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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

VOM LACKSTIEFEL 
Von Arthur Jacoby (in Firma Emil Jacoby, Spezialgeschäft für „Herz“-Schuhe 
E s ist mir schrecklich unangenehm, es sagen 
zu müssen: ich habe kein Vertrauen zur 
ungetrübt schönen Linie des modernen 
deutschen Männerbeins. Man wird die Güte 
haben, mir zu glauben, dass solche Skepsis aus 
gewissen unauslöschlichen Eindrücken erwuchs, 
denen der Schuh-Mann nicht aus dem Wege 
gehen kann. Von Erfahrungen am eigenen Leibe 
ganz zu schweigen. Rebus sic stantibus, glaube 
ich nicht an einen Siegeszug der kurzen Frack- 
Escarpins und der dazu gehörigen ausge 
schnittenen Lack Pumps mit der steifen Seiden 
schleife. Man wird verhüllt lassen, was besser 
nicht enthüllt wird. Und zum traditionellen 
schwarzen Beinkleid wird man wieder den 
korrekten Frackstiefel tragenden leichten Knopf 
stiefel mit Oberteil aus mattem schwarzen Satin 
luxor und matten grossen Knöpfen, ohne Kappe. 
Man kann natürlich auch zum langen Frackbein 
kleid ausgeschnittene Pumps anziehen, wie sie 
in England de rigeur sind. Hierzulande sind 
diese Schuhe noch wenig beliebt, vielleicht, weil 
frackmässige Anlässe meist noch einen kleinen 
Exbummel im Gefolge haben, wobei der offene 
Schuh geniert. Dem Smoking wird der ge 
schnürte Derby-Halbschuh ganz aus Lackleder, 
mit Kappe, beigesellt. Wer keine Halbschuhe 
mag, wird mit einem Knopfstiefel aus — am 
liebstem mattem — Chevreaux, lackbesetzt, 
korrekt chaussiert sein. Ausschliesslich dem 
Strassen- oder Besuchsanzug Vorbehalten bleibt 
der Schnürstiefel ganz aus Lackleder, der 
eigentliche Stiefel zum Cutaway und Gehrock. 
Wenn es sich outdoor-wear handelt, für Aus 
stellungs-Eröffnungen und ähnliche Anlässe, wählt 
man den Lackbesatz-Schnür- oder Knopfstiefel 
mit farbigem Einsatz. Solche Stiefel werden 
nun, mehr als früher, mit feinen Stoffoberteilen, 
hellgrau, braun oder schwarz, mit feinem 
Musterchen gearbeitet; Vestings nennt sie der 
Fachmann. Sie sollen schlichte Horn- oder 
Perlmuttknöpfe haben. Phantasieknöpfe sind 
mouvais goüt. 
Knopfstiefel ganz aus Lack sind eine Ent 
gleisung, denn zum Wesen des guten Geschmacks 
gehört es, Vergewaltigungen des Materials zu 
vermeiden. Man beachte, was selbst ein weiches 
Chevreaux-Knopfloch durchmacht, wenn es, noch 
jungfräulich, einem Knopf Einlass gewähren 
muss. Die spröde Lackleder-Knopflasche nun 
gar ist nach einmaligem Knöpfen notwendiger 
weise völlig faltig und gebrochen, der Reiz des 
Stiefels ist dahin. 
Wie mit manchen Frauen, geht’s mit dem 
Lackleder. All ihr schlechter Ruf, das Raunen 
über ihre Treulosigkeit, ihr anspruchsvolles, lau 
nisches Wesen — und was das kostet! — 
hindern nicht, dass man sie umwirbt und ihnen 
immer wieder Vertrauen schenkt. Wir Schuh- 
Männer warnen die Kunden auf alle denkbare 
Weise vor dem unsoliden Lackleder. Erfolg: 
— alle Welt verlangt Lackstiefel. Die Mode 
ist eben stärker als alle Rücksichten, und schliess 
lich, uns kann’s ja recht sein. Ab und zu taucht 
ein Prophet auf, der das Lackleder erfunden hat, 
für welches man garantieren kann. Big bluff. 
Das einzige, wofür man garantieren kann, ist, dass 
es sicher bricht. Besonders Chevreauxlack, der 
teurer und weit weniger haltbar ist, als Kalblack. 
Eigentümlicherweise traut Publicus gerade dem 
Chevreauxlackleder (übrigens meist Fohlenleder) 
ganz besonders, zahlt den teuren Preis und ist 
der „Lackierte“. Brillantlack, das ist auf der 
Narbenseite lackiertes genarbtes Kalbleder, trägt 
sich dagegen recht weich und schön, ist aber 
teuer und für Evening-dress unmöglich. 
Nach der Materialfrage die Frage der Formen. 
Der Pivot alles Gutangezogenseins ist diskrete 
Unauffälligkeit. So soll der feine Herrenstiefel, 
besonders der Frackstiefel, niemals eine irgend 
wie stark betonte Form zeigen, mässige Spitzen 
breite, ohne Auswüchse an den Kappen, schlanke, 
aber nicht schlabelige Sohlenform sind Forde 
rungen guten Geschmackes und der gegen 
wärtigen Mode. Das Bedürfnis nach Ab 
wechslung zeigt sich natürlich auch hier und 
führt leicht zu Geschmacklosigkeiten. Ameri 
kanische Bulldogg-Faqons kommen nur noch für 
schweren Strapaziergebrauch, niemals für gesell 
schaftliche Zwecke oder zum Gehrock in Frage, 
schon deshalb nicht, weil der Stiefel von Klasse 
stets eine flach aufliegende Spitze haben soll. 
Und jene endlos verlängerten linealen Ausgeburten 
eines kranken Schusterhirnes, die man zeitweilig 
selbst von „besseren Herren“ tragen sah, scheinen 
glücklicherweise wieder den Portokassen-Kava- 
lieren überlassen zu bleiben. Die gleichmässig 
breiten, sehr vornehmen Bristolformen genügen 
völlig auch solchen Ansprüchen, die ausge 
sprochene Modeformen bevorzugen, haben aber 
den Vorzug, den Fuss sehr natürlich und mit 
grosser Destinktion zu chaussieren, es sind 
typische „Bodensteher“. 
Zwei Worte noch über die Behandlung von 
Lackstiefelleder. Im Winter teile man das Zimmer 
mit ihnen, sie lieben geheizte Räume und er 
weisen sich durch längere Haltbarkeit dankbar. 
Niedrige Temperaturen verursachen sofortiges 
Springen der Glasur. — Wirklich, es liegt kein 
Grund vor, Lackstiefel wie Säuglinge mit Milch 
zu füttern. Sie sind nicht dankbar dafür. Auch 
Oel wissen sie nicht zu würdigen, ein Stiefel 
bleibt eben ein Stiefel! Ein feuchter Schwamm 
zur Beseitigung des Strassenschmutzes wirkt 
ebenso einfach wie nützlich. Zur Auffrischung 
des gleissenden Glanzes (ach wie bald!) dient 
ein guter weisser Schuhcream oder schwarze 
Wachspaste. Die Hauptsache: weiche Tücher 
und tadellos passende Blöcke, die unbedingt hohl 
sein müssen, um leichte Ventilation zu gestatten. 
Männer, die sehr „elegant“ auftreten wollen, 
ohne sich den Launen des bösartigen Lackleders 
auszusetzen, tragen manchmal Stiefel, an denen, 
wie bei Damenschuhen, nur die Kappen aus 
Lack sind . . . Gott, schliesslich besteht ja das 
ganze Leben aus Kompromissen.
        
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