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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Anfangsbuchstaben meiner Schreiberin, No. 5 ihre 
letzte Gefängniszelle. Vierzehn Tage habe ich in einem 
Briefkarton in ihrem Zimmer zugebracht und dabei fast 
alles aus ihrem Leben erlauscht. Denn, wenn ihr 
Schatz sie besuchte, dann redeten sie von der Ver 
gangenheit ebenso, wie sie Pläne für die Zukunft 
schmiedeten. Julie Contine, eigentlich heisst sie Julie 
Kraut, aber sie hatte vor Jahren einmal in Frankreich 
gelebt, deshalb hat sie sich umgetauft, ist ein reizendes 
Mädel. Ihr Bräutigam gefällt mir aber noch besser, er 
ist voll Liebe und Aufmerksamkeit. Erst gestern ver 
ehrte er Julie eine kostbare Brosche. — Auch ich ver 
danke mein Dasein bei der kleinen Schwindlerin seiner 
spendenden Hand. Er langte meinen Briefkarton vom 
Ladentisch mit erstaunlicher Gewandtheit herunter; 
mit einem Wupps steckte er mich in seine grosse 
Manteltasche. — Dann zahlte er an der Kasse 
25 Pfennig für ein Notizbuch und verliess das 
Geschäft.“ 
„Gott, wie genial“, himmelte Ch. T. 35. 
Empört sprang ein dicker Brief empor: „Hör’ auf 
mit Deinen Gaunereien, oder ich arretiere Dich!“ — 
Ein Schutzmann war’s der mit seinen Amtsohren die 
Erzählnugen der Gaunerin nicht länger mit anhören 
konnte. — Auf seinem Briefumschlag stand „Vertrauens 
mann lolo.“ Hinter der häufig erscheinenden Annonce 
vermutete der Wächter der Sicherheit eine Schwindelei 
und wollte diese unter dem Scheine des Selbstbe- 
werbens ergründen. 
„Gott ich habe ja nur einen Scherz gemacht,“ 
lächelte der Gaunerbrief. „Die Sache soll ja ein ganz 
harmloser Witz sein, den sich meine Dame mit mir 
erlaubt. Ihr Geliebter nämlich “ 
„O, bitte, kein Wort weiter; die'jungen Damen hier 
könnten verdorben werden! — Sehen Sie doch, Herr 
Schutzmann, wie viele Briefe von zarter Mädchenhand 
ringsum lagern und leihen Sie mir ihren Beistand! — 
Ich benenne mich Helene Weichteling, Missionsdame 
zum Schutze von Jungfrauen.“ 
,.Ja, wie kommen Sie zum Postlagern?“ fragte alles 
erstaunt. 
Die ältliche Dame setzte sich in Positur und 
antwortete feierlich: „In Missionssachen melde ich 
mich auf Heiratsannoncen weiblicher Inserenten und 
warne in meinem Schreiben vor den Männern, die 
lediglich aus Ironie oder in verderblichen Absichten 
auf derlei antworten“. 
„Wo haben Sie denn solche Erfahrungen gemacht?“ 
Die Dame betrachtete den Vorlauten, einen Studenten, 
missbilligend. „An mir natürlich nicht; ich war immer 
besonnen und klug; mir sind, Gott sei Dank, die Männer 
nie gefährlich geworden.“ 
Der Soldat mit dem Vergissmeinnichtkranz schmun 
zelte: „Sie würde ich selbst nicht gegen meine jetzige, 
schlechtkochende Köchin eintauschen.“ 
Das war zu hart für die Brave. Sie fiel in Ohn 
macht. 
Einige mitleidige Briefe bemühten sich um sie, die 
andern lachten laut auf und machten ihre Spässe. Doch 
wollten sie alle die Missionärin in der Nähe betrachten 
und sammelten sich in grossen Haufen um sie her 
um. — Der Polizist meinte, Volksversammlungen wären 
verboten und schritt zu Verhaftungen — da gab es 
einen grossen Skandal, denn die Briefe waren empört 
und bemühten sich, die Gefangenen zu befreien. Es 
kam zu einer regelrechten Balgerei, die sehr, sehr 
schlimm hätte enden können, wenn nicht der erste 
Morgenschimrner durchs Fenster gedrungen wäre und 
den ganzen Spuk zerstört hätte. 
Alles stürmte in seine Regale und Fächer; nur die 
drei Briefe Heinos hatten in dem Durcheinander alle 
Orientierung verloren und lagen nun zittemd und angst 
voll aufeinander. Gott, wenn nur keine Confusion 
entsteht, beteten sie. 
Im Laufe des Vormittags meldete sich eine Dame 
unter G. V. 24; dicht hinter ihr eine andere ziemlich 
sicher auftretende unter H. E. 22. 
Der Postbeamte reichte der ersteren den Brief. Er 
staunt sah er zwei andere dabei liegen. „Nanu? Wie 
komtnen die denn in das Fach?“ brummte er. Dann 
lächelte er und sagte zu einem links sitzenden Kollegen 
halblaut: Alle drei dieselbe Handschrift.“ 
Der Kollege fand im H-Lager keinen Brief H. E. 22. 
„Bedaure, nichts da. Muss schon abgeholt sein. Denn 
gestern —“ 
„H. E. 22?“ fragte der erste Beamte. „Da ist er 
ja. Liegt hier im G-Fach. Schlamperei!“ 
Die Damen, die die Unterhaltung mit angehört 
hatten massen sich mit feindlichen Blicken. Jede 
schielte auf den Brief der andern. Ja, der Mann hatte 
recht: Dieselbe Handschrift. 
Sie traten etwas in den Hintergruud und erbrachen 
ihre Briefe, um sie zu lesen. 
Die Empfängerin von H. E. 22, eine etwas 
sanguinische Natur, entriss der anderen plötzlich den 
G. V. 24 und las rasch die letze Zeile: „Mein einziges 
Lieb, tausend Küsse bis zum nächsten Wiedersehen, 
nur Dein Heino.“ Laut schrie sie auf. 
„Meine Dame! Was unterstehen Sie sich?“ rief die 
Empfängerin von G. V. 24 empört. 
„Was? Was?“ keifte die andere. „Da haben Sie 
noch einen von Ihrem Heino. Einmagerieren können 
Sie sich ihn lassen, Ihren Heino. So ein Mensch! Und 
mir — mir hat er die Ehe versprochen!“ Ihr Gesicht 
verzog sich zum Weinen. 
„Ihnen? Und mich fleht er in jedem Briefe an, die 
Seinige zu werden! Oh! Oh!“ Sie las den H. E. 22- 
Brief. Einen Augenblick stand sie starr. Dann reichte 
sie der andern den Brief zurück. Mit schwerer Ueber- 
windung sagte sie dann: „Darf ich Sie zu einer Tasse 
Chokolade bei Telschow einladen? Wir wollen dort 
weiter überlegen.“ 
Die andere nickte stumm, mit zuckenden Mund 
winkeln. 
So gingen sie schweigend. 
Bald darauf sassen sie lachend bei Telchow und 
schrieben gemeinsam einen Brief an Ch. G. 36 (42): 
„Wissen Sie, was Sie sind, Herr Heino. ln unseren 
Augen ein ganz gewöhnlicher Mensch. H. E. 22. und 
G. V. 24.“ 
Dann brachten sie den Brief aufs Posiamt, wo er 
neben dem Heinos an die Operettensängerin gelegt 
wurde. 
„Schön war er doch“, seufzte H. E. 22.“ 
„Ja, — aber — eben ein Schwindler“, entschied 
G. V. 24. — 
Und H. E. 22 und G. V. 24 wurden noch die 
besten Freundinnen. 
Heute sind sie beide verheiratet 
Aber nicht mit Herrn Heino, den die Operetten 
sängerin gewissenlos rupft. 
Schneeflocken. 
Skizze von H. Carlos-Ducliow. 
Nachdruck verboten. 
Hurra! Der Winter kommt! Nun dürfen wir wieder 
hinab zur schönen Erde fliegen. In unseren höheren 
Regionen ist’s so entsetzlich einsam und einseitig. 
Leben und geniessen kann man nur auf der Erde. 
Hurra! Ein „Hoch!“ dem Nord-West, der uns 
formt und hinabführt auf das feste Land. 
Hui! Wie er wirbelt und uns durcheinander treibt; 
nach Nord, Süd, Ost, West! — Ueber, unter und neben 
einander! Wohin wird er uns denn diesmal fegen? 
Vielleicht wieder nach unserem bekannten, kleinem 
Nestchen, wo es uns so gut gefallen hat und wo wir 
so vielerlei erlebten? Werden wir auch alle wieder so 
gemütlich bei einander bleiben, wie im vergangenen 
Jahre? Oder wird uns der allgewaltige Sturm ausein 
ander jagen? Wir waren damals doch eigentlich eine 
recht lustige Gesellschaft kleiner übermütiger Schnee 
flocken. Wir haben uns unter den Menschen herrlich 
amüsiert und uns mit ihnen immer gut vertragen. Aber 
manches, was wir mit ansehen mussten, stimmte uns 
doch auch traurig; so, dass wir hätten weinen 
mögen, — wenn wir Tränen gehabt hätten. — 
Wahrhaftig, Kinderchen! Dort sehe ich schon das 
bekannte Kirchlein. 
Silberflockchen! Dort lugt auch schon die helle 
Giebel wand hervor, mit den grünen Fensterläden! An 
dem hohen Erker sass stets die hübsche, junge Mutter 
mit ihrem Kinde. Das kleine, blonde Bürschchen 
haschte immer nach uns Flocken, wenn uns der Wind 
an die Scheiben trieb und seine kleinen Händchen be 
mühten sich dann stets uns festzuhalten. 
Herzflockchen! An jenem Fenster schmolzest du 
damals durch ein warmes Kinderpatschchen. 
Siissflockchen! Erkennst du den grossen Baum an 
der Strassenkreuzung? — 
Dort stand einst ein hübscher junger Mann. Sein 
schwärmerisches, blaues Augenpaar schweifte sehn 
süchtig empor nach einer Mansarde . . . dem Schlaf 
gemach seiner Angebeteten! Da öffnete eine zarte Hand 
behutsam das kleine Fenster der Mansarde, um ein 
„etwas“ hinabfliegen zu lassen. . . 
Hui! Wie der ungestüme Nord-Ost das „etwas“ 
erfasste und in rasendem Kreisel um den Baum wirbelte. 
Und wie es plötzlich glückstrahlend in des Mannes 
Antlitz aufblitzte, der bis dahin regungslos wie eine 
Marmorstatue am Baum gelehnt hatte. Nun aber kam 
mit einem Male Leben in seine geschmeidigen Glieder. 
Er naschte eifrig nach dem herum wirbelnden,,etwas“.— 
Aber wir Flocken hatten unsere tolle Laune. Wirtrieben 
in sein Gesicht, dass er die Lider schliessen musste 
und nicht sehen konnte. Wir begruben sogar das er 
sehnte „etwas“ unter unserem schneeigen Teppich, 
damit er’s nicht finden sollte.
        
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