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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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Unsere Bilder. 
Unsere Kronprinzessin, die sich in Gelbensande 
aufhielt, unternahm bei schönem Wetter fast täglich mit 
den Prinzen-Söhnen einenSpaziergang nach demTeehaus 
in Müritz a. d. Ostsee, dem Orte ihrer Verlobung. 
Unser Bild auf Seite 5 zeigt in welch zwangloser Weise 
sich die hohe Frau dort bewegte und die kleinen Prinzen 
im Sande spielten. — H ermann Reichenbach, dessen 
Drama „Ketten“ mit Erfolg im Deutschen Theater 
aufgeführt wurde — wir bringen aus demselben eine 
Scene aus dem II. Akt —, hat sich mit seinen früheren 
Werken „Strömungen“ und „Der Hässliche,“ die mit 
grossem Erfolg über viele deutsche Bühnen gingen, unter 
den dramatischen Schriftstellern einen geachteten Namen 
erworben. „Ketten“ behandelt das Schicksal eines 
seine Abstammung verleugnenden Offiziers, der da 
durch in einen tragischen Konflikt gerät. — Carl 
Schönfeld, der schon früher als Darsteller und Ober 
regisseur ani Berliner Theater, Neuen Theater und 
Trianon Theater in Berlin tätig war, wurde vom 
Herbst ab für das Kleine Theater verpflichtet. — 
Die von Direktor Paul Linse mann entdeckte, talent 
volle Schauspielerin Tilly Hesse, die in dem Lustspiel 
„O diese Leutnants“ von Curt Kraatz in den Lustspiel- 
Aufführungen in der Komischen Oper als Mabel Parker 
einen so grossen Erfolg erzielte, wurde an das Trianon 
Theater engagiert. — Der beliebte und geschätzte Kom 
ponist und Kapellmeister Julius Einödshofer erfreut 
jetzt als Dirigent der Kurkapelle die Kurgäste in Herings 
dorf. — Auf Seite 7 bringen wir einige interessante 
Aufnahmen von den letzten Renntagen in Grunewald 
und Karlshorst. — Im Tiergarten, zwischen dem grossen 
und kleinen Stern, dicht an derCharlottenburgerChaussee 
ist auf die Anregung des Kaisers vom Tiergartendirektor 
Freudemann in dem „Rosengarten“ den Berlinern 
und den Berlin besuchenden Fremden eine neue Sehens 
würdigkeit entstanden. An der Stelle, aut der sich die 
von Friedrich Wilhelm IV. geschaffene symmetrische 
Anlage befand, liegt der etwa ein Hektar grosse Rosen 
garten. Die von einem Drahtzaun umgebene, Nachts 
abgeschlossene Anlage, enthält zwei Teiche, die mit 
Goldfischen besetzt sind und Wasserrosen in weiss und 
gelb und rot enthalten; zwischen beiden erhebt sich 
das Denkmal der Kaiserin — eine Copie des im Kaiser 
lichen Privatgarten beim Neuen Palais in Potsdam 
befindlichen —, und den Hintergrund bildet eine aus 
echtem Lavagestein hergestellte Pergola. Noch ist die 
Anlage zu jung, um ihre volle Schönheit offenbaren zu 
können, in einigen Jahren aber, wenn die rankenden 
Rosen den Sockel des Denkmals umspinnen werden, 
den nüchternen Drahtzaun in eine blühende und grünende 
Wand verwandelt haben und die Pergola ein duftiges 
Rankengewand zieren wird, wenn eine Fülle von Wasser 
rosen die Wasserflächen der beiden Bassins bedecken 
wird, und Tausende von Rosen die Luft mit ihrem 
herrlichen Duft erfüllen werden, dann erst wird die Idee 
Wirklichkeit werden und sich den Besuchern offenbaren, 
die dem Kaiser und Tiergartendirektor Freudemann 
vorgeschwebt hat. — Unser reizvoller Vorort Friedenau 
ist um einen neuen Schmuck bereichert worden. Am 
Kreuzungspunkt des Südwestkorso mit der Stubenrauch 
strasse erhebt sich seit kurzem der vom Bildhauer 
Aichele geschaffene, von dem bekannten Kommer 
zienrat Haberland geschenkte Sintflut-Brunnen. 
Auf einem etwa drei Meter hohen Felsensockel ruht 
mit dem Ausdruck von Angst und Grauen eine nackte 
Frauengestalt, die ein Kind umklammert hält, gleichsam 
als wollte sie es vor den herandrängenden Fluten 
schützen. Weiter unten am Sockel kauert ein junges Paar, 
das, enganeinandergeschmiegt, voller Entsetzen den 
Tod durch die Fluten erwartet. Wasserstrahlen um 
spülen diese dramatisch belebten Gruppen. Das Werk 
bringt in äusserst glücklicher Weise den Gedanken 
der Sintflut zum Ausdruck. — Der bekannte Berliner 
Portrait- und Geschichtsmaler Heinrich Wilke hat 
soeben ein Portrait Adalbert Matkowskys als Coriolan 
vollendet, dessen Entstehungsgeschichte sehr inter 
essant ist. Nachdem es Freundes-Ueberredung gelungen 
war Matkowsky, der schon zum Photographieren nicht 
leicht zu bewegen war, zu bestimmen, sich von 
Heinrich Wilke sogar im vollen Kostüm des Coriolan 
malen zu lassen, fanden einige Sitzungen statt; bald 
aber drehte Matkowsky den Spiess um und nötigte den 
Maler, lieber ihm zur Gesellschaft beim Frühstück zu 
sitzen. Trotzdem gelang es Wilke das Bild noch bei 
Lebzeiten Matkowskys fast zu vollenden; jetzt nach 
dessem Tode hat er es auf Veranlassung der Wittwe 
Matkowsky s fertiggestellt. — Unterden jüngeren Berliner 
Malern hat sich Willy Werner durch sein reiches 
Können und ernstes Streben einen klangvollen Namen 
geschaffen und sich die Anerkennung weiter Kreise 
erworben. Schon früh stand er, der am 7. September 1868 
in Berlin das Licht der Welt erblickte, als Künstler auf 
eigenen Füssen und erfreute sich bereits in jungen 
Jahren grosser Schätzung als Illustrator, da er 
charakteristische Vertiefung mit entsprechender Eleganz 
zu vereinen wusste. Früher noch wie manch anderer 
seitdem zu Ruf gelangter Maler, empfand er die land 
schaftlichen Schönheiten der Mark und wusste sie auf 
manch tiefempfundenen Bild wiederzugeben. Ein 
mehrjähriger Aufenthalt in und bei Danzig trug viel 
zur weiteren künstlerischen Reife Werners bei. Nach 
Berlin zurückgekehrt, widmete er sich dem Portrait 
und errang auch auf diesem Gebiete sogleich hervor 
ragende Erfolge, wie es die ausserordentlich lebens 
wahren Bildnisse des griechischen Gesandten Rhangabe, 
des Regierungsbaumeisters Walter, des Schriftstellers 
Paul Lindenberg u. a. m. beweisen. Auf der letzten 
Grossen Kunstausstellung erregte des Künstlers grosses 
symbolisches Gemälde „Das Herz die Welt“ berechtigtes 
Aufsehen. — Immer grössere Scharen erholungs 
bedürftiger Berliner ziehen alljährlich an die Ostsee 
und man kann während der Ferienzeit mit vollem Recht 
von einem „Berlin an der Ostsee“ sprechen. Die 
Inseln Rügen und Bornholm üben ganz besondere 
Anziehungskraft auf die Reichshauptstädter aus und 
daher wird dort die Zahl der Berliner Badegäste eine 
immer grössere. Die Tableaux auf Seite 12 und 13 
zeigen reizende Aufnahmen von Binz und Sassnitz 
auf Rügen und von Allinge-Sandvig, dem Haupt 
badeorte Bornholms. — ln Buch, dem grossen Besitz 
tum der Stadt Berlin und dem Sommerwohnsitz 
unseres Oberbürgermeisters, ist vor kurzem das neueste 
Werk unseres genialen Stadtbaumeisters Ludwig 
Hoffmann, die „Alte Leutestadt“ eröffnet worden. 
Dieses neue Hospital der Stadt Berlin gewährt 1500 
Greisen und Greisinnen Unterkunft. — Die von 
der Stadt Berlin in der Umgegend seit einigen 
Jahren eingerichteten Ferienspielplätze erfreuen sich 
immer steigenderer Beliebtheit. Der grösste dieser 
Spielplätze befindet sich auf dem Magistratsgut 
Blankenfelde, nördlich von Berlin. Täglich werden 
während der Ferien dorthin mit ca. 40 Strassenbahn- 
wagen 2000 bis 3000 Kinder, die sich vorher auf ver 
schiedenen Schulhöfen sammeln, befördert. Unter der 
Aufsicht einer Anzahl Lehrer vertreiben sich die Kinder 
die Zeit mit Spielen verschiedener Art. Aber auch 
für ihr realeres leibliches Wohl sorgt die Stadt Berlin, 
täglich werden allein in Blankenfelde ca. 1000 Liter 
Milch, 700 Liter Kaffee, 4000 Stück Gebäck und 
2000 Portionen Suppe zu Mittag gratis an die Kinder 
abgegeben. Abends 5 Uhr wird zum Rückmarsch 
geblasen und gegen 7 Uhr langt die kleine Gesellschaft 
wieder in Berlin an. — Von der Vorliebe der 
Berliner für das feuchte Element legen die 
Bilder auf Seite 16 Zeugnis ab. Bei einigermassen 
schönem Wetter ergiesst sich allsonntäglich eine wahre 
Völkerwanderung an die zahlreichen Gewässer in der 
Umgegend und manches polizeilich nicht genehmigte 
„Freibad“ tritt in Funktion. Vor allem ist es die 
Berliner Jugend, deren höchster Genuss es ist mit 
nackten Beinen im Wasser zu waten, dass aber auch 
Erwachsene dies nicht verschmähen, zeigt das eine 
unserer Bilder. — Auf der Titelseite bringen wir das 
Portrait der bekannten Cabaretsängerin Elsa Bema. 
R. W.
        
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