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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

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Die Bescherung. 
Von Iise-Dore Tauner. 
Sie sitzen in der elektrischen Bahn friedlich neben 
einander, trotzdem sie sich sonst ausweichen, soviel das 
in den Mauern des Altweiberspittels überhaupt möglich 
ist. Sie passen zu wenig zusammen die drei Alten. 
Verschieden und einander fremd ist ihr ganzes bisheriges 
Leben verflossen, und wenn auch Alter, Not und Ver 
einsamung sie jetzt am Ende ihrer Tage zusammenge 
führt hat in ein gemeinsames Heim, das Menschenliebe 
errichtete — so trägt doch jede von ihnen die Bürde 
des Alters verschieden und sie verstehen sich nicht. 
Menschenliebe will ihnen heute eine Weihnachtsfreude 
bereiten. Die verwitwete Frau Oberst Burger im Westen 
derStadtdeckt alle Weihnachten drei armen, kinderreichen 
Familien und drei Frauen aus dem Altweiberspittel den 
Gabentisch. 
Dieses Jahr ist die Wahl auf die drei gefallen, die 
da nun zu gemeinsamer Fahrt beieinander sitzen. 
Es liegt etwas Erwartungsvolles auf ihren runzeligen, 
farblosen Gesichtern, in die das Schicksal mit hartem 
Griffel Runen aus dem Buche des Lebens gezeichnet 
hat. 
„Wissen Se Frau Langem, ich bin ja neigierich, wat 
wa nu eijentlich kriejen werden,“ wendet sich die 
anscheinend älteste der Drei an ihre Nachbarin. „Vor 
richtet Jahr war ja allens janz scheen, nichts von 
Tietzen oder Jandorfen, und was der Schulzen ihr Kleid 
war, — det hat sich jut jetragen.“ Die kleinen, hellen 
Aeuglein des Mütterchens gehen lebhaft hin und her 
während sie spricht, und man merkt ihr die Aufregung 
und Erwartung an. Das Alter hat sie zermürbt und 
verhuzelt, viele, viele Runzeln stehn in dem gelben, mit 
pergamentartiger Haut bedeckten kleingewordenen Ge 
sicht und ihre Hände, mit den von der Gicht krumm 
gezogenen Fingern, sind arg verarbeitet aber sie hat 
noch nicht mit dem Leben abgeschlossen — sie kann 
noch Freud und Leid empfinden. 
Frau Langer wendet kaum den Kopf nach ihrer 
Nachbarin als sie antwortet und ihre grossen dunklen 
Augen, über der geraden Nase, blicken fast gering 
schätzig auf die Fragerin. Sie muss einst schön gewesen 
sein, die alte Frau, und der Zug müder Resignation um 
den eingefallenen Mund scheint von vergangenen, 
besseren Tagen zu sprechen. 
„Na was werden wir denn Grosses bekommen. 
Lauter Armeleutsachen natürlich! Für unsereins ist ja 
alles gut genug!“ sagt sie bitter. Mutter Kruschkens 
zahnloser Unterkiefer zittert eine ganze Weile hin und 
her ehe sie antwortet. Das ist bei ihr immer ein Zeichen, 
dass ihr etwas gegen den Strich geht. 
„Na wissen Se, Frau Langem, so missen Se nu 
auch nicht reden!“ sagt sie ganz empört. „Was de 
Frau Oberst is, die hat ’n so gutes Herze, die denkt 
nich an Armeleutesachen un so was, die kauft nur 
Jutes un was einem Freude machen soll. 
Madame Alexia, 
die berühmte Tanz-Künstlerin in ihrem Akt 
„Dämon et Diablesse“ im Apollo-Theater. 
„Was meinen Sie, Schmelzern? wendet sie sich an 
die dritte Gefährtin, während Frau Langer nichtachtend 
mit den Achseln zuckt und garnichts sagt. 
Es ist ein liebes, altes Gesicht, das sich bei der 
Anrede schnell und fast erschrocken der Sprecherin 
zukehrt. Müde, grenzenlos müde blicken die guten 
alten Augen und um den Mund liegt ein gramvoller 
Zug. 
„Was, was sagen Sie, Kruschken? ich hab garnicht 
hingehört“ sagt sie leise. 
„Nu ich meinte man bloss von wegen die Be- 
scheerung heit Abend, un dass die Frau Oberst immer 
ganz scheene Sachen schenkt“, erklärt die gutmütig. 
„Mag woll sein — mag woll sein“ nickt die alte 
Frau teilnamslos und gleich darauf wendet sie den 
Kopf wieder fort und ihre Augen blicken wie bisher 
starr ins Weite. 
Die elektrische Bahn hält und 
„Jotte doch man — wir missen ja aussteigen“, ruft 
Frau Kruschke lebhaft, und wackelt heftig dem Ausgang 
zu, langsam folgen die beiden andern. 
Es geht sich schwer auf dem festgetretenen Schnee 
und nur mühsam kommen die drei alten Frauchen 
vorwärts. Frau Schmelzer muss ab und zu stehen 
bleiben — und mit zitternden Fingern wischt sie sich 
über die Stirn, auf der, trotz der Kälte, kleine Schweiss- 
tropfen stehen. 
Frau Kruschken wartet gutmütig auf sie, und das 
Ausruhen tut auch ihr gut, aber Frau Langem geht 
ruhig weiter mit kleinen, sicheren, langsamen Schritten 
und ist den andern immer ein Stückchen voraus. 
Endlich sind sie angelangt. 
Vor einem stattlichen, grossen Haus mit vornehmen 
Portal stehen sie still und blicken sie erst zu den 
erleuchteten Fenstern empor. „Hier is et“, sagt 
Frau Kruschke ehrfurchtsvoll leise und dann steigen 
sie langsam die wenigen Stufen empor und klingeln. 
Während sie auf das Oeffnen der Tür warten, 
streichen die Kruschken und Schmelzern hastig an 
ihren schwarzen Alpaccaschürzen herum und rücken 
ihre Umschlagtücher zurecht. Frau Langer, die sich 
auch in ihrer Kleidung von ihren Gefährtinnen hervor 
hebt, trägt eine schwarze Krimmermantille und das 
schneeweisse Haar ist unter einem zierlich gehäkelten 
Kopftuch verborgen. 
Ein Stubenmädchen mit weissem Häubchen öffnet 
ihnen: 
„Na kommen sie man hier hinein, die andern sind 
schon da“, sagt sie freundlich und öffnet die Tür zn 
einem grossen, hellerleuchteten Zimmer, in dessen 
Mitte ein reichgedeckter Tisch steht. 
Eine wohlige Wärme strömt den Frauen entgegen und 
es riecht einladend nach Kaffee und nach frisch 
gebackenem Kuchen. 
Am Tisch sitzen sie schon. Männer und Frauen 
mit verhärmten Gesichtern und verarbeiteten Händen 
und eine ganze Schar blasser Kinder und alle haben 
einen grossen Topf Kaffee vor sich und ein Stück 
Kuchen in der Hand. Grosse Teller mit aufgeschnittenen 
Stollen stehen noch da. 
Das Mädchen weist den Spittlerinnen einen Platz 
an, füllt ihnen die Tassen und schiebt ihnen den 
Kuchen hin. 
Die gnäd’ge Frau sagt, sie möchten sich man erst 
stärken und ordentlich zulangen; in einer Viertelstunde 
wird dann beschert“ sagt sie ermunternd. Andachts 
voll schlürfen die Alten den guten, warmen Kaffee. — 
So einen gibt’s nicht im Spittel. Und dann essen sie 
in kleinen Brocken den fetten, weichen Kuchen. 
Gesprochen wird nicht, dazu ist der Moment zu 
feierlich. Frau Kruschkens blanke, kleine Augen über 
fliegen die Tafelrunde, und als sie sieht, dass Niemand 
recht auf sie achtet, macht sie sich in ihrer Tasse einen 
„Pams“ zurecht, das kann der zahnlose Mund am besten 
vertragen. — 
Und endlich ist es so weit. Gelabt und erwärmt 
lehnt sich jeder in seinem Stuhl zurück und die Kinder 
beginnen miteinander zu flüstern und zu tuscheln. 
Da ertönt ein Klingelzeichen und wie auf Kommando 
erheben sich alle.
        
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