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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

täglich frisches Waschwasser und Handtücher. Licht 
und Feuerzeug stehen bereit. Es ist für alles gesorgt. 
Manche haben auch papierne Diener zu beiden 
Seiten ihres Sarges stehen. Frische Blumen sind immer 
neben den gefüllten Teetassen zu finden. 
Manche Angehörige freilich, wenn die Wartezeit 
gar zu lange dauert, vereinfachen sich das Geschäft 
und bringen Dauerfrüchte von Wachs. Aber ein Toter, 
der über zehn Jahre in seinem Sarg liegt, wird be 
scheiden und begnügt sich auch mit den Wachsfrüchten. 
Die Häuschen stehen in einem Blumengarten, in denen 
seltsame Gebilde aus den Pflanzen und ihren Zweigen 
geformt werden — Drachen und Löwen — und grosse 
Vogelnester. 
Ich war auch auf der Blumeninsel Fati, auf der ein 
Blumenhandelsgarten am andern liegt. Dort sieht man 
Miniaturlandschaften, Grotten und Felsen, ganz aus 
Wurzeln gebildet, kleine Treppchen und Tempelchen 
dazwischen mit einem sehr feinen architektonischen 
Empfinden an den richtigen Stellen angebracht. Auch 
Männer und Frauen ganz aus Wurzelwerk, die Blätter 
bilden das Gewand, Gesicht und Hände sind aus 
Porzellan. — Es ist Spielerei, und dennoch voll feinen 
künstlerischen Empfindens. — 
Die berühmten flowerboats (ich musste immer an 
Sudermanns „Blumenboot“ denken) — sind vor acht 
Tagen abgebrannt. Es sind, oder vielmehr waren das 
„chinesische Restaurants“, in reich vergoldeten Boten, 
mit Perlmutter eingelegten Luxusmöbeln, die Decken 
über und über mit Kronleuchtern behängt. Dort 
wurde gespielt und gesungen und sehr viel Geld um 
gesetzt. Mehr wie tausend Menschen sollen bei dem 
Brand verunglückt sein. — Aber man sieht keine Lücke. — 
Auch Cholera, Pest und Blattern schlagen alljährlich 
grosse Breschen. Der Kapitän eines französischen 
Dampfers erzählte mir, dass er in jedem Sommer bei 
seinen Kulitransporten nach Hongkong bei einer Ueber- 
fahrt von acht Stunden meist sechs bis acht Tote hätte, 
an Cholera oder Pest. 
„Und die Passagiere was sagen die hierzu?“ 
fragte ich. 
„Die merken das garnicht“, meinte er. 
Behaglich ist der Gedanke nicht. — — 
Nach Canton und seinen, darf ich sagen „dunklen 
Wundern“, kam mir Hongkong, das englische „Victoria“ 
fast langweilig vor. 
Die Europäerstadt ist modern, sauber, prächtig und 
allerweltsmässig. Aber Hongkong hat seinen Pik. 
Oder vielmehr — der Pik hat Flongkong. — 
Der Pik ist eine steil aufsteigende Felseninsel mit 
vielen Gipfeln. Droben, mit Drahtseilbahn zu erreichen, 
liegt das schöne riesige Pikhotel, stets überfüllt. Von 
dort kann man zu Fuss oder per Tragstuhl die schönsten 
Bergwanderungen machen. Hospitäler und Kasernen 
sind dort und schöne Villen überall ausgestreut. Am 
schönsten ist der Blick von der „Flagstaffstation“, auf 
das von zahllosen Schiffen, von zahllosen Inseln be 
säte Meer. 
Hongkong nennt sich der schönste Hafen der Welt. 
Bei gutem Wetter ist er ja herrlich. Auf dem Pik 
brauen zwar meistens dichte Nebel. Wenn aber der 
Taifun die grössten Postdampfer auf den Quai schleudert, 
wenn binnen zehn Minuten zwanzigtausend Menschen 
mit ihren Lampans verschlungen werden, ist dieser 
paradiesische Hafen ein ungeheures Grab. Aber in 
warmen Nächten, wenn das Meerleuchten phosphor 
blau aus der Tiefe schimmert bei jedem Ruderschlag 
des Schiffers, — wenn hunderttausend Lichter Berg 
und Ufer besäen, — dann ist er ein traumhaft schönes 
Märchen. Und so ist der ganze Osten — eine Welt 
der ungeheuersten Kontraste. — Der Banause sieht 
nur die Schattenseiten — der Schönheitssucher nur 
das Licht. 
Hongkong klettert den Pik hinauf. Auf halber Höhe 
sind herrliche Villen und Promonadenwege, inmitten 
einer reichen, subtropischen Vegetation. Man kann 
stundenlang spazieren. Kommt man tiefer hinab, so 
gibt es wunderschöne Bilder; so eine enge, bunte Chi 
nesenstrasse und darüber Meer und Berge in blauem 
Schleier. — Auch in Hongkong gibt es echte Cantonen- 
winkel, z. B. die enge Eierstrasse, ganz schwarz zuge 
hängt von Gewändern, die quer über die Strasse an 
Stangen aufgereiht sind und zu beiden Seiten der Gasse 
Tausende, nein Millionen Eier in hohen Körben aufge 
stapelt. Davor Scharen von Chinesen, sie gegen das 
Licht prüfend. — 
Und ganz dunkle, verfallene Drachentempelchen, in 
denen der Qualm der Opferbrände einem die Augen 
beizt. Ein wohltuender Ort ist „Happy valley“, das 
Tal des Glücks, mit seinen den Berg hinansteigenden 
Friedhofsparks. Der Parsenfriedhof für die Portugiesen, 
die Engländerund Deutschen, und der riesenhafte Moha- 
medanerfriedhof. Es ist so friedlich dort, Springbrunnen 
plätschern, Palmen und.Pinien rauschen und die Vögel 
zwitschern, wie ich sie so noch nie in Asien zwitschern 
hörte. Sie freuten sich ihres Lebens inmitten der Rosen 
blüte in den Todesgärten. Viele Mohamedaner und 
„Parsee“ haben englische Grabschriften — ich glaube, 
„for show.“ Auf einer stand, „from her beloved 
daughter“ sie meinte wohl loving. Auf manchem Grab 
stein las ich: „Er starb im Taifun.“ 
Der Sieger. 
Skizze von Julius Driesen. 
(Nachdruck verboten.) 
Rauschende Marschweisen, Pferdegetrappel, Peit 
schenknallen, untermischt mit den lauten Zurufen der 
Clowns, johlendes Gelächter und Gekreische desGalerie- 
publikums. In dem weiten Raum eine einzige dichte 
Riesenwolke von Staub und Zigarrenqualm. Der grosse 
Zirkus von einer ungeheuren Menschenmenge bis auf 
den letzten Platz gefüllt. Galt es doch, dem Entschei 
dungskampfe der beiden berühmtesten Ringkämpfer, 
Kurt Lux und Wladimir Eyawitz beizuwohnen. 
Ein grosser Teil der Besucher hatte Abend für 
Abend dem Ringkampfe zugesehen und mit klopfendem 
Herzen, erhitztem Gesicht und fliegendem Atem dem 
wechselnden Glücke dieses athletischen Spieles die 
eifrigste Anteilnahme gewidmet. Weder Hitze noch 
Durst empfanden die Zuschauer. Die ganze Welt schien 
hinter ihnen versunken, sobald die herkulisch gebauten 
Kämpfer die Arena betraten. Frauen und Männer 
folgten mit dem gleichen Genuss, mit derselben unge 
zügelten Hingabe dem wilden Spiel. Man schloss 
Wetten ab für und gegen, jubelte mit den Favoriten, 
sobald sie gesiegt, blickte ingrimmig, wenn sie unter 
legen. 
Etwas Packendes, ungeheuer Nervenreizendes hatte 
die Sinne gefangen, peitschte die erschlaffle Psyche. 
Jeden Abend wiederholte sich das gleiche Schau 
spiel, jeden Abend fesselte es die Zuschauer von 
neuem. — 
* * 
* 
Abschiedsabend, Schlusskampf. Zu Ehren des letzten 
Entscheidungsganges der Ringer war der Raum mit 
Girlanden durchzogen, in deren dunklem Grün bunte 
elektrische Lampen gleich funkelnden Edelsteinen auf 
blitzten. An hohen, schlanken Säulen schimmerten in 
Goldbronze die Wappen und darüber kreuzten sich die 
seidenen Fahnen der Länder, denen die Kämpfer ent 
stammten. 
Die Arena war mit einem brennend roten Teppich 
bedeckt. Dies alles über floss das gleissende, 
schimmernde Licht der sieben Scheinwerfer, das durch 
bunte Scheiben gedämpft, eine zauberische Beleuchtung 
darbot. 
In den besetzten Logen schillerten elegante Toiletten, 
blinkten Uniformen und Ordensterne. Eine Wolke 
schweren Paifüms stieg auf, untermischt mit dem Dampf 
der Havanas und Kyriazis. Die Damen musterten die 
kostbaren Kostüriie der Rivalinnen, die Herren sandten 
prüfende Neugierblicke in die Nebenlogen. Man ver 
hielt sich blasiert den obligaten Zirkusnummern gegen 
über, nur hin und wieder ein flüchtiger Blick über die 
Darbietungen in der Arena, dann wandte man sich un 
interessiert zurück. 
In der vorletzten Pause erst setzte die Spannung 
ein, der bevorstehende Ringkampf erzeugte sie. Man 
diskutierte und kalkulierte, fragte und gab seinerMeinung 
für und wider Ausdruck. 
In einer Loge, dem Eingang der Manege gegenüber, 
sass eine grosse, ebenmässig gewachsene, üppige Dame 
mit reichem, rotblonden Haar und noch reicherem 
Juwelenschmuck und sah spöttisch auf die erregte 
Menge. Die volle Gestalt im weichen, taubengrauen 
Tuchkleid und hohem Federhut lehnte sich behaglich 
in die roten Polster des Sessels zurück.
        
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