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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

Mit ruhiger Sicherheit sah die schöne Blondine dem 
Kampfe entgegen, der sicli da unten vor ihren Augen 
abspielen sollte. Sie wusste, ihr Wladimir würde als 
Sieger hervorgehen und den Preis erringen. Ihre Augen 
leuchteten auf, ihr Körper dehnte sich, wenn sie an seine 
geschmeidige Kraft dachte. Neun Gegner hatte der 
Liebste geworfen, über den zehnten, der heute seinen 
Meister in ihm finden sollte, lächelte sie verächtlich. 
Den plumpen Deutschen würde ihr Wladimir sicher und 
gewandt überwinden. Nicht im geringsten bangte sie 
um den eleganten Polen, der Wohlgefallen vor ihren 
Augen gefunden. Nicht, dass sie ihn liebte! Aber sie 
berauschte sich an seiner Wildheit, seinem Ruhm, seiner 
Kraft. Ja, seine Kraft war ihre Schwäche. 
Mit sicherer Ruhe bog sie den Kopf über die Logen 
brüstung, legte die feinbehandschuhte Rechte um das 
Opernglas und musterte die Gegner, die jetzt im 
schwarzen Seidentrikot,darüber ihre Schärpe aus schwarz- 
weiss-rotein Atlas und rot-weisser Seide in die Arena 
traten. Nach allen Seiten verneigten sich die Kämpfer, 
von lautem Beifall begrüsst. Der Pole warf einen 
feurigen Blick zu seiner schönen Loni hinauf, die ihm 
hinter dem weissen Spitzentaschentuch eine verstohlene 
Kusshand zuwarf. 
Die Gegner reichten sich die Hände, lösten die 
Schärpen und warfen sie den Dienern zu. Unter dem 
feinen Seidengewebe, das die Körper vom Hals bis 
zu den Knien umhüllte, kam die starke Muskulatur der 
Ringer voll zur Geltung. Der Pole, bei aller Stärke, 
ebenmässig und elegant gebaut, der Deutsche massiver 
und gewaltiger. Jener ein geschmeidiger, dieser ein 
brutaler Kämpfer. 
Das Orchester blies eine schmetternde Fanfare, der 
Kampf begann. 
Mit gewandtem Griff fasste Wladimir den Deutschen 
und suchte ihn zu Boden zu werfen. Er hatte sich in 
der Kraft des Gegners verrechnet. Der Riese packte 
den Polen mit eisernen Klammern um die Handgelenke 
und zwang ihn auf die Knie. Diesem Gewaltstreich 
folgte ein erbittertes Ringen. Laute Zurufe von allen 
Seiten der Arena. Fieberhafte Aufregung. Heiss glühten 
die Wangen der Damen, während die Herren mit den 
Taschentüchern über die perlende Stirn wischten. 
Brennende Augen starrten durch Lorgnetten und Fern 
gläser, die von zitternden Fingern gehalten wurden. 
Mit schmerzender, abspannender Aufmerksamkeit folgt 
man allen Windungen der beiden Körper. 
Jetzt ein Sprung! Der Pole umschlingt den gewaltigen 
Leib des Deutschen und presst ihn rückwärts auf den 
Teppich. 
Ein halblautes Bravo entfährt Lonis zusammenge 
kniffenen Lippen. Wladimir wirft ihr einen flinken 
Dankesblick zu. Ein unbewachter Moment, den der 
Deutsche ausnutzt. Mit rasender Gewalt springt er 
auf und schleudert den Feind im Bogen weit in die 
Arena. 
Erneute Zurufe. Die Musik spielt einen Marsch. 
Wladimir ist wieder aufgeschnellt und stürzt sich 
von neuem dem Deutschen entgegen. 
Mit wechselndem Glück setzt der Kampf sich fort. 
Zehn — zwanzig — dreissig Minuten lang. Bis zur 
Entscheidung muss gerungen werden. 
Loni ist aufgerüttelt aus ihrer Ruhe. Sie presst 
krampfhaft die Hände ineinander, ihre Augen erweitern 
sich. Sie kennt ihren Wladimir. Deutlich beobachtet sie, 
wie seine Kräfte unter dem Uebergewicht des furchtbaren 
Deutschen zu schwinden beginnen, wie seine Muskeln 
schlaffer werden, wie ihm der Schweiss immer reich 
licher aus den Poren fliesst. Tränen des Zornes treten 
ihr in die Augen. Der Schwächling! Ihre Blicke folgen 
jetzt nur noch den kraftvollen Bewegungen des Deutschen, 
der frisch erscheint, wie zu Beginn des Kampfes. 
Bei einer Wendung sieht er die schöne Rotblonde 
in der Loge, die ihn wie hypnotisiert anstarrt. Er 
blinzelt ihr mit seinen schwimmenden, kleinen Augen 
zu. Nun weiss er, wofür er ringt; er wertet es höher 
als den Geldpreis, der seiner harrt. Der deutsche Hüne 
setzte den Kampf mit roher Gewalt fort, unelegant, 
heftig, nur, um ihn schnell zu Ende zu führen. 
Mit keuchendem Atem ringen die Gegner. Kurze 
Pause. Der Schiedsrichter kündet den neuen Gang an. 
Ein wildes Schnaufen von beiden Seiten, übertönt von 
den kreischenden Klängen der Musik und den unge 
duldigen Zurufen der aufs Höchste erregten Menge. 
Beide Kämpfer blicken auf Loni. Wladimir wird 
blass. Hat er recht gesehen? Loni, seine Loni neigt 
ihr Haupt lächelnd dem wüsten Deutschen zu! Ah, da 
sollte sie doch sehen . . .! Er wollte ihr zeigen, 
dass . . .! Und mit dem Aufgebot seiner letzten Kraft 
stürzte er sich auf den Koloss, unter dessen brutalen 
Blicken Loni zusammenzuckt. 
Ein kurzes Ringen noch. Der Deutsche hat den 
Gegner auf den Teppich geworfen und bearbeitet ihn 
mit höchster Energie und verschwenderischer Kraft. 
Und dann — langsam — sicher — zwingt die gewaltige 
Körpermasse des überlegenen Riesen den schlanken 
Polen nieder, drückt sie ihn mit eherner, erbarmungsloser 
Wucht zu Boden. Wladimir berührt mit den Schultern 
den weichen Teppich und liegt schliesslich platt aus 
gestreckt, apathisch da. Die Brücke ist mit vehementer 
Gewalt eingedrückt, der Pole niedergebrochen. 
Ein Jubelgeschrei der Menge, Händeklatschen johlen, 
Beifallsgetrampel. 
Die Kämpfer erheben sich und machen ihre Verbeu 
gung. Der Sieger mit triumphierender Miene, der 
Ueberwitndene blass, mit finsterem Gesicht. 
v Loni ist aufgesprungen. Der grosse Veilchenstrauss, 
der an ihrem Busen prangt, fliegt in weitem Bogen in 
die Arena. DerSieger fängt ihn auf und dankt leuchtenden 
Auges .... 
{ \ 
Zwei Gedichte von Otto Grundmann. 
Am Abend. 
i 
Ist dir einmal ein frohes Glück zerronnen, 
Das deine Seele still durchflog, 
Versiegt der seligtiefe Segensbronnen, 
Aus dem dein herz die Liebe sog, 
Und jeder gold’ne Faden ausgesponnen, 
Der dich dem Licht entgegenzog: 
Dann birgst du fiebernd in die heissen Hände 
Dein schmerzenbleiches Angesicht 
Und deine Tränen fliessen ohne Ende, 
Als ob dein Herz im Leide bricht. — — 
Beweinst du deines Schicksals jähe Wende? 
Denk' dran: den Schatten warf dein Licht. . . 
* * 
* 
Siehst du die golddurchwebten Purpurschleier 
Im fernen Westen leis' verglüh'n 
Und in dem stillen, schilfumsäumten Weiher 
Die Wolken dir vorüberzieh'n 
Dann stehst du stumm in selbstvergess'ner Feier 
Und siehst die Welt verschönt erblüh'n: 
Es ist dieselbe Sonne, die dort scheidet 
Und die dir deinen Tag beschien, 
Die ihren sanften Strahlentod erleidet, 
Um andere Welten zu erglüh'nl 
Sie sinkt hinab ... In stiller Wehmut weidet 
Dein Aug' sich an der Dulderin! 
Nachtzauber. 
Silber streut des Mondes Glanz 
Ueber die weichen Wellen 
Und der Nixen froher Kranz 
Schwebt durch die strahlenden Hellen. 
Mondscheinumfluiet gaukelt die Schar, 
Taucht in den Schaum die Glieder, 
Zupft den brummigen Nix am Haar 
Und entschwebt dann wieder. — — 
Weite Wellen wirft die Flut 
Ueber den tollen Reigen . . . 
Nixchen büsst den Uebermut —• 
Doch die Wellen schweigen.
        
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