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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

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Gris-Perle. 
Gesellschafts-Skizze von Asta Burchardt-Nienstein. 
(Nachdruck verboten.) 
Margareta heisst „die Perle“. Auch diese. Doch 
nennt man sie meist Gris-Perle. Weil sie eine echte 
Grauperle ist. Von den ganz seltenen, kostbaren. 
Nicht von den weissen Durchschnittsperlen mit ihrer 
bequemen in Meerestiefen verkapselten Reinheit, son 
dern frei im Weltstrom rollend und doch tadellos. 
Nur grau, wie gesagt. Leicht angeschwärzt — von 
Natur. Die schätzt man am meisten. Nur ein Reicher 
kann sich solch ein Kleinod gestatten. Und Fred, ihr 
vornehmer Gatte ist so reich, dass er jeden Verlust 
ertragen könnte, nur nicht den ihren. 
Fast in eine Perlmuschel würde das schlanke 
Nippesfigürchen passen. Teint perlweiss, Augen perl 
grau, Haar goldgrau, Gang und Gesten graziös, glatt, 
gleitend — ganz Perle. 
Perlgrau ist auch ihre Leibfarbe, ihr „cri tout 
particulier“, ihre „persönliche Note“. Perlgrau in 
Tuch, Sammt, weicher Seide, selbst in Flor. Perlgrau 
mit irgend einem kleinen kecken Farbenkontrast zu 
weilen. 
Zum Beispiel ihr perlgraues Chiffonkleid mit matten 
Silbereffekten — wie mondbestrahltes Spinngeweb — 
wie sterndurchfunkelter Wolkenflor, geputzt mit grossen 
grünen Mohntuffs. Aus dem Maraboutflaum der 
kostbaren Stola taucht das Köpfchen wie aus Wellen 
schaum und frei darüber schwebt ein Halbmond aus 
Silber mit köstlichen Grauperlen, — der keuschen 
Luna Symbol! — Ja, Gris-Perle ist eben tadellos . . . 
Ist allbekannt und allbeliebt. Zu Haus bei Mann, 
Kindchen, Dienerschaft . . . Sie ist so lieb und lustig. 
Draussen bei Kaufleuten, Briefboten, Blumenfrauen, 
Strassenbettlern — sie ist leutselig und wohltätig. 
Selbst, o Wunder, bei den lieben Nächstinnen und 
Mitschwestern trotz ihrer unverzeilich reizenden Toi 
letten. Denn sie ist neidlos, harmlos, gefahrlos. In- 
triguiert, medisiert, kokettiert nicht. Amüsiert sich wie 
ein Kind und ist geschützt durch ihre Zwanglosigkeit. 
Ja, Gris-Perle ist tadellos. 
Doch halt! einen Fehler hat sie! Sie ist zerstreut 
und vergesslich. Sehr sogar! Perlen sind leicht zer 
streut. Verliert und vergisst allenthalben die sieben 
undsiebzig kleinen Unentbehrlichkeiten einer Welt 
dame: Sonnenschirme, Fächer, Taschentücher, Pompa 
dours, Handschuhe usw. 
Ist unglücklich über den Verlust. Jagt und fragt 
überall nach. Und ist selig über ein Wiedererlangen. 
Giebt den dreifachen Wert als Finderlohn ... In 
Courant oder Cadeau — je nachdem. 
„Deine Vergesslichkeit wird uns noch ruinieren/ 1 
scherzt Fred und schenkt ihr zum Geburtstag einen 
reizenden kleinen Stempel mit Namenszug. Damit 
stempelt sie nun — wenn das nicht hilft! — begeistert 
alles was ihr eigen. Selbst auch Schuhe und Strümpfe. 
„Auch die?“ lacht Fred. „Wo willst Du die ver 
lieren?“ 
Sie ernsthaft: „Wer kann’s wissen . . .? Wird mir 
nicht viel entwendet?“ 
„Und Du selbst!? Komm her, damit Du Dich 
nicht einmal vergisst . . . !“ Er hebt den Stempel 
dräuend gegen ihre Stirn . . . 
Sie reicht ihm die Lippen. 
„Dein Siegel genügt!“ Ja, sie ist eine Perle. 
Unpünktlich ist sie freilich auch. Verspätet sich 
bei Besorgungen, Besuchen, Spaziergängen, kommt oft 
ganze Stunden zu spät nach Haus. 
„Pardon, ich habe warten lassen! Ich bin zer 
streut!“ Das ist ihre einzige Erklärung und Entschul 
digung. Fragen oder Vorwürfe duldet sie nicht. Sie 
hat ihren Trotzkopf. Vergesslichkeit ist eben ein Natur 
fehler wie der Grauglanz der Perle. Wer kann dafür? 
Nur einen Feind hat Gris-Perle. Das weiss und 
sieht die Welt. Freds Freund, den Grafen S., zube 
nannt der „Raubgraf,“ berühmt als Ladieskiller, der 
Damen en bagatelle und Dämchen en Canaille behan 
delt. Oder auch umgekehrt. Der respektiert, aber 
ignoriert sie. Er liebt das Unantastbare nicht, sagt 
man. Und sie insultiert ihn fast . . . Freilich die 
Gegenpole! Obwohl er Freds Intimus ist und noch 
mehr war vor dessen Ehe. 
„Eben darum!“ meint die Welt. Denn Fred war 
ein arger Durchgänger, war einst, mit Graf S. und den 
beiden D.’s das berüchtigte „Löwenquartett“. Der 
Raubgraf galt als Rädelsführer. — — 
Gris-Perle übersieht den Riesen völlig in Gesell 
schaft. Und ihr Haus verschliesst sie ihm ganz. Zu 
Freds grossem Kummer. Der wünschte für den Freund 
einen Stammplatz an seinem Herdfeuer. 
„Lern’ ihn kennen: Er ist auch eine Perle, Schatz. 
Nur eine Rauhperle,“ bittet er. Doch Gris-Perle hat 
ihren Trotzkopf. Sie lässt sich garnicht auf Erörte 
rungen ein. . . . „Er ist kein passender Umgang mehr 
für Dich und — ich will ihn hier nicht sehn!“ Und 
da man einer Lady doch keinen Verkehr aufzwingen 
kann in ihres Hauses geweihten Hallen 
. . . „Alter Sohn,“ klagt Fred, mit dem Löwen 
quartett — Fritzchen ist sein Ersatzmann geworden — 
um des erkrankten Raubgrafen Kamin sitzend. Wir 
sehn uns kaum noch. Gris-Perle, der Starrkopf, trägt 
auch meine Vergangenheit nach. Aber schön war’s 
doch. Einst ras’t ich, jetzt rost’ ich! schliesst er halb 
melancholich . . . 
„Na, Miss Minnie auf edlem Zelter“, stichelt Jochen 
Dohna. 
„Bagatelle . . .!“ Wer eine Gris-Perle besitzt...“ 
„Ja! Tadellos!“ murmeln die Löwen ehrfürchtig. 
Der Graf nickt kühl. Dann bückt er sich lächelnd: 
,,Nur leider s o zerstreut, dass bereits D u ihre Hand 
schuhe verlierst.“ Und hebt aus dem Kaminfell zu 
Freds Füssen ein Paar allerliebste gris-perle Schweden 
auf, fünfeinhalb, mit Gris-perle’s Parfüm und Stempel. 
„Wahrhaftig, die hat der Wirbelkopf mal wieder 
in meine Tasche gesteckt!“ lacht Fred. „Aber haltf 
Das machen wir uns zum Spaß und Nutzen. Sie ist 
ausser sich, wenn sie — und die Welt — erfährt, dass 
gerade auf Deinem Teppich, wo schon so mancher 
schöne Frauenhandschuh . . . Haha! Nemesis! Die 
blosse äussere Gemeinschaft empört sie und amüsiert, 
die Welt auf ihre Kosten. Denn wie harmlos auch 
immer . . . das Faktum hat sie doch verschuldet.“ 
„Hat sie!“ bestätigt der Graf. 
„Sie wünscht also Discretion. Ich schweige schon 
ihr zu lieb. Auch die Löwen.“ 
„Selbstbrüllend!“ bestätigen diese. 
„Dir aber, als Finder und „Feind“ schuldet sie im 
eigensten Interesse Finder- und Schweigelohn .... 
Geld kann sie Dir nicht bieten — also Amnestie für 
Deine und meine Sünden . . . Das Tor öffnet sich ; 
die Tugend siegt. Hurra! die Bande wird wieder 
vollzählig.“ 
„Aber wozu?“ wehrt der Graf. 
„Ach, Du wirst ihr doch nicht zürnen. Ein Kind! 
. . Schick’ ihr den Fund mit passenden Worten und 
Du wirst sehn . . . Ich war schon fort, verstehst Du?“ 
„Wenn Du’s willst! Trotzdem glaube ich, es bleibt 
alles beim Alten.“ 
Und der Raubgraf schrieb, als Fred mit den Löwen 
in die Manege zum „Minnie“-Dienst gezogen war: 
„Meine Perle! Heut hast Du Deine Handschuhe 
bei mir vergessen. Ich nahm sie soeben aus der 
Löwen Mitte mit keckem Finger. Und — Lebens 
gefahr. Denn sie lagen zu Freds Füssen. Den Dank, 
Dame, begehr’ ich morgen zur gewohnten Stunde. 
Doch künftig stets ganz ungestempelt, Schatz, wenn 
man so vergesslich ist! . . . Fred, dem ich den Fund 
jn die Tasche suggerierte, wünscht mir als Lohn Haus 
verkehr bei Euch. Doch da Du uns in der Zerstreut 
heit vielleicht einmal vor einander verwechselst, 
glaube ich, es bleibt besser beim Alten. 
Einzig der Deine! Auf Ehrenwort!“ 
Leute, die auf der Stadtbahn fahren. 
Von H. Krause. 
Ein trüber Wintermorgen, es ist halb acht Uhr. 
Den Paletotkragen hochgeschlagen, die tröstliche 
Cigarette im Mundwinkel, trete ich aus meiner Haustür 
in die Dämmerung hinaus. Zu so früher Stunde sind 
nur wenig Leute auf der Straße, darunter der alte 
Bekannte: der Milchmann, der am Hansaplatz mit
        
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