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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

seinem Gefährt hält und das verschlafene Dienst 
mädchen bedient, der winzig kleine Bäckerjunge mit 
seinem Riesenkorb und einem winzig kleinen Latern- 
chen, die abgerackerte alte Zeitungsfrau, die es immer 
so eilig hat. 
In der Nähe des Bahnhofs aber ist es schon recht 
lebhaft auf den Trottoirs, und in der Flensburger 
Strasse, an den schmutzigbraunen Stadtbahnbögen 
entlang, strebe ich schon in einem dunklen Menschen 
strom dahin. Plötzlich geht eine Bewegung durch 
unsere Reihen. Hinter uns ertönt ein brummendes 
Geräusch, anschwellend, immer drohender, alle Beine 
setzen sich unwillkürlich in beschleunigte Bewegung, 
und nun braust es auch schon mit feurigen Augen 
hoch oben an uns vorüber. Der Zug! — Da ist kein 
Halten mehr, alles läuft und stürmt dem Eingänge 
des Bahnhofs zu. Der flinke Kommis, der würdevolle 
alte Herr im blanken Cylinder, die dicke Geschäfts 
madame, der langbeinige Gymnasiast, wie sie rennen 
können! Ja selbst jenes niedliche kleine Geschäfts- 
fräulein verliert alle seine selbstbewusste Haltung und 
eilt mit fliegenden Röcken die Treppe hinauf. 
Welche Augenweide für einen Karrikaturzeichner 
wir wären! 
Keuchend und pustend geht es oben durch die 
Sperre, wo ein schnauzbärtiger Eisenbahner mit un 
übertrefflicher Seelenruhe die Parade über alle heran 
drängenden Männlein und Fräulein abhält. 
Ich springe durch die nächste offene Coupetür und 
sinke in die Polster. Geräuschlos gleitet der Zug aus 
der Station. 
Bis auf einen Platz neben mir ist das Abteil be 
setzt. In der Ecke mir gegenüber sitzt ein kleiner 
Quartaner und stiert verdrossen in seine Geschichts 
tabelle. Neben ihm ringt der würdevolle alte Herr 
mit dem blanken Cylinder vergeblich nach Luft. An 
seiner Seite, durch seine Fülle etwas eingeengt, sitzt 
eine schüchterne kleine Näherin oder Putzmacherin, 
ganz versunken in die Fortsetzung des wunderschönen 
Romans in der Unterhaltungsbeilage des Berliner 
Lokalanzeigers. Den andern Eckplatz nimmt ein voll 
bärtiger blonder Herr in breitrandigem Kalabreser ein. 
Auch seine mit goldener Brille bewahrten Augen sind 
in etwas Gedrucktes versenkt, aber Form und Auf 
druck des Heftes deuten nicht auf sentimentale Lektüre 
hin. Nach langem scharfen Hinsehen kann ich den 
Titel lesen: Analytische Geometrie der Kegelschnitte. 
Aha, ein Herr Oberlehrer, und in der braunen Akten 
mappe neben ihm verbirgt sich gewiss verschämt ein 
Paket korrigierter Hefte von furchtbarer Weisheit. 
Auf derselben Seite wie ich sitzen zwei jüngere 
Herren. Ein Infanterieoffizier, mit hübschem frischem 
Gesicht, aber sonst kein besonders interessantes Beob 
achtungsobjekt, wahrscheinlich ein Kommandierter, ein 
Boxer oder Kriegsakademiker. Neben ihm lehnt schla 
fend ein junger Lebegreis, die geschlossenen Augen 
lider, die schlaffen Züge, die graugelbe Farbe geben 
dem Gesicht etwas unsäglich Klägliches. An den 
Stiefelspitzen des holden Schläfers aber klebt verräte 
risch der getrocknete Strassenschmutz der vergange 
nen Nacht. Wahrscheinlich ein Student oder ein junger 
Kaufmann. 
Der Zug hält. Lehrter Bahnhof. Die Coupetür 
wird geöffnet. Der Leutenant zieht höflich den aus 
gestreckten Säbel an, eine junge Dame steigt ein. Ein 
blasses, feingeschnittenes Gesichtchen, die hohe Figur 
rassig schlank, schwarzes Tailor-Kostüm von tadel 
losem Sitz, eng wie ein Futteral über den Hüften. 
Aha! Gräfin Gelbstern. Mit vornehmer Teilnahm- 
losigkeit läßt sie sich auf dem freien Platz neben mir 
nieder, ein feines Parfüm umschmeichelt dabei meine 
rauhe Nase. Sie liest kein Buch, sie blickt weder 
rechts noch links. Um so mehr wandert mancher be- 
Kammersänger Carl Nebe f 
(König! Opernhaus). 
wundernde Blick zu ihr hinüber, und selbst der Mathe 
matiker verliert seine gewohnte Seelenruhe und steckt 
seufzend seine Kegelschnitte in die Tasche. 
Aber an was mag Gelbsternchen denken, die stolze 
kalte Schönheit? An den reizenden Abend gestern 
mit Heinz von den Xten Dragonern, in dem wohligen 
lichtdurchfluteten Weinrestaurant, wo der respektvolle 
Oberkellner den kühlen Sillery kredenzte oder 
denkt sie an den Anschnauzer, den ihr binnen einer 
halben Stunde ihr Rayonchef, von der Firma Tulpen 
thal und Söhne, wegen Zuspätkommens sicher verab 
reichen wird? 
Nächste Station! Ich muß aussteigen, und meine 
Beobachtungen sind zu Ende. 
Letzte Nacht hatte ich einen furchtbaren Traum. 
Mir träumte, mein Artikel wäre angenommen — an 
sich kein so fürchterlicher Gedanke — und bei der 
Beliebtheit unseier Zeitschrift von vielen Tausenden 
gelesen worden, und so auch von meinen Coupe 
genossen. Sie hatten sich erkannt und fielen nun — 
wir fuhren wieder in demselben Abteil zusammen — 
racheschnaubend über mich her. Gelbsternchen bear 
beitete mir den Rücken mit ihrem seidenen Schirm, 
der Quartaner drosch mit seiner recht solid eingebun 
denen Tabelle auf meinen Kopf los, der Leutenant 
stach wie ein Berserker mit dem Degen, und der 
Oberlehrer stieß Schreie aus wie der Kriegsgott Ares 
vor Troja. Ich wehrte mich so gut ich konnte, aber 
gerade als der Zug über den langen Viadukt am 
Lehrter Bahnhof fuhr, packten sie mich und warfen 
mich kopfüber zum Fenster hinaus. Ich flog — und 
das letzte was ich noch sah, war, daß der Oberlehrer 
mit rotglühendem Gesicht und funkelnder Brille mir 
sein Paket korrigierter Hefte nachschleuderte. 
Da erwachte ich — im Schweiß gebadet. 
Ihre Abschiedsbesuche. 
Skizze von Bernstein-Sawersky. 
(Nachdruck verboten). 
Der Koffer war gepackt; der Dienstmann trat in 
das kleine Kämmerchen und setzte ihn etwas um 
ständlich anf seinen Rücken. Dann stolperte er die 
Treppe hinab . . . 
Sie stand noch einen Augenblick und starrte die 
kahlen Wände an . . . dann holte sie, die von dem 
Salz der Tränen rot gebissenen Augen halb geschlossen, 
tief, tief Athem . . . und dann zog sie ihr einfaches 
Jacket an, über das sie eine wenig kostbare Pelzboa 
legte und setzte ihren dunklen Hut auf . . . 
In zwei Stunden fuhr der Zug, sie wollte ihre Ab 
schiedsbesuche machen . . . 
Als sie ihre Handschuhe über die Finger streifte, 
überlegte sie sich, zu wem sie eigentlich gehen sollte, 
sie hatte ausser ihren Bruder noch viele Verwandten 
am Ort und auch manche Bekannte, die sich Freundin 
nannte . . . 
Sie verliess das Kämmerchen, das sie, so lange sie 
denken konnte, fast ihr eigen nannte. So einfach es 
war, so schmucklos, so schätzte sie es doch immer 
als einen lieben Aufenthalt, besonders nachdem auch 
vor einem Jahre der Vater, den sie in seiner langen 
Krankheit gepflegt hatte, der Mutter in den Tod ge 
folgt war. Jeder Gegenstand wuchs in ihre Empfin 
dungswelt hinein und jede Empfindung belebte den 
starren Gegenstand und so hatte sich das kleine Zimmer 
bald in einen farbenfrohen Tempel umgewandelt, in 
welchem Gebete der Liebe und der Verehrung alltäg 
lich und allnächtlich zu den teueren Toten gesprochen 
wurden. Das änderte sich, als ihr Bruder vor wenigen 
Wochen heiratete. Die Andacht wurde gestört, die 
Räume wurden entweiht — mit Kisten und Koffern
        
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