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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

durchflutet die schmutzigen, nasskalten, taudampferden 
Strassen . . . Autos — Omniautos, elektrische Schienen 
wagen schwanken heran und wogen hinweg, Farben 
lämpchen, schimmernd in allen Nuancen . . . die 
Geschäftsläden speien durch die Schaufenster ein 
Meer von Flammen aus, belebend und vertausend 
facht wiederbelebt durch den Reflex in seidenen 
Stoffen, herrlichen Glas- und Goldwaren, Edelsteinen, 
Schmucksachen und den unzähligen anderen Gegen 
ständen, die der Riesenbazar Unter den Linden, 
Friedrichstrasse aufzuweisen hat . . . 
Was tun in meiner Einsamkeit? 
Schon beabsichtige ich in die Elektrische zu steigen, 
um nach irgend einem Ende der Weltstadt zu fahren, 
da tritt ein Umstand ein, der meinem Willen eine 
andere Direktive gibt. 
Die Behrenstrasse entlang geht ein junges Mädchen 
— bald hastig schnell — nervös in seiner Bewegung, 
bald wieder langsam; als ob es sich was überlegte 
und von Zweifel erfüllt sei, als ob es im Entschluss 
klar zur Ausführung schreite. Das Mädchen ist der 
Gestalt nach nicht schön, ziemlich klein — wie mir 
scheint, sogar ein wenig verwachsen — Kopf etwas 
vorgebeugt und zur Seite — aber ein Antlitz hat es — 
ich muss unwillkürlich an das Bild „Verlassen“ denken, 
ln einem lilienbleichen, lieblichen Gesicht zwei grosse, 
schwermütige, träumerische, von langen, sammet 
dunkeln Wimpern bedeckte Augen — die Schwere des 
Daseins, was ein Herz leidend empfunden, sagen diese 
Augen, hier kannst du es offen sehen und lesen — 
diese Augen predigen Mitleid wie jener grosse Naza 
rener. . . Das Gesicht umrahmt schwarzes offenes 
Haar, dass auf ein dunkles, längst nicht mehr neues, 
verschlissenes Kleid in mächtigen Wellen herabfällt. 
Die bleiche Gesichtsfarbe tritt in dem Rahmen noch 
mehr hervor. 
Das Mädchen interessiert mich — ich möchte die 
Kleine ansprechen.. Vielleicht giebt es hier was zu 
erleben, denke ich, und welcher Horribiliskribifex er 
lebt nicht gerne etwas — das Leben ist sehr teuer 
und der Stoff ist rar — doch nein, es ist nicht allein 
Abenteuerlust — ich tue mir Unrecht, wenn ich das 
sage; ich habe wirklich eine unerklärliche Sympathie 
für das Mädchen und ich fühle, dass ich vielleicht 
durch irgend eine Wohltat jemand glücklich machen 
könne . . . 
Ich — glücklich machen . . ? Und selbst . . . 
Das Mädchen schreitet über die Friedrichstrasse 
am Passagepanoptikum vorbei die Behrenstrasse weiter. 
Ich folge der jungen Dame in gemessener Entfernung, 
und immer wieder beobachte ich, dass Angst, Sorge, 
Zweifel das Mädchen bald zu einem auffälligen Stehen 
bleiben oder hastigen Gehen veranlassen. 
In der Mauerstrasse, an einem grossen und schönen 
Eckhause, das in einer Wandvertiefung die Figur des 
alten Dessauer in Lebensgrösse zeigt, macht sie Halt. 
Wir sind schon nicht mehr in dem Herzen der Frie 
Paul Spadoni, 
der König der Kraft-Athletik 
(Apollo-Theater). 
drichstadt. Nicht mehr das Tausenderlei in den grossen 
Läden — nicht dieses elektrische Flammenmeer — 
nicht dieser Menschenandrang — nicht mehr dieses 
Wagengerassel — Glockengebimmel usw. fesseln 
unsere Sinne, umschwirren und betäuben sie . . . 
Ob sie gemerkt hat, dass ich ihr folgte? .... Ich 
glaube nicht — sie sah sich wenigstens nicht um — 
freilich, nunmehr muss es sich entscheiden, ob ich 
ihre Bekanntschaft machen werde oder nicht — ich 
bin ihr kaum fünf Schritte entfernt und sie steht vor 
der Haustüre und ihre Hand liegt auf dem Knopf 
der elektrischen Klingel. 
Wohnt sie hier? 
Sie lässt plötzlich ihren Arm wie entkräftet fallen — 
und „Ach Jott“ höre ich sie seufzen; sie scheint es 
sich zu überlegen ob sie weitergehen soll . . . ? 
Jetzt wendet sie sich und erblickt mich . . . 
Mit welchem Gesicht ich sie wohl angesehen 
habe . . . ? Ich weiss es nicht, aber einen solchen 
undefinierbar seltsamen, heissen, schmerzvollen, ge 
quälten Blick warf mir das Mädchen zu — ich musste 
gewiss Vertrauen erweckt haben — zweifelsohne -— 
nicht Jedem zeigt man sein Inneres auf dem Präsen 
tierteller der Augen . . . 
Eine unbezwingliche Sehnsucht fasst mich, ihr 
Seelenrätsel zu lösen . . . 
Und ich fasse mir ein Herz und rede sie an — 
ich habe wohl sehr eigentümliche Worte und Rede 
wendungen gebraucht um meine Verfolgung, Vor 
stellung, den merkwürdigen Herzensdrang, sie kennen 
zu lernen, zu erklären, aber die Ehrlichkeit meiner 
redlichen Absichten muss ihr doch eingeleuchtet haben, 
ein sanftes Lächeln an ihren Mundwinkeln verrät mir 
die Erlaubnis, dass ich ihr folgen darf . . . 
Dieses Lächeln . . . 
Ich habe noch nie Jemand so lachen sehen . . 
dieses Lächeln muss mehr Wert haben, als die un 
gezählten Tränen von tausend anderen Menschen . . 
es verlangte Mitleid, aber wer so lächelt, muss auch 
Mitleid haben, muss ein grosses Herz haben, in dem 
Empfindung, Freundschaft, Liebe schön und herrlich 
wie tropische Blumen gedeihen ... 
Ein solches Herz — mehr als ein Königreich, für 
ein solches Herz — danach ringe ich schon lange wie 
der ermattete Schwimmer nach dem Lande . . . ich 
will alles entbehren, alles auf diesem kalten Schutt 
haufen Erde — nur ein Herz — ein grosses, mit 
fühlendes, warmes Herz . . . 
Man begreife das! ... Es gehört wohl für jemand, 
der ausgeprägten Sinn für das Schöne hat, der fähig 
ist, wie ein Grieche vor der schönen Form eines 
Götterbildes zu knien, eine gewisse Nervosität, Hys 
terie, Perversität dazu, Sympathie und fast noch mehr 
für ein Mädchen mit kränklichem, nahezu hässlichen 
Körper zu gewinnen . . . 
— Ich habe schon schöne Frauen, begehrenswerte 
innig in meine Arme gedrückt — wollte an einem wild 
schlagenden Herzen mein wild schlagendes Herz in 
Verzückung geraten lassen und jene gewaltige unlös 
bare Sehnsucht, die uns der Himmel als zweifelhaftes 
Göttergeschenk zum einzigen Glück und Fluch gegeben, 
stillen . . . vergessen . . . mich selbst vergessend, in 
einem anderen Wesen aufgehend — aber Eis der 
Selbstsucht, der schnöden Berechnung berührte meine 
Brust, mein schlagendes, glühendes Herz — Eis . . . 
und ich schauerte zusammen — und ich stiess sie von 
mir . . . 
Ein Herz ... ein warmes Herz . . . 
Melitta heißt das Mädchen — ein seltsamer Name ... 
seltsam? . . . ich besinne mich, was mir an ihrem 
Namen seltsam erscheint. Nachdem sie ihn mir ge 
sagt hat, schreite ich nachdenkend zu ihrer Linken und
        
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