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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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machen konnte, nur vier Wochen, nachdem du deinen 
Dr. med. gemacht, hatte ich den Dr. phil. erworben. — 
Du entsinnst dich wohl noch?“ 
Er blickte seinen Gast durchdringend an. Aber 
dieser hatte den Ellbogen auf den Tisch gestemmt und 
stützte das Haupt in die Hand, während er mit der 
andern Hand unruhig und mechanisch Figuren auf den 
Tisch zeichnete. Der Priester nickte vor sich hin. 
„Ja,“ wiederholte er, „nur vier Wochen zuvor, aber 
sie sollten eine tiefe Bedeutung bekommen. Denn 
kaum hatte ich mein Diplom in der Tasche, als ich auch 
schon jauchzenden Herzens in der Bahn sass. Galt es 
doch jetzt, Cenzi aufzusuchen und den Traum meiner 
Jugendjahre endlich zu erfüllen. Glückstrahlend kam 
ich in unserer Heimatstadt an, das Herz geschwellt 
vor Glück und Frühlingswonne, durchmass ich eilig den 
weiten Weg, der den abgelegenen Bahnhof von unserem 
kleinen Städtchen trennte. Und während ich fröhlich 
vor mich hinsingend daher schritt, da begegnete mir 
mein Freund und Studiengenosse Theodor Hilling . . .“ 
Der Doktor machte eine Bewegung, mit finsterem 
Blicke sah der Priester auf ihn nieder. „Willst du 
weiter erzählen,“ fragte er grollend. Der Doktor ant 
wortete nicht, er hatte jetzt den Kopf in beide Hände 
gestützt und starrte mit weit aufgerissenen Augen vor 
sich hin. 
„Ja,“ fuhr der Erzähler fort, „das war eine seltsame 
Begegnung, aber noch seltsamer die Folgen, die sich 
an sie knüpften. Theodor hatte mich lustig angerufen: 
„Oho! Nach Hause? Wohl auf Freiersfüssen?“ Und 
in der Freude meines Herzens gab ich zurück: „Recht 
hast du, Freund, jetzt geht’s zur Cenzi!“ Da fasste 
der Theodor mich an der Schulter und machte ein selt 
sames Gesicht: „Zur Cenzi wolltest du, wahrhaftig? 
Ach, armer Freund, da pack’ nur all deine Hoffnungen 
wieder ein! Die Cenzi ist seit vier Wochen meine 
Braut!“ Ich stand da, wie vor den Kopf geschlagen. 
Ich starrte den Freund an, als sei er ein Geist. End 
lich stiess ich mühsam hervor: „Die Cenzi deine 
Braut? Es ist nicht möglich! Dein Ehrenwort?“ Und 
Theodor Hilling antwortete klar und deutlich: „Mein 
Ehrenwort!“ Eine Weile stand ich noch da wie betäubt, 
es war mir, als drehe sich die ganze Erde mit mir. 
Die Hoffnung, die mir all diese Jahre so freundlich 
erhellt, dahin, plötzlich dahin! Und warum? Weil ich 
vier Wochen zu spät gekommen war! Nur um vier 
Wochen! War es nicht beinahe zum Lachen? Ich habe 
nie zu den Mondscheinschwärmern gehört, die es für 
besonders rührend halten, den Damen, von denen sie 
einen Korb erhielten, noch poetisch ihren Seelen 
schmerz vorzuhalten. „So wird es am besten sein, 
wenn ich gleich zurückfahre,“ meinte ich, und mein 
Freund Theodor redete mir eifrig zu. Ich tat es, und 
Theodor gab mir Geleit bis zum Coupe; er war über 
haupt sehr freundschaftlich an jenem Tage, der Theo 
dor! — 
Ich kam zurück nach München, diesmal aber als ein 
Anderer. Bei der tiefen Innigkeit, mit der ich mit 
meiner ganzen Seele an der Cenzi gehangen hatte und 
bei der überwältigenden Plötzlichkeit, mit der nun mein 
Lebenstraum, mein ganzer Lebensinhalt zerrissen ward, 
trat als natürliche Reaktion neben düsterer Schwermut 
eine völlige Weltentsagung in mir auf. So wandte ich 
mich dem geistlichen Studium zu. — Ein halbes Jahr 
mochte verflossen sein, als mich plötzlich eines Tages 
Freund Theodor aufsuchte. Einen Augenblick schien 
es mir, als triebe ihn eine geheime Unruhe, aber meine 
Menschenkenntnis war noch nicht entwickelt genug, um 
richtig beobachten zu können. Theodor erkundigte sich 
nach allem möglichen, zuletzt auch nach meinemStudium. 
Als er hörte, dass ich Geistlicher werden wollte, schien 
er aufzuatmen, wie von einer Last befreit, aber ich 
achtete weiter nicht darauf, denn es entsprach durch 
aus meinem Gefühl, als er zustimmend sagte: „Du 
hast das Rechte gewählt! Für Leute unseres Schlages 
kann es keine andere Wahl geben. Jetzt hat es dich 
getroffen, aber auf mein Wort! — wäre ich es gewesen, 
ich hätte gehandelt wie du!“ 
Nahe an vier Jahre verflossen, ich war bereits Diakon 
geworden, da ging mir plötzlich eine erschütternde 
Nachricht zu: Cenzi war gestorben, unvermählt und -- 
seltsamerweise auch — unverlobt. — Unverlobt! Ich 
stand vor einem Rätsel! Ich verschaffte mir Urlaub 
und fuhr in unsere Heimatstadt, denn eine innere Stimme 
trieb mich, den Zusammenhang zu untersuchen. 
Und ich fand ihn! Ja, ich fand ihn! Und ich kam 
dahinter, dass Cenzi sowohl wie ich das Opfer eines 
Ungeheuern Schurkenstreiches geworden waren. Als 
Theodor Hilling mir erzählte, dass Cenzi seine Braut 
sei, da sprach sein Mund eine furchtbare Lüge, und 
das Ehrenwort, das er mir gab, war beschmutzt von 
der Gemeinheit seiner Gesinnung!“ 
ln dem Körper des Doktors zuckte es, als wollte 
er emporspringen, aber gleich darauf sank er wieder 
in die alte Stellung zurück. Hochaufgerichtet stand 
der Priester vor ihm: 
„Willst du leugnen, dass es dir darum zu tun war, 
mich auf diese Weise aus dem Wege zu schaffen? 
Willst du leugnen, dass das Ganze eine fein abgepasste 
Komödie von dir war, mit genauer Berechnung auf 
meinen und Cenzis Charakter erbaut? Du wusstest, 
dass ich sofort zur Universität zurückkehren würde, 
sobald ich erfuhr, dass Cenzi eines Anderen Braut sei. 
Du wusstest auch, dass Cenzi sich scheinbar um den 
nicht mehr kümmern, der trotz beendeten Studiums 
nichts von sich hören liess. So hattest du auf einmal 
freie Hand und die meiste Aussicht bei deiner Werbung. 
Dass ich Geistlicher ward, war für dich ein weiterer 
Triumph, denn damit war ich ihr ein für allemal verloren. 
So rechnetest du, und Deine Rechnung stimmte in allen 
Punkten bis auf einen: Cenzi hatte mich wahrhaft ge 
liebt und war anderen Anträgen unzugänglich! Und 
als du ihr nun davon erzählt, dass ich Priester geworden, 
dabesiegeltestdnunbewusstdein eigenes Schicksal, denn 
nun beschloss sie, unvermählt zu bleiben. Du hattest 
mir viel getan mit deiner ersten Lüge, du weisst, dass 
ich zu den fröhlichen Naturen gehörte, denen Lebens 
freude und Lebensgenuss eigentlich Bedingung zum 
Leben war. Hart musste mich daher das Schicksal an 
packen, bevor ich mich entschliessen konnte, der Welt 
und ihrer Lust zu entsagen. Und es fasste mich hart 
an! Glaubst du, dass es so leicht ist für einen jungen, 
noch nach dem Leben dürstenden Mann, auf einmal 
alle menschlichen Begierden von sich abzuwerfen und 
zu wandeln wie ein Mann, der seine sechzig Jahre auf 
dem Rücken hat? O glaub’ das nicht! Ich habe jahre 
lang schwer und bitter geseufzt unter der Last des 
Kreuzes, das ich freiwillig auf mich genommen! 
Aber was ich auch an Qualen in meinem Priester 
dasein erduldet hatte, es war alles, alles nichts gegen 
den furchtbaren Schmerz, der mich erfasste, als ich er 
fuhr, dass ich das Opfer eines so schmählichen Betrugs 
geworden. Da hab’ ich aufgeschrieen in meinem 
Schmerz, und mit den Händen habe ich in blinder Wut 
das geistliche Gewand zerrissen, das ich trug. Verloren, 
ein ganzes Leben verloren! Das war der Schrei, der 
immer wieder durch meine zerrissene Seele klang. 
Als einen totkranken Menschen hat man mich da 
mals von der Strasse aufgehoben und in’s nächste 
Krankenhaus gebracht. Es war ein schweres Nerven 
fieber, das mich befallen, aber dank der Jugendkraft 
meines Körpers genas ich wieder. Doch als ich in 
mein Amt zurückkehrte, da war ich ein Anderer 
geworden. Hatte ich zuvor den Glauben verloren an 
die Beständigkeit weiblicher Treue, so hatte ich nun 
den Glauben eingebüsst an alles, was Menschheit 
heisst. Und mehr als das! Nicht nur der Glaube an 
die Menschen, nein, auch der Glaube an die göttliche 
Weltordnung ging mit in Stücke. Mein Herz war tot, 
mein Leben war vernichtet. 
Jahre vergingen. Ich war längst in dieser Gemeinde 
tätig. Da kam ein Tag, an dem ganz unerwartet mein 
alter Jugendgenosse Theodor Hilling in meine Stube 
trat, begleitet von einem jungen Mädchen, Anna, 
Cenzi’s Schwester “ 
Der Erzähler unterbrach sich, man hörte sein heftiges 
Atmen und das Knirschen seiner Zähne. 
„War das nur Zufall oder war es wieder die 
höllische Freude an meiner Qual?“ stiess er hervor. 
Der Doktor, der unverändert dagesessen, das Gesicht 
in den Händen vergraben, schüttelte heftig das Haupt: 
„Zufall, Zufall!“ murmelte er und es klang wie ein 
verzweifeltes Aechzen. 
„Zufall, gut! Ich will es dir glauben!“ fuhr der 
Andere fort. Damals hielt ich es nicht für Zufall, 
sondern für tückische Schadenfreude, als du mir mit 
teiltest, dass du dich hier niederlassen würdest und 
dass Anna deine Braut sei. Anna! Cenzi’s Schwester! 
Ihr wie aus dem Gesicht geschnitten, nur dass sie 
heiterer, lebenslustiger war als jene. Anna stand allein 
und so verlangtest du, dass ich euch trauen sollte, 
hier. Auch das noch! 
Die Nacht, die deinem Kommen folgte, war wohl 
die schwerste meines Lebens. In Wahrheit habe ich 
da mit dem Satan gerungen, der mir immer wieder 
„Rache, Rache!“ zuschrie. Ich konnte mich rächen, 
ja! Ich brauchte ihr nur deine Tat zu erzählen und
        
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