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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Postlagernde Briefe. 
Von Gertrud von Hagen-Vetliacke. 
Nachdruck verboten. 
Man hatte sie den Tag über nicht abgeholt; 
einige von ihnen waren aber auch erst mit letzter Post 
gekommen, und nun lagen sie alle den Buchstaben nach 
geordnet in den für sie bestimmten Abteilungen des 
Briefständers. 
Der Mond lugte durch die Fenster in die stille Post 
stube hinein, und als seine Strahlen die Briefe trafen, 
klangen merkwürdige Töne aus ihnen hervor, ungefähr 
so, als wenn sich jemand im Erwachen reckt und streckt. 
„’N Tag“, sagte ein grosser weisser Brief. — Wenn 
der Mond scheint, ist für tote Gegenstände immer 
Tag. — „Ich bewerbe mich um eine Stelle als Ver 
trauensmann unter Chiffre lolo. — Sind vielleicht noch 
mehrere Konkurrenten da? Das wäre mir unlieb!“ 
„Sie verstehen wohl von der ganzen Sache nichts, 
da Sie sich so danach drängen“, fuhr ihn eine daneben 
liegende Postkarte an. „Viel ist bei sowas nie zu holen, 
höchstens durch Schwindel; und wenn Sie das nicht 
raus haben, dann fallen Sie eben rein.“ 
„Meine Herren, ich begreife Sie ganz und gar nicht. 
Ein Vertrauensmann muss Cavalier sein vom Kopf 
bis zur Zehe. Schon das Aeussere soll einnehmen. — 
Auch ich bewerbe mich um diese Stellung und ver 
sichere Ihnen wenn mir dieselbe zuteil wird, ich werde 
nie etwas Unsauberes mitmachen!“ Ein eleganter 
Leinenbrief reckte sich hochmütig in die Höhe: 
Baion Jünger ist mein Name“, sagte er und knickte 
dann nachlässig zusammen. 
„Baron!“ flötete eine Damenstimme. „Ach, Herr 
Baron, vor acht Tagen liess ich eine Heiratsanzeige 
ins Morgenblatt setzen; aber der Herr, mit dem ich 
darauf in Korrespondenz getreten bin, ist nur pensio 
nierter Steuerbeamter. — Wenn ich vielleicht Ihre werte 
Bekanntschaft machen könnte, es wäre mir lieber!“ 
„Nein“, erwiderte der Baron eisig und hüllte sich 
fortan in tiefes Schweigen, trotzdem das Fräulein sich 
kokett in seine Nähe drängte. Der Cavalier hatte 
nämlich mit dem ersten Blick bemerkt, dass diese Dame 
eine sehr altmodische Handschrift zeigte; — in solchen 
Fällen zog er es stets vor, blind zu sein und nicht 
lesen zu können. 
„Wenn Sie ’nen Bräutigam haben wollen, ich bin 
Musketier und meine Köchin kocht mir viel zu schlecht, 
vielleicht verstehen Sie’s besser.“ Eine Postkarte mit 
einem Vergissmeinnichtkranz und in grossen Buchstaben 
„ewig treu“ darüber marschierte heran. 
„Lassen sie mich in Ruhe, ich bin eine Dame, 
eine ehrbare Dame!“ schrie das Fränlein entsetzt. 
„Ob ich wohl endlich abgeholt werde?“ klagteein 
feines Stimmchen. Schon seit vier Tagen liege ich hier 
und vergehe vor Sehnsucht nach meinem Ernst, ich 
liebe ihn ja so sehr!“ — R. 109 war das rosa Couvert 
adressiert. — Wenn dieses Briefchen eine Ahnung 
hätte — täglich kam Herr Ernst R. an den Schalter; 
nur forderte er nicht jene Chiffre, sondern E. K. 48. 
E. K. 48. langte heute mit letzter Post an, fast 
durchsichtiges Papier mit starkem Parfüm durchzogen. 
Die dicke, grosse Schrift konnte man hindurch lesen. 
Max Steidl 
der neue Operetten-Tenor des »Apollo-Theater«. 
„Teurer Freund, 
Gestern beim Spazierenfahren habe ich mir einen 
Schnupfen geholt; es wird besser sein, wir unter 
lassen morgen die Naturkneiperei. — Hole mich bitte 
abends zum Theater ab und vergiss nicht, ein 
hübsches Opernglas mitzubringen, Du erinnerst Dich 
gewiss, mein altes habe ich verloren. 
Sei auch bitte so lieb und sieh anliegende Briefe 
von meinem Schneider durch. Ich verstehe mich 
garnicht auf geschäftliche Schreibereien und bin 
immer sehr froh, wenn mir dies jemand abnehmen 
kann. — Adio, süsser Schneck! 
Deine Fifi.“ 
Der Brief blickte gelangweilt vor sich hin, lächelte 
aber plötzlich sehr freundlich, als ein flotter Husaren 
offizier hinter ihm erschien. 
„Ich halte mich hier auf, meine Gnädigste“, begann 
derselbe und legte seine Hand grüssend an die Fünf 
pfennigmarke, „weil ich den Backfischstreichen meiner 
kleinen Cousine nachkommen muss, die sich absolut 
einmal einen postlagernden Brief holen möchte. — 
Bitte überzeugen Sie sich selbst, was in mir steht: 
Holde Cousine, Dein Wunsch erfüllt! 
Stets Dein 
von Hardenstein!“ 
Die starkduftende Dame schüttelte sich vor Lachen. 
„Gnädiges Fräulein“, schnarrte der Leutnant wieder, 
„Sie haben etwas undefinierbares Schickes an sich, was 
mich in Begeisterung versetzt. — Gestatten Sie, dass 
ich etwas mit Ihnen promeniere?“ 
„Aber gewiss, gern!“ Und nun spazierte sie mit 
ihm über die Posttische entlang und auf dem Fussboden 
dahin und warf dabei Blicke links und rechts, als 
wenn sie recht auffallen möchte. — 
Drei Briefe von gleicher Herrenhand verfasst, 
schlenderten ebenfalls sehr kokett im Zimmer herum. 
Sie hatten sich eingehakt und plauderten vergnüglich 
und geheimnisvoll zusammen. Alle von demselben 
Papier trugen sie verschiedene Aufschriften H. E. 22, — 
Ch. T. 35 und G. V. 42. 
„Dieses Wiedertreffen hier ist zu nett“,, meinte der 
eine Brief. „Nur wundert es mich, H. E. 22, Dich 
trotz Deines gestrigen Hierseins nicht abgeholt zu 
sehen!“ 
„Die gute H. E. leistet sich jetzt manchmal der 
artiges, sie wird nachlässig. Das kommt davon, wenn 
die Frauen von heutzutage sich der Treue ihrer Liebe 
so bombensicher sind.“ 
„Wenn sie ahnte, dass ihr Heino eben unter 
Ch. T. 35. auf eine Annonce geantwortet, in der eine 
Operettensängerin den charmanten dunklen Mann sucht, 
der mit ihr auf dem Wohltätigkeitsball für allgemeine 
Wohltätigkeit getanzt und sie nachher zum Sekt ein 
geladen hat!?“ 
„Und“ — fiel der dritte Brief ein, „dass ich unter 
G. V. 24 der reichen Erbin Fräulein X. zugesandt 
werde mit Schwüren ewiger, treuer Liebe und herz 
lichen Bitten, alles daran zu setzen, damit der starr- 
halsige Papa endlich „ja“ sagt? — Und wisst Ihr, 
wie dieses poetischste aller Schreiben endet? — — 
Mein einziges Lieb, tausend Küsse bis zum nächsten 
Wiedersehen, nur Dein Heino.“ 
„Jedenfalls habe ich ältere Anrechte als Sie“, fiel 
dem Redner H. E. 22. pikiert ins Wort. 
„Was heist ältere Anrechte? Von Anrechten kann 
da Niemand reden. Anrecht hat nur der Moment.“ 
„Ach, da muss ich aber sehr bitten“, fiel ihm wieder 
H. E. 22 ins Wort. „Das werden wir schon sehen, 
wer mehr Anrecht hat und ob ich Anrechte habe. 
Wenn ich nicht abgeholt werde, hat das darin seinen 
Grund, weil Heino meinem Fräulein bereits ein ganz 
sicheres Heiratsversprechen gegeben hat. Schwarz auf 
Weiss hat sie einen Bruder von mir, sogar mit 
orthographischen Fehlern, in Händen. Da wird Ihnen 
Ihr Schwur nichts nützen, lieber Freund.“ 
„Ihre Jungfrau muss sehr altmodisch sein, wenn sie 
einem solchen Quatsch Glauben beimisst“, spottete 
G. V. 24. 
„Quatsch! Quatsch hat er gesagt! “kreischte H. E. 22. 
„Das ist Tusch, mein Herr. Ich werde Sie züchtigen.“ 
G. V. 24’s Schrift wurde violett vor Schrecken. 
„Schutzmann, Schutzmann!“ fing er an zu schreien. 
„Nehmt Euch doch in Acht und schreit nicht so“, 
mahnte da eine neue Stimme. „Man muss die Polizei 
nie in postlagernde Briefe mischen. Ich kann ein Lied 
davon singen. Denn ich bin der Brief einer Hoch 
staplerin. 
Mit grossen Stempelringen sahen sie die Rednerin 
an und wussten nicht, ob sie bleiben oder gehen 
sollten. 
Endlich sagte Ch. T. 35: „Ach erzählen Sie doch 
einen Schwank aus Ihrem Leben.“ 
„Ich trage die Adresse B. T. 5. — B. T. sind die
        
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