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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

der Schwägerin wurde die Stätte der Andacht zu einem 
Lagerraum und zu einer Rumpelkammer herabgewür 
digt . . . 
Das Mädchen warf noch einmal den Blick zurück, 
dann schritt sie die Treppe hinab, ln der zweiten 
Etage wohnte ihr nunmehr glücklich verheirateter 
Bruder. Bis vor einigen Tagen, bis zu der grossen 
Auseinandersetzung hatte sie ihm das Haus geführt, 
ganz wie zu Vaters Lebzeiten. Seine junge Frau wollte 
die Flitterwochen gemessen und sich nicht in der Poesie 
der Liebe von der Prosa des werktägigen Lebens 
stören lassen ... 
Als einzige Tochter eines reichen Witwers war sie 
verwöhnt, verzogen und die Laune war die Mutter 
ihres Willens. Dabei schlief sie gern lange in den 
Tag hinein und sie war keine Freundin der Arbeit. 
Sie malte fürs Haus ganz nette Aquarelle, aber mit 
Farbenmischungen kann man schwer den Hunger des 
Mannes stillen . . . Und so führte die Schwägerin 
den Haushalt zur allseitigen Zufriedenheit . . . Das 
sollte so lange dauern, bis auch sie sich verheiraten 
würde, bis sie der Bruder durch Gewährung einer 
Mitgift verheiraten werde. Denn das hatte er dem 
Vater auf dem Totenbette versprochen. 
Er hatte es versprochen und wollte das heilige 
Versprechen vielleicht auch halten, aber die Schwester 
konnte die Verwirklichung der Dinge nicht abwarten. 
Dass die Schwägerin einen anderen Geist ins Haus 
bringen wollte, wo sie fast zwanzig Jahre geherrscht, 
geschaltet und gewaltet, dass konnte sie verstehen, 
wenn es sie auch manchmal bei der Metamorphose 
des Milieu fröstelte und ihr nahe ging; dass sie aber 
das allerdings nicht elegant eingerahmte und vielleicht 
auch vom künstlerischen Standpunkt nicht gerade her 
vorragende Bild der Eltern aus dem Salon wegschaffte 
und in eine dunkle Ecke des Schlafzimmers hing und 
dass der Ehemann, der Sohn dieser Eltern dergleichen 
duldete — dass ginge über ihre Ertragsfähigkeit hinaus, 
ln der Hast der Aufregung beschloss sie zu gehen, 
sich in der Fremde eine Stellung zu suchen und Nie 
mand hinderte sie; Niemand riet ihr zu bleiben. . . . 
Im 32. Jahre wollte sie hinaus in die Fremde ziehen! 
Als sie vor dem Korridor der brüderlichen Woh 
nung stand, erfüllte sie einen Augenblick der Gedanke, 
dass sie doch Abschied nehmen müsse — und sie 
weilte zögernd vor der Türe; ihre Hand näherte sich 
etwas dem Knopf der elektrischen Klingel, denn die 
Korridorschlüssel hatte sie schon vorher abgegeben. 
Aber ihre Willenstärke gelangte diesmal nicht zum 
Sieg — die Schmach, welche man den Eltern angetan 
hatte, fesselte ihre Hand, sie kehrte der Wohnung den 
Rücken und verliess einsam die Stätte ihrer Geburt. . . . 
Auf der Strasse lag zollhoch der Schnee — Schnee 
flocken spielten in der grauen Luft und verwischten 
die Spur der von wenigen Fussgängern gezeichneten 
Fläche — in weiser Totenhaube standen die zwei- 
und dreistöckigen Häuser — wie die schneeweissen 
Augenbrauen eines Greises sahen die schneebedeckten 
Vorsprünge, Simse aus — nur das Fensterauge der 
Häuser und das Gesicht blieb frei von dem Schleier 
der Flocken und erinnerten daran, dass sich hier 
hinein das Leben zurückgezogen habe und noch hause. 
Und sie schritt langsam dahin und kam an die 
Wohnung ihrer Freundin. Manche nette Stunde hatte 
sie mit dieser verlebt und früher, als sie noch zu 
Tanz und Bällen ging, nannte man die beiden Mäd- 
LOUIS Kühn (Deutsches Theater), 
ältester deutscher Schauspieler, starb im 92. Lebensjahr. 
eben die Unzertrennlichen. Was war die Freundin 
ihr aber später in ihrem Schmerz gewesen? Welches 
Verständnis, welche tätige Hilfe brachte sie ihr in 
ihrem zersetzenden Kummer entgegen? ... Sie war 
ihr eine Freundin der Freude, aber nicht eine Freundin 
der Leiden. . . . 
Und so brachte sie es um Alles in der Welt nicht 
über sich, die Haustüre zu öffnen und von der 
Freundin unter tiefbedauerlichen Ausdrücken Abschied 
zu nehmen. 
Die Einsame ging einsam weiter ... sie fror, sie 
hüllte sich fester in ihr Jacket und umhalste sich besser 
mit ihrer Boa. Wohin? Zu den anderen Verwandten? 
Hatte sie den Verwandten, hatten ihr die Verwandten 
etwas zu sagen —? Konnten die Verwandten ihr 
etwas mitteilen, was ihr zu Herzen ging? Wo nicht, 
waren die Verwandten ihr nicht fremd, wie andere 
Fremde? Hatte sie überhaupt Jemand hier in der 
kleinen Stadt, der ihr nicht fremd war, wenigstens 
nicht fremd erschien? Der ihr nicht so kalt und frostig 
vorkam, wie der Schnee, auf dem sie trat? Wen hatte 
sie noch auf der ganzen Welt, der sich innig mit ihr 
unterhalten konnte, der so tief ihre Leiden fühlte, der 
mit ihr an ihre Jugend dachte, der sich mit ihr über 
die Pläne der Zukunft unterhielt? . . . Wo hatte sie 
noch Jemand auf der Welt? — Das Mädchen schritt 
zur Stadt hinaus und die Strasse dahin, auf der sich 
täglich ein-, zweimal ein langer Zug bewegt — lang 
sam, stumm — viele Männer im schwarzen Zylinder 
und vorn an der Spitze ein schwarzer Sarg, in dem 
das Teuerste und Liebste des Menschen hinaus 
getragen wird. 
Bei Vater und Mutter unter grauen Steinen, über 
welche die Schneeflocken leise spielten, wo die fried 
lichen Harfenklänge der Ewigkeit ertönen, gab sie in 
Form einiger Blumen, die sie am Herzen getragen 
und mit ihren Tränen frisch gehalten, ihre Visiten 
karte ab, vernahm sie noch einmal alles Gute, was 
Eltern den Kindern zum Abschied sagen, indem sie 
ihre Hände aufs Haupt legen, und wandte sich dann 
seelengestärkt dem Bahnhofe zu, um für immer die 
die Heimat zu verlassen ... 
Unsere Bilder. 
Alexander Girardi, unserem gefeierten Wiener 
Gaste zu Ehren veranstaltete der Deutsche Bühnen- 
Klub in seinen Räumen ein Bankett, an dem Alles, 
was zum „Bau“ gehört sich vereinte, um Girardi zu 
ehren. Die Aufnahme der Festtafel eröffnet den 
illustrierten Teil unserer Nummer. — Zu einem gesell 
schaftlichen Ereignis allerersten Ranges gestaltete sich 
durch die Teilnahme des Kaisers die kürzlich statt 
gefundene Hochzeitsfeier von Fräulein Auguste 
Victoria Staudt mit dem königl. preussischen Ritt 
meister im II. Garde-Ulanen-Regiment Wilhelm 
von Kummer. Excellenz Freiherr Otto von 
Manteuff el, der bekannte konservative Parlamentarier, 
wurde anstelle des kürzlich verstorbenen Fürsten zu 
Inn- und Knyphausen zum Präsidenten des preussischen 
Herrenhauses gewählt. — Den weltberühmten „Mime“ 
unserer Königlichen Oper Julius Lieban mit seiner 
Gattin, der bekannten Sängerin Helene Lieban- 
Globig, und seinen Töchtern im Heim zeigt die 
nächstfolgende Aufnahme. Lieban begeht übrigens 
demnächst die Feier seiner 25 jährigen Zugehörigkeit 
zur Königlichen Oper. Das malerische Gruppenbild 
auf der nächsten Seite führt uns in das Studentenleben 
der Reichshauptstadt. Die Burschenschaften Thuringia, 
Markomannia, Rugia und Teutonia haben sich auf dem
        
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