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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

Er schritt bereits durch den in 
zwischen noch dunkler gewordenen 
Torweg auf den engen Hof zu, auf 
dem im schiefen Quergebäude seine 
Dreizimmerwohnung lag. 
Noch auf der Treppe hörte er 
das Stöhnen und Aechzen seiner 
armen schmerzgeplagten Frau, und 
hinter sich die müden Schritte seiner 
abgerackerten Mädchen. 
Da blieb er auf dem obersten 
Treppenabsatz stehn, rieb nachdenk 
lich die zu kurze abgestumpfte Nase 
und dachte angelegentlich über den 
Wert von Tugend und ehrenhaften 
Grundsätzen nach. 
Professor Cuno von Uechtritz f 
Professor Walter Leistikow f 
Der blöde Jona. 
Aus dem Böhmischen des Jan Neruda, übersetzt von H. Trochlil, 
Der blöde Jona*) war wie geschaffen zum Spass für die 
ausgelassene Strassenjugend. 18 Jahre zählte er, sah aber 
aus wie ein Kind von 12 Jahren. Wenn er von der Hökerin 
oder vom Kaufmann, wohin die Mutter ihn zu schicken 
pflegte — weiter traute er sich nicht — nach Hause schlich, 
sprangen die bösen Jungen um ihn herum und schrieen: 
„Jona, Du Narr, Jona!“ Er achtete nicht darauf, schlich 
langsam vorwärts und atmete tief und schwer; manchmal 
nur stolperte er, als könnten die dürren Beine den schwäch 
lichen Körper nicht mehr tragen. Wenn sie ihn den Weg 
verstellten und den Armen hin und her stiessen, wandte er 
das starre Wachsgesicht ihnen zu und aus dem Auge blickte 
eine furchtsame Frage. Einen Augenblick stand er still und 
regungslos, dann erzitterte sein Körper wie im Fieberschauer 
und er suchte seinen Peinigern rechts oder links auszu- 
weichenj. „Jöna, Jona“, schrieen diese in ihrem Gassenjungen 
Jargon, sein Zittern bemerkend. Niemals wehrte er sich. 
Zu Hause gab er das Geholte ab und setzte sich still 
zum Ofen. 
„Komm Hänschen, komm, setze Dich zu mir“, redete ihm 
seine um ein Jahr ältere Schwester, ein schlankes, blond 
lockiges Kind zu und legte ihre Näharbeit weg. 
Langsam schleppte^er den Schemel zu ihren Füssen. Sie 
lehnte sein krankes Haupt in ihren Schoss. Er schluchzte, 
dass ihm das Herz zu brechen drohte; sie streichelte ihm die 
Wange und suchte ihn zu beruhigen. Helle Tränen standen 
ihr dabei in den Augen. 
*) Hans. 
Chef des Geheimen Zivil-Kabinetts 
Wirkl. Geh. Rat Dr. von Lucanus + 
„Ich bin kein Narr, nicht wahr?“ 
flüsterte er ängstlich; die schwache 
Stimme zitterte. 
„Nein, das weisst Du ja, Du hast 
Verstand, Hänschen, lass sie nur 
reden!“ 
„Und Du hast mich lieb, nicht 
wahr, und ich bin kein Narr!“ und 
über das Antlitz des Blödsinnigen 
glitt ein seliges Lächeln. 
„Nimm Deine Geige und spiele.“ 
„Soll ich wieder das Kratzen an 
hören? Er kann doch Abends auf 
dem Dache spielen, wenn er spielen 
will“, zankte gewöhnlich die Mutter. 
Jöna blieb still und verfolgte nur 
mit grösster Aufmerksamkeit jede, 
selbst die kleinste Bewegung seiner 
Schwester. 
Die Mutter und der Bruder liebten 
ihn nicht, er hatte nur seine Marinka, 
an die er sich denn auch mit der 
ganzen Leidenschaftlichkeit seines 
schwachen Geistes klammerte. — 
In der Nachbarschaft erzählte man, 
Jöna besitze eine Gottesgabe; so wie 
er, könne Niemand auf der Geige 
spielen, trotzdem er keinen Lehrer gehabt. Nur „Stücke“ 
könne er nicht spielen und sein Geigenspiel sei ebenso 
wunderlich, ebenso närrisch, wie er. — Jöna wohnte in dem 
selben Hause, wo auch ich meine Kinderjahre verlebte. Er 
kannte mich und nickte mir, wenn wir uns begegneten, 
freundlich lächelnd zu. Trotz meinem damaligen Knaben- 
übermute tat ich dem armen Jöna niemals weh. Sein Wachs 
gesicht hatte für mich eine eigentümliche Weihe. Meine 
jugendliche Phantasie erblickte in diesem Gesicht eine nicht 
wegzuleugnende Aehnlichkeit mit den gelblichen, durch 
sichtigen Totengesichtern auf vielen unserer Altäre. 
Es war Samstag. Ein später Sommerabend hüllte Alles 
rings umher in ein wunderbares Kleid. Am tiefblauen Himmel 
schimmerten die Sterne und zwischen ihnen in voller Pracht 
der Mond, seinen Silberschein über den Strom, das Häuser 
meer und die gespenstisch emporragenden Kirchenkuppeln 
ergiessend. 
Nach dem Geräusch des Tages war allmählich in den 
Häusern Stille eingetreten. Die Dienstboten, welche nach 
getaner Arbeit im Hofe zu plaudern pflegten, hatten bereits 
ihr Lager aufgesucht. 
Nur auf einem Balkon der dritten Etage sassen zwei junge 
Leute, ein Mädchen und ein Mann, in traulichem Gespräch. 
Es waren Verlobte; am nächsten Tage sollte die Hochzeit 
statlfinden. Die Braut war Marinka, des blöden Jöna 
Schwester, der Bräutigam ein junger, angeblich sehr ge 
schickter Maschinenschlosser in einer Karolinenthaler Fabrik. 
Er sollte nächstens in einer Fabrik auf dem Lande mit 
grösserem Gehalt eintreten, deshalb beeilte man sich mit der 
Hochzeit. — Lange schon sassen die Verlobten hier. Als
        
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