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Full text: Berliner Leben Issue 12.1909

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Gustav Braun. Rudolf Ander. Margarete Sellin. Martin Bendix. 
Apollo-Theater: Szene aus „Onkel Casimir“. 
unheilvollen Entschluss, der in Schriftstellerkreisen das 
lebhafteste Interesse hervorgerufen hat, ist bisher noch 
unbekannt.“ Wenn ich je dem Kerl, der diese Notiz 
geschrieben hat, begegne, schwöre ich Dir, dass er mir 
die Zeilen teuer bezahlen soll! 
Du hast mich ja für verrückt gehalten, nicht wahr? 
Ich, mich töten! — Und mit Kohlengas, wohl gar 
durch ein Kohlenbecken für 10 Sous! — Und ich soll, 
um meinen „unheilvollen Entschluss“ auszuführen, zu 
der „jungen Näherin von 17 Jahren“ meiner „Geliebten“, 
in ein Zimmer im 4. Stock der rue Legendre gegangen 
sein! — Anstatt das bei mir abzumachen, in meinem 
Hause in der avenue de Villiers, zwischen all den 
Kostbarkeiten, an denen ich so sehr hänge. 
Uud doch hat die Zeitung glücklicherweise noch 
nicht alles verraten! . . . Wenn Du erst wüsstest, in 
welcher Situation man uns Beide dort gefunden hat! 
Ein so korrekter Mensch wie ich! . . . 
Dir schwebt da gewiss etwas von einem Leiden 
schaftsausbruch vor, der einen aller Vernunft beraubt, 
einem das Leben und seine Plattheiten unerträglich 
erscheinen lässt, in dem uns die Hoffnung auf ein neues 
Dasein, in welchem uns nichts mehr trennen kann, in 
den Tod zu Zweien treibt .... 
Weit gefehlt! Wie konntest Du auch 
so etwas von mir denken! Ich habe gar 
keinen Selbstmord begangen!! 
Nun glaube aber nicht, dass die Notiz 
meinem Roman förderlich sein sollte. Es 
beruht leider alles auf Wahrheit. Die vierte 
Etage stimmt, die junge Näherin, der 
Kohlenofen (ah pfui!) — aber ich wollte 
mich nicht vergiften — ich bin vergiftet 
worden! Und an allem hat mein Roman 
Schuld! Ich bin ein Opfer der Pflicht 
ganz einfach! — Dennoch hat Niemand, 
selbst Du nicht, mir Gerechtigkeit wider 
fahren lassen! 
Die junge Näherin ist wirklich eine 
Näherin. Aber ich hatte alle guten Gründe, 
nicht darüber zu sprechen. — Im Klub 
machen sie sich gewiss lustig über mich, 
und wenn Mme. K. erfährt, dass ich, der 
ich doch Gelegenheit hatte, sie mit den 
elegantesten Pariser Frauen oder berühm 
ten Schauspielerinnen zu betrügen, eine 
Näherin dazu auserkor, die sich ihre Kleider 
selbst macht, die ein Korset für drei 
Francs fünfzig trägt und nach schlechtem 
Parfüms duftet. . . Sie würde das mehr 
als unschicklich gefunden haben. . . 
Seit langem las meine Näherin meine 
Romane und allmählich begann ihr Herz 
für mich zu schlagen. (Du siehst, dass es 
ein Mädchen von gutem Geschmack ist!) 
Als voriges Jahr mein Bild auf dem Einband der 
Revue Illustree erschien und die Buchhändler es in den 
Schaufenstern auslegten, brannte es lichterloh. Der 
energische Blick, den mir der Zeichner gegeben, die 
frischen Farben, die mir der Buchdrucker aufgelegt hat, 
gaben meiner Näherin den Rest, und sie schrieb mir 
eine vier Seiten lange Liebeserklärung. 
Die Gegend liess mich ein wenig zögern, noch 
mehr — die drtografie war richtig . . . wie geschmacklos 
für ein solches Mädchen! Endlich entschied ich mich. — 
Welche Reise, mein Lieber! Und was für eine Strasse! 
Und welch’ Haus! Und welch’ Zimmer! Aber ich 
hatte meine Neugier nicht zu bereuen. Meine Schreiberin 
war siebzehn Jahre alt und hatte die Gestalt einer 
griechischen Statue. . . Ah, mein Lieber, ich hatte 
geglaubt, dass es so etwas nur in unseren Romanen 
gäbe. Und ein Feuer hatte sie. 
Aber was mich besonders an die Kleine fesselte 
war die Reinheit ihrer Liebe, eine Frische des Gefühls, 
die eine köstliche Romanheldin schmücken konnte. 
Sie gab mir die Idee für meinen Roman „Mirette“, 
und ich brauchte beim Schreiben nur sie zu betrachten, 
sie sprechen lassen, sie zittern sehen, — — — je nach 
den Erfordernissen meiner Kapitel! Schliesslich 
Eine Zeitungsnotiz. 
Von Leon Xanrof. Autorisierte Uebersetznng; von 
Alice Sobersky-Neuniann. 
Nachdruck verboten. 
Mein lieber Freund! 
Dies ist der erste Brief, den mir der 
Arzt nach Wochen und Wochen zu schrei 
ben gestattet. Aber wenn er meint, der 
brave Doktor, dass mein Kopf sich aus 
geruht hat, weil ich nicht schrieb . . . Zu 
erst — meinem Schriftstellergewissen treu 
— analysierte ich alle Phasen meiner 
Empfindungen, dievielen, kleinen, freudigen 
Momente der Rekonvaleszenz ganz genau. 
Ich hätte nie gedacht, wenn ich mit meinen 
Gedanken bei dem letzten Kapitel meines 
Romans oder beim Ueberlesen einer 
Novelle zerstreut ass, welch’ grosses Ver 
gnügen einem das Essen eines Kottelettes 
oder das Schlürfen eines alten Bordeaux 
bereiten kann, der Wohlbehagen und Feuer 
in die Adern giesst. Und es ist etwas 
eigenes, zu fühlen, wie nach und nach die 
Kräfte wiedererwachen und den schwachen, 
abgezehrten Körper neu beleben. So, 
denke ich mir, muss es ähnlich dem Baum 
im Frühling ergehen. . . . Und dann über 
lege ich: Was muss man von Dir gedacht 
haben? Wie wird man darüber gesprochen 
haben 1 Denn Niemand kann es verstehen. 
Doch Du, lieber Freund, Du kennst mich, Du weisst, 
was für ein vernünftiger Mensch ich bin und wie ich 
mir aus meinem Leben — die Ursache aller Schwäche, 
die den Namen „Liebe“ trägt, verbannte, die all unser 
Denken gefangen nimmt, es lähmt. 
Du weisst, dass mir die Frau ein unverstandenes 
Rätsel ist, ein so häufig übersetztes, ewig unübersetz 
bares Buch. 
Was hast Du Dir nur gedacht, als Du vor sechs 
Wochen die Lokalnachrichten gelesen hast, die von 
meinem „Selbstmord aus unglücklicher Liebe“ erzählten. 
„Einer unserer jüngsten und besten Romanschriftsteller, 
M. C . . ., der augenblicklich im Gil Blas einen sehr 
bedeutsamen Roman, betitelt „Mirette“ veröffentlicht, 
wurde bei einer jungen Näherin von 17 Jahren bewusst 
los aufgefunden. Es war in ihrem Zimmer in der 
vierten Etage der rue Legendre 4, wo die beiden 
Liebenden versuchten, ihrem Leben durch Gasvergiftung 
ein Ende zu machen. Glücklicherweise wurden die 
Nachbarn durch den Gasgeruch und das Wimmern des 
verzweifelten Mädchens aufmerksam gemacht und 
konnten so noch rechtzeitig die Polizei benachrichtigen, 
die sofort die Tür sprengte. Man hofft, die Unglück 
lichen am Leben zu erhalten. Der Grund zu diesem
        
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