Path:

Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

Unsere Bilder. 
Fritzi Arco, deren Bild die Titelseite der vor 
liegenden Nummer schmückt, begann Ihre Carriere bei 
Direktor Monti in Hamburg als Operettensängerin und 
wandte sich dann dem Variete zu, auf dem sie grosse 
Erfolge errang. Zur Operetten-Bühne zurückgekehrt, 
fand sie in den Operetten „Mann mit den drei Frauen“, 
„Opernball“ und „Dollarprinzessin“ den ungeteilten 
Beifall seitens des Publikums und der Presse. Im letzten 
Winter sang Fritzi Arco im Dresdener Central-Theater 
alle weiblichen Hauptrollen in den neuen Operetten; 
jetzt ist sie von Direktor Wilhelm Bendiner an das 
Neue Operetten-Theater in Hamburg engagiert. — 
Ernst von Stubenrauch, der kürzlich verstorbene 
Polizei-Präsident von Berlin, wurde am 19. Juli 1852 
in Kiistrin geboren. Nach Beendigung seiner Studien 
trat er in den Staatsdienst, wurde 1878 als Assessor 
dem Landratsamt in Potsdam zugeteilt, und sieben Jahre 
später Landrat des Kreises Teltow. Dreiundzwanzig 
Jahre hat Stubenrauch an der Spitze der Kreisverwaltung 
gestanden und durch sein zielbewusstes, nimmermüdes 
Wirken dem Kreise einen ungeahnten Aufschwung 
gegeben. Sein letztes grosses Werk war der die Spree 
mit der Havel verbindende „Teltow-Kanal“. Als am 
6. Januar 1908 seine Ernennung zum Polizeipräsidenten 
von Berlin erfolgte, erregte diese Ernennung grosse 
Freude in Berlin, denn man versprach sich von diesem 
Polizeipräsidenten ungemein viel für die Reichshauptstadt. 
Leider wurden diese Hoffnungen durch den so frühen 
Tod Ernst von Stubenrauch’s vernichtet. — Carin 
Gillberg, die von Direktor Gregor auf fünf Jahre für 
die „Komische Oper“ verpflichtet wurde, ist in Stockholm 
geboren und machte ihre ersten Musikstudien an der 
dortigen Königlichen Akademie für Musik. Seit zwei 
Jahren in Berlin, bildete sie sich bei der Kammersängerin 
Etelka Gerster und beim Kapellmeister Elans 
Buchwald zur Opernsängerin aus. — Evy Peter, 
die neue Prima Ballerina unserer Königlichen Oper, 
ist aus der Königlichen Ballet-EIeven-Schule hervor 
gegangen und wurde speziell von der Kgl. Tanz 
lehrerin Fräulein Braun und dem Kgl. Balletmeister 
Emil Graeb ausgebildet. Fräulein Peter ging dann als 
Prima Ballerina an das Kgl. Hoftheater nach Wiesbaden 
und studierte dort unter Leitung der Kgl. Balletmeisterin 
Fräulein A. Balbo. — Die verflossenen Wochen standen 
in Berlin unter dem Zeichen der Aviatik. Ende August 
erfolgte der Besuch des Grafen Zeppelin mit dem 
„Zeppelin III“, der eine ungeheure Begeisterung aus 
löste. Unsere Bilder auf Seite 6 zeigen die interes 
santesten Momente vom Zeppelintage in Berlin. — 
Gleich nach Zeppelin stellte sich der berühmte Aviatiker 
Orville Wright mit seinem Aeroplan in Berlin ein 
und unternahm auf Veranlassung des „Berliner Lokal- 
Anzeiger“ auf dem Tempelhofer Felde eine Reihe wohl 
gelungener Flüge, teils allein, teils unter Mitnahme 
eines Passagiers. — Am Lietzensee, der zwischen 
Bismarckstrasse und Ringbahn belegen, hat die Stadt 
Charlottenburg einen neuen vornehmen Stadtteil er 
stehen lassen. Der See, der Charlottenburg, das früher 
Lietzenburg hiess, seinen ersten Namen gab, ist aus 
gebaggert und mit reizenden Gartenanlagen umsäumt 
worden und um ihn herum sind an neuangelegten 
Strassen schöne Wohnhäuser aufgeführt. — Ein 
Aufsehen erregendes Stimmphänomen, das an den 
grossen Variete’s Englands und des Continents durch 
eine noch nie dagewesene Höhe im Sopran grosse 
Sensation hervorrief, ist Amelie de l’Enclos. Die 
Künstlerin, die z. Zt. der Star des Berliner Apollo- 
Theaters ist, besitzt eine Stimme, die bis zum vier 
gestrichenen Cis reicht. Die Töne haben in dieser 
enormen Höhe eine Klangwirkung, die teils an die 
Flageolettöne einer Geige, teils an eine Piccoloflöte 
erinnern. — Alma Renier, Mitglied des „Neuen 
Polizei-Präsident Ernst von Stubenrauch f 
Theaters“, eine geborene Italienerin, war Schülerin des 
Wiener Conservatoriunis. Nach Engagements am 
hiesigen Residenz-Theater, in München, Hamburg und 
am Hoftheater in Wiesbaden, kam sie zu Direktor 
Schmieden. Ihr Hauptfach sind moderne Charakterrollen, 
die scharfen Charaktere des modenen sozialen Dramas 
und die Heroinen des klassischen Dramas. Alma Renier 
hatte zuletzt einen grossen Erfolg als Gräfin Orsina in 
„Emilia Galotti“. — Annalise Wagner, die an das 
„Berliner Theater“ engagiert wurde, ist ein Berliner 
Kind, sie erhielt ihre Ausbildung in der Reicher’schen 
Hochschule und war vordem in Gera und Graz 
engagiert. — Otto Gebühr, ein neues Mitglied des 
„Lessing-Theater“, begann seine Bühnentätigkeit in 
Görlitz und war dann jahrelang am Dresdener Hof 
theater tätig. — In Mizzi Corany hat das „Trianon- 
Theater“ ein äusserst talentvolles neues Mitglied er 
worben. — Mit der grossen Herbst-Segelwoche, 
die auf den Gewässern des Wannsee, der Havel und 
des Müggelsee abgehalten wurde, fanden die wasser 
sportlichen Wettkämpfe ihren diesjährigen Abschluss. 
Der Segelsport erfreut sich von Jahr zu Jahr immer 
grösserer Gunst des wassersportliebenden Berliner 
Publikums, zumal in den letzten Jahren sich regel 
mässig auch die Prinzen aus dem Kaiserlichen Hause 
mit ihren Yachten an den Wettkämpfen beteiligen. 
Bei der Regatta auf dem Müggelsee wurde ein neues 
Seglerheim am Ufer des Müggelsee eingeweiht. — 
Das „Thalia-Theater“ hat mit seinem neuen Repertoire 
stück „Prinz Bussi“ von Kren und Schönfeld einen 
durchschlagenden Erfolg erzielt. Allabendlich werden die 
Hauptnummern — das von Arnold Rieck und Helene 
Ballot meisterhaft vorgetragenen Duett „Ich bin ein 
Cavalier der alten Schule“, die entzückenden Duos 
„Die kleine Madam Stenzei“, in welchem die neue 
Soubrette Grete Ly im Verein mit Theodor Stolzenberg 
grossen Beifall hat und „Sind Sie nicht das Mädchen 
von Kempinski“, das Emil Sondermann und Wanda 
Brusendorf zum Vortrag bringen — stürmisch da capo 
verlangt. — Dem bekannten Kunstmaler Emil Zirkel 
verdanken wir die auf Seite 13 zur Reproduktion ge 
langende Originalzeichnung „lm Künstlergarten bei 
Kroll“, auf der in flottester Weise und beinahe photo 
graphischer Treue die Hauptstützen der diesjährigen 
Gura-Oper verewigt sind. — Die Gespanne des Flerrn 
Wilh. Jacobi, Berlin, erhielten schon im vorigen Jahr 
in München und in diesem Jahre in Berlin beim 
„Concours hippique“ die ersten Preise und erregten 
allseitig das grösste Aufsehen der Kenner. Herr 
Wilh. Jacobi ist der erste Deutsche, der junge, fehler 
lose, im englischen Gestütbuch eingetragene Vollblut- 
Hackney’s in Deutschland zeigte, die selbst auch in 
England heut zur höchsten „Show-Classe“ gehören. 
Herr Jacobi importiert stets selbst direkt seine Pferde 
aus England, mit Hilfe der grossen Händlerfirma 
M.&W.Milton in London. Herrjacobi gebrauchte 1 ‘/ 2 Jahr 
zur Zusammenstellung und Fertigmachung seines Vlerer- 
zuges, der ca. 70000 Mark Aufwendungen verursachte, 
die zwei Pferde vor dem Spyder kosteten ca. 40000 
Mark, Preise, die wohl noch nie in Deutschland für 
Wagenpferde angelegt wurden. Ganz enorm ist die 
Aktion der Spyderpferde, deren Hufe schon im langsamen 
Trabe beinahe den Oberkörper berühren, während 
gleichzeitig die Hinterfüsse eine entsprechende Aktion 
zeigen. Bei der Aufnahme „Viererzug stehend“ sieht 
man die Pferde gestreckt, was deutsche Pferde nicht 
machen können. Der 4 1 /, jährige Vollblut-Hackney „Fylde 
speed well“ ist im englischen Gestütbuch eingetragen 
und erhielt im Jahre 1908 in England, nur an der Hand ge 
zeigt, sechs Preise; das Pferd wird jetzt erst eingefahren. 
— Hans Rud. Schulze wurde am 4. Juli 1870 zu Berlin 
geboren und studierte am Königl.Kunstgewerbe-Museum 
und an der Kgl. Kunstakademie. Schulze widmete 
sich erst der Dekorationsmalerei — aus dieser Periode 
stammten die Malereien der Kolonial-Ausstellung auf 
der 1896er Berliner Gewerbe-Ausstellung — und wandte 
sich später der Illustration und der Landschaftsmalerei 
zu. Seine bekanntesten Bilder sind „Heldengrab auf 
der Heide“, „Die Gralsburg“, „Kennst Du das Land“, 
„Friede“, „Die Insel der Phäaken“, „Der Sonne letzter 
Gruss“ und „Paradiesische Gestade“, die sämtlich im 
Kunsthandel erschienen sind. Seine Studien und 
Skizzen sind in einem Prachtwerke „Cairo“ publiziert, 
das jetzt im Buchhandel erscheint. — Mit der Er 
schaffung der Arbeitergartenfelder in der Um 
gegend Berlins hat sich das „Rote Kreuz“ grosse Ver 
dienste erworben. Wer Gelegenheit hat, zu beobachten, 
welchen grossen Reiz es gerade für die minder 
bemittelten Berliner Bevölkerungskreise hat, die eigene 
Scholle zu beackern und dem spärlichen Sandboden 
unserer lieben Mark seine Schätze abzuringen, der wird 
zu der Erkenntnis kommen, dass die vom Roten Kreuz 
für diese Zwecke aufgewendeten Kapitalien wirklichen 
Segen bringen; denn gerade für die Bewohner der 
Grossstadt ist der hygienische Vorteil solcher Arbeit 
in freier Luft ein ganz bedeutender. Dass diese Lauben 
kolonisten es auch verstehen, Feste zu feiern und 
diese Feste mit ländlicher Poesie zu umgeben, zeigen 
unsere Bilder auf Seite 16. k. w.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.