Path:

Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

2 
zierlichem Format hervor, und während er ihn wie 
prüfend in der Hand wog, ruhten seine dunklen 
Augen durchdringend auf dem Gesicht des Priesters. 
Dann begann er in sarkastischem Tone: 
„Dieser Brief hier ist ein recht interessanter Brief! 
Ich fand ihn heute nach dem Begräbnis auf dem 
Schreibtisch meiner Frau! — Das ist nichts Ungewöhn 
liches, wirst du sagen, und da hast du ganz recht. 
Nur etwas machte mich stutzig: Es war die Auf 
schrift! Kannst du sie dir denken?“ 
Ein heftiges Zittern hatte den Angeredeten über 
fallen und rein mechanisch fragte er: „Wie war die 
Aufschrift?“ 
Annas Gatte wartete einen Augenblick, dann las 
er die Aufschrift vor, als sei sie das Gleichgültigste 
auf Erden: An Emil Haberkorn! — Er machte wieder 
eine Pause. Der Priester hatte sich auf dem Sopha 
niedergelassen und lehnte schweigend das Haupt an 
die Wand, er stöhnte leise. Der Andere lachte: „Eine 
seltsame Adresse, was? Emil Haberkorn! So weit 
ich um mich schaue, gibt’s keinen dieses Namens 
ausser einem, und der — ist Priester!“ 
Der machte eine Bewegung: „So war der Brief an 
mich?“ sprach er tonlos. Aber der Andere hatte das 
Schreiben wieder zu sich gesteckt. 
„An dich, ja!“ fuhr er fort. „Aber das hinderte 
mich garnicht, den Brief zu öffnen. Das ist unge 
bildet, wirst du sagen, und hier hast du wieder 
einmal recht. Aber ob ungebildet oder nicht, ich 
fragte mich: was hat mein Weib ohne mein Wissen 
an einen andern Mann zu schreiben? Da macht’ ich 
ihn denn auf und las ihn . .!“ Er schlug plötzlich 
die breiten Hände vor sein Gesicht und schluchzte 
laut auf. „Hätt’ ich’s doch nie getan, so wär mir 
der Rest meines Lebens nicht verbittert durch die 
fürchterliche Erkenntnis, dass mein ganzes früheres 
Leben ein einziger grosser Betrug gewesen ist. Ein 
Betrug, ja, und ich der Betrogene!“ Plötzlich richtete 
er sich straff in die Höhe und blickte den Anderen 
durchbohrend an: „Weisst du, was hier steht? fragte 
er und hielt ihm den Brief dicht vor das Gesicht. 
Der Priester schüttelte das Haupt. „Wie sollte ich?“ 
— „Aber du ahnst seinen Inhalt?“ — Die Lippen 
des Gefragten bewegten sich, aber kein Ton ward 
hörbar. Langsam erhob sich Annas Gatte. Die 
breiten Fäuste auf den Tisch gestemmt, bog er sich 
über diesen herüber und die Erregung liess seine 
ohnehin tiefe Stimme noch dunkler klingen, als erfragte: 
,,So gibst du alles zu, was hier steht? Gibst du zu, 
dass du mich schon mit ihr betrogen, als sie noch 
meine Braut war? Giebst du zu, dass du in unserer 
sechsjährigen Ehe fast Tag für Tag mit ihr die Ehe 
gebrochen hast? Gibst du zu,“ — hier fing seine 
bisher so feste Stimme an zu zittern, — „dass dieses 
Kind“ — er sprang auf den Knaben zu, der bisher 
unbeachtet und ängstlich dagestanden, und riss ihn 
zum Tische, — „nicht mein Sohn, sondern dein Sohn 
ist? — Ja, du musst es freilich zugeben, da ihre 
Stimme selber wieder dich zeugt! Alles, alles musst 
r\ 
kJ 
du zugeben, selbst das letzte, du Satan, obwohl du 
weisst, dass du mir damit einen ganzen Himmel voll 
Erwartungen und Hoffnungen zerschlägst. — Ich habe 
bis heute dies Kind geliebt, wie nichts in dieser 
Welt, — die Sache ist vorbei!“ — Er stiess das Kind, 
das sich bebend an ihn drängte, dem Pfarrer hin 
und während heisse Tränen in seinen Augen 
standen, knirschte er: „Nimm deine Brut, bevor ich 
sie zertrete!“ 
Der Pfarrer beugte sich liebevoll zu dem Kinde 
herab und wollte es in die Arme schliessen: „Brauchst 
nicht traurig zu sein, Fritzchen, fortan bleibst du bei 
mir.“ Da fing der Knabe bitterlich an zu weinen 
und streckte die Arme sehnsüchtig aus. „Papa, 
Papa!“ flehte er, „bitte, bitte, gib mich nicht fort \ 
Dieser Mann hat so hohle Augen, ich fürchte mich 
vor ihm. Lass mich nicht fort, o bitte, bitte. Ich 
möchte bei dir bleiben, nur bei dir!“ 
Sein Flehen klang so schmerzlich und so rührend, 
dass der Pfarrer ihn auf der Stelle losliess. Anna’s 
Gatte aber, zu dem der Knabe sofort gelaufen war, sah 
schweigend auf ihn herab. In seiner Seele war noch 
keine Klarheit, und eine Reihe widerstreitender Gefühle 
beengte ihm das Herz. 
Da erhob sich der Pfarrer und trat zu ihm. „Theodor, 
mit mir willst du abrechnen, wohlan! Doch dieses 
unschuldige Kind lass aus dem Spiel. Was das Kind 
betrifft, ist ja überhaupt nur ein Verdacht, ja, wie mir 
scheint, ein falscher, denn was eben aus dem Kinde 
sprach, das war, — du musst es selbst als Doktor 
wissen, — die Stimme der Natur.“ 
Der Arzt sah finster vor sich hin: „Die Stimme der 
Gewohnheit!“ sprach er dann. 
Doch der Priester schüttelte ernst das Haupt: „Der 
Knabe sah mich fast täglich in deinem Hause, nie aber 
regte sich in seiner Brust ein wärmeres Gefühl für 
mich. Im Gegenteil. Er mied mich. Du hast’s gehört: 
er fürchtet meine Augen! Vertraue dieser Stimme, 
Theodor! Er ist — trotz allem — doch dein Kind!“ 
Eine Weile herrschte Schweigen in der Stube, dann 
erklang ganz leis und schüchtern wieder des Knaben 
Stimme: „Willst Du mich denn nicht mehr haben, Papa? 
Und ich hab’ dich doch so lieb!“ 
Da brach die Fassung des Doktors zusammen. Laut 
weinend schlang er die Arme um die kleine Gestalt, 
und während er ihn mit Küssen bedeckte, stiess er in 
heftiger Bewegung hervor: „Ja, ja, du, du! — Du 
bleibst mir doch! Von meinen Lebenstrümmern das 
Einzige, was ich gerettet habe, — das Einzige,“ — er 
zeigte auf den Priester — „was der Satan mir nicht 
rauben konnte!“ 
Er nahm den Knaben wieder an die Hand und trat 
auf den Priester zu. „So scheid’ ich denn von Dir, du 
Lebensglückzerstörer, ohne dich, wie ich zuerst gewollt, 
wie einen tollen Hund niederzuschlagen, ich scheide 
mit dem blossen Pfui der Verachtung!“ 
Er wandte sich und schritt der Türe zu, doch raschen 
Schrittes hatte der Priester vor ihm die Türe erreicht 
und schloss sie ab. Der Doktor blickte finster auf den 
Priester: „Was soll das heissen?“ fragte er scharf. 
Hoch aufgerichtet stand der Priester: „Wohlan! 
Bisher sprachst du, — jetzt ist die Reihe an mir!“ 
Der Andere liess ein trockenes Lachen hören. „Die 
Geschichte wird seltsam! ‘ meinte er, „Du als Ankläger!“ 
Ohne sich stören zu lassen, hatte der Priester in 
zwischen eine Lampe angezündet; er zeigte auf’s Sopha. 
„Nimm Platz!“ Und als der andere kopfschüttelnd 
ablehnte, fügte er dringend hinzu: „Nimm Platz! Schon 
um des Kindes Willen! Siehst du nicht, dass der Knabe 
jede Minute einschlafen kann?“ 
In der Tat hatte der Doktor sich kaum hingesetzt 
und den Knaben in die Sophaecke gelehnt, als auch 
schon dem übermüden Kinde die Augen zufielen. — 
Eine Weile ging Emil Haberkorn schweigend in der 
Stube auf und ab, dann blieb er plötzlich vor Theodor 
stehen und sagte, langsam, jedes Wort betonend: 
„Du hast mich heute des Ehebruchs mit deiner 
Frau beschuldigt, — und du hattest Recht. Doch weisst 
du wohl, wer daran schuld ist? — Du! — Du ganz 
allein!“ 
Er atmete tief auf und schaute, die Arme auf die 
Brust verschränkt, wie in weite, weite Ferne. Ueber 
sein sonst so ruhiges Antlitz lief ein Zucken und Beben, 
wie das Aufflammen uralter Erinnerungen. 
„Es war eine Zeit,“ begann er dann dumpf, da lief 
die heute begrabene Anna noch im kurzen Röckchen 
herum, und von den Knaben kümmerte sich niemand 
um sie sondern um ihre sechs Jahre ältere Schwester 
Cenzi. Sie war sehr schön, die Cenzi, und es war be 
greiflich, dass die halbwüchsigen Burschen rein toll nach 
ihr waren. Besonders waren es zwei Jünglinge, die 
sich dauernd um Cenzi’s Gunst den Rang streitig 
machten, — und die hiessen Emil Haberkorn und 
Theodor Hilling.“ 
Der Erzähler machte eine Pause, der Doktor auf 
dem Sopha war einen Augenblick zusammengezuckt, 
dann aber starrte er unbeweglich und schweigend in 
die Flamme der altmodischen Lampe. Der Priester 
fuhr fort: 
„Es kam eine Zeit, da das Maturum hinter einem 
lag und man fröhlichen Herzens die Kleinstadt verliess, 
um die ungebundene Studentenzeit dafür einzutauschen. 
Mit besonderem Jubel im Herzen verliess ich unsere 
Stadt, denn am Tage meiner Abreise hatte ich das er 
langt, wonach ich schon immer gestrebt; Cenzi hatte mir 
ihr Jawort gegeben und zugesagt, sich mit mir zu ver 
loben, wenn ich nach vollendeter Studienzeit zurück 
käme. Bis dahin freilich musste ich ihr noch ferne 
bleiben; sie hatte strenge Begriffe von Sittsamkeit, die 
Cenzi, — nicht einmal schreiben dürft’ ich ihr. — Gleich 
viel! Die Erinnerung an den Abschied von ihr und an 
ihr Wort erhellte mein Leben wie mit einem Wunder 
scheine, und die Studienzeit verfloss mir so leicht und 
schnell, wie .ich es selbst nicht für möglich gehalten 
hatte, schritt doch neben mir die Hoffnung einher, dies 
glänzende, lachende Kind der Lebensfreude! Es war 
fast um die gleiche Zeit mit dir, dass ich meinen Doktor
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.