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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

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Witt, die weibliche Hauptkraft des Residenz 
theaters. — Mit dem Frühjahr tritt der Sport auf 
dem grünen Rasen wieder in sein Recht. Unser Bild 
zeigt vier interessante Momentaufnahmen aus dem 
feudalen Karlshorst, dem gut bürgerlichen Trabrennen 
zu Weissensee und vom Viktoria-Sportplatz in Marien 
dorf, auf dem das jetzt so moderne Fussball-Wettspiel 
mit soviel Eifer betrieben wird. — Eine der viel- 
gelesensten und beliebtesten Romanschriftstellerinnen 
ist Ossip Schubin. Sie gehört sogar zu den we 
nigen deutschen Autoren, deren Werke nicht nur aus 
Leihbibliotheken entlehnt, sondern wirklich gekauft 
werden. — Ludwig Barnay’s einzige Tochter Lolo, 
die in sehr jungen Jahren den bekannten hiesigen 
Rechtsanwalt Dr. Rosenstock heiratete, hat auch in 
der Ehe ihre schöne Stimme nicht vernachlässigt, son 
dern unablässig weiter ausgebildet. Kein Wunder, 
dass sie schon bei ihrem ersten öffentlichen Auftreten 
grossen Beifall fand und jetzt als Konzertsängerin ein 
bedeutendes Renomee hat.— Gar viele giebt es in Berlin, 
die weder Knauer noch Schur oder einen anderen 
Spediteur beim Umzug brauchen. ,,Machen wir selbst'* 
heisst es und sie machen es, wie man auf unserem 
Bilde vom April-Umzug sehen kann. — Wer in Berlin 
kennt nicht den Namen Jandorf? Seine grossen 
Warenhäuser, zu denen jetzt noch das so vornehme 
und schöne „Kaufhaus des Westens“ gekommen 
ist, werden täglich von vielen Tausenden besucht. Den 
Chef des Hauses Jandorf, Adolf Jandorf, mit Frau 
und Sohn in seinem schönen Heim in der Tiergarten 
strasse zu sehen, dürfte daher allgemein interessieren. 
— Die Königliche Kapelle des Opernhauses hat den 
langjährigen Dirigenten ihrer Sinfonie - Konzerte, 
Felix Weingartner, den jetzigen Direktor der 
Wiener Hofoper, verloren. An seiner Stelle dirigierte 
vor Kurzem ein anderer Meister, Geheimrat von 
Schuch, der General-Musikdirektor der Dresdner 
Hofoper. Es war ein vollgiltiger Ersatz, denn Schuch 
gehört zu den allerersten Dirigenten aller Länder und 
Zeiten. —. Ein anderer Grosser im Reiche der Ton 
kunst ist unlängst dahingeschieden. Josef Sucher, 
dessen Leistungen in der Theatergeschichte unver 
gesslich bleiben werden, hat besonders für die Wagner 
oper Grosses getan im Verein mit seiner Gattin 
Rosa Sucher. Mit diesen beiden Namen ist die 
Glanzzeit der Leipziger Oper unter Angelo Neumann- 
Förster, die der Hamburger unter Pollini und nicht 
minder diejenige unseres Königlichen Opernhauses 
eng verknüpft. Josef Sucher, der auch als Mensch 
mit vollstem Recht überaus beliebt war, starb im 
64. Lebensjahre. — Der Direktor des Königlichen 
Zeughauses Geheimrat Dr. Edgar von Ubisch ge 
hört zu den hervorragendsten Vertretern seines Faches, 
dessen Wissen und Können allgemein hoch geschätzt 
wird. — Der erst am 13. September 1906 gegründete 
„Ruderklub am Wannsee“ hat es in kurzer Zeit 
sehr weit gebracht, denn er nennt schon jetzt ein 
Inka von Linprun. 
sehr schönes Heim sein eigen, das vor Kurzem feier 
lich eingeweiht wurde. — Das schmucke Folies- 
Bergere-Theater hat wieder ein glänzendes Programm- 
Wir bringen zwei der Hauptattraktionen, Gudrun 
Hildebrandt und Liane d’Eve. Gudrun Hilde 
brandt, vor noch nicht langer Zeit für Kinderrollen 
am Königlichen Schauspielhaus und zugleich im Opern 
ballet tätig, gehört zu den graziösesten Tänzerinnen, 
aber nicht zu denen mit dem stereotypen Lächeln, 
denn sie zeigt Seelenspiel und vortreffliche Mimik. 
Die schöne Pariserin Liane d’Eve ist bekannt 
lich ein Liebling der Berliner Varietebesucher. — 
Pia Carrozzi vom Passagetheater, eine aus 
gezeichnete Harfenvirtuosin, erfreut durch ihr Spiel 
jeden Kenner. — Das beliebteste und vornehmste 
Kabaret unserer Stadt „Roland von Berlin“ 
schliesst bald seine Pforten, doch wird voraus 
sichtlich der Gründer und Leiter desselben, Paul 
Schneider-Duncker eine andere Heimstätte für 
sich und die seinigen finden. Es wäre schade, wenn 
dies treffliche Ensemble nicht erhalten würde. 
Schneider-Duncker mit seiner glänzenden, so fein 
pointierten Vortragskunst, Theodor Francke mit 
seinen selbstverfassten, von Geist und Witz sprühenden 
Vorträgen, die er mit unnachahmlicher Drolerie vor 
bringt, die kleine Claire Waldoff, die riesig komisch 
und originell ist und ferner Mizl Friese, die fesche 
Wiener Soubrette. Dazu kommt noch der als Kapell 
meister fungierende hochbegabte Komponist Walter 
Kollo und Herrmann Klink, dessen Bild wir im 
Text bringen. Aus seinem Gedicht, das wir dort ver 
öffentlichen, werden unsere Leser zweifellos ersehen, 
dass Herrmann Klink ein wirklich grosses und be 
deutendes poetisches Talent ist. — Die „great attrak- 
tion“ des Apollo-Theaters wird vom 1. Mai ab 
wieder, wie vor zwei Jahren, die überaus komische 
Pantomime „Ein Abend in einem amerikanischen 
Tingeltangel“ sein, die in der Originalbesetzung, aber 
vollkommen neu inszeniert, zur Aufführung gelangt.— 
Die alte Waisenbrücke, die unser letztes Bild zeigt,, 
ist seit Jahren durch eine massive Brücke ersetzt. Die 
Waisenkirche war die Kirche des danebenliegenden 
Waisenhauses; seit dem Herbst abgerissen um einem 
städtischen Verwaltungsgebäude (f. d. Wasserwerke) 
Platz zu machen. Die Ecke links, in.jier die Bäume 
stehen, wird Ausgangspunkt der neuen Spreeuferstrasse 
nach dem Molkenmarkt, ln wenigen Jahren, wenn die 
Hintergebäude derStralauerstrasse gefallen sein werden, 
wird hier nichts mehr an das älteste Berlin erinnern. 
Die Gebäude auf dem Bilde rechts, waren die alten 
Schicklerschen Speicher. Längst abgerissen; jetzt ist 
dort die Schickierstrasse, welche die Stralauer- mit der 
Alexanderstrasse verbindet. — Auf der letzten Seite 
unseres belletristischen Teiles ist das Bild der be 
kannten Geigenkünstlerin Inka von Linprun. Felix 
Dreyschock widmete ihr nach einem Konzert fol 
gende Verse: 
„Dankbar gedenken wir Deines 
Künstlerisch vornehmen Spieles: 
Komme bald uns zurück, auf dass 
Wir Dir Dankbarkeit zeigen!“ . . . 
Dr. Hugo Russak.
        
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