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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Unsere Bilder. 
Das „Mailüfterl“ ist in diesem Jahre heiss, der lyrische 
Dichter kann zu seinem Leidwesen nicht mit linden Früh 
lingslüften operieren — die Zeit machte als unsere be- 
deutenste Sportkünstlerin einen Hechtsprung — aus dem 
Winter direkt in den Sommer hinein und man könnte fast 
von Hundtagshitze reden. Trotz alledem hat das gesell 
schaftliche und Kunstleben, besonders das Kunstleben nicht 
allzusehr in seiner Physiognomie gelitten — das „lebt und 
geniesst“ noch wie vorher, nur sind an Stelle der winter 
lichen sommerliche Arrangements getreten. Nur besucht 
man mehr Operette als Schauspiele, nur gehen die bürger 
lichen Damen auch an den "Wochentagen ausgeschnitten 
und die Kavaliere mit dem Hut in der Hand ersparen das 
Garderobegeld. Unsere vornehmen Varietes, die wie das 
Apollotheater die Operette pflegen, können daher um diese 
Zeit vielleicht mehr denn je mit Goethe reden „Abends 
Gäste“ und Künstler an solchen Kunststätten, die im Winter, 
, wenn die tragische Muse in ihrem klassischen Faltenwurf 
daherschreitet, weniger zur Geltung kommen, rücken jetzt 
in die erste Reihe und ihre Paradekunst geniesst Lob und 
auch Wertschätzung seitens des die Parade abnehmenden 
Offizierskorps der Kritik. Zu diesen Künstlern der 
ersten Reihe gehört der Operettenhumorist Hartstein. 
Täglich zeigt Hartstein im „Lustigen Witwer“ seine liebens 
würdige Gesangskunst und seinen köstlichen Witz. Hart 
stein stammt aus Köln; von dort hat er seinen rheinischen 
Humor mit nach Berlin importiert. — Auch von Grete 
Gallus, die im Passagetheater gastiert, kann man das 
Gute im Superlativ ausdrücken, also das Beste sagen. 
Einst schon eine der besten Soubretten an hiesigen 
Theatern schätzt man sie jetzt als die beste 
Berliner Lokalsoubrette. — Ein stimmungsvoll—intimes 
Gesellschaftsbild, das, wie sich ja aus dein Titel 
ergiebt, mit der Kunst eng verschwägert ist, bildet der 
Besuch Mascagnis bei dem Hofpianisten Lieb 
ling. Es hiesse Eulen nach Athen oder Nachtigallen in 
das musikalische Viertel Berlins tragen, wollte man unseien 
Landsleuten noch etwas über die Bedeutung des italienischen, 
just so sehr gefeierten Meisters sagen. Die Wertschätzung, 
die aber der Hofpianist Liebling als Liebling musikalischer 
Kreise und Mitinhaber der Konzertagentur Jules Sachs 
geniesst, ergiebt sich schon aus den freundschaftlichen Be 
ziehungen zu dem italienischen Komponisten. — Unseren 
Cyklus „EinzelportraiU“ erweitern wir mit einer Anzahl 
von Bildern, Persönlichkeiten angehörend, die im Reiche 
der Berliner Wissenschaft und Kunst momentan besonders 
hervorgetreten sind. Der Tod des unvergesslichen Gelehrten 
Professor v. Bergmann, hat grosse Lücken in der medi 
zinischen Welt gerissen, nun sind zwei bedeutende Kapa 
zitäten dazu bestimmt, die Lücken auszufüllen. Mit Erfolg 
auf die Werke des verstorbenen Gelehrten weiter bauend, 
ihn uns vergessen machend und ihn so doch nicht vergessen 
lassend. Geheimrat Professor Hermann Senator ist 
zum Vorsitzenden der Medizinischen Gesellschaft 
ernannt worden. Geheimrat August Bier wurde aus 
Bonn hierherberufen als Nachfolger Bergmanns an der 
chirurgischen Universitätsklinik. — Der bekannte 
Publizist und Dramatiker Heinrich Lee hat in der die 
Welt bedeutenden Bretter einen selten grossen Erfolg er 
rungen. „Am grünen Weg“ ist tatsächlich ein Stück 
heiteres Berlin und es besitzt die Qualitäten eines wirklich 
vortrefflichen Volksslückes. -— Bei der „lustigen Witwe“, der 
melodienreichsten und anziehendsten Dame, die 
unsere Metropole momentan besitzt, die täglich Hunderte 
von Menschen da draussen im Theater des Westens froh 
lustspendend umfängt, werden unsere Leser gewiss auch 
schon ihre Karten abgegeben haben, daher wird es ihnen 
einiges Vergnügen bereiten, den Vater, wenigstens den 
musikalischen, d ; eser so viel von sich redenden Person 
kennen zu lernen. Bitte: Herr Franz Lehar, ein ebenso 
hervorragender Komponist wie Kapellmeislet aus dem 
Lande der „blauen Donau“. — Franz Lehar ist nebenbei 
auch noch der Hauskomponist des „Theater an der Wien“, 
dessen Direktoren, die Herren Wilhelm Karczag und Karl 
Wallner im hiesigen Lessingtheater eingezogen sind, um 
Wiener Operetten in ihrer Ursprünglichkeit aufzuführen. 
Man lobt die Leiter des Unternehmens, deren Inszenierungs 
kunst schon bei der ersten Novität „Der Bettelgraf“ hervor 
trat und spendet dem Ensemble grossen Beifall, mit deren 
hervorragendsten Mitgliedern im „Bild“ wir auf Seite 14 
die Freunde österreichischer Operettenkunst bekannt machen. 
Als Hauptstützen gelten Mizzi Günther und Louis 
Treumann. Mizzi ist heute ziemlich die beliebteste 
Soubrette Wiens. Treumann erwarb sich in Wien als 
Wolf Beer-Pfefferkorn im „Rastelbinder“ den Ruhm eines 
vorzüglichen Operettensängers. Ruhm und Ruf gehen auch 
den Sängern Carl Meister, Oscar Sachs und den 
Damen Dora Keplinger, Gusti Macha und Elli 
Wolf voraus. Fr. Keplinger ist eine ebenso treffliche 
Schauspielerin wie Sängerin. —- In den schönen Sommer 
tagen findet die Kunst im Sport eine mächtige Konkurrentin. 
Das ist nicht zu bedauern. Der Sport ist für unser Volks 
leben von ausserordentlich physisch und psychischer Be 
deutung. Daher dürfen auch die Preisfeste nicht unter 
schätzt werden, denn nur- wo Sieg und Preis, entfesselt 
sich die Volkskraft. Im Sportpark Steglitz fand das 
100 km-Rennen, das in diesem Jahre zum zehnten 
Male zum Austrag kam, unter grosser Beteiligung der 
Berliner Radsportfreunde statt. Der Sieger im grossen 
„Goldenen Rad“ wurde der Franzose Paul Guignard.— 
Unsere weiteren Bilder dieser Seite erzählen von den 
interessanten Berliner Frühjahr-Segelregatten. Unser Kron 
prinz, der den verschiedensten Sportzweigen sein Interesse 
zuwendet, befindet sich an Bord seiner „Angela III“. — 
Die photographische Kunst enthebt uns des Besuches bei 
fünf Meistern der Berliner Gemeinde, wo herrliche Werke 
der Malerei und der Plastik unseren Blicken geboten 
werden. Mit zu den bekanntesten Bildhauern der Gegen 
wart zählt Gerhard Janensch. Als Schüler Schapers 
schuf er eine Reihe vornehm charakterisierter Monumental 
figuren; für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und den 
Dom zu Berlin arbeitete er eine Reihe Apostel- und 
Prophetengestalten von dauernd künstlerischem Wert. 
— Paul Vorgang hat sich als Landschaftsmaler 
einen grossen Namen erworben, er hat besonders 
die einfache märkische Landschaft in ihren verschiede 
nen Stimmungen meisterlich zur Darstellung gebracht. — 
Der berühmte Bildhauer Ferdinand Lepcke schuf eine 
Anzahl von Werken der Idealplastik und der Monumental 
skulptur, ausserdem künstlerisch individuell aufgefasste und 
doch naturgetreue Portraitbüsten. — Professor Werner 
Schuch, der in Hildesheim geboren und anfangs Archi 
tektur- und Ingenieurwissenschaften studierte, wandte sich 
schliesslich mit sehr grossem Erfolg der Malerei zu. 
Seine Bedeutung liegt in der Historienmalerei. Eines seiner 
Hauptwerke ist das Reiterbildnis von Ziethen. — Sowohl 
als Bildhauer als auch als Maler hat sich der aus Ungarn 
stammende, in Berlin ansässige Professor Max Klein 
hervorgetan. Seinen Portraits und Gemälden rühmt man 
mit Recht bei aller realistischen Durchbildung die künst 
lerische Machthaltung nach. Werke aus seinen Händen 
sind: der Fries am Mosseschen Hause, der Marmorbrunnen 
vor der Nationalgalerie, die Helmholtzstatue auf der Pots 
damerbrücke, das Bismarckdenkmal im Grunewald! — Die 
Jugend bedeutet die Zukunft unseres Vaterlandes und der 
kräftigen gehört die Zukunft. Das ist ein Axiom unserer 
modernen Erziehungstheorie. Wer mit dieser Theorie 
einverstanden ist — und welcher vernünftige Mensch sollte 
es nicht sein — wird dem Berliner Damen-Turn- und 
Fecht-Klub Dank wissen, dass er auch die Kinder in 
die Geheimnisse seiner Unterrichtsgegenstände einweiht, 
Mädchen und Knaben zu Turnübungen anhält und ihnem 
die verschiedenen Fechtarten beibringt. Welch reizendes. 
Bild, den kleinen Buben und das wenige Jahre alte Mädchen 
im Zweikampf sich gegenüber stehn und die Kräfte, die 
Taktik und die körperliche Schmiegsamkeit und den Mut 
messen sehen —■ — —? — Die Feier seines 25jährigen 
Bestehens beging dieser Tage der Berliner Schützen 
bund. Welch ein stattliches Corps von Grünröcken, die 
Brust mit Orden und Auszeichnungen geschmückt, in 
früheren Wettkämpfen auf dem Scheibenstand errungen, 
hatte sich in den Räumen des Schlosses Schönholz zusammen 
gefunden, um nach diversen Festreden und musikalischen 
Introduktionen das Festmahl einzunehmen? Ein silberner 
Kaiserpokal wurde gestiftet und Erinnerungsmedaillen wurden 
14 Nimrods erteilt, die vor 25 Jahren an der Wiege des 
Bundes gestanden. — Berlin bei Nacht ist in Liedern 
und Kuplets schon oft besungen worden. Mit Recht! 
Das Nachtleben in Berlin, mehr ausgeprägt als in jeder 
anderen Stadt Europas, hat seine eigenen Reize. Freilich,, 
die Reize malerischer Natur kommen in den Liedern 
weniger, fast niemals zur Geltung. Und doch welche 
Poesie bietet dem aufmerksamen Wanderer Berlin bei 
Nacht, der ruhigere Gegenden und Plätze aufsucht und 
seinen Blick über die im Glanz des elektrischen Lichtes 
träumerisch ruhenden Strassen, Brücken, Denkmäler, Baum 
pflanzungen schweifen lässt! Halb beleuchtet im Schatten 
der Nacht wachsen die Bauwerke der Menschen zu Riesen 
bauten empor oder zu mystischen Formen aus und die 
durch die Nachtstimmung scharf konturierten Gegenstände 
wecken Töne in seiner Seele, die sonst uur die reine 
Natur zu wecken vermag. — Dem Zufall ist es zu ver 
danken, ein herrliches Werk der Berliner Architektur 
kennen zu lernen und für einige Zeit geniessen zu dürfen.. 
Berlin hat es nämlich mit einer Geschicklichkeit, die einer 
besseren Sache würdig wäre, heraus, die schönsten Bau 
werke in einem Häuserkomplex hineinzubauen, sodass 
deren architektonische Bedeutung absolut nicht zum Aus 
druck kommt. Ein klassisches Beispiel dafür ist das 
Gebäude des Landgericht I in der Grunerstrasse. 
Wenn nicht zufällig in der Umgebung einige Häuser nieder- 
gerissen worden wären, wie hätte der Berliner dahinter 
kommen können, dass in diesem Gerichtsgebäude ein Bau 
kunstwerk von selten architektonischer.Pracht erstanden ist? 
Andere Städte greifen in ihren Beutel und kaufen im 
Interesse solcher Bauwerke meist umliegendes Terrain an, 
um eine sogenannte Gebäudefreiheit zu schaffen •— der 
Berliner Magistrat hat aber hierzu weder das Interesse 
noch die Courage — er sieht es sogar wie bei dem Land 
gericht ruhig mit an, dass das Baudenkmal wieder verbaut 
wird; trotzdem will Berlin die schönste Stadt der Welt 
werden. — Ein nicht nur die Geschäftswelt Berlins, sondern 
auch die vornehme Gesellschaft der Metropole, die in einer 
eleganten Equipage noch immer das vornehmste Be 
förderungsmittel erblickt, interessierendes Fest wurde kürz 
lich in dem Festsaal des Zoologischen Gartens gefeiert. 
Die Luxuswagenfabrik Jos. Neuss beging dasjjubiläums- 
fest ihres 50jährigen Bestehens. — Berliner 
Strassentypen! Der Kontrast begünstigt den Humor. 
So kommt es, dass im Leben der Berliner Metropole nichts 
lustiger wirkt, als wenn, wie wir auf unserem Bilde sehen, 
„der Onkel aus der Provinz“ mit seiner Reisetasche und., 
seiner hinter ihm herziehenden Frau ankommt, um wahr 
scheinlich der verheirate'enTochter einen Besuch abzustatten. 
— Zwei Stiefelputzer hat Berlin — den einen bringen wir, 
der andere befindet sich auf dem Alexanderplatz. — Eine 
tüchtige Spreewälder Amme versteht ihr Geschäft — sie 
knüpft zur rechten Zeit neue Verbindungen an ... . Die 
Ansichtskartenhändlerin — sie hat ihre festen Preise, frei 
lich dem Provinzler einen Groschen mehr abnehmen — 
das gehört zum Geschäft, wenn es noch etwas einbringen- 
soll. Bernstein-Sawersky.
        
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