Path:

Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

Mein erstes Auftreten. 
Eine trübe Erinnerurg von Albert Kutzner. 
(Nachdruck verboten). 
In dem Kolonialwarengeschäft meiner Eltern kauften 
etliche Mitglieder des Sommertheaters in Strassburg, 
unter anderem der bekannte KomikerOustl Schweighofen 
Derselbe interessierte sich für mich und da ich immer 
vom Theater schwärmte, so redete mir Schweighofer 
zu, ich sollte doch im Edentheater bei der dortigen 
Operette für Statisterie und kleine Rollen eintreten. 
Während meiner Tätigkeit als Kaufmann hatten wir, 
einige Freunde und ich, jeden Donnerstag Abend unsere 
theatralischen Zusammkünfte, an welchen die Klassiker 
vorgetragen wurden und zwar mit verteilten Rollen. 
Da sich aber diese Sitzungen oft bis gegen 4 Uhr 
ausdehnten, so wurde mir das Ausbleiben an den be 
treffenden Donnerstagen nur bis höchstens 12 Uhr von 
meinen Eltern gestattet. Mein Vater ging in seiner 
Strenge so weit, bei unserem Buchhalter im Geschäft, 
der die Seele unserer Veranstaltung war und dessen 
Interesse und Fürsorge ich alles, was ich bis jetzt er 
reicht habe, verdanke, einen furchtbaren Krach zu 
machen und nun war es überhaupt aus. 
Umsomehr ergriff ich nun die Gelegenheit, die sich 
mir durch Herrn Schweighofer bot, und durch diesen 
noch ermuntert, meldete ich mich bei der Direktion des 
Edentheaters als Volontair an und um das Mass meiner 
Seligkeit zu erhöhen, wurde mir bei meiner Annahme 
sofort eine Rolle zuerteilt und zwar in der Operette 
„Fatinitza.“ 
Ich spielte den Adjutanten des russischen Generals 
„Kantschukoff“ und hatte zwei Sätze zu sprechen und 
zwar „Zu Befehl, Exzellenz“ und „Exzellenz befahlen 
100 Knutenhiebe“. Es wird mir nun jedermann zu 
geben müssen, dass dies für einen Anfänger doch 
eine feine Sache ist. 
Nun kamen aber zwei Sorgen für mich. 
Erstens, wie im Geschäft Urlaub zu den Proben 
zu erhalten, ohne den wahren Grund anzugeben und 
zweitens mein Vater. Die Sorge im Geschäft wurde 
ich bald los. Ich simulierte einen kranken Fuss und 
die Sache ging. Zur grösseren Sicherheit kam ich 
auch mit einem Pantoffel und einem Stiefel zur Probe, 
nachdem ich vorher Herrn Schweighofer, der die 
Regie von „Fatinitza“ führte, eingeweiht hatte. Meiner 
Mutter hatte ich alles anvertraut, und lieb, wie alle 
Mütter sind, hatte Sie versprochen mir zu helfen. Ich 
sollte nur dafür sorgen, dass Vater nichts gewahr 
würde. Ich muss nun noch einfiigen, dass meine 
Eltern eifrige Besucher des Eden-Theaters waren und 
namentlich Sonntag Abend fehlten sie selten im Thea 
ter. Nur für den betreffenden Sonntag, an welchem 
ich losgelassen wurde, hatte es meine Mutter zustande 
gebracht, dass sie anderswo hingehen wollten. 
Also der Sonntag kam. Ich hatte schon längst 
gegessen, als mein Vater zu Tisch kam und erzählte, 
er hätte durch Zufall zwei Billetts für „Fatinitza“ er 
halten und schon deshalb müsste hingegangen werden. 
Dagegen war nun nichts mehr zu machen und um 
meinen Vater nicht aufmerksam zu machen, schwieg 
meine Mutter überhaupt. Ein vielsagender Blick der 
selben zeigte mir, dass es besser sei, von der Bild 
fläche zu verschwinden. 
Was ich bis zu jenem „grossen Momente“, den 
Augenblick meines ersten Auftretens, getan habe, 
fllbert Kutzner (Theater des Westens), 
Verfasser von «Mein erstes Auftreten». 
weiss ich nicht mehr, jedenfalls flogen die Minuten 
mit herzbeklemmender Geschwindigkeit dahin. Das 
letzte Zeichen zum Beginn der Vorstellung war ge 
geben, schüchtern wagte ich mich an das sogenannte 
„Guckloch“ des Vorhanges, um zu sehen, ob meine 
Eltern wirklich da sind. Sie waren wirklich da, und 
zwar erste Reihe Parkett. Die Vorstellung nimmt 
ihren Anfang. Gleich in den ersten Szenen fielen 
der General Kantschukoff nebst seinem Adjutanten 
(moi) auf, das Stichwort kommt, Gott sei Dank, der 
erste Satz ist heraus — jetzt der zweite: 
Bei den ,Knutenhieben 1 bleibt mir das Wort in der 
Kehle stecken, denn plötzlich sehe ich, wie mein 
Vater, seinen Augen wohl nicht trauend, das Opern 
glas nimmt und mich von Kopf bis Fuss betrachtet, 
dann aufgeregt sich zu meiner Mutter wendet. Eine 
dunkle Ahnung stieg mir plötzlich auf, sollten die 
steckengebliebenen 100 Knutenhiebe dem Herrn Ad 
jutanten bestimmt sein ? Na, meinetwegen, den Kopf 
kann’s nicht kosten sagte ich mir, und willst du wirk 
lich einmal etwas tüchtiges werden, dann lass dich 
durch nichts abschrecken, wenn du auch gleich beim 
ersten Auftreten „vielversprechend“ stecken bleibst. 
Eine ernste Aussprache mit meinem Vater und mir, 
bei der ich Sieger blieb, beschloss den, für mich so 
bedeutungsvol'en Abend. — 
Melitta. 
Eine Skizze von Bernstein-Sawersky. 
(Nachdruck verboten) 
Der Nachmittag gefällt mir nicht ... ob ich dem 
Grossstadtleben Schuld geben soll? . . . 
Das Heute ist mir ein Rätsel . . . 
Das wühlende, farbige, lächelnde, ernste, koket 
tierende, schweigende, schwatzende, hässliche und 
herrliche Leben zieht wohl wie immer in der Gestalt 
einer schillernden, tausendköpfigen Riesenschlange an 
mir vorüber, aber mein Auge sieht es nicht ■— meine 
Sinne empfinden es nicht . . 
Und sonst — . . . ? Das Heute ist mir ein Rätsel. — 
Ich fühlte stets einen unbeschreiblichen Reiz, meine 
Seele in den Wellen dieses ungeheuren Menschen 
meeres zu baden — Perlen und Muscheln dabei zu 
sondieren — und das Schöne und Angenehme mit 
nach Hause zu nehmen, um es unter dem Schleifstein 
der Kunst zu verwerten. . . . 
Hin und wieder kam mein Herz mir auch vor wie 
eine Laterna magica. — 
Heute ist die Laterna magica umflort — kein Bild 
spiegelt sich wieder — die Friedrichstrasse ist für mich 
leblos, menschenleer. 
Ob die grauen Herbstwolken meine Stimmung ver 
ursachen — oder das welke Blatt auf meiner Schulter, 
das eine Linde tragmüde auf mich herabgleiten 
liess. . . . ? 
Der Herbst mit seinem dunklen Gewand erscheint 
mir immer wie ein Pastor, der dem Menschen die 
letzte Oelung gibt und ihn auf den Ted vorbereitet-— 
er spricht zwar mit schönen Worten vom Jenseits, 
umschreibt in herrlichen Metaphern das Nichts im 
Nichts — aber es ist doch immer der Tod. . . . 
Ich bin an der Ecke der Behrenstrasse. Der Gedanke, 
dass ich heute noch etwas unternehmen müsse, führte 
mich an die Litfasssäule ... Es war inzwischen die 
Dämmerung eingetreten — Gas- und elektrisches Licht
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.