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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

fähig; der Knabe ist gesund und kräftig. Personen, 
die etwas anzugeben wissen, werden gebeten usw. usw. 
„Na also darum war son Gerenne auf dem Bahn 
hof,“ rief v. B. 
„Ich habe nischt bemerkt, war hundemüde, be 
merkte v. P. 
„Kinder,“ der Lump erhob sich lachend, „wie steht 
doch da von dem Vater? Halbbetrunken?“ 
„Ja doch! Halbbetrunken, überhaupt scheues Sub 
jekt, weiss Gott, was der gemacht hatte!“ sagte v. Sch. 
zögernd. 
Der Lump platzte beinahe vor Lachen! 
„Kinder! Ich muss also doch betrunken gewesen 
sein! Ich bin ja das scheue Subjekt — der entlaufene 
Vater!“ damit sank er pustend vor Lachen auf den 
Stuhl zurück. 
Ein Geschrei erhob sich! 
„Bist du verrückt, Struck? Lump, Menschenskind! 
Du warst in Berlin? Der Alte war doch wild neulich! 
Urlaub hattest du doch nicht!“ Alle schrieen und 
lachten durcheinander. 
„Nee, nee, man leise Kinder! Kommt mit zu mir! 
Ich erzähle Euch alles.“ 
Man brach schnell auf, und der Lump zog den 
jungen Arzt mit sich fort. 
„Also Doktorchen, tun Sie mir den einzigsten Ge 
fallen und gehen Sie ins Krankenhaus! Versuchen Sie 
was rauszubekommen von der Frau! Ob sie sich auf 
die Leute im Wagen besinnen kann! Und hier“, — 
er reichte ihm etwas hin, — ,,den blauen Lappen, den 
stecken Sie der armen Frau zu. Und dann kommen 
Sie schnell zurück in meine Wohnung. Sie müssen, 
hören Sie?! Freundschaftsdienst“! Er hielt ihm die 
Hand hin. 
Lachend schlug der Arzt ein. 
„Schön, ich komme!“ 
Es dauerte auch nicht lange, da sassen denn alle 
beim Lumpen, der genau berichtete. Die Erzählung 
wurde fortwährend durch schallendes Gelächter unter 
brochen. 
Dr. Paul war es gelungen mit der Frau, namens 
Lehmann zu sprechen; es ging Ihr besser, und dankbar 
hatte sie die Unterstützung von unbekannter Hand 
angenommen, Ihr Mann war ein stellenloser Kellner, 
der, wie sie meinte, in grosser Angst um sie jetzt sein 
würde; auf den fremden vermeintlichen Ehemann 
konnte sie sich nicht besinnen. 
Der Lump hiess von jetzt an nur noch: Der ent 
sprungene Vater. 
Unsere Bilder. 
Ida Hiedler, seit über 20 Jahren eine Zierde 
unseres Königlichen Opernhauses, verabschiedete sich 
unter lebhaften Ovationen des Publikums am 17. Juni 
als »Sieglinde«. Fräulein Hiedler, die am 25. August 
1867 in Wien geboren ist, hatte das seltene Glück, 
gleich vom dortigen Konservatorium nach einem er- 
„Prim von fortin " 
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1905 -M 
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Zwerg-Seidenspitz „Prinz von Berlin“ 
Besitzer Gustav Behlau, Berlin. 
folgreichen Gastspiel als »Margarete« und Alice in 
»Robert der Teufel« im Jahre 1887 an unsere Hofoper 
zu kommen, die sie jetzt verlässt, um fortan nur noch 
zu gastieren. — Auf der nächsten Seite unserer neuen 
Nummer sehen wir ein interessantes Gruppenbild: 
eine Sitzung des »Central-Comite’s der Vereine vom 
Roten Kreuz«. Die überaus vielseitige und wichtige 
Tätigkeit dieses Comite’s ist allgemein bekannt und 
gewürdigt. — Eine segensreiche Gründung ist das 
Ferienheim des Verbandes Berliner Spezialgeschäfte in 
Mellen, in dem die weiblichen Angestellten sich von den 
Strapazen ihres schweren Berufes erholen können. Auf 
der für uns aufgenommenen Gruppe sehen wir zwei 
Vorstandsmitglieder und den bekannten, jetzt in Berlin 
lebenden holländischen Dramatiker Hermann Hei je r- 
mans als Besuch im Ferienheim. — Grete Carlsen 
ist eine vortreffliche Vertreterin komischer Rollen. In 
»Hopfenraths Erben« hat sie jetzt im Berliner Theater 
wieder durch ihre echte und natürliche Komik wahre 
Lachstürme entfesselt. — Zu den besten und viel 
seitigsten unter den jüngeren Komikern gehört Max 
Marx. Sowohl in der Operette als auch in Posse 
und Lustspiel versteht er es, die drolligsten und wirk 
samsten Gestalten zu schaffen. Er wurde soeben vom 
»Neuen Operettentheater« an das »Kleine Theater« mit 
der ganz netten Gage von Mk. 15000 auf mehrere 
Jahre engagiert. — Friedrich Holthaus, der seit 
einiger Zeit dem Friedrich-Wilhelmstädtischen Schau 
spielhaus angehört, ist einer der besten Charakter 
spieler der Jetztzeit. Lange Jahre am Kgl. Hoftheafer 
in Hannover tätig, wo er ein Liebling des Publikums 
war, hat er sich auch hier eine grosse Anzahl von 
Verehrern erworben. Er spielte vor wenigen Tagen 
mit sehr grossem Erfolg »Richard III.« im Königlichen 
Schauspielhaus als Gast. — Dem Friedrich-Wilhelm- 
städtischen Schauspielhaus, das sich unter seinem 
künstlerisch strebsamen Direktor Oskar Wagner 
in so schneller Zeit eine hochgeachtete Stellung er 
worben, gehört auch der noch sehr jugendliche 
Komiker Franz Arnold an, dem nach seinen bis 
herigen trefflichen Leistungen eine grosse Zukunft 
prophezeit werden kann. — »Die blaue Maus« im 
Lustspielhaus gab Felicitas Cerigioli, der jugend 
lichen Gattin von Max Marx Gelegenheit, einen glän 
zenden Erfolg zu erringen. Die bisherige reizende Naive 
entpuppte sich auf einmal als ausgezeichnete Dar 
stellerin für Ehebruchsliteratur. — Sari Fedäk, bis vor 
kurzem der Abgott der Budapester, ist zur deutschen 
Bühne übergetreten und hat auch hier in der Operette 
»Die Betielgräfin« im Deutschen Theater durch ihre 
Verve und Grazie sehr grossen Beifall gefunden. Wir 
können mit dieser Acquisition aus Transleithanien wohl 
zufrieden sein, denn an guten und temperamentvollen 
Soubretten herrscht alihier immer noch grosser Mangel. 
— Das die beiden nächsten Seiten einnehmende Land 
schaftsbild aus der Umgegend Berlins zeigt wiederum, 
wie überaus schön die noch immer nicht genügend 
gekannte und gewürdigte Umgebung unserer Stadt ist. 
— Das schwächere Geschlecht will dem sogenannten 
stärkeren jetzt auch in physischer Hinsicht ebenbürtig 
werden. Und mit Erfolg, denn die Leistungen des 
»Berliner Damen-Turn- und Fecht-Clubs« sind wirklich 
oft ganz hervorragend. — Einen besonderen Reiz 
gewann das zu wohltätigem Zweck im Garten des 
Auswärtigen Amtes veranstaltete Fest durch die An 
wesenheit des Königs von Schweden, der sich in 
liebenswürdigster Weise mit den Anwesenden unter 
hielt. Auf unseren Bildern sieht man ausser dem 
König die Damen und Herren der Schwedischen Ge- 
sandschaft sowie die Fürstin zu Wied, die Fürstinnen 
Edmund Wrede und von Donnersmarck, die Gräfinnen 
Keller, Günther-Groben, von Arnim-Zichow, von Berck- 
heim, von Bismarck-Bohlen, zu Castell-Rüdenhausen, 
Pückler, York von Wartenburg, Willi Kanitz. Madame 
Polo de Bernabe von der spanischen, Frau von Clapa- 
rade von der Schweizer Botschaft, Baronin Greindl 
von der belgischen, Frau von Hegermann-Lindencrone 
von der dänischen Gesandschaft, Frau Minister von 
Bethmann-Holl weg, Frau Staatsminister von Budde 
und noch eine Reihe der bekanntesten Persönlichkeiten 
der Berliner Gesellschaft. — Zu den hervorragendsten 
Malern der Jetztzeit gehört Professor Max Slevogt. 
Der am 8. Oktober 1868 geborene Künstler war 
Schüler der Münchener Kunstakademie unter Professor 
Diez bis 1889 und bildete sich dann selbstständig weiter. 
Seit 1892 stellte er regelmässig auf den grossen
        
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