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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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,,Eh bien, eher ami — —“ rief Odette. 
Andre sah sich um. Wenn er doch versuchte? 
Schnell eilte er zur Tür und öffnete — Nelly stand 
davor. 
Er stiess einen Schrei aus, kam ins Zimmer zurück 
— Angst macht erfinderisch — hielt sich die rechte 
Seite und rief: „Mein Gott, Odette, wie ich leide! — 
Die alten Schmerzen in der Schusswunde — vom 
letzten Pistolenduell — (er hatte überhaupt nie eins 
gehabt) ich kann mich kaum bewegen, muss ganz 
still liegen — zürne mir nicht — es ist unmöglich —“ 
Stöhnend verliess er das Zimmer. 
„Heuchler“, flüsterte Odette, „aber ich muss auf 
seine Schliche kommen. Vorhin der Schreck, als die 
Zofe erscheint, jetzt die plötzlichen Schmerzen — 
dann will sie — die Zofe bei der Batau gedient haben 
und nimmt hier in diesem nüchternen Hause eine 
Stellung an — komisch! Am Ende o, ich muss 
sie sehen.“ 
Sie klingelte — Nelly erschien. 
„Mme. klingelten?“ 
Odette sah sie scharf an; ganz sicher war sie nicht. 
Nur einmal im Vorüberfahren hatte sie die elegante 
Nelly Batau gesehen und natürlich das Gesicht unter 
dem Riesenhut nur geahnt. 
Die Erscheinung da vor ihr war sauber und sehr 
einfach gekleidet; sie hatte zwar eine grosse weisse 
Schürze um und die Haare schlicht zurückgekämmt — 
aber sie war doch anders als wie man sich Dienstboten 
vorstellt, 
Nelly wartete noch immer und sah Odette 
fragend an. 
„Ja, so, Jeanne, ich wollte Sie fragen, ob Sie Mme. 
Batau kennen?“ 
„Ich war bis gestern bei ihr.“ 
„So, so und Sie kennen ihre Freunde?“ 
„Pardon, Mme., man spricht nicht darüber — ich 
bin verschwiegen. Soll ich Mme. de Contais rufen?“ 
fügte sie schnell hinzu. 
Odette biss sich auf die Lippen. 
„Nein, danke.“ 
Nelly ging zur Tür; aber ehe sie bis dorthin gelangt 
war, rief Odette halblaut: 
„Noch eins, Nelly Batau “ 
Blitzschnell drehte sich Nelly um — 
Odette lachte. 
„Also das Mittel versagt nie!“ 
Nelly trat mit dem Fuss auf. 
„Allerdings, ich habe mich verraten! Aber sei es, 
ich bin wirklich Nelly — doch reichen wir uns die 
Hände — er betrog uns beide.“ 
Odette sah verwundert auf. 
„Wie ist das aber möglich? Seit einem Jahre —“ 
Nelly unterbrach sie — 
„Bis gestern lebten wir in unserm stillen Winkel 
in St. Cloud —“ 
„O schändlich — daher wohl auch die vielen 
Dienstreisen —“ 
Nelly nickte. 
„Sie sehen, Odette, er täuschte uns beide — und 
seine Frau, die mir aber vom ersten Augenblick an 
sympathisch war! Wir müssen uns rächen an ihm — 
und Sie sollen mir helfen. Ja, wollen Sie?“ 
„Aber Nelly, wie kann ich —“ 
Im Flüsterton teilte Nelly ihre Pläne mit — und 
Odette willigte ein. — 
Andre lag wütend in seinem Zimmer, als Suzy 
eintrat. 
„Aber Andre, Liebling, Nelly sagt piir eben, Du 
hast Schmerzen? Gewiss wieder die dummen Seiten 
stiche. Siehst Du, das kommt immer, wenn Du so 
viel vom Hause fort bist und ich Dich nicht pflegen 
kann!“ 
(Seit ungefähr 2 Jahren -- so lange kannte er 
Nelly — reiste Andre als viel beschäftigter Advokat 
für seine Klienten regelmässig umher; selten war er 
mal 3 Tage hintereinander zu Hause.) 
„Jetzt darfst Du für länge Zeit nicht fort, hörst 
Du?“ Bei diesen Worten nahm sie eine Decke und 
hüllte ihn ein. 
„Odette lässt Dich noch vielmals grüssen und Dir 
gute Besserung wünschen.“ 
„Sag bloss, Suzy, was für ein widerliches Subjekt 
hast Du denn jetzt als Zofe? Diese Haare! Blond ist 
mir überhaupt grässlich! Ich hätte Dich nie geheiratet, 
wenn Du blond gewesen wärest.“ 
Suzy beugte sich lächelnd über ihn und es war ihm 
trotz seiner schlechten Stimmung durchaus nicht unan 
genehm, die weiche Wange seiner Frau auf seinem 
Gesichte zu spüren. 
„Aber Andre, um solche Dinge hast Du Dich doch 
nie gekümmert? Wenn sie Dir so ekelig ist, dann lasse 
ich sie eben gehen —“ 
Leise öffnete sich die Tür hinter "Suzy’s Rücken, 
Nelly erschien und drohte Andre mit dem Finger. 
Er stöhnte erschreckt auf — 
„Gott, Suzy, ich hab doch mit ihr nichts zu schaffen! 
Meinetwegen kann sie bleiben, ich wünsche es sogar. 
Du aber gehe jetzt — ich muss schlafen. —“ 
Suzy ging, klingelte nach Nelly und besprach mit 
ihr einige notwendige Toilettenfragen. Gegen Abend 
brachte der Briefträger einen Brief an Andre. 
Bien Aime, 
Morgen Nachmittag 5 Uhr komme ich zu Dir; 
nichts mehr soll uns fortan trennen — bis in alle Ewig 
keit gehören wir uns jetzt! 
Unter dem Brieflein stand kein Name — aber Andre 
erkannte sofort Odette’s Handschrift. Sein Herz klopfte 
vor Freude und Entzücken. Sie war also nicht böse, 
sie hatte ihm vergeben. Etwas beklommen dachte er 
an seine Frau und Nelly! Beide mussten unter irgend 
einem Vorwände entfernt werden. Doch siehe da, 
beim Dejeuner am folgenden Morgen machte ihm Suzy 
die Mitteilung, dass sie heute mit der neuen Zofe viele 
Einkäufe zu machen habe und erst zum Diner zurückkäme. 
Andre war entzückt, das war ja über alle Massen 
günstig. Er blickte auf seine Frau — und überrascht 
musste er sich gestehen, dass sie heute in der neuen 
Haarfrisur eigentlich recht gut aussah. Etwas länger 
ruhte sein Blick auf ihr, und im stillen meinte er: 
Warum war sie nicht immer so hübsch? Diese feurigen 
grossen Augen hat sie doch wohl stets gehabt? Odette 
hat lange nicht solche Augen und Nelly färbte sich die 
Augenlider — schade, schade, Suzy müsste noch ein 
bischen mehr von einer „grande dame“ an sich haben, 
dann würde er nie eine Nelly oder Odette gebrauchen — 
Frau v. Contais und Nelly waren längst fortgegangen, 
und Andre wartete gespannt. 5 Uhr hatte es bereits 
geschlagen — 
Da hörte er plötzlich Türen auf und zu gehen — 
ein leises frou - frou — er stellte sich hinter die 
Portiere — hielt die Arme auf, — und seine Frau 
stürzte sich atemlos hinein. 
Ein helles Tuchkostüm umspann eng die feine 
Gestalt, ein kleidsamer grosser Hut sass auf den hübsch 
gewellten Haaren, ein feines diskretes Parfüm ging von 
ihr aus 
„Du, Suzy, Du,“ stotterte er und sah nicht besonders 
begabt aus, als er Suzy staunend betrachtete. 
„Ja, Lieb! denke doch, ich traf eben Odette und 
sie erzählte mir, dass Du ihr Dein Herz ausgeschüttet 
hast. Du glaubst, ich liebe Dich nicht mehr “ 
Andre liess sich vor Schreck auf den nächsten Stuhl 
nieder. — 
„Du wärst mir gleichgültig,“ fuhr sie fort mit 
weinerlicher Stimme, „und hast gemeint, ich wäre immer 
so grässlich angezogen — und Du hast es doch so 
gern, wenn ich hübsch aussehe — aber Andre, sag 
doch, ist es Dein Ernst — Sag ein Wort, ein einziges —“ 
Sie setzte sich auf seine Knie und legte die Arme 
um seinen Hals 
„Suzy, mon ange, ich weiss ja garnicht, wie mir 
ist! Du — Du bist wirklich meine kleine reizende 
Frau, die mir gehört — mir ganz allein — wirklich —“ 
Sie nickte glückselig unter Tränen. 
„Du siehst ja entzückend aus, Suzy! Und Du bist 
mir nicht böse, dass ich so oft “ 
„Aber Andre, weshalb soll ich Dir böse sein? Im 
Gegenteil, Du “ 
Wortlos zog er sie an sich — und sie küssten sich 
lange und herzlich — wie noch nie. — 
Wunderbar, die neue Zofe verliess auch wieder 
ganz plötzlich den Dienst — und Odette verschwand 
für lange Zeit aus Paris. 
Andre aber war für immer geheilt und hielt die 
Frauen für dümmer denn je!
        
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