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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

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zogen, und sie sahen beide in die Lichter des kleinen 
Christbaumes, den sie ihm angeziindet, und dachten 
an die Lieben, die vor ihnen dahin gegangen, woher 
es kein Wiederkommen gibt. An Vätern, der so gut 
und fleissig war, bis in sein hohes Alter hinein, an 
Emilie, Fritzens Frau, die ihr eine liebe Tochter ge 
wesen, und an die süssen Kinder — ihre geliebten 
Enkelchen, die alle drei der bösen Diphteriti erlagen. 
Und ihnen Beiden rannen die Tränen und ihre Hände 
umschlossen sich fester. 
Trotz all der traurigen Erinnerungen war es doch 
Weihnachten gewesen damals — sie hatten sich ja 
noch — Mutter und Sohn. 
Wenige Monate später hatte sie ihren Fritz begraben 
— eine Lungenentzündung hatte ihn ihr fortgenommen 
Und jetzt — die alte Frau schauert zusammen — jetzt 
war sie so einsam, so grenzenlos allein. — 
Es ist bitter, alt und schwach und arm zu sein, 
aber es ist der Bitternis grösste, verlassen zu sein im 
Alter. Niemand zu haben, der ein klein wenig die 
Liebe vergilt, die man ein ganzes langes Leben aus 
vollem Herzen gegeben. 
Wer Liebe sät, wird auch Liebe ernten — sagt die 
heilige Schrift — aber der alten, einsamen Frau starben 
alle, denen sie gesät. 
Und nun hatte der Prediger geendet. Die Zuhörer 
erhoben sich und die Frau Oberst stellte sich an die 
Tür des Saales — das war das Zeichen, dass sie ihre 
Gäste verabschieden wollte. 
Und sie reichte jedem noch einmal freundlich die 
Hand und sprach einige gütige Worte und die Beschenkten 
sagten noch einmal ihren Dank. 
Und dann sassen die drei alten Frauen wieder 
nebeneinander in der elektrischen Bahn; aber diesesmal 
sprachen sie kein Wort — müde in sich zusammen 
gekauert sassen sie da. Bald waren sie wieder in dem 
armseligen Spittelstübchen, das jetzt ihr Heim war. 
Die anderen Spittelweibchen kamen nun die Ge 
schenke zu bewundern, zu befühlen, zu taxieren, und 
zu bekritteln und um die drei Glücklichen auszufragen, 
und müde wie sie waren, mussten sie Red’ und Antwort 
stehen. 
Wer von ihnen würde wohl nächstes Jahr zu den 
Auserwählten gehören? Und wer von ihnen wird das 
nächste Christfest in der ewigen Heimat erleben? 
Hermann Nissen, 
der neue Präsident der „Biilinen-Qenossenscliaft“. 
Emanuel Reicher, 
der stellvertretende Präsident der „Bühnen-Genossenschaft“. 
LJ, 
Unsere Bilder. 
Elise Bürstenbinder, unter ihrem Schriftsteller 
namen E. Werner in ganz Deutschland bekannt, 
feierte unlängst ihren 70. Geburtstag. Die erfolgreiche 
Nebenbuhlerin der Marlitt gehört zu den beliebtesten 
Autoren und ihre Romane, die zuerst in der „Garten 
laube“ erschienen, haben sehr viele Auflagen erlebt. 
Ihre erste Arbeit war eine kleine Novelle „Hermann“, 
die sofort von der „Gartenlaube“ gebracht wurde. Es 
folgte der Roman „Ein Held der Feder“, der die Ver 
fasserin mit einem Schlage berühmt machte. Dann 
„Am Altar“, „Gesprengte Fesseln“, „Vineta“, „Um 
hohen Preis“ usw. Elise Bürstenbinder ist eine ge 
borene Berlinerin und brachte auch den grössten Teil 
ihres Lebens in unserer Stadt zu. — Einer der geist 
vollsten Feuilletonnisten und Schriftsteller ist unstreitig 
Dr. phil. Rudolf Lothar; auch durch seine treff 
lichen Bearbeitungen fransösischer Stücke bekannt. Er 
wurde am 23. Februar 1865 in Budapest geboren und 
lebt jetzt seit einiger Zeit in Berlin, nachdem er viele 
Jahre seinen Wohnsitz in Wien hatte. Von seinen 
zahlreichen, fast stets mit Erfolg gekrönten Werken 
seien nur die Romane „Halbnaturen“ und „Die Fahrt 
ins Blaue“, sowie die Bühnenarbeiten „Satan“, „Lügen“ 
„Das hohe Lied“, „Ein Königsydill“, „König Harlekin“, 
„Herzdame“, „Das Fräulein in Schwarz“ angeführt. 
Die Henri Bernstein’schen Dramen „Der Dieb“, 
„Baccarat“ und „Israel“, die im Neuen Theater zur 
Aufführung gelangten, wurden von Rudolf Lothar be 
arbeitet und insceniert. — Der von der diesjährigen 
Delegiertenversammlung der Genossenschaft deutscher 
Bühnenangehöriger zum Präsidenten erwählte Herr 
mann Nissen hatte dieses Ehrenamt von 1894—1901 
bekleidet und sich damals grosse Verdienste um den 
Schauspielerstand, besonders durch die energische 
Zurückweisung des geplanten drakonischen Haus 
gesetzes des Direktorenvereins, erworben. Nissen, der 
am 17. Juli 1857 als Sohn eines hohen Justizbeamten 
in Dassow in Mecklenburg geboren ist, studierte ur 
sprünglich Jura in Jena und ging dann nach Berlin, 
um sich der Bühne zu widmen. Er trat zuerst 
1875 im ehemaligen Nationaltheater als „Komet“ in 
Lindners „Don Juan d’Austria“ auf und spielte dann 
erste Helden in Metz und Würzburg. 1878 kam er zu 
den Meiningern, 1880 als Nachfolger Barnay’s an das 
StadttheaterinHamburg,das er bald mit demThalia-Theater 
vertauschte und dort in modernen Rollen sehr grosse 
Erfolge errang. Nachdem er von 1883—87 am Kaiser 
lichen Hoftheater in Petersburg gewesen war, kam er 
an das hiesige „Deutsche Theater“, dem er 14 Jahre 
als eines der beliebtesten und gefeiertsten Mitglieder 
angehörte. 1901 wurde er an das Wiener Burgtheater 
engagiert und dann zur vorigen Saison an das hier 
neu begründete Hebbel-Theater, an dem er noch jetzt 
tätig ist. — Zum stellvertretenden Präsidenten wurde 
Emanuel Reicher gewählt. Wer den vortrefflichen 
Künstler sprechen hört, wird es kaum glauben, dass 
derselbe ein geborener Pole ist; seine Landsleute 
pflegen stets einen gewissen Accent zu behalten, der 
ihre Nationalität sofort verrät. Reicher wurde am 
18. Juni 1849 in Bochnia in Galizien geboren und trat 
zuert in Krakau auf. Nach mehrjährigem Wanderleben 
bei kleinen Gesellschaften kam er 1873 an das 
Münchener Residenztheater, alsdann an die Stadttheater 
in Hamburg und Wien, an das Oldenburger Hoftheater 
und 1887 an das hiesige Residenztheater, wo er zuerst 
den „Jago“ neben Rossi’s „Othello“ spielte. Seine 
Glanzleistungen aus damaliger Zeit, sowohl in den 
französischen Conversations-Stücken, wie in Ibsen’schen 
Werken sind noch heute unvergessen. 1890 gewann
        
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