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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Doch unser Bemühen war vergeblich! Er suchte 
trotz alledem nach dem „etwas“ wie nach einem 
Juwel. 
Endlich hatte er es gefunden und stiess einen 
Freudenschrei aus! 
Hoch vom Mansardenfenster aber erscholl jetzt ein 
silbernes Lachen herab. Der glückliche Finder näherte 
sich nun schnell einer Strassenlaterne und las bei ihrem 
matten Schein voller Entzücken, unbekümmert darum, 
dass wir ihn neugierig umschwärmten und wie mit 
spitzen Nadeln in die Poren stachen. Dabei hatten 
wir es endlich erlauscht, was das sonderbare „etwas“ 
zu bedeuten hatte. — Es war der erste Liebesbrief von 
der Erwählten seines Herzens ■— und zugleich ihre Zu 
sage zu dem erbetenen ersten Rendezvous. — Der 
Aermste konnte nicht einmal bis zu Ende lesen, denn 
ein Trupp junger Mädchen bog vom Marktplatz in die 
Strasse ein. Sie kamen aus der Tanzstunde. 
Unter Lachen und Scherzen wurde das Aller 
wichtigste der Saison besprochen, nämlich das Kostüm 
für den nächsten Maskenball. 
„Es lebe der Winter!“ jubelte eine übermütige 
Brünette. 
„Ich weiss es heute schon, als was ich mich kleiden 
werde.“ 
„Nun?“ fragten die Andern neugierig. 
„Ich kleide mich als . . 
Sie konnte nicht weiter sprechen; da wir Flocken 
nun einmal unseren tollen Tag hatten, so hüllten wir 
den kleinen Kobold in dichte Schneewolken. Ja! Wir 
wirbelten sogar in das offene Kirschmäulchen hinein. 
„Schneeflocken!“ sprudelte sie endlich mühsam 
hervor, — dabei einige unserer kecksten Schwestern 
verschluckend. 
„Schneeflocken?“ riefen die anderen Mädchen er 
staunt! 
„Ach ja!“ pflichteten sie dann bei. „Wir wollen 
uns alle als Schneeflocken kostümiren! Das ist neu! 
Das ist originell!“ klang es lustig durcheinander und 
des Jubeln’s ward kein Ende! 
„Au!“ schrie plötzlich eine schlanke Blondine. 
„Das warein Schneeball! Und gerade an meine neue 
Pelzkappe!“ 
Jetzt wollten sich die Anderen vor Lachen darüber 
fast ausschütten. 
Nun aber hagelte es mit einem Male von allen 
Seiten Schneebälle in die muntere Schar. 
Darob gesteigerter Jubel! 
ln das helle Lachen zarter Mädchenkehlen mischte 
sich das sonore Gelächter einer animirten Herrenschar. 
Diese hatten närnlich beim Verlassen des Restaurants 
die Mädchen schon von Ferne kommen sehen und den 
Scherz verabredet. 
Ei! Wie das nun von beiden Seiten flott in den 
weissen Teppich griff. Zarte Mädchenhände formten 
uns zu Bällen, und so flogen wir als Wurfgeschosse 
hinüber und herüber. Es wurde eine förmliche Schlacht 
geschlagen. Nur dass hier die Getroffenen darüber 
vor Freude aufjauchzten. Nachgerade erlahmten jedoch 
die Hände der jungen Mädchen, denn ihre molligen 
Finger begannen zu erstarren. Sie stellten also das 
Bombardement ein. 
Nun aber wollte die männliche Gegenpartei ihren 
Sieg auch ausnutzen und den Frieden diktieren. — Sie 
näherten sich zu diesem Behufe dem kampfesmüden 
Feinde .... dieser aber stob unter allerlei neckischen 
Rufen eiligst nach allen Windrichtungen auseinander! 
Ach! Das war ein herrlicher Winterabend! Und 
wir immer so mitten drin im tollsten Jubel. 
Das kann man aber auch nur auf Erden durchleben, 
und — auch nur dort, wo glückliche Menschen wohnen. 
Hernach setzte der böse Nord-Ost mit furchtbarer 
Gewalt ein und trieb uns arme Flocken willenlos vor 
sich her. 
Wo würde er sich steilen? 
Wohin wird er uns jagen? 
Wie? Nach, dem Friedhofe? 
O wie traurig! — Ja, — was sollen wir denn dort? 
Wohl gar ein frisches Grab umhüllen? 
Richtig! Da kniete ja schon ein altes Mütterchen 
am Grabe ihres einzigen Sohnes. Aber warum lag 
denn dieses so fern von den anderen, -- so einsam 
und verlassen an der Kirchhofsmauer? Der Sohn der 
armen Wittwe hatte nur drei Tage in der Heimat ge 
weilt. Er war aus dem fernen Ostasien zurückgekehrt, 
wo er für Deutschlands Ehre gefochten und geblutet 
hatte. Ehe er über’s Meer zog, war er hier als Müller 
bursche in Stellung gewesen; aber die beiden jungen 
Leutchen, — nämlich er und seines Meisters Töchter 
lein hatten sich zu lieb gehabt. — 
Als dieses der alte, geizige Müller bemerkte, warf 
er seinen Gesellen einfach zum Hause hinaus. Aber 
das half nichts. — Die Beiden konnten nun einmal 
nicht mehr voneinander lassen. 
Da brach unvermuthet der Krieg gegen die Lang 
zöpfe aus. Nun meinten einige ehemalige Regiments 
kameraden, der Hinausgeworfene solle sich als Frei 
williger melden. Käme er mit Orden und Ehren, viel 
leicht gar mit reicher Beute beladen heim, dann werde 
der geizige Müller schon seine Einwilligung geben. 
Geleitet von der Mutter Segen und den Glück 
wünschen der Geliebten schwamm er denn auch bald 
über das grosse Weltmeer. Er träumte von einer 
glücklichen Heimkehr und von rosiger Zukunft. — Ja, 
Träume! 
Einen Orden erhielt er allerdings, sogar eine ganz 
besondere Auszeichnung für hervorragende Tapferkeit. 
— Mit sonstigen Ehren aber war es schon knapper 
bestellt; wie denn überhaupt da draussen in China 
wenig Ehren zu holen waren. — Von reicher Beute 
jedoch, — ach du lieber Himmel, da war keine Spur! 
Wieder auf vaterländischem Boden angelangt, 
marschierte unser wackerer Chinakämpfer,trotz mancher 
zerstörten Illusion, munter durch den fusshohen Schnee. 
Geschrieben, dass er komme, hatte er garnicht erst, 
denn er wollte seine Lieben überraschen. 
So zog er denn in seine Heimat ein, — sogar 
unter Glockengeläute, da in der Kirche gerade eine 
Hochzeit stattfand. Eben wollte er in eine Seitengasse 
einbiegen, die nach der Mutter Häuschen führte, als 
ein markerschüttender Schrei an sein Ohr drang. 
Die soeben Neuvermählte war bei seinem Anblick 
ohnmächtig in die Arme des Gatten gesunken, der 
über dieses unvermutete Zusammentreffen schier ausser 
sich vor Zorn geriet und uns arme Flocken ingrimmig 
unter seinen Füssen zerstampfte. 
Der pfiffige, alte Müller hatte nämlich des Burschen 
Abwesenheit klüglich ausgenützt. Er hatte unter Mit 
hilfe des reichen Bewerbers um der Tochter Hand das 
Gerücht im Orte verbreiten lassen, dass sein ehemaliger 
Geselle in einem Gefecht getötet sei; — obwohl der 
brave Junge in Wirklichkeit nur schwer verwundet 
worden war. " < 
Das arme Mädchen wurde natürlich auch von den 
, lieben Verwandten“ und sonstigen „guten Bekannten“ 
tüchtig gedrängt, bis sie endlich, mürbe gemacht, — 
nachgab. Hoffte sie doch des Geliebten Tod nicht 
lange überleben zu müssen. 
Da sah sie ihn plötzlich wieder! Da stand er 
lebendig vor ihr! — Aber das „Ja“ am Altar war so 
eben gesprochen! — Es war zu spät! Zu spät! — 
Welche Marter! Die Zukunft von zwei blühenden 
Menschenleben für immer vernichtet, durch das ent 
setzliche „Zu spät!“ 
Still ging der unglückliche, junge Munn davon . . . 
Kein Laut, keine Klage kam über seine bleichen Lippen. 
— Damit er jedoch nicht so ganz verlassen sei, gaben 
wir Flocken ihm das Geleite bis zur Mutter. 
O! Welch ein Wiedersehen! Tränen flössen aus 
den treuen Mutteraugen — aber es waren Schmerzens- 
zähren über den unglücklichen, einzigen Sohn! — 
In der Mühle aber — ah! da ging es heute hoch 
her. Das Protzentum wollte sich zeigen. 
Wir umwirbelten die Mühle. Inmitten Zechender 
sass das junge, bleiche Weib mit starrem, tränenlosen 
Blick. — Sie gedachte des Armen daheim im kleinen 
Häuschen des Örtchens. Der aber hatte nur noch 
einen Gedanken: die Geliebte noch ein einzig Mal zu 
sprechen, ehe er vielleicht für immer — 
Heimlich verliess er sein Lager und umschlich bei 
dunkler Nacht die Mühle. Ahnte das junge Weib, 
dass er sie erwarten werde? Es schien fast so, — 
denn nach kurzem standen sie sich gegenüber. 
Ach wie bat sie flehendlichst mit den rührendsten 
Worten um seine Vergebung, dass sie ihm so bitter 
Leid bereitet habe. 
Wir umkreisten des Mannes zuckende Lippen. — 
Mit einem tiefen Seufzer reichte er ihr die zitternde 
Rechte. Da wurden wir armen Flocken so recht traurig, 
als wir die Beiden so unglücklich sahen. Viele von 
uns senkten sich langsam zu Boden und wollten gar 
nicht mehr in Lust und Freude durch die Lüfte wirbeln. 
Plötzlich erschien der junge Ehemann mit vom 
Trünke gerötetem Antlitz und rief mit barschem Tone 
sein Weib zu sich. Als dieses sich nicht von der Stelle 
rührte, ergriff er sie in jähem Zorn beim Handgelenk 
und zerrte sie in die Münle. Dem Heimgekehrten aber 
rief er höhnend zu, er solle sich morgen die Reste von 
der Hochzeitstafel holen, um sich einmal recht satt zu 
essen. 
Da wendete der Gequälte sich ab von dem herz 
zerreissenden Anblick des unglücklichen Geschöpfes an 
des brutalen Mannes Seite und ging still seines Weges. 
Während das arme Weib von dem trunkenen Gatten 
in wildem Tanze durch das Zimmer geschleift wurde, 
wo auch die anderen Paare beim Takle der Musik sich 
drehten, — fiel an der Kirchhofsmauer ein Schuss durch 
die stille Nacht. 
Nach drei Tagen war er denn begraben, er, den die 
feindlichen Kugel verschont hatten, im fernen Asien. 
Da jammerten wir Flocken, wie noch nie vordem, 
und wünschten uns weit fort von der schönen Erde, 
wieder hinauf in unsere kilte, einsame Region, — weil’s 
dort oben nicht solchen Jammer gibt und solch bitter 
Herzeleid. 
Im Dämmerschein aber standen zwei Frauen in 
inniger Umschlingung vor dem frischen Grabe in 
tiefem Schmerz versunken. 
Man suchte überall nach der jungen Müllerin. 
Wir aber trieben in undurchdringlichen Wolken um 
den Ort der Trauer, damit niemand durch unseren 
dichten Schleier die beiden Frauen entdecken konnte. 
Dann hüllten wir den Toten in ein Bahrtuch und 
mischten uns mit dem Köstlichsten, was Gott diesen 
armen Frauen als Trost verliehen hatte, — mit ihren 
Tränen.
        
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