelt hatte. 
Dieser Freundschaft hatte ich es auch zu danken, 
dass ich die Geschichte der Venus des Marchese er 
fuhr, eine Begebenheit, die nie ein Mensch vor mir 
erfahren hat, und die auch, so lange der Marchese 
lebte, zu keines anderen Kenntnis gelangt ist. 
Es war eines Vormittags, die Luft war schwül, wir 
kamen von einem Ausfluge zurück, den wir zu Pferde 
in die Nachbarschaft unternommen. Unterwegs hatten 
wir von den unendlichen Kunstschätzen Italiens ge 
plaudert und jeder hatte seine Meinung darüber aus 
gesprochen, welches Kunstwerk er für das grösste halte, 
wobei ich mich eifrig für die Antike erklärte und die 
Behauptung aufstellte, dass kein moderner Bildhauer 
nur halbwegs an die alten heranreiche. Der Marchese 
widersprach in seiner milden Art, und sagte endlich 
um mich zu überzeugen: 
„Ich könnte Ihnen das Werk eines modernen 
Meisters zeigen, das alle Kunstwerke der Antike weit 
hinter sich zurücklässt, und doch ist dasselbe von 
einem modernen Meister.“ 
„Und sein Name? —“ 
„Er ist unbekannt.“ 
Ich blickte ihn verwundert an. 
„Sie sind immer gross gewesen im Rätselerzählen, 
Marchese!“ rief ich lustig, „aber ein solches haben 
Sie doch wohl selten aufgegeben! Ein moderner 
Meister, dessen Namen niemand kennt, ein Kunstwerk, 
das die Antike in den Schatten stellt, das müsste 
man sehen!“ 
„Sie haben es gesehen!“ sagte der Marchese ernst. 
„Ich?“ ich sah ihn verwundert an. 
„ln jener kleinen Kapelle, am ersten Tag da Sie 
mich aufsuchten.“ 
„In der kleinen Kapelle?“ 
Er nickte ernst. 
„Ich habe da ein Bildwerk stehen sehen“, erwiderte 
ich, „allein ich hatte kaum Zeit einen flüchtigen Blick 
darauf zu werfen.“ 
„Ich weiss es!“ 
„Aber wenn es wirklich das grösste Meisterwerk 
ist, wie Sie sagen, warum verschliessen Sie dann den 
Schatz? Sie sind der Welt schuldig das Kunstwerk 
zum Allgemeingut zu machen.“ 
Er schüttelte leise den Kopf. 
„Ich weiss es“, antwortete er, „aber ich tue es 
dennoch nicht, mag es ein Raub am allgemeinen Gut 
sein, mir hat das Leben so viel genommen, dass ich 
nach anderen nicht mehr frage, mich kostet dieses 
Kunstwerk so viel, dass mir kein Preis dafür hoch 
genug ist, niemand kann mir das Bild abkaufen, für 
keinen Preis, nicht einmal für das Bewusstsein recht 
gehandelt zu haben. Niemand soll dieses Bild sehen, 
niemand, weil ich nicht will, obgleich ich es ruhig 
zeigen könnte, keine Madonna kann reiner sein als 
diese nackte Frauengestalt, aber ich will nicht, wegen 
ihr! will nicht wegen mir!“
        
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