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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

Kindeken! Aber man stille jetzt! Nu kommt ne 
Station un denn schnell raus zum Bahndoktor.“ 
„Auf keinen Fall,“ dachte Fritz, „der Zug sitzt 
voller Kameraden, ich — in diesem Aufzuge — un 
möglich!“ 
„Bitte, bitte — lieber Mann — komm — ich habe — 
ach Gott, ach Gott — nicht gehen “ 
„Um Gotteswillen, sind wir bald da? Sie fiebert 
ja! Weiss denn der Schaffner schon?“ fragte Fritz. 
„Jewiss doch! Der sucht ’n Zug ab nach ’n Doktor!“ 
Da hielt auch schon der Zug mitten auf der Strecke, 
und ein alter Herr stieg mit dem Schaffner ein; ihnen 
folgte eine Frau mit Tüchern. 
Jetzt schnell ein offnes Wort mit dem Arzt reden — 
aber nein — es war wieder vergebens! Zudem siegte 
auch das gute Herz des Lumpen, denn das arme 
Geschöpf brauchte wirklich Hilfe und Beistand. Es 
ging auch alles so Schlag auf Schlag, dass Fritz kaum 
denken konnte. In aller Eile geschah nun das Not 
wendigste, und der alte Herr wandte sich dann an 
den vermeintlichen jungen Vater, der das Kind im Arm 
hielt. Er klopfte dem ängstlich dastehenden Jüngling 
freundlich auf die Schulter und sagte: 
„Gewagt war es aber, noch eine Reise zu unter 
nehmen. In St. müssen Sie heraus, bestimmt. Um 
den Kleinen ist mir nicht bange! Aber Ihr Frauchen 
da! Na, Mut, Mut! Es ist schon manches passiert! 
Kopf hoch!“ 
„Herr Doktor,“ stotterte der Lump, „ich möchte 
einen Irrtum “ 
Niemand hatte wieder hingehört, denn die junge 
Frau fing an zu reden, stammelnd, schluchzend, abge 
rissen — 
„Ach Gitt, er ist doch garnicht — ich musste ja — 
Herr Doktor, sterbe ich denn? Und mein Kind — 
Wo ist denn mein Mann? Kam er noch? — “ 
„Aber nee: Man ruhig! Hier is er ja! Jott, is 
det ’ne Liebe!“ 
Ohne weiteres wurde Fritz wieder herangezogen, 
und alle sahen mitleidig herab. 
„Nein, nein,“ wehrte sie ab, „nicht doch; Sie sind 
ja nicht“ dann griff sie nach seiner Hand, „aber 
so gut! Ach, danke — bitte sorgen Sie — ach mein 
Kind “ Sie schloss wieder die Augen. 
„Ach Jott, noch janz in Fieber,“ flüsterte man. 
„Ja, mein Kind, es wird alles gut,“ beruhigte der 
Arzt. „Stille, lassen Sie sie reden,“ wandte er sich zu 
den anderen; „und wissen Sie in St. Bescheid?“ fragte 
er Fritz ansehend. 
„Ja, natürlich,“ antwortete dieser schnell. 
„Steigt einer von die andern Herrens auch jetzt 
aus?“ bemerkte der Schaffner halblaut. 
„Nee, aber wir helfen alle sehr gerne! Natürlich 
fassen wir mit an! Det kleene Köfferchen gehört se 
man bloss! Sagen Se mal, Se wollten wohl noch ’ne 
kleene Landpartie machen!“ erklang es flüsternd durch 
einander. 
Fritz wusste nicht, sollte er lachen oder toben. 
Seinen Mantel hatte man der Kranken ganz überge 
zogen, und er musste nun in St. — wo ihn jeder 
Hund kannte, mit dem weissen Bündel im Arm und 
im Smoking auf den Bahnsteig! Er bückte sich her 
unter und zog schnell eine Tasche aus dem Mantel! 
Wenigstens hatte er nun seine Visitenkarten und konnte 
noch in letzter Minute alles aufklären. Er bat die Frau, 
das Kind warm einzuhüllen; neben im lag ein grosses 
Umschlagetuch, das doch sicher der jungen Frau ge 
hörte! Diese neue Person war nun einige Augenblicke 
beschäftigt, und ihre neugierigen Blicke waren abgelenkt! 
„Nu aber muss einer jleich mit dem Herrn Inspecktor 
reden, det se warten mit de Abfahrt,“ bemerkte der 
Schaffner, da der Zug schon langsamer fuhr. 
„Das mache ich natürlich,“ rief Fritz. „Nicht wahr, 
Sie bringen sie doch in den Wartesaal? 
„Natürlich,“ sagte der Arzt, „sie muss dann sofort 
ins Krankenhaus! Eilen Sie sogleich dorthin, damit 
man schnell den Krankenwagen schickt! Ich bleibe 
bei ihr und bringe sie hin; ich mache Sie darauf auf 
merksam, dass sie jetzt aber in Lebensgefahr schwebt. 
Hier nehmen Sie diese Karte,“ er schrieb schnell einige 
Worte auf seine Visitenkarte und reichte sie Fritz — 
„und gehen Sie sofort ab! Den Weg zum Kranken 
haus wissen Sie!“ 
Fritz nickte! Sein Herz schlug hörbar! Jetzt war 
Rettung möglich. 
„Schnell, geben Sie mir auch Ihr Kind,“ der Arzt 
nahm das weisse Bündel. 
Der Zug fuhr schon ein, Fritz riss die Tür auf und 
war draussen, ehe jemand etwas gegenreden konnte. 
Wie ein verfolgter Verbrecher warf er dem Beamten 
seine Karte hin und war schon nicht mehr zu sehen, 
als der verschlafene Mann ihm nachblickte. Er war 
verloren, wenn jetzt sein Josef nicht dastand. 
Da war er! 
Gott sei Dank! 
„Junge, fahr zu“! rief er, noch ehe er ganz auf dem 
Wagen war, „schnell, schnell, wie der Deibel fahre 
jetzt! Und dann drehst du sofort um und fährst nach 
dem Krankenhause! Hier die Karte gibst du ab! 
Läutest Sturm dort! Sie sollen fix einen Wagen 
schicken! Eine arme Frau mit ihrem Kinde soll geholt 
werden. Dann wartest du, bis die Kerls losfahren und 
kommst sofort zurück! Erkennen darf dich niemand! 
Verstehst du!“ 
„Zu Befehl, Herr Leutnant.“ 
Josef sah verstohlen seinen Herrn an. Was hatte 
der wohl wieder gemacht! Und ohne Ueberzieher 
war er! 
Der Wagen hielt, Fritz sprang herab und Josef fuhr 
gleich wieder fort. 
Atemlos schloss der Lump seine Wohnung auf. 
Gott sei Dank! Na, nu aber einen Kognak! — So! — 
Dann warf er sich aufs Bett! Er dachte nach. Hat 
mich doch jemand erkannt? Nein — unmöglich! — 
Niemand Der Vorsteher war ganz vorn bei der 
Lokomotive, der Knipser schlief, Krümperwagen standen 
auch nicht da —, na und von den Kameraden war noch 
niemand an der Wagentür! Aber in Civil — bei meinem 
Eide — nie mehr nach Berlin! Pfui Deibel! Nein, er 
wollte nichts mehr denken und schloss die Augen! 
Nach einiger Zeit stand Josef vor ihm. 
„Herr Leutnant, es ist Zeit.“ 
„Verflucht! Na denn los!“ 
In fliegender Eile wechselte er mitjosefs geschickter 
Hilfe den Anzug. 
„Na und?“ 
„Alles in Ordnung, Herr Leutnant. Ich habe doll 
geklingelt, und da kam gleich einer!“ 
„Kannte er dich?“ 
„I wo, Herr Leutnant. Der hat mich garnicht an 
gesehen; als er die Karte gelesen hatte, stürzte er 
gleich an die Hoftür.“ 
„Schön, Josef! Du halst deinen Mund und weisst 
nichts! Ich war heute zuhause, hatte — Schnupfen 
oder so was Aehnliches, und wenn dich jemand mit 
dem Wagen gesehen hat, dann hast du Bekannte aus 
der Stadt über Land gefahren. Verstanden?“ 
„Zu Befehl, Herr Leutnant.“ 
„Wenn was rauskommt, elender Gauner du —, 
dann geht’s dir schlecht! Hier, hast ’n Groschen, 
kauf ’n neuen Hut für deine Juste!“ 
Josef kannte diese Groschen seines Herrn! 
Strahlend nahm er das Geldstück und schwang 
sich auf den Bock neben den Lumpen. 
„Halt mal die Leine.“ 
Fritz zündete sich erst eine Zigarette an, dann fuhr 
er seelenruhig, als ob nichts geschehen wäre, zur 
Kaserne ausserhalb der Stadt. 
Am folgenden Nachmittag sass der Lump mit 
einigen Kameraden, der Assistenzarzt war zufällig auch 
dabei, im Cafe am Markt. Jeder las in irgend einer 
Zeitung. Da rief plötzlich der junge Graf Sch.: 
„Hört doch mal, Kinder!“ 
„Na, was is los?“ 
„Hier in unserem Generalanzeiger steht eine rätsel 
hafte Sache! Also: Grossartige Ueberschrift: Der ent 
sprungene Vater: In der Nacht vom Sonntag zum 
Montag wurde eine junge Kellnerfrau, die in Berlin 
den Zug 1,40 benutzt hatte, vom Storch überrascht; 
sie gab einem gesunden Knäblein das Leben. Bis 
zuletzt hatte sie auf ihren sauberen Ehegatten warten 
müssen, der dann nach Aussage der Reisenden halb 
betrunken in letzter Minute noch hereingestürzt war. 
Der Mann soll ein scheues, etwas linkisches Wesen 
gezeigt haben, war mit schäbiger Eleganz gekleidet 
und hatte wahrscheinlich nötig sich zu verstecken, 
denn er ist in grosser Eile zum Krankenhause ge 
stürzt — muss also mit den hiesigen lokalen Verhält 
nissen durchaus vertraut gewesen sein, — hat dort 
den Wagen bestellt und ist dann spurlos verschwunden. 
Die junge Frau ist leider noch nicht vernehmungs-
        
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