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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

mit wie grossen Opfern diese Geselligkeit aufrecht er 
halten wird. Was will man machen? Man hat zwei 
heiratsfähige Töchter. 
Sie plaudert angeregt und lebhaft. — Ich aber sehe, 
wie sie sich ab und zu nervös umschaut. Und ich 
weiss, was sie denkt: „Kommt das Obst noch nicht? 
Mein Gott, schneller servieren, sonst langt der Sekt 
nicht!“ 
Aber was ist denn das? Jener kleine Leutnant — 
er war voriges Jahr mein Tischherr, was ist denn mit 
dem passiert? Damals übersprudelnd, lebenslustig, 
alles bespöttelnd, bewitzelnd, mit feinem Humor 
kritisierend und Sekt trinkend — o, so gern und so 
viel! 
Und heute? 
Ernst, blass, stumm, kaum die Lippen netzend. — 
Das war keine Komödie — das war grausame Wahr 
heit. — „Was ist denn mit Leutnant Ulrich los, den 
hört man ja garnicht heute?“ fragte ich meinen Tisch 
herrn leise. 
„Ach Gott, armer Kerl! Hat ’nen Herzfehler, darf 
nicht trinken und tanzen, das nimmt er sich zu Herzen!“ 
Also so schnell ist die Lust vorbei! Und ich hatte 
ihn beneidet um seinen köstlichen Jugendübermnt!. — 
,,Gnädiges Fräulein sind ja so ernst und still geworden,“ 
sagte mein Nachbar und sah mich mit seinen Schelmen- 
augen vorwurfsvoll an, „Ernst und still“ lachte ich 
ironisch. „Warum?“ Ich gräme mich“, setzte ich mit 
verstellt weinerlicher Stimme hinzu, „um den Tod der 
Katze der Königin von Englandl“ 
Und dann lachte ich, aber es klang schrill! Warum 
sollte ich nicht Komödie spielen? Ich bin ja noch so 
jung, und mit 22 Jahren ist man noch nicht gern Zu 
schauer. — 
„Gesegnete Mahlzeit!“ 
Sünde! 
Skizze von „Ergo“. 
Ein ärmliches Dachkämmerchen, vom kleinen Boden 
fenster, welches schräg in das Dach eingefügt ist, fällt 
fahler Schein des hereinbrechenden Abends auf eine 
halbzertallene Bettstatt, in der etwas Stroh und eine 
Decke liegen; auf dem Rande dieser Lagerstätte, gut 
für einen Hund, sitzt eine Mädchengestalt von wunder 
barer Zartheit der Formen. Das aufgelöste, halblange, 
lockige Haar umrahmt ein Antlitz von fesselndem Reiz; 
Reinheit war der Schimmer, der über dem Mädchen 
leib lag, in den Augen aber war ein sehnender Schein, 
wie sie hinaufsah in das Stückchen Himmel — schmerz 
lich zogen sich die Mundwinkel herunter — ihre Hände 
krampften sich zusammen über der jungen schwellenden 
Brust, von der das einfache Hemd gefallen! Wie viel 
Schönheit, Grazie und Anmut verwelkte hier in Armut, 
ungesehen verbleichend. Dunkel war es geworden — 
müde hatten sich die Augen geschlossen 
Da, was war das? — an der Tür war blauer 
flimmernder Schein, auf der Erde liegend — sich immer 
höher richtend, dann einen Kopf mit dem zweischneidigen 
Zünglein hinstreckend, zum halberstarrten Mädchen, 
ringelte sich ein glitzernder Schlangenleib. 
Ertönten nicht leise, sinnverwirrende Töne? Hörte 
sie nicht Worte, die ihr Blut schneller und schneller 
pulsieren Hessen — wo war sie — ein märchenhaft 
glänzender Saal, geputzte Herren und Damen, Blumen 
duft und Geigentöne — und zwischen diesen Glück 
lichen stand ja sie — sie die Aermste, die Bettlerin, 
und man huldigte ihr, man sagte ihr, sie sei schön und 
begehrenswert. O, wie sie dahin schwebte, von einem 
Arm in den andern erschöpft — müde — 
lag sie im Sessel. — — 
Immer dunkler wurde es, die Schlange hatte ihren 
zitternden Leib umspannt — riss ihn mit sich fort — 
dahin über Gänge — dunkle Gassen, ferne Strassen 
— durch Schlamm und Sumpf, sie war schon 
halb tot 
Da ringelte sich das Ungeheuer los und Hess den 
armen, von Sünde verzehrten Leib zur Erde fallen — 
in den Schmutz der Strasse. — 
Ein nächtlicher Wanderer ging vorbei, stiess mit 
dem Fuss daran — der Leib rollte in die Gosse! 
Unsere Bilder. 
Im Text unserer neuen Nummer die Bilder von 
zwei kürzlich dahingeschiedenen bedeutenden Männern. 
Generalstaatsanwalt Dr. Ludwig Wachler, der am 
26. November 73 Jahr alt geworden wäre, ist ein 
geborener Breslauer. Nachdem er in seiner Vaterstadt 
und in Heidelberg Jura studiert hatte, trat er 1856 in 
den Staatsdienst. 1871 wurde er Staatsanwalt in Oppeln 
und 1879 als erster Staatsanwalt nach Berlin berufen. 
Vorübergehend von 1888—1892 in Posen als Oberstaats 
anwalt tätig, erhielt er in gleicher Eigenschaft seine 
Ernennung am Kammergericht. 1897 zum Geheimen 
Oberjustizrat ernannt, wurde ihm 1905 der Titel eines 
Generalstaatsanwalts verliehen. Wachler hat sich sehr 
grosse Verdienste um die Reform unseres Strafprozesses 
erworben und auch Vielen durch seine Tätigkeit als Vor 
sitzender des Vereins zur Besserung entlassener 
Sträflinge unendlich genützt. — Ein ganz besonderer 
Günstling unseres Kaisers war der am Herzschlag so 
plötzlich verstorbene Graf Dietrich von Hülsen- 
Haeseler, der Chef des Militärkabinetts. Am 13. Februar 
1852 als Sohn des damaligen Generalintendanten der 
Königlichen Schauspiele, Botho von Hülsen und seiner 
Gattin, der bekannten Schriftstellerin Helene, geborenen 
Gräfin Haeseler, in Berlin zur Welt gekommen, wurde 
er 1870 Leutnant im Kaiser-Alexander-Garde-Grtnadier- 
Regiment. Seine Carriere ging ausserordentlich schnell 
von statten. 1888 bereits Major, 1889 Flügeladjudant 
sahen wir ihn schon 1899 als Generalmajor und 1901 
als Chef des Militärkabinetts. 1902 wurde er General 
leutnant und vier Jahre darauf General der Infanterie. 
Am 24. November 1892 verheiratete er sich mit 
Hildegard von Lucadou, der am 23. Februar 1878 
zu Koblenz geborenen Tochter des General von Lucadou- 
Der Kaiser hatte bei diesem selbst den Freiwerber 
gemacht. Am 12. Februar 1904 war Dietrich von Hülsen 
in den Grafenstand erhoben worden mit Hinzufügung 
des Namen Häseler, da das Geschlecht der Grafen 
von Haeseler, dem seine Mutter entstammte, im Aus 
sterben ist. — Die erste Illustrationsseite zeigt 
Geraldine Farrar, die jetzt bereits wieder in Amerika 
weilt, nach ihrem hiesigen Abschiedskonzert, das der 
bekannte Impressario Robert Sachs, der Arrangeur der 
Elite-Konzerte, in der Philharmonie veranstaltet hätte. 
Der grosse Saal war bis auf das letzte Plätzchen 
ausverkauft und der so beliebten Sängerin wurden 
zahllose Ovationen gebracht. — Der berühmte Bau 
meister Geheime Oberregierungsrat Professor Julius 
Raschdorff gehört zu den hervorragendsten Meistern 
seiner Kunst. 1823 in Pless (Schlesien) geboren, 
besuchte er 1844-47 die Berliner Bauakademie und 
wurde 1853 Stadtbaumeister in Köln. Dort zeigte er 
sein reiches Können in vielen grossen Bauten, wie z. B. 
den Umbau des Gürzenich (1855), der Erbauung des 
Wallraf Richartz-Museums (1861), den Bau des Stadt 
theaters (1871-72), des Düsseldorfer Ständehauses u.s.w.
        
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