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Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

ja nicht werden und ich dresche erbarmungslos auf 
das tolle Tier — da, o Wunder, hält es plötzlich an 
einem kleinen Häuschen mausstill, die Beine nach vorn 
stemmend, sodass ich ob dieses unerhofften Ruckes 
fast über seinen Kopf schiesse, spitzt die Ohren und 
lässt sein melodisches „Ja“ ertönen, denn schon tritt 
eine rundliche Frau aus dem hintenliegenden Garten 
von weitem rufend „na Fritzchen bist du wieder da?“ 
In der halben Besinnungslosigkeit, in der ich mich 
befand, dachte ich im ersten Moment „ist denn hier 
alles, Tier und Menschen verrückt, wie kann die Frau 
eine wildfremde Dame mit „Fritzchen“ begrüssen, 
dann aber merkte ich, dass das herzliche Willkommen 
dem — wahnsinnigen Esel galt. 
Mit schmerzenden, geschundenen Schienbeinen, 
durch und durch gerüttelt, Hut und Frisur zerzaust, 
bat ich nur um ein Zimmer, um so bald als möglich 
— nur nicht per Esel — nach Ems zurückzukehren. 
„Ach,* die Dame braucht keine Angst zu habeni 
sagte die freundliche Wirtin, „wo Fritzchen hinläuft, 
folgen die anderen alle nach, in kurzer Zeit sind sie 
alle hier“. Da schoss der Gedanke durch mein Hirn, 
dass der schlaue Wirt sicher einen besonderen Kontrakt 
mit meinem Fritzchen geschlossen, des Inhalts, alle 
Fremden von Ems unweigerlich mit oder ohne Gewalt 
abzuliefern, wofür eine besondere „Diesteltantieme“ 
gewährt wurde. 
Nachdem ich meinen inneren und äusseren Menschen 
einigermassen in Ordnung gebracht, langte die ganze 
Gesellschaft lachend, singend, scherzend an; hatte ich 
schon den Schaden gehabt, nichts von dem gemein 
samen frohen Ritt, nichts von den Schönheiten der 
lieblichen Natur genossen zu haben, brauchte ich jetzt 
für den Spott nicht zu sorgen, umsomehr, als ich in 
der Garnison als gute Reiterin bekannt war — ja, 
gegen Esel kämpfen doch selbst Götter vergebens! 
Als aber der Abend herniedersank und die kleine 
animierte Cavalkade zum Heimritt aufbrach, hätten 
mich nicht zehn Pferde, geschweige denn ein Esel 
in den Sattel gebracht; ich rettete meine zerschundenen 
Glieder in die Eisenbahn, mir zuschwörend, mich nie 
wieder von einem jungen Esel, und sei er noch so 
schön, betören zu lassen, sondern nur noch alten, 
ernsten im Leben und Beruf ergrauten mein Vertrauen 
zu schenken. 
Eine Dampferfahrt auf der 
Oberspree. 
Skizze in Berliner Dialekt von Richard Wandelt. 
(Nachdruck verboten.) 
„Maxe, Du sollst mal sehn, wat scheeneres jibt et 
überhaupt nich in Berlin, wie ne Dampferpartie“, sagte 
Wilhelm Krause zu seinem vor kurzem erst aus der 
Provinz nach Berlin gekommenen Arbeitskollegen Max 
Winter, als sie beide am Sonnabend Abend in der 
Kneipe sassen, um bei einem Glase Bier sich für den 
Sonntag zu verabreden. Max stimmte zu, am Sonntag 
Nachmittag um 3 Uhr an der Dampferhaltestelle 
Jannowitzbrücke zu sein, obgleich er es sich nicht ge 
rade verlockend vorstellte, auf der sich zwischen 
Häusern uud Fabriken hinziehenden Spree eine 
Dampferfahrt zu machen, denn bisher hatte er noch 
keine Gelegenheit, etwas vom „grünen Strand der 
Spree“ zu sehen. Pünktlich um 3 Uhr waren beide 
am Sonntag zur Stelle, lösten sich Billets und er 
wischten glücklich auf dem zur Abfahrt bereitstehenden 
und schon ziemlich vollen „Oberbürgermeister Zelle“ 
noch ein paar Plätze ganz vorn an der Spitze des 
Schiffes. „Maxe, habn wir Schwein, det sind nemlich 
de scheensten Plätze, hier vorne kannste wenijstens 
wat sehn und denn kriejste ooch de Luft aus de erste 
Hand“, begann Wilhelm Krause die Unterhaltung. 
Max Winter blieb stumm und dachte im Innern, viel 
wird’s nicht zu sehen geben. Ein kurzes Kommando 
wort des Schiffsführers, die Laufbrücke wurde fort 
gezogen, die Taue an Bord genommen und langsam 
setzte sich das Schiff in Bewegung. Unser Provinzler 
fürchtete gleich zu Anfang, dass die Jannowitzbrücke 
den Schornstein des Dampfers wegnehmen würde, 
war aber beruhigt, als er sah, dass dieser unter der 
Brücke umgelegt wurde. „Also nu pass uff, Maxe, 
jetz wer ick Dir die Jejend hier mal een bisken aus- 
nanderpolken, damit de weest, wat de allens siehst. 
Hier links det is de Stadtbahn, da drieben is „Manoli“, 
die machen feine Cijaretten, det is ne Dampfmühle, 
nu kommt de Michaelsbricke, siehsde, det is de Jas- 
anstalt und da weiter hinter da is de Volksbadeanstalt, 
da kriejste for drei Jroschen eene warme Badewanne 
for Dir alleene und Seife und Handduch jibs zu. Un 
det is de Schillingsbricke, hier is wieder ne Jasanstalt, 
der Turm da det is ne Kirche, hier rechts det is der 
Viktoriaspeicher, da stehn jetz Automobilomnibusse 
drin, die warten uff den neisten Omnibustarif, und 
hier kommt det Proviantamt mit de Kommisbrot 
bäckerei. Nu kommt de Brommybricke, det heesst se 
baun ihr erst, det is bloss ne Notbricke; hier is de 
Kaserne von de Jarde-Pioniere, die schein ooch de 
Sonntagsruhe noch nich zu kennen, da steht wahr 
haft^ eener und wäscht sich seine weissen Hosen. 
Da drieben is ’n Mertelwerk, da ziehn se mit Trans- 
missjonen den Sand ausn Kahn und uff de andere 
Seite fällt der fertije Mertel jleich uffn Mertelwagen. 
Hier is de Pfuhlsche Badeanstalt. Wat sagste, Maxe, 
wat det vor Tirme sin, Menschenskind det is doch 
unse scheenste Bricke, die Tirme jeheeren doch zu de 
Oberbaumbricke. Unten fahrste ufft Wasser, oben 
loofen se und fahren de Wagen und janz oben, da 
fährt de Hochbahn drieber. Na warte man, da komm’n 
wa ooch noch ran, jetz wird hier erst noch mal je 
halten. Ja, da haste Recht, det is ne hibsche Anleje- 
stelle, die vadanken wa de Jewerbeausstellung von 96, 
da wurde se gebaut. Wat denn, wolln die Menschen 
denn noch alle hier ruff? Na, mir kannt recht sin, 
wir habn Platz. 
Na siehste Maxe, se sind alle mitjekommen, un nu 
jehts lustig weiter. Ja, scheen macht sich unsa Ober 
baum mit seine Tirme und de Hochbahnjallerie, aba 
steh um Jotteswillen nich uff, sonst stosste Dir dein 
Cilinda inn, unse Bricken in Berlin sin nemlich imma 
bloss jrade so hoch, det een Dampfer, wenn er jenau 
in de Mitte fehrt, nich anstosst. Wat det is, det is 
ooch ne Volksbadeanstalt, aba bloss eene mit kältet 
Wasser, un daneben det is det Lager von Haase sein 
Breslauer Bier, schmeckt ooch janz jut, aba een 
scheenet Jlas Schultheiss is ma lieber. Na un da 
drieben links, da steht det Bootshaus von „Berliner 
Ruderklub“; früher hatten die draussen in Jrünau beis 
Wettrudern een Abbonemang uffn Kaiser-Vierer und 
’n Verbandsachter, aba jetzt sin se so feidal jewordn, 
det se die Arbeet an „Hellas“ und so abjejebn habn. 
Hier links is de Auerbachsche Badeanstalt und da 
drieben Sachses Wellenbad, wenn de da an de 
jrosse Welle stehst, denn denkste, de bist in Heljo- 
land, sonne Wellen jibs da. Die Häuser da, det is 
Beermanns landwirtschaftliche Maschinenfabrik, da 
wern de Berliner Sprengwagen ’jebaut. Jetzt kommt 
de Eisenbahnbricke, da jeht der Sidring drieber. Hier 
rechts is det neie deutsche Bad mit een scheenet 
jrosset Schwimmbasseng, wennt warm is, kannste jut 
un jerne 3 /4 Stunden warten, eh de ne Zelle krijst, 
und hier stehn de Berliner Pflastersteene, det hesst, die, 
die noch verbraucht werdn solln. Hier links is ne 
Teppichfabrik und een Mertelwerk, un nu komm wa 
nach Stralau. Det war frieher sehr beriehmt durch 
sein Fischzuch, heute fangn se bloss noch Ikelputzen, 
Steekerlinge und janz kleene Pletzen. Ja, nu sperrste 
Mund un Neese uff, det jloobe ick, det Dir der Park 
jefällt. Ja, unsa Treptowa Park is scheen und dabei 
allens kinstlich anjelegt; frieher standn hier een paa 
jrosse Birken und mittenmang war ne Schossee und 
heute der scheene Park, echt englisch anjelejt, mit 
jrosse Spielpletze in de Mitte, det is de Lunge von 
janz Berlin S. O. und O. und de umliejenden Ort 
schaften. Hier drieben in Stralau is nich mehr ville 
los, trotzdem et hibsche Lokale mit ne scheene Aus 
sicht uffn Park hat, det Storchnest, de Perle von 
Stralau, Tibbecke ecetra, Hier steijt ooch heute 
wirklich keen Mensch aus. Det da is de Stralauer 
Kirche, die steht nu schon vaschiedene hundert Jahre 
da und kommt uff ihre ollen Tage aus de Vawunde- 
rung ieber die villen Veränderungen der Jejend nich 
raus. Jetzt fahren wa ieber de erste Berliner Unter- 
jrundbahn. Wat, de siehst ihr nich, ja zeijn kann ick 
se dir hier nich, det musste mir schon so jlooben. 
Da drieben in Stralau jeht se rin in Tunnel und hier 
driebn in Treptow kommt se wieda raus. Na nu 
pass ma uff, jetzt halten wa in Treptow, da kriejn wa 
Luft, denn da steijn ne Masse aus. 
Hier janz vorne bei Zenners, da ist det feinste
        
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