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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

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„Hörnchens“ 
letzter Damenkaffee im Pfeifhahn. 
Eine lustige Episode aus dem lieben alten Pfeifhahnshaus. 
Von Hans Hildebrand. 
(Nachdruck verboten.) 
Unter dem neuen „Knötschke“*) hatte man im 
Pfeifhahn den häufigen Besuch von Basen, Schwestern 
und anderen jungen Damen nicht gern gesehen und 
schliesslich ganz untersagt! Die weiblichen Besuche 
waren bis auf mütterliche verboten worden. Für viele 
der jungen Herren war das eine arge Enttäuschung 
gewesen, denn so ein Damenkaffee war immer recht 
hübsch!!! Ganz abgesehen von Kuchen und Wein, den 
man oft noch geschenkt bekam!!! 
Nun hatte aber Hörnchen der kleinen „Mietze“ fest 
versprochen, sie noch einmal auf seine Bude einzuladen, 
ehe er in die Charite übersiedeln musste! Es war ein 
fach gemein, dass noch vor Schluss des Semesters 
diese törichte Verordnung herauskam. — Schon seit 
einer Stunde überlegte Hörnchen, was nun zu tun sei! 
Jetzt öffnete er die Tür und rief mit lauter Stimme: 
,Spätzle!“ Von irgendwo ertönte eine Antwort, eine Tür 
wurde aufgemacht, und etwas ärgerlich rief jemand: 
„Kann nicht, wasch mich grade, muss in 20 Minuten 
fort“. 
„Ist mir ganz gleich! In 5 Minuten bist Du bei 
mir — oder bei meinem Zorn“ — damit schlug 
Hörnchen die Tür wieder zu und warf sich auf das 
Sofa; Spätzle musste einfach helfen. 
Nach wenigen Minuten hörte man jemand scheltend 
und brummend die Tür aufstossen. Spätzle erschien, 
dürftig bekleidet, mit seinen Sachen überm Arm und 
machte es sich bei seinem Leibbursch bequem. 
Hörnchen lachte aus vollem Halse! 
„Spätzle, was für’n Anblick! Und nass bist Du 
auch noch!“ 
„Spass, wenn einer mitten in der Arbeit gestört 
wird!“ 
Ohne ein Wort zu sagen, ergriff er Hörnchens 
Handtuch. 
„Na und nun los, wo brennt’s? Oder hast Du viel 
leicht ’ne Erbschaft gemacht, die ich Dir holen soll? 
Aber heute nicht mehr, Lieber, ich bin eingeladen! Von 
8 Uhr ab verlange nichts mehr“. 
Und nun fuhr er mit grosser Ruhe fort, seine Toilette 
zu beenden. 
„Also höre, mein Sohn! Du kennst doch Mietze?“ 
„Nee, welche?“ 
„Na, die von Biester, Unter den Linden!“ 
„Kenne ich zwar auch nicht, aber weiter, entschuldige 
übrigens, ich muss erst ’ne Bürste haben“. 
Er ging ins Nebenzimmer und kam im Augenblick 
mit dem Gegenstand zurück. 
„Knötschke , ‘ heisst immer der Direktor der Kaiser Wilhelms- 
Akademie, die vom Volksmund ,,Pfeifhahn“ (Verstümmelung von 
Pepiniere) genannt wird. 
Fritzi Schenke, 
die Operetten-Diva des Apollo-Theater. 
„Krüger hat gestern meine Buchsen angehabt und 
natürlich nicht ausgebürstet! Der ganze Grunewald 
sitzt auf der Wolle. So'n Kuli!“ 
„Na, ja doch! Aber Du kennst doch den kleinen 
süssen Affen von Halensee neulich, die “ 
„Ach so die? Ja, natürlich! Was ist mit der?“ 
„Die will mich morgen durchaus besuchen. Nun geht 
es doch nicht mehr! Spätzle, was tue ich?“ 
Schreib ihr einfach ab“. 
„Weiss ja ihre Adresse nicht! Kenne nur das 
Geschäft und dahin soll ich nicht schreiben“. 
„Na, dann schicke Mops mit einem Brief von Dir 
vor Biesters Türe“. 
„Geht auch nicht, Mietze ist verlobigt mit einem eifer 
süchtigen Kaffer, der sie jeden Abend abholt“. 
„Was, verlobt ist sie? Du warte mal! Gieb mir 
mal was Stiebelcreme“. 
„Hab keinen mehr! Aber Mertens hat noch; da 
drüben rechts im Schranke; kannst auch gleich den 
Bittern hergiben; der muss noch welchen haben! Mir 
ist ganz schlecht vor Wut“. 
Spätzle suchte und fand alles. Während er nun, 
hochrot im Gesicht, seine Stiefel bearbeitete, fuhr er in 
seiner Rede fort: 
„So also verlobt! Sieh mal an! So’n Pusselchen! 
So’n Racker, aber Hörnchen“, — und dabei hielt er den 
schmutzigen Lappen ganz hoch — „ich sage Dir, Du 
schlidderst noch mal in die Tinte! Dann wehe Dir! 
Doch übrigens“ — und der Lappen flatterte wieder 
durch die Luft — „wo war denn der Othello am letzten 
Sonntag?“ 
„Verreist! Er ist Reisender für Butter und Pomade 
oder so. Und da sie gerne tanzt, ging sie alleine aus, 
wie sie das übrigens stets macht, wenn er weg ist. 
Aber Du warst doch mit der Blonden ganz intim; 
kannst Du der die Sache nicht klar machen? Ich soll 
ihr doch nicht schreiben, und am Ende ist der Unhold 
heute da, sieht mich kommen, bringt mich um — na, 
also willst Du Deine Seele mit einem Morde belasten?“ 
„Nee, nee, Hörnchen! Ich spreche meine Lotte 
morgen früh! Wenn ich ins Colleg gehe, tänzelt sie 
gerade an mir vorüber. Einige seelenvolle Blicke und 
innige Händedrücke wechseln wir stets“ und damit 
drückte er den Stiefelcreme, die Bürste und den Lappen 
an seine Brust und ging ins Nebenzimmer. 
„Siehst Du Hörnchen“, sprach er zurückkommend, 
„wenn Du mich nicht hättest! Mein Wort — morgen 
früh ist alles in Ordnung! Und einen Kragen musst 
Du mir noch zu nehmen gestatten“ — er zog einen 
neuen 8 cm hohen Kragen aus einer Schublade. — 
„Nun bin ich ein fescher Mann, trete schneidig bei 
Onkel Julius an. — Ich hoffe, dass er mir in einem 
schwachen Augenblicke heute Abend einige Goldfüchse 
überreicht. Sein Geburtstag ist, ich bin sein Patenkind 
und halte eine Rede heute auf ihn! Servus, Hörnchen“ 
und hinaus war er. 
Hörnchen war nun beruhigt; er nahm das auf 
geschlagene Buch über Nervenkrankheiten wieder zur 
Hand und begann zu arbeiten. 
Am folgenden Mittag trafen sich 2 niedliche junge 
Mädels an der Ecke der Friedrich- und Mitteistrasse. 
Beide waren elegant gekleidet. Ein Provinziale hätte 
sie für feine Damen gehalten, aber der geübte Blick 
des Grossstädters sah sofort, dass es Typen von Ver 
käuferinnen und zwar aus feineren Geschäften waren. 
Beide hatten riesige, etwas keck gesetzte, aber sehr 
kleidsame Hüte auf; die Kleiderröcke waren dunkel, 
knapp anschliessend und lang herabfallend. Zierliche 
Stiefel und seidene Unterkleidung waren beim Aufheben 
des Rockes sichtbar. 
„So nachdenklich, Lotte?“ 
„Sehe ich so aus? Na, ich muss Dir was mitteilen. 
Du sollst heute nicht zu Deinem Doktor kommen“. 
Mietze blieb stehen: „Was sagst Du?“ 
„Sein Freund hat mir heute erzählt, dass von jetzt 
an alle Damenbesuche im Pfeifhahn verboten sind, 
nur solche von alten Damen, nämlich von Müttern, 
sind erlaubt“. 
„Aber das muss doch ganz neu sein?“
        
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