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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

ich. Und suchte. Suchte bis zur Verzweiflung. Aber 
ohne jeden Erfolg. 
Ich blieb verstimmt. Der Aschbecher war mir nun 
einmal ans Herz gewachsen. Die kleine blonde Mieze 
hatte ihn mir geschenkt. Damals in Wien — das liebe, 
anspruchslose Wesen. Mit der ich so viele schöne 
Stunden verlebt, und deren Wünsche nie über eine 
Hand voll Maronen oder ein Gulasch mit Nockerl 
hinausgingen. 
Als ich zwei Tage später am Zimmer des Soldaten 
vorübergehe, steht die Tür offen. Mein Blick fällt 
Hinein — die Kramaschke ist eben dabei, den Fussboden 
aufzuscheuern — und gerade auf meinen Aschbecher. 
Ohne auch nur eine Silbe zu äussern, strecke ich 
die Hand aus und nehme ihn mir. 
Sie schnellt wütend auf und schreit: 
„Geben Sie den Aschbecher her! Der gehört mir! 
Er befand sich in Ihrem Zimmer, eh’ Sie zu mir zogen.“ 
Ruhig — aber mit ehernem Ernst erwiedere ich: 
„Der Aschbecher ist mein Eigentum. Und bleibt 
es. Ich untersage Ihnen auf das Strengste, ihn aus 
meinem Zimmer zu entfernen. Sollten Sie nichtsdesto 
weniger der Ansicht bleiben, dass er Ihnen gehört, so 
mögen Sie ihn einklagen. Ich werde dann vor Gericht 
den Beweis erbringen, dass ich ihn besass, bevor auch 
nur daran zu denken war, dass ich jemals Ihre mir so 
sehr angenehme Bekanntschaft machen würde.“ 
Damit war zwischen uns natürlich der Krieg erklärt. 
Ein Stand, der sich seit einer Reihe von Jahren mit 
schier rührender Anhänglichkeit um mich bemüht, sind 
die Gerichtsvollzieher. Dass diese Empfindung meiner 
seits nicht gerade geteilt wird, brauche ich eigentlich 
wohl kaum zu sagen; ebensowenig, dass mir jene 
Anhänglichkeit auch in meine augenblickliche Wohnung 
folgte. Dass dies der Fall sein würde, wusste ich ja 
im Voraus, und ich sagte es sogar der Kramaschke, 
als ich mietete. So offen bin ich! 
Ich habe herzensgute Gerichtsvollzieher im Leben 
kennen gelernt. Menschen mit butterweichem Gemüt. 
Einem schulde ich sogar noch sechs Mark dreissig 
Pfennige — um die ich ihn angepumpt. Andre wiederum 
waren hartgesotten und unsympatisch. Aber noch keiner 
machte auf mich einen so unangenehmen Eindruck 
wie der, mit dem ich jetzt zu tun hatte. 
So lange ich die Kramaschke Ludmila nannte, ging 
es. Allein seit ich den so hold klingenden Vornamen 
nicht mehr über die Lippen brachte, wurde auch 
Schnüfflorius — so hiess der Gerichtsvollzieher — 
mein Widersacher. Kein Wunder, denn sie kannten 
sich. Ich habe meine Ex-Vermieterin sogar itn Ver 
dacht, dass sie sich von Schnufflorius trösten Hess, wenn 
ihr liebebedürftiges Herz ganz oder partiell frei war. 
Es klopft. 
Schnüfflorius tritt ein. 
Sonst begnügte er sich, wenn ich ihm sagte, dass 
ich kein Geld besitze. Heute aber lässt er sich das 
Portemonnaie zeigen. 
Ich konnte es mit gutem Gewissen; und er schob ab. 
Das gab mir zu denken. Ich sagte mir, dass ich 
künftig auf der Hut sein müsse. 
Weitere Ueberraschungen folgten. Meine Wirtin 
wusste aus den Tagen her, da ich sie Ludmila genannt, 
dass ich hier und dort Honorare zu erwarten hatte. 
Das kommt daher, dass ich sie zu sehr in mein Ver 
trauen gezogen. Diese Ausstände waren eines Tages 
durch Schnüfflorius kurzer Hand mit Beschlag belegt. 
Ich war ausser mir. Während die Kramaschke 
offenbar innerlich frohlockte. 
Kein Mensch wird mir verdenken, dass ich unter 
solchen Umständen nicht länger bei ihr wohnen mochte. 
Ich kündigte also für den nächsten Ersten. 
Mir blieb nun nichts weiter übrig, als Flonorare 
die ich zu bekommen hatte, an die Adresse eines 
Freundes schicken zu lassen. Wenigstens so lange, 
bis ich nicht von der Kramaschke verzogen war. 
Hatte man nun diese Bitte übersehen oder sich 
nicht daran gekehrt: kurz eines Morgens — es war 
gerade an dem Tage, bevor ich in meine neue Woh 
nung übersiedeln wollte — kommt der Geldbriefträger 
und bringt hundert Mark. 
Während er fünf blitzblanke Goldstücke aufzählt, 
sagt er, dass er bereits am Nachmittag zuvor hier ge 
wesen, mich aber nicht zu Hause getroffen habe. 
Mir schwant gleich nichts Gutes. Und richtig — 
kaum dass der Mann knappe Zeit fort ist, klingelt es. 
Ich höre auf dem Korridor wispern und sage mir 
instinktiv: das ist der Gerichtsvollzieher, den die Kra 
maschke sofort gestern davon verständigte, dass du 
heute Geld bekommen sollst . . . 
Eine Angst beschleicht mich . . . Schritte kommen 
näher . . . Schnüfflorius steht vor mir. 
Er sucht und sucht . . . Kein Fach im Schreibtisch, 
dass nicht von unterst zu oberst gekehrt wäre. Kein 
Winkel im Zimmer, kein Gegenstand, der als Auf 
bewahrungsplatz hätte in Betracht kommen können. 
Keine Tasche in meiner Kleidung, die er nicht durch 
wühlte. Ja sogar bis aufs Hemd musste ich mich 
ausziehen. 
Das dauerte etwa eine volle Stunde. 
Schnüfflorius schnaubte vor Wut. Er war rot wie 
ein Krebs. Die Augen traten ihm fast aus den Höhlen. 
Als er nichts fand, sagte er: 
„Sie haben doch vorhin erst Geld bekommen! Ich 
weiss es! Der Briefträger hat es Ihnen gebracht!“ 
„Ach so!“ versetzte ich . . . „Der Briefträger war 
allerdings hier. Und wollte mir auch Geld aushändigen. 
Da ich jedoch sah, dass es nur irrtümlich an. mich 
geschickt worden, habe ichs selbstverständlich nicht in 
Empfang genommen!“ 
Und fügte hinzu: 
„Warum sagten Sie mir nicht sofort, dass man Ihnen 
das hinterbracht. Dann hätten Sie mir die Zeit erspart 
und sich selber — den Aerger!“ 
Fort war er. 
Meine Ruhe muss ihn wohl entwaffnet haben — 
meine Sicherheit, meine Kaltblütigkeit. . . 
Also nochmals lieber Egon: lass Dir nie von Deiner 
Wirtin in die Karten schauen! Sonst liegt die Gefahr 
zu nahe, dass sie Dich auch einem Gerichtsvollzieher 
mit Haut und Haaren überantwortet! 
Doch Du willst erfahren, wie es kam, das sich die 
fünf Zwanzigmarkstücke rettete? . . . Auf die einfachste 
Weise von der Welt. . . . Zeit, einen sicheren Versteck 
auszusuchen, hatte ich nicht. . . . Jede Sekunde stand 
auf dem Spiel. . . . Nun rauchte ich gerade — wie 
stets. Neben mir auf dem Tische steht der Aschbecher. 
In diesen tue ich das Geld. Asche drunter, Asche 
drüber . . . und rauche weiter. . . . Schnüfflorius hat 
alles abgesucht und ausgekramt. Auf den Aschbecher 
ist er nicht verfallen. 
Liebe kleine Mieze mit deinem guten wienerischen 
Herzen! . . . Nicht gehst du wohl mehr zum Tanz in 
den Prater, denn du bist alt geworden wie ich! . . . 
Aber hoffentlich bist du noch am Leben - und liest, 
was ich hier geschrieben. Dann denkst du der glück 
lichen Stunden, die wir verlebt und lachst fröhlich, dass 
der Aschbecher, den du mir einst zum Angebinde 
gemacht, sich so nützlich erweisen durfte! 
Kaiserin Friedrich als Atelier 
genossin. 
Von Hermione von Preuschcn. 
(Nachdruck verboten^ 
Das war, als ich zwanzig Jahre geworden, und mein 
junges Rühmchen mir so strahlend dünkte, da die 
Kaiserin, damals noch Kronprinzessin, mich zur Atelier 
genossin erkor. — 
Damals — vor sechzehn Jahren und mehr — als 
ich, trunken von den ersten Erfolgen, nach Berlin kam, 
wo mein Onkel, General Fransecky, Gouverneur war, — 
Der erzählte mir stets ganz stolz, dass die Kron 
prinzessin oft nach mir frage. — Dann frag mich 
Christian Wilberg, der zu früh verstorbene Pergamon 
maler, ob ich nicht mit ihm die herrlichen Kunstschätze 
der Thornowsammlung im Kronprinzlichen Palais be 
suchen wolle. 
Ohne innere Freude willigte ich ein. Wir ver 
ständigten uns umständlich wegen der Zeit, ich war 
ärgerlich über den Verlust von Tageslicht für mein Bild, 
doch ich ging. — 
Dort stiess die Kronprinzessin zu uns* voll be 
zaubernder Liebenswürdigkeit. Sie bot mir an, in der 
Sammlung zu malen, was mir am besten gefiele. Ein 
kunstvolles, silbernes Nargileh hatte mir es angetan. 
So kam ich in der nächsten Woche. 
Die hohe Frau stand schon meiner harrend, prüfend, 
ob auch nichts zu meiner Bequemlichkeit fehle.
        
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