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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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wenige ihren besten männlichen Kollegen ebenbürtig 
geworden. Zu diesen gehört in erster Linie Emmi 
Eiert, deren bei F. Fontane & Co. erschienenen 
Romane zu den besten belletristischen Erzeugnissen 
der Gegenwart gehören. Die treffende Beobachtungs 
gabe, die brillante Charakteristik, die prachtvolle 
Naturschilderung und die stets spannende, mit meister 
hafter Technik durchgeführte Handlung haben ihren 
Werken einen überaus grossen Kreis von Lesern und 
Verehrern erworben. Emmi Eiert entstammt einer 
alten Bremer Patrizierfamilie. Als Tochter des 
Dr. med. Freiherrn v. Eelking 1864 geboren, verheiratete 
sie sich im Alter von 20 Jahren mit Leutnant Bruno 
Eiert vom Jägerbataillon in Görlitz. Vor ca. 10 Jahren 
wurde dieser Königlicher Badedirektor in Bad Bertrich 
und dort begann erst vor noch nicht langer Zeit 
ihre literarische Tätigkeit. 1903 erschien ihr erster, 
in der Eifelgegend spielender Roman „Auf vulkanischer 
Erde“, der sofort grosses, berechtigtes Aufsehen erregte. 
Es folgte 1904 „Funken unter der Asche“, 1905 „Zaun 
gäste des Glücks“, 1907 „Die Grundmühle“. Emmi 
Elerts neuestes Werk „Kameraden“ erscheint jetzt in 
der Magdeburger Zeitung und kommt zum Herbst als 
Buch heraus. Das deutsche Lesepublikum kann von 
dem immer mehr ausreifenden hervorragenden Talent 
der genialen Schriftstellerin noch viel schönes erwarten. 
— Josef Stein, der die Sommerdirektion im Neuen 
Theater führt, wurde am 12. Februar 1876 in Wien ge 
boren. Er verlor in frühester Kindheit seine Eltern 
und wurde bis zu seinem zwölften Lebensjahre im 
Waisenhause erzogen. Bei einer böhmischen Schmiere 
begann er seine Bühnentätigkeit als Schauspieler, 
Zettelankleber und Kindermädchen. Nach vierjährigem 
Umherziehen in den böhmischen Wäldern befreite ihn 
der verstorbene Direktor Ferenczy aus dieser Misere. 
Der verstorbene Oberregisseur Willi Peters richtete 
ihn zum Inspizienten ab und als solcher war 
er an den verschiedensten Bühnen, zuletzt am hiesigen 
Neuen Theater, tätig. Durch Uebernahme der Sommer 
direktion im Neuen Theater und die in allen Teilen 
abgerundete Aufführung des „Hoteldieb“ hat er für die 
Zukunft einen vollgültigen Beweis seines Wollens und 
Könnens erbracht. — Rosa Valetti, deren Bild wir 
auf der Titelseite bringen, gab im „Hoteldieb“ mit 
grossem Erfolge die weibliche Hauptrolle. — Auf Seite 5 
veröffentlichen wir die neuesten Aufnahmen von Vilma 
von Mayburg, dem beliebten Mitgliede unseres 
Königlichen Schauspielhauses und von der Kammer 
sängerin Marie Götze, einer Zierde unserer 
Königlichen Oper. — Das Wettschwimmen des Kreises 1 
(Berlin) des D. S. V., das im Kochsee zu Charlotten 
burg stattfand, brachte einen selten guten Sport. Im 
Springen um den Kaiserpreis konnte Altmeister O. Hooff 
vom „Poseidon-Leipzig“ nur einen knappen Sieg über 
Günther (Hannover) erringen, ln den Damen-Schwimm- 
Konkurrenzen taten sich besonders die Mitglieder des 
Schwimmverein „Nixe“ hervor. — Am 3. und 4. Juli 
fand im Sportpark Treptow das 24 Stunden-Rennen 
statt, aus dem wir zwei Aufnahmen bringen. Sieger 
blieben Stabe-Pawke, die 818,045 km hinter sich 
brachten, wodurch der alte Bahnrekord ganz erheblich 
verbessert wurde. — Am 14. Juli wurde dem bis 
herigen Reichskanzler, Fürst Bernhard von Bülow, 
unter Verleihung der Diamanten zum Schwarzen Adler- 
Orden der erbetene Abschied erteilt, und an seiner Stelle 
der bisherige Staatssekretär des Innern Dr. Theobald 
von Bethmann-Hollweg zum Reichskanzler, Präsi 
denten des Staatsministeriums und Minister der aus 
wärtigen Angelegenheiten ernannt. Ferner wurde der 
bisherige Handelsminieter Dr Klemens Delbrück 
zum Staatssekretär des Innern und der seitherige Ober 
präsident August von Trott zu Solz zum Staats- 
Josef Stein, 
führt die Sommerdirektion im Neuen Theater. 
minister und Minister der geistlichen usw. Angelegen 
heiten ernannt. — Walter Salomon-Schiiler, 
ein zu grossen Hoffnungen berechtigendes Talent unter 
den jüngeren Berliner Malern, ist am 27. März 1878 
als Sohn des kürzlich verstorbenen bekannten Kommerzien 
rates Emil Salomon, in Berlin geboren; seine Studien 
betrieb er in München, Berlin und zuletzt in Rom. Von 
seinen neueren Werken bringen wir ein entzückendes 
Kinderportrait, sowie das Gemälde „Das Tanzlied“ nach 
dem bekannten Nitzsche’schenGedicht, zur Reproduktion. 
— Der Kaiser-Platz, in unmittelbarer Nähe des Ring 
bahnhofes Friedenau-Wilmersdorf, auf Wilmersdorfer 
Gebiet gelegen, ist eine hervorragende Schöpfung 
unserer jüngsten Nachbarstadt und ein wahres Dorado 
für die Anwohner des dortigen schönen Stadtteiles. — 
Der berühmte Berliner Architekt und Kirchenbaumeister 
Geheimer Regierungs-Rat Professor Dr. ing. Johannes 
Otzen, Mitglied der Königlichen Akademie der Künste 
und Vorsteher eines akademischen Meisterateliers für 
die Baukunst des Mittelalters mit besonderer Rücksicht 
auf die kirchliche Kunst, begeht am 8. Oktober die 
Feier seines 70. Geburtstages. Berlin verdankt ihm 
u. a. die im deutschen Uebergangsstil errichete St. 
Georgenkirche in unmittelbarer Nähe des Alexander 
platzes, die in gotischem Stil aufgeführte Heilige Kreuz- 
Kirche an der Blücherstrasse und die im gleichen Stil 
erbaute Luther-Kirche auf dem Dennewitz-Platz. Otzen 
ist auch Verfasser des bekannten dreibändigen Werkes 
„Die Baukunst des Mittelalters“. — Am 5. Oktober 
feiert Professor Ludwig Knaus, Mitglied und Ehren- 
Senator der Königlichen Akademie der Künste, seinen 
80. Geburtstag. In Wiesbaden geboren, studierte Knaus 
auch acht Jahre in Paris; er lernte von den Franzosen 
technisch mancherlei, seine Kunst blieb aber im innersten 
Kern echt deutsch. Er hat es wie selten einer ver 
standen, dem Volke ins Herz zu sehen, es zu be 
obachten in Freud und Leid, und seine scharf erschauten 
Genrebilder hat er mit reifer Kunst, rnit köstlichem 
Humor und ausgezeichneter Charakteristik auf die 
Leinewand gebannt. Von seinen Bildern sind die be 
kanntesten: „Die goldene Hochzeit“, „Die Taufe“, „Die 
Wochenstube“ und „Wie die Alten sungen . . .“. Das 
letztere Werk befindet sich in der Königlichen National 
galerie. — Am 26. Juli dieses Jahres feiert der Geheime 
Medizinal-Rat Ludwig Brieger, Professor der all 
gemeinen Therapie an der hiesigen Universität, seinen 60. 
Geburtstag. Brieger, ein geborener Schlesier, war lange 
Zeit Assistent von Quincke, Frerichs und Leyden. 
Später wurde er mehrere Jahre hindurch Mitarbeiter 
von Robert Koch. Als in Berlin das erste deutsche 
hydrotherapeutische Universitäts-Institut gegründet ward, 
berief man Brieger zum Leiter dieser Anstalt, die unter 
seiner Führung heute eine bedeutende Stellung in der 
Medizin einnimmt und die gesamten physikalisch 
diätetischen Behandlungsweisen lehrt. Neben dieser 
praktischen Tätigkeit müssen aber noch besonders die 
zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten Briegers auf 
dem Gebiete der physiologischen Chemie und Bak 
teriologie erwähnt werden, wie vornehmlich die grund 
legenden Arbeiten über Leichen- und Bakteriengifte. — 
Durch die kürzlich zwischen dem Reichsfiskus und dem 
Magistrat von Berlin geführten Verhandlungen wegen 
Erwerbes des sogenannten Aufmarschgeländes, steht 
der „Kreuzberg“, die höchste Bodenerhebung Berlins, 
wieder im Vordergründe des allgemeinen Interesses. 
Der Kreuzberg, früher ein Weinberg, war bis Mitte der 
achtziger Jahre ein kahler Sandberg, dessen Abhang von 
der lieben Berliner Jugend mit Vorliebe als Rutsch 
bahn — natürlich ohne alle Apparate, lediglich auf dem 
Hosenboden — benutzt wurde. Den Gipfel krönt seit 
1821 das zu Ehren der in den Freiheitskriegen Gefallenen 
nach Schinkels Entwürfen errichtete National-Denkmal. 
Im Jahre 1878 wurde das Denkmal durch hydraulische 
Pressen um 8 Meter gehoben und auf einen kolossalen 
Unterbau von 24 Meter Durchmesser gestellt. Die 
Plattform des Denkmals bildet den schönsten Aussichts- 
V 0 punkt auf die Reichshauptstadt. Das Denkmal war 
damals nur von einem Kranz spärlicher Akazien um 
geben. Aus dieser Wüste schuf die Stadt Berlin in 
den Jahren 1888—1893 mit einem grossen Kostenaufwand 
durch den im vorigen Monat verstorbenen städtischen 
Gartendirektor Hermann Mächtig den herrlichen 
Viktoria-Park. Die künstlerisch ausgeführten Parkanlagen 
mit dem Wasserfall, welcher während der Sommermonate 
Mittwochs und Sonnabends — in der Regel von 8—10 
abends — mit Flilfe zahlreicher Scheinwerfer farbig, 
elektrisch beleuchtet wird,bilden eine Hauptzierde Berlins. 
Die Pankgrafschaft von 1381 zu Berlin bei Wedding 
an der Panke unternahm, wie alljährlich, auch dieses Jahr 
eine Ritterfahrt, die sie diesesmal in das Weserland führte. 
Unser Bild auf Seite 15 zeigt die Ankunft der Pank 
grafen in Hameln a. W. — Der zwischen der Turm 
strasse und der Strasse Alt-Moabit belegene „Kleine 
Tiergarten“ enthält das von den meisten Berlinern 
nicht gekannte „Denkmal zu Ehren der im Kriege 
1870/71 Gefallenen des Berliner Nordwest-Distriktes“, 
von dem wir auf der letzten Seite eine Aufnahme ver 
öffentlichen. Das vom Bildhauer Neumann stammende 
Werk wurde im Jahre 1880 enthüllt. Der im Tier 
garten in der Nähe der Zelten aufgestellte Tritonen- 
brunnen ist vom Bildhauer Otto modelliert und ein 
Geschenk der Frau Geheimrat Wahländer, jetzigen 
Frau Präsident Becker in Essen, an die Tiergarten- 
Verwaltung. Der Brunnen stand jahrelang im Garten 
der Villa Tiergartenstr. 2, die der Spenderin gehörte.
        
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