Path:

Full text: Berliner Leben Issue 11.1908

2 
Diensteifrig entfernte sich der ölige junge Herr. 
„Melitta, Du wirst gehorchen oder das Ende mit 
Schrecken bricht unabänderlich über uns herein.“ 
Der Ball näherte sich seinem Ende. Es hatten sich 
Gruppen gebildet, fröhliches Lachen erscholl, zärtliche 
Blicke wurden getauscht, Hände heimlich gedrückt, 
Rendezvous verabredet. Die Sehschärfe und das Gehör 
der Mütter nahmen merklich ab, die Väter erschienen 
— nach Beendigung ihrer L’hombrepartie — in der 
offenen Saaltür; präsumtive Schwiegersöhne boten 
ihnen zuvorkommend ein Glas Sekt an. 
Der Landrat hatte sich bald nach dem Souper ent 
fernt. Er schien sich nur mässig amüsiert zu haben; 
die Kosten der Unterhaltung mit seiner Tischdame 
musste er allein tragen. Die Baronin war indigniert 
über die abweisende Kälte ihres rebellischen Kindes.— 
„Herr von Treulich, meine Tochter bedauert sehr; 
sie darf heute leider keinen weiteren Rundtanz an 
nehmen. — Unterstehe Dich nicht, Melitta, diesen 
Menschen zu ermutigen. Niemals erhälst Du meine 
Einwilligung.“ 
Die Wangen des Mädchens waren wieder blass ge 
worden und seine Augen fast glanzlos. Die bebenden 
Hände zerbrachen nervös den kostbaren Fächer, eine 
Reliquie aus besseren Zeiten. „Mutter, ich bitte Dich in 
ständig, habe Geduld mit mir. Liebe Mutter, sei gut. 
Lass uns gehen — ich kann nicht mehr.“ „Du darfst 
den Kotillon nicht versäumen, törichtes Kind. Wir 
haben kein Brot und kein Mietsgeld im Hause, aber 
viele unbezahlte Rechnungen. Ich werde einen Eklat 
nicht überleben. — Gewiss, Herr von Speck, meine 
Tochter ist bereit. Sie fragte soeben schon nach Ihnen. 
Der Erdölaktienbesitzer entführte das unglückliche 
Mädchen. Auf ihrem Platze angekcmmen, bat Fräulein 
von Runenfels mit matter Stimme, den Tanz nicht zu 
beginnen; sie wolle sich lieber unterhalten. 
Herr Speck war entzückt über seine wachsenden 
Chancen. Er bemühte sich eitrigst, das zukünftige 
Glück an seiner Seite in verlockender Weise zu 
schildern: Automobilfahrten, Viererzug, kostbare 
Toiletten, ein Rittergut, alles — nebst dem eigenen 
Fettherz — wurde angeboten. Melitta schloss die 
Augen. Sie dachte an das häusliche Elend, in dem 
sie aufgewachsen, an den Hohn der Welt bei dem 
entsetzlichen Zusammenbruch. 
Wie gerne würde sie sterben. Still, ganz still 
möchte sie unter den sanft rauschenden Ulmen des 
Kirchhofs ruhen, unbeachtet von den neugierigen, 
mitleidlosen Menschen in ewigem, süssen wunschlosen 
Frieden. — Aber die unglückliche Mutter, deren letzte 
Hoffnung sie war! — Hilfe suchend irrten ihre Augen 
im Saal umher. Oberleutnant von Treulich tanzte 
vorüber, er bemerkte sie nicht, er schien sich gut zu 
amüsieren. Niemand konnte und wollte ihr helfen. 
Sie blickte verstohlen ihren korpulenten Bewerber 
an. Er sah gutmütig aus, wenn auch leichtlebig und 
oberflächlich. 
O, nur Ruhe haben vor den täglichen Sorgen und 
Tränen der armen, stolzen Mutter! 
Herr Speck begann soeben wieder die Aufzählung 
seiner Herrlichkeiten. Es wurde ihr dunkel vor den 
Augen. „O Gott, hilf mir, es zu ertragen“, betete das 
arme Mädchen. Und noch ein letztzs Mal suchte sie 
die Gestalt des geliebten Mannes; sie fand nur ihrer 
Mutter Blicke — ernst und flehend auf sich gerichtet. 
So raffte sie sich gewaltsam auf. „Herr Speck — 
ich danke Ihnen — meine Mutter erwartet Sie, ich — 
Ohnmächtig wäre Melitta zur Erde gefallen, wenn sie 
nicht Herr von Treulich, der ihr Wanken bemerkte, 
gewandt aufgefangen hätte. — 
Die Baronin eilte besorgt herbei; die Kranke ward 
in einen Nebenraum getragen. 
Nach einer Viertelstunde winkte Frau von Runen 
fels Herrn Speck heran, der in grösster Verlegenheit 
sein Schicksal erwartete. Sie führte ihn zu dem Sofa, 
auf dem Melitta mehr lag als sass. 
„Meine Tochter hat mir alles gestanden, mein lieber 
Herr von Speck,“ sagte die Mutter mit bewegter 
Stimme. „Sie nimmt Ihren ehrenden Antrag an. 
Kommen Sie morgen zu uns. Ich werde dann die 
weiteren Arrangements bestimmen.“ Er wagte kaum 
die schlaff herabhängende, eiskalte Hand seiner Braut 
zu berühren. 
„Also auf Wiedersehen, Herr von Speck“, entliess 
ihn die Baronin. 
Der Bräutigam dienerte sich unbeholfen aus dem 
Zimmer. Er strahlte äusserlich vor Stolz, doch inner 
lich fühlte er eigentlich mehr Furcht als Freude. Der 
überlegene Ton der Mutter und das passive Schweigen 
der Tochter verwirrte und imponierte ihm. Die Ver 
lobungsscene verlief so ganz anders als seine Phantasie 
sie ihm ausgemalt hatte. — 
In dem kleinen Nebenzimmer kniete vor dem Sofa 
die zärtliche Mutter. 
„Mein süsser Liebling, fasse Dich doch! Bleibt 
der Mann am Leben trotz seines apoplektischen Aus 
sehens und seines Asthmas, so wird er bald Kommerzien 
rat und dann Geheimrat — Freiherr von Speck, viel 
leicht gar Excellenz. Der gute Mensch soll uns nicht 
viel inkommodieren, ich selbst willDein Schutzengel sein.“ 
Mit geschlossenen, tränenlosen Augen lag Melitta 
da, die Hände aufs wehe Herz gepresst. 
Die Baronin richtete sich langsam auf, stolze Be 
friedigung leuchtete in ihren Augen: „Gott sei Dank, 
wir werden endlichstandesgemäss leben,“„undsterben“ 
schienen die bleichen Lippen der Tochter zu flüstern. 
Ein wilder Ritt. 
Humoreske von Ad. Constanz. 
(Nachdruck verboten). 
Ein grösserer Kreis meist junger, fröhlicher 
Menschen trat aus dem Kurhaus zu Ems, darüber 
debattirend,wohin manheuteden üblichen „Verdauungs 
ritt“ nach opulentem Diner machen wolle. Das lieb 
liche Ems hat so viele schöne Punkte, dass es, zumal 
bei einer grösseren Gesellschaft, schwer fällt sich zu 
einigen, aber ein junger Leutnant, der schon längere 
Zeit hier zur Kur weilte, schlug so begeistert wie 
energisch „Nassau“ vor, dass wir Neulinge uns gern 
fügten, blieb uns doch immer noch genug Zeit auch 
Stahlbergskopf, Kriegerdenkmal und all die übrigen 
schönen Punkte aufzusuchen. Im heiteren Ge 
plauder schlenderten wir zur Brücke, unter deren 
Bogen Treiber und Esel den kühlen Schatten auf 
suchend, Standort haben. Nach langem Handeln und 
Feilschen — denn es war uns bekannt, dass die Treiber 
von Neulingen, die sie sofort herauserkennen, das 
Doppelte fordern, wurden wir einig. Die Esel — 
deren Zahl sich nach der der Kurgäste richtet, wie uns 
ein gemütvoller Emser erzählte — boten mit ihren rot 
gelben Netzen und Troddeln am Geschirr ein hübsches, 
buntes Bild; vorgeführt zur Auswahl, erregte ein offen 
bar noch junges, wohlgepflegtes Grautierchen gleich auf 
den ersten Blick so sehr mein Wohlgefallen, dass ich 
mich, voll Spannung auf meinen ersten Eselsritt sofort 
in den bequemen Sattel, der einem mit runder Lehne 
versehenen Stuhl ähnelt, installierte. Noch nestelte 
der Treiber etwas am Gurt denselben fester an 
ziehend, dann führte er das Tier langsam die kleine 
Böschung herauf, und wandte sich zu seinen beiden 
anderen Eseln, den etwas zimperlichen Damen beim Auf 
steigen auf die oft bockigen Tiere behilflich zu sein. 
Langsam ging mein kleines Grautierchen ein paar Schritte 
vorwärts, da, im Moment als ich mich nach meiner 
Gesellschaft umsehe, wobei ich wohl den Zügel etwas 
zu locker gehalten, setzt sich das Tier in Bewegung, 
aber in was für eine! Ehe ich noch recht zur Besinnung 
komme, jagt es die Strasse lang immer fort, immer 
fort, ich höre nur noch lautes Lachen hinter mir, dann 
ergebe ich mich in mein Schicksal, in dem tröstlichen 
Gedanken, dass ja schliesslich jedem Lebewesen mal 
die Puste ausgehen muss. Esel müssen aber wohl 
andere Atmungsorgane haben — ohne Anhalten in 
rasender Jagd gehts durch Dörfer und Wälder, über 
Schienengleise, an Schluchten und Abhängen vorbei, 
kein Hindernis hält uns auf, kein Weg ist zu schmal 
oder steil, mal quetscht mich das Vieh an einen dicken 
Baumstamm, mal schiesse ich vornüber, mal hänge ich 
auf der einen Seite. Erbarmungslos rast es immer 
weiter, immer weiter, ich rufe, ich streichle, ich 
klopfe ihm den Hals, nichts hilft — im Nu schiessen 
mir tausend Gedanken durch den Kopf, denn mir 
wird immer klarer, dass ich lebend nicht herunterkomme 
— und ich bin noch so jung, mein Mann fern im 
Manöver, ich völlig fremd hier — aber immer weiter 
und weiter geht die wilde Jagd. — Haben Sie mal 
einen plötzlich wahnsinnig gewordenen Esel gesehn? 
Mit D-Zug-Geschwindigkeit eilt er unaufhaltsam vor 
wärts; da fasst mich der Mut und die Wut der Ver 
zweiflung, schneller als jetzt der Todesritt kann’s
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.