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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

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Unsere Bilder. 
An den Ufern der Spree lächelt der Sommer, aber von 
dem sogenannten Sommerschlaf der Grossstadt kann noch 
nicht die Rede sein. Wenn auch der eine oder andere 
Patrizier sich in die „Oeffentlichkeit“ flüchtet —<- natürlich 
im friedlichsten Sinne — in die Freiheit der Natur .... 
Berlin selbst ist noch an der Arbeit und auf allen Gebieten 
waltet ein reger, jugendfrischer, ungebrochener Schaffens 
geist. Und auch die Kunst stellt noch ihren Mann ... 
und wenn wir aus dem Allgemein- charakteristischen in 
Berücksichtigung unserer Bilder aufs Spezielle übergehen 
wollen, so brauchen wir anstatt des SiDgular den Plural 
zu setzen: die Künste stellen ihre Männer. — Zu den 
von der Kunst in die erste Reihe gestellten Männern 
gehört der Bildhauer Richard Grüttner. In seinem 
Atelier sehen wir den Meister nachdenkend sinnend. Er 
befindet sich mitten in seiner Arbeit — nicht einer Arbeit, 
die grossen Effekten zum Nachteil künstlerischer Innerlich 
keit nachjagt, sondern einer schlichten, aber umso seelen 
volleren! So ist das einfache Modell zu seiner Rechten, 
das den Wirkl. Geh. Oberbaurat Adler darstellt, von 
grosser künstlerischer Bedeutung. — Eine erste Stellung 
in der Schwesterkunst der Malerei nimmt auch der aus der 
berühmten Stadt des jährlichen Kirschenfestes stammende Prof. 
Otto Günther-Naumburg ein. Günther-Naumburg ist 
Lehrer an der Technischen Hochschule zu Berlin, doch liegt 
seine Bedeutung weniger in seiner dozierenden, als in seiner 
produktiven Tätigkeit. Und hier erreicht seine Kunst den 
Höhepunkt in Aquarell-Malereien von Perspektiven und 
Architekturen, und dekorativen Wandbildern. Aus seinem 
Pinsel stammen z. B. die Figuren im Theater-Cafe zu 
Charlottenburg, als seine hervorragendsten Werke gelten 
indess: „Panorama von Potsdam“, „Panorama von Danzig“, 
„Idealansicht von Berlin“. „Vis pacem, para bellum“, sagt 
wohl die preussische Regierung, allein den internationalen 
Friedensbestrebungen, die auch andere Mittel als Waffen, 
und Wege als Kasernenstrassen schaffen wollen, um den 
Krieg zu vermeiden, kann sie sich nicht verschliessen. So 
ist zur Haager Friedenskonferenz, die demnächst stattfindet, 
neben Freiherr Marschall. v. Biberstein als dem ersten 
Delegierten, als zweiter der Geh. Legationsrat Dr. jur. 
Johannes Kriege von der Behörde bestellt worden. 
Diesem Träger, um nicht, zu sagen, Engel der Friedens 
palme, verlieh der Kaiser den Ti.el eines „kaiserlichen Ge 
sandten. Kriege ist 48 Jahre alt, war viel im Auslands 
dienste beschäftigt, zurzeit ist er Justitiar im Auswärtigen 
Amt. — Zum Rektor der Technischen Hochschule zu Berlin- 
Charlottenburg für das aml Juli beginnendeAmtsjahr 1907/08 
ist Professor Otto Kammeier gewählt und vom Kaiser 
bestätigt worden. Die Wahl ist um so bemerkenswerter, 
als Professor Kämmerer schon einmal zwischen 1902 und 
1903 das Rektorat bekleidete. Der Rektor, dem diese Ehre 
einer nochmaligen von besonderem Vertrauen zeugenden 
Wahl zuteil geworden, steht erst im verhältuismässig jugend 
lichen Alter von 42 Jahren; er ist am 8. April 1865 zu 
Miesbach in Oberbayern geboren. Der Technischen 
Hochschule gehört er seit 1896 als etatsmässiger Professor 
der „Abteilung für Maschineningenieurwesen“ an. — 
Wir wenden uns den Portraits einiger Schauspieler zu — 
Mimen, denen man nicht nachsagen kann, dass ihnen die 
Nachwelt keine Kränze flicht. Das gilt besonders von 
Hermann Nissen Dieser Künstler wird bald wieder in 
das Kunstviei tel Berlins eicziehen und am Hebbeltheater seine 
Tätigkeit entfalten, der grossen Anzahl alter Verehrer und 
Freunde vom Deutschen Theater her neue zuführend. 
— Einer der beliebtesten Operettensänger Wiens und der 
österreichischen Provinz, dessen erquickender Humor sich mit 
einem hübschen Gesangsvorlrag paart, ist Gustav Charle, 
Mitglied des Wiener Raimundtheaters. Charle ist der 
Entrepreneur des Wiener Gastspiels im Lustspielhaus; 
auch hier ist ihm der Erfolg treu geblieben. Der Künstler 
wirkte übrigens vor zirka 10 Jahren schon einmal in 
Berlin und zwar am Friedrich Wilhelmstädt’schen 
Theater. — Reiche Lorbeeren erntet, demselben Gastspiel- 
Ensemble am X.ustspielhaus angehörend. Pepi Glöckner 
vom Deutschen Volkstheater in Wien. Ihre Anmut, 
ihre Darstellungskunst, ihie Stimme bilden ein auch die 
gleichgültigste Masse siegreich überwindendes Trio. — Wir 
hatten hier schon Gelegenheit von den Friedensbestrebungen 
und Friedensfreunden zu sprechen, die dem Krieg in dieser 
Welt am liebsten den Laufpass für alle Zeiten geben 
möchten — leider konnte aber nicht frohlockeud hinzu 
gefügt weiden, dass wir schon dem Augenblick nahe sind, 
wo man mit Ibsen der „Bertha von Suttner“ Zurufen könnte: 
„Du hast gesiegt, Galiläerin!“ — Darum muss man, die 
nackten Tatsachen im Auge, glücklich sein, zu sehen, dass 
nicht nur im Frieden darauf hingearbeitet wird, im Falle 
eines Krieges Wunden zu schlagen, sondern auch zu 
heilen. Das Letztere zu lehren und zu erlernen tuen im 
reichen Masse unsere Sanitätskolonnen, die sich vor wenigen 
Tagen zu einer kriegsmässigen Sanitätsübung vereinigten 
und zwar auf dem Uebungsplatz der Eisenbahnbrigade 
am Militärbahnhof. Es waren die Sanitätskolonnen 
von Berlin, Charlottenburg, Schöneberg, Adlers 
hof, Friedenau, Gross - Lichterfelde, Steglitz, 
Teltow, Treptow und Wilmersdorf. Ein fingierter 
Eisenbahnunfall, der einem Militärtransport zugestossen, war 
der Uebung zu Grunde gelegt. Unter Leitung dis Provinzial- 
Inspekteurs der freiwilligen Sanitätskolonne Oberstabsarzt 
Dr. Gernig wurden den Verletzten sachgemässe Verbände 
angelegt und sie dann, wie eines unserer Bilder zeigt, unter 
Benutzung der Kriegskrankenbahren in dem inzwischen 
zum Transport hergerichteten Güterwagen des Hilfszuges 
untergebracht. Der Uebung ging ein Feldgottesdienst 
voraus und fand in einer Parade ihren Abschluss. — 
Unsere Rubrik „Berliner Ansichten“ füllt das Panorama 
„Wittenberg Platz“ aus. Es ist ein schönes Stück 
Berlin, in dem Modernes und Altes, ohne die Harmonie 
zu stören selten lebhaft zum Ausdruck kommt. Man be 
trachte den herrlichen Tempel Merkurs, das Jandorf ge 
hörende, die herrlichsten Produkte der Industrie zur Schau 
stellende K. d. W. und in unmittelbarer Nähe die für den 
Wochenmarkt provisorisch aufgebauten, Kleinkram und 
Esswaren feilbietenden Bretterbuden. Perspektivisch be 
deutungsvoll grenzt die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis- 
kirche die aus dem Wittenberg Platz hetauswachsende 
Tauenzienstrasse ab. — Ein für Berlin typisches Bild ist 
der Zeitungsmarkt am Potsdamer Platz, Alt und Jung, 
Mann und Weib, Jungens und Mädchens sind bei der Arbeit 
des Sortierens, denn es ist Nachmittag und die Kinder 
Johann Gutenbergs sind eben erst aus der Maschine 
gekommen, sozusagen noch kaum trocken hinter den 
Ohren — nun müssen sie weiter befördert werden. 
Das geschieht denn' auch, sei es in Säcken, sei es in 
Droschken, sei es in blossen Händen, sei es in Kinder 
wagen ... — Der Jahreszeit Rechnung tragend, verlassen 
wir, wenigstens mit dem Vehikulum unserer Illusion — 
für einen Augenblick Berlin, ohne indess den Berlinern un 
treu zu werden. Wir begrüssen die Berliner — also 
„Berlin in Ems.“ Dieser idyllisch gelegene Badeort mit 
seinen vortrefflichen Kur-Einrichtungen, in dem die Kranken 
aller Länder erfolgreich Heilung suchen, wird von Jahr zu 
Jahr mehr frequentiert. Inmitten der reich bewaldeten 
Berge ist Ems mit seinem milden Klima das Eldorado für 
alle Halsleidenden. Aber seine Quellen und Bäder sind 
ebenso wirksam bei allen Gicht-, Rheumatismus-, Magen- 
und Darmleiden. Und die herrliche Umgebung trägt nicht 
wenig zur Genesung bei. 
Eine Reihe von Stra^senidyllen bilden unsere photo 
graphischen Aufnahmen „Berlin am Mittag.“ Eine Gross 
stadt wie Berlin — eine Stadt mit dieser Ausdehnung, zeitigt 
besondere, eigenartige Zustände. Fern von zu Hause ist es 
einer ganzen Reihe von Bürgern nicht gegönnt, nach ihrer 
Tätigkeit ihre „Schritte“, die moderne Menschen in der 
„Elektrischen“ machen, mach Hause zu lenken und so bleibt 
ihnen nichts anderes übrig, als da ihr Mittagsbrot zu sich 
zu nehmen, wo sie sich gerade befinden, auf der Strasse. 
Unter freiem Plimmel auch den Mittagsschlaf zu halten. 
Oder bei der Lektüre beschaulich sein Mittagsstündchen zu 
verbringen. In jeder Gestalt kommt solchermassen bei dem 
Asphaltarbeiter die Mittagsruhe zum Ausdruck Auf seinem 
Kübel sitzt er und liest, auf dem Wagenbock und diniert, 
auf dem Karren und schläft oder er schläft auf dem Boden, 
seine Joppe als Kissen, den Hut auf einem Teil des Ge 
sichtes, sich vor Sonnenstrahlen schützend. Auch der Taxa 
meterkutscher an der Haltestelle schläft für ein Stündchen, 
oder wenigstens so lange, als kein eiliger Bürger seine 
fahrenden Dienste verlangt, den Schlaf des Gerechten . . . 
Hofarbeiter verbinden das Angenehme mit dem Nützlichen, 
aus dem Zeitungspapier nehmen sie ihre „Stullen“ und ihr 
Mittagsbrot verzehrend dazu ihr Bier trinkend, vertiefen sie sich 
iu die Zeitungsberichte und Berliner Tagesereignisse. Auch 
dem jungen Burschen und dem älteren Arbeiter schmeckts, auf 
der Bank das Diner zu sich nehmend, das die Frau im 
Korb von zu Hause gebracht und ihren Mann liebevoll 
reicht .... Nicht zu beneiden sind die Omnibuskutscher 
bei ihrem frugalen Mittagsmahle. Sie haben keine Mittags 
pause und müssen in ihrer Wartezeit von etwa 10 Minuten 
ihren Hunger stillen. . . Ein freundliche: es Bild geben die 
vier Setzer auf der Bank ab, die die Milchflasche an den 
Mund führen. In der Gilde heisst es sonst: Ein Schrift 
setzer muss „10 cm“ unter .Spiritus“ stehen, will er der 
Vergiftung des Bleistaubes den gehörigen Widerstand leisten. 
— unsere Jungens scheinen mit Milch den Kampf auf 
nehmen zu wollen — recht so — sicher nicht erfolgloser. 
— Berlin hat eine entzückende Umgebung, deren Anzie 
hungskraft auf Naturfreunde und durstige Mitbürger durch 
die zahlreichen Ausflugsorte wesentlich erhöht ward, die sich 
als menschliche „Erholungsstätten“ freundlich von ihrer 
Umgebung abheben .... Die populäre Hundekehle!. 
Welcher Berliner hat nicht in deren Räumen dem Gotte 
Gambrinus geopfert und die mächtigen Ferkel als zukünftige 
Leckerbissen betrachtet, die eine Grossstadtrarität im Seiten 
garten herumlaufen? St. Hubertus — am Hubertus 
see — ? Wirklich ein heiliger Ort. wo man seine Schuhe 
ausziehen und Hubertus vereint mit den zwitschernden 
Vögeln in den Lüften ein Loblied siegen mag. — Pauls 
born! Hier spiegeln sich Wald und Himmel in dem herr 
lichen Grunewaldsee. — Die Gäste nimmt das neuerbaute 
Restaurant freundlich auf. — Onkel Toms Hütte 
liegt am Riemeistersee — und herrlich und heimlich 
— die Waldriesen verbergen zunächst dem Ankömmling das 
Gebäude, in dem er für einige Stunden das Berliner Treiben 
und seine häuslichen Sorgen vergessen will. — Und an Reizen 
stehen den geschilderten Anziehungspunkten die Ausflugsorte 
„Krumme Lanke“, an gleichnamigen See, die 
„Alte Fischerhütte“ am Schlachteusee, /„Schloss 
Schlachtensee“ und „Beelitzhof“ , unweit des. „Wann 
see“ nicht nach. — Eines der künstlerisch-vornehmsten 
Berliner Denkmäler ist die Fon tän engruppe an der 
Nationalgalerie von Professor Max Klein. Freilich 
— wie viel Berliner kennen das Denkmal — dieses lebende 
Marmorbild der Schönheit, der Empfindung und klassischster 
Formen? Unseren plastischen Werken geht es wie den 
Schöpfungen der Berliner Architektonik — was wirklich 
gut ist, liegt versteckt — blüht wie ein Veilchen im Ver 
borgenen ... Bemstein-Sawersky.
        
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