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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

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Zwei Begräbnisse. 
Nach dem Polnischen von Hajota. 
Autorisierte Uebersetzung vo:i Henny Bock-Neumann. 
Nachdruck verboten. 
In der hohen Heiligenkreuzkirche waren alle Fenster 
mit Trauerflor verhüllt, ein herrlicher Katafalk stand in 
der Mitte des weiten Raumes. Das schwarze silber 
verzierte Tuch verschwand fast unter der Masse von 
Leuchtern und exotischen Gewächsen. Die schwere 
Weihrauch- und blumengetränkte Luft erbebte unter 
den feierlichen Orgelklängen, Choralgesang und dem 
Atem der Menge — die Dochte der geweihten Wachs 
kerzen flackerten, und die auf den dunklen Cypressen 
hängenden weissen Rosen- und Kamelienkränze zitterten 
leicht. Von dem schwarzen, silberverzierten Ebenholz 
sarge hing eine weisse, spitzenbesetzte Atlasdraperie 
herab, ein Zeichen, dass eine Frau im Sarge schlummre. 
An allen Altären wurden stille Messen celebrirtund vom 
Hauptaltar erklang das „Dies irae“. Das ungewöhnlich 
glänzende Begräbnis hatte ausser den Eingeladenen, 
Verwandten, Freunden und Bekannten, eine grosse 
Menge aus allen Volksschichten herbeigezogen; so 
wandelte eine endlose Prozession von Männern, 
Weibern und Kindern um den Katafalk. Viele sahen 
mit eifersüchtiger Neugier auf die ganze Herrlichkeit, 
sie vergassen, dass Alles einer Leiche gelte, die viel 
leicht schon der Verwesung unterlegen war. 
Links vor dem Hauptaltar sass auf der ersten Bank 
ein Mann, von etwa 30 Jahren. Der neben ihm 
stehende schwarz umflorte Hut und mehr noch die 
wie aus Achtung vor seinem Schmerz und seiner Ver 
lassenheit frei gebliebenen Plätze Hessen in ihm den 
Hauptbeteiligten dieser traurigen Ceremonie erkennen. 
Aber aus seinem Gesichtsausdruck Hess sich das 
nicht bestimmen. Er war sehr blass, doch die Blässe 
konnte ihm auch für gewöhnlich eigen sein, ohne den 
Ausdruck, inneren, erstickten Schmerzes bedeuten zu 
müssen. Die Linie seines Mundes zeichnete sich ernst 
und ruhig unter dem dunklen Barte ab; die schöne 
Denkerstirn war glatt und faltenlos; seine tiefliegenden, 
halbgeschlossenen Augen blickten mit einer Art kühlen 
Staunens auf den gedankenlosen, gleichgiltigen Pöbel, 
der sich um den Katafalk drängte. Seine schwarz 
behandschuhten Hände ruhten gefaltet auf dem Betpult, 
und etwas herniedergebeugt hörte er inmitten der 
grossen Menge, im Kerzenglanz und Blumenduft die 
feierlichen Worte der mächtigen Hymne: Rex tremendae 
majestatis, qui salvandos salvas gratis, salve me fons 
pietatis . . . .“, die vom Chore herabklangen. Hin und 
wieder erklang eine Glocke an einem der Altäre, oder 
ein Seufzer stieg aus einer Brust hervor, der der An 
blick fremden Leides das eigene Leid zurückrief. 
Der Mann in Trauer seufzte nicht. Und doch stand 
an dem Kopfende des Sarges die Inschrift: Eugenia 
Malinski, geb. Luska, 27 Jahre alt, usw. und er hiess 
Karol Malinski und hatte ihr vor kaum fünf Jahren in 
dieser Heiligenkreuzkirche Liebe und Treue gelobt . . 
freilich nur bis zum Tode. 
Vielleicht erinnerte er sich dessen eben jetzt, denn 
seine Lippen zuckten unmerklich, und sein bisher so 
unbewegliches, strenges Gesicht nahm einen träumerisch 
ernsten Ausdruck an, der ihm eine seltsame Weichheit 
verlieh. Er hatte sich nichts vorzuwerfen — er hatte 
das Gelübde gehalten, so weit es in seiner Macht lag; 
er war ihr ein treuer guter Mann gewesen, aber er 
hatte sie weder vorher noch nachher geliebt — denn 
dem Herzen kann kein Schwur gebieten. Er hätte sie 
vielleicht nicht heiraten sollen, aber er unterlag den 
Verhältnissen, die mächtiger waren als er, und vor 
Jean Clermont 
in seiner köstlichen Circus-Parodie Barnuni und Beileid 
(Apollo-Theater). 
allem den Bitten seiner von ihm angebeteten Mutter, 
die ihn auf dem Knieen darum angefleht hatte. 
Diese Mutter besass ungewöhnliche Geistes- und 
Herzensgaben und war grenzenlos ehrgeizig und stolz. 
Ihre Ehe war sehr unglücklich gewesen. Sie sah mit 
Verzweiflung im Herzen wie ihr brutaler und gewissen 
loser Gatte das zukünftige Vermögen ihres einzigen 
Kindes schamlos verschwendete. Zum Glück starb er, 
ohne den Ruin vollendet zu haben. Aber die Ver 
mögenslage war verzweifelt genug. Das einst herr 
schaftliche Vermögen, die ausgdehnten Güter waren 
hypothekarisch so schwer belastet, dass die Ansprüche 
eines einzigen Gläubigers sie vernichten könnten. — 
Nur die verständigste Verwaltung und die grösste 
Sparsamkeit konnten den Ruin noch für eine gewisse 
Zeit hinnausschieben, aber das Vermögen konnte auf 
diese Art nicht gerettet werden. Die Mutter Karols 
verlor den Mut nicht, dank ihrer heroischen An 
strengungen sich heimlich das Notwendigste versagend, 
zahlte sie regelmässig die hohen Prozente und erhielt 
durch diese künstliche Existenz das Erbgut ihres Sohnes, 
und zwar so, dass ausser den Nächstbeteiligten niemand 
die Sachlage erkennen konnte, und selbst diesen 
Wenigen war es unbekannt, welche Sorgen und Qualen 
diese vornehme Dame erlitt, die stets so ruhig und 
heiter mit allen verkehrte. 
Nur Karol erriet mit dem Instinkt des Herzens was 
die Mutter für ihn tat, und seine Liebe für diese Frau 
wuchs mit jedem Tage. Sie verfolgte ausdauernd ihr 
Ziel. Wenn sie nur erlebte, dass Karol sich vermählte, 
eine grosse Mitgift erhielte, so würde sie endlich auf- 
atmen können. Dass ihr Sohn eine grosse Partie 
machen würde, daran zweifelte sie nie. Er hatte eine 
sorgfältige Erziehung genossen, war so schön, so an 
ziehend! Er war ja einer Fürstin königlichen Geblütes 
würdig. 
Aber das Schicksal wollte, dass der 25 jährige Karol 
im Hause, seiner reichen Verwandten eine arme 
Lehrerin — keine Fürstin — kennen lernte. Sie war 
halb Polin, halb Engländerin. Ihre Mutter, die Tochter 
eines Auswanderers, hatte ihr den Namen Wanda, das 
Herz einer Polin und den Ausdruck trüber Sehnsucht 
in den dunklen Augen und auf der reinen Stirn gegeben; 
der Vater aber hatte ihr den Namen Brown, einen 
scharfen Verstand und die Farbe der „weissen Rose“ 
hinterlassen, die, wie ihr goldig, kastanienbraunes 
Haar, deutlich den englischen Ursprung verrieten. Sie 
war sehr jung als die Eltern starben, und war in das 
Heimatland der Mutter gekommen, um ihr Brot zu 
verdienen. 
Sie war so schön, dass Karol sich bei dem ersten 
Anblick in sie verliebte, und war so verlassen und 
liebedürftig, dass wenige Worte seinerseits, die warm 
herzig und ganz anders klangen, als alle die gleich 
giltigen Worte, die die Anderen an sie richteten, ge 
nügten, ihm ihre Gegenliebe zu sichern. Und es kam 
dazu, dass sie eines Abends, müde von der lang 
weiligen Tagesarbeit, im Garten sass, es war nicht 
einmal ein sternendurchleuchteter Mondscheinabend, 
sie kämpfte damals noch gegen ihre Liebe — da kam 
Karol, kniete vor ihr nieder und gestand ihr, dass 
er sie liebe, sie allein und für sein ganzes Leben. 
Sie schmiegte sich an ihn, angstvoll über das grosse 
Glück, und mit ihrem schwachen Polnisch antwortete 
sie auf seine leidenschaftlichen, innigen Worte und 
wunderte sich, dass ihr bitteres, schweres Leben sich 
plötzlich in ein Paradies verwandelt hatte. 
Einige unbeschreiblich glückliche Monate vergingen 
ihnen, um so schöner, da Niemand ihr Glück ahnte — 
in ihren Träumen und Hoffnungen hatten sie die ganze 
Welt vergessen .... vergessen! aber die Welt dachte 
an sie und bewies es ihnen durch ihre harte Wirklichkeit 
und ihre unabweisbaren Forderungen. 
Die Mutter Karols glaubte endlich ihr Ziel erreichen 
zu können, sie hatte in der Person von Fräulein 
Eugenia Luska die ersehnte Glanzpartie gefunden. 
Eugenia war eine Waise, seit einem Jahre mündig und 
selbständige Herrin eines nach Millionen zählenden 
Vermögens. Sie war eine stattliche Blondine mit 
hellblonden Haaren, Brauen und Wimpern, blassblauen 
Augen und blassroten Lippen; sie sprach wenig, was 
Wohlwollenden als Intelligenz erscheinen konnte, sie 
hatte herrlichen Appetit und Neigung zur Fülle, was 
das Symptom eines sanften Charakters sein konnte. 
Alles in allem schien sie das Ideal einer Gattin werden 
zu können. 
Karol sah einige Male voller Gleichgiltigkeit diese 
Perle, aber sie folgte ihm mit ihren hellen Augen und 
sprach dabei hinter dem Fächer zu ihrer Nachbarin, 
der Cousine von Frau Malinska, dass ihr der schöne
        
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