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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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Canton — Hongkong. 
Von Hermione von Preusclien. 
(Nachdruck verboten.) 
So gern möchte ich ein anschauliches Bild von Canton 
geben, dieser „chinesischsten“ Stadt im himmlischen 
Reich. Aber wie? Ein ungeheures Terrain darin — 
von breiten Riesenmauern umgeben — die alte Mand- 
schustadt. Daneben die erst fünfhundert Jahre alte 
„New City“ das Hauptgeschäftsviertel, ein unzählbarer^ 
krabbelnder Ameisenhaufen, in Gässchen so schmal, 
dass nicht an allen Stellen ein Tragstuhl am andern 
vorbeikann. Ein ewiges Dämmerlicht in diesen von 
Matten verhängten, von hunderten, farbigen Geschäfts 
fahnen geschmückten Engpässen, in denen zu beiden 
Seiten die prächtig goldgeschmückten halbdunklen 
offenen Läden und Werkstätten sich reihen, in denen 
so unermüdlich gearbeitet wird, wie kaum an einem 
andern Ort der Welt. — Und verkauft! — 
Canton ist das Eldorado der Antiquitätensammler 
und darum auch für mich ein gefährliches Pflaster- 
Ein Bekannter von mir kaufte dort an einem Tag für 
über tausend Dollars alte Schnupftabaksdosen — aller 
dings zum Teil von märchenhafter Schönheit und mit 
heut verlorengegangener Technik aus Glas, Cristall und 
Halbedelstein. Er meinte, in London gäbe man ihm 
dafür das zehnfache. — Und die alten, gestickten Ge 
wänder, mit Tönen und Farben — ein Künstlerherz zu 
schmelzen. Nachdem ich elf, sage „elf“ davon erstanden, 
entfloh ich der Versuchung. 
Ich fand auch viele Leute, die meinten „Canton“ 
sei der furchtbarste Ort der Welt — ich kann auch das 
verstehen. — Denn die hygienischen Einrichtungen 
und die Düfte spotten dort jeder Beschreibung. Nirgend 
oder fast nirgend sind Fenster in diesen meist aus Stein 
gebauten Chinesenhäusern — oder doch nur, nach den 
von aller Luft abgeschnittenen Gassen. Man kann 
eigentlich nur im Tragstuhl als Europäer hindurchziehen, 
denn dass Pflaster ist nass und schlüpfrig und sie sind 
ein Labyrinth. Kopf an Kopf drängt sich die Menge 
— ein ohrenzerreissender Lärm! Die Sänftenkulis bahnen 
sich mit lautem Geschrei nur mühsam Schritt für Schritt 
ihren Weg. 
Alle fünf Minuten findet man einen altersschwarzen 
Tempel mit dunklen Vergoldungen, überreichem Schnitz 
werk, riesigen steinernen Türhütern, die bunt angemalt 
sind, mit roten Backen und angeklebten Perrückenbärten. 
Wie riesige Puppen! — 
Und in allen Tempeln die knieenden Weiber, die 
„jossslicks“ (dünne, schwelende Wachskerzchen) schwin 
gende Menge. Ein so beizender Qualm, dass man kaum 
die Augen aufhalten kann. — Hinter dem Altar werden 
oft Opfer gehalten für die Toten, die „Ahnen“, denen 
man stets eine reich besetzte Tafel bereitet. Dazu 
Tamtamkläge und laute Gebete. 
Daneben sitzen Leute und schmausen und sprechen 
und lachen laut, und rauchen wie im Restaurant. Andere 
verbrennen Gold- und Silberpapier in wundervoll 
Humpsti-Bumsti 
die besten und populärsten Exzentriker der Welt, z. Zt. Apollo-Theater. 
bronzenen Weihrauchbecken. Ein Leben, ein Gewimmel, 
ein Getriebe, atemraubend! In vielen Tempeln stehen 
herrliche Blumen, (viel Tuberosen und Kamelien) 
daneben wieder wächserne und papierne Abscheulich 
keiten neben welken „Strünken“. — 
Viele Tempel riechen wie Kloaken. Dabei aber 
überall eine solche Fülle von Farbe, Stimmung — 
Wahnwitz. Zwei grosse Tempelhüterpuppen hatten 
ihre Riesenmäuler mit frischem Opium beschmiert — 
„to please them“ — sagte mein guide. — Die Tempel 
aufzuzählen ist unmöglich. Zu den merkwürdigsten 
gehört der der „fünfhundert Götzen“ (zwischen denen 
auch Marco Polo sitzt, der erste Weltreisende, der 
siebzehn Jahre in chinesischen Diensten gestanden). 
Dann der Doktor - Tempel, der wundervolle 
Schnitzereien in Holz und Stein aufweist. Er ward 
im fünfzehnten Jahrhundert aus Subscription zu Ehren 
eines berühmten Arztes gebaut, der noch heute wirkt. 
Die frommen Beter knieen vor seinem Holzbild und 
würfeln. Die Nummern die sie ziehen, bedeuten die 
Nummern der Medizin, die sie sich im Nebenraum 
sofort mitnehmen können. Der grosse Doktor soll 
solcher Art noch heute Wunderkuren verrichten. — 
LJ 
Im selben Tempel sind auch 60 Figuren, 60 Lebens 
alter vorstellend. Ein Jeder opfert seinem eigenen Jahr, 
um sich Glück darin zu sichern. Nach 60 fängt es 
wieder mit eins an. 
Die alte Wasseruhr aus dem dreizehnten Jahrhundert, 
in der das Wasser in fünf übereinanderstehende Kupfer 
schalen herabtropft und genau die Zeit anzeigt (das heisst 
alle zwölf Stunden wird es oben wieder aufgegossen) 
ist auch sehr merkwürdig. 
Auf der Hinrichtungsstätte waren zu Anfang des 
Jahres keine Exekutionen ausstehend. Es ist ein langer 
schmaler Markt, an dem die Töpfer wohnen — rück 
wärts in einer Sandgasse der Scharfrichter. Aber er 
war mit seinem Schwert zu einer auswärtigen Hinrichtung 
über Land, wie seine Frau meinem Führer erzählte. — 
Merkwürdig ist auch der „Tempel der Schrecken“, 
in dem alle buddhistischen Höllenqualen, in bunten 
Holzfiguren, panoptikumartig zu sehen sind. — Das 
ist auch der Tempel der Gaukler und Bettler und der 
Wahrsager, die in langen Reihen in der Vorhalle sitzen. 
Nirgends sah ich so viel uralte, abscheuliche Bettel weiber, 
die einem ihre schmutzigen Körbchen in den Tragstuhl 
strecken. Im Mandschuviertel tragen alle Weiber hell 
blaue, lange Leinenkittel. — 
Eine Expedition an der Stadtmauer nach der Fünf- 
stockpagoda ist sehr interessant. Der Tempel ist uralt. 
Im fünften Stock sind wieder ein paar bunte Riesen 
götzen und von der Altane hat man Aussicht auf ganz 
Canton. Wieder ward ich an den Blick von den 
Sperlingsbergen bei Moskau erinnert. Die ungeheure 
Stadt erstreckt sich fast bis zum Horizont, südlich von 
dunkelblauen Hügeln umgrenzt. Nach Norden schweift 
der Blick über die „Weissen Wolkenberge.“ Zu Füssen 
aber dehnt sich fast unübersehbar in dem Felsengeröll 
die einundeinhalb Jahrtausend alte Gräberstadt. Einfache 
weisse Steine zu tausenden und abertausenden. Ein Bild 
von überwältigender Erhabenheit. Vanitas vanitatum! 
Niemals war es mir so klar wie hier: Totenkult und 
der Ahnenkult sind das hervorstechendste in der Religion 
des Chinesen. Ein Gemisch von Buddha, den Lehren 
des Confucius, Laotse und zahllosen Genien geben ein 
für den Europäer schier unentwirrbares Ganzes. — Das 
wichtigste für den Chinesen ist sein Begräbnisort, der 
den verschiedensten Anforderungen genügen muss. Am 
gesuchtesten sind Aussichtspunkte, derSonne zugewandt. 
Wenn man den Perlfluss hinabfährt sieht man sie von 
den Hügeln glänzen, die einfachen, manchmal halbkreis 
runden Steine. Riesensummen werden für gute Plätze 
bezahlt. Reiche Familien haben ihre Särge mit Toten 
oft Jahrzehnte lang in der „Totenstadt“ stehen, bis sich 
ein passender Platz findet. 
Diese Totenstadt ist sehr merkwürdig. Ein Kon 
gloremat kleiner Grabkapellen oder vielmehr Zimmer, 
in denen die Toten in ihren sonderbar geformten 
Riesenlacksärgen bis zur endgültigen Bestattung „ver 
pflegt“ werden. Sie erhalten täglich Speise nnd Trank,
        
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