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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Unsere Bilder. 
Die Wissenschaft arbeitet im Stillen. Aber wenn durch 
die grossen Erfolge des Einen oder Anderen besondere 
Ehrenbezeugungen aus ihrem Reiche bekannt werden, dann 
wird es dem nichtachtenden Laien erst anschaulich, was in 
der Welt des Geistes gearbeitet wird und was besonders 
die .Koryphäen schaffen, die ihr Farbe und Signatur geben. 
Geh. Medizinalrat Professor Dr. v. Leyden ist durch 
Verleihung des Prädikates „Excellenz“ ausgezeichnet worden. 
Wie lebendig treten uns anlässlich dieser Würdigung die 
Fortschritte der Arzeneikunst im Allgemeinen vors Auge 
und im Besonderen die fruchtbringende Tätigkeit des 
Professors v. Leyden, der in der Theorie und Praxis gleich 
Grosses geschafft und schaffend dieser der leidenden 
Menschheit gewidmete Kunst Wege gebahnt und Richtung- 
gegeben. — Der Frühling hat sein knospendes Grün und 
seine Sonnenstrahlen ins Land geschickt und nun werden 
auch Sport und Sportsfeste unter den öffentlichen Ver 
gnügungen wieder mehr und mehr in den Vordergrund 
tret.n. Ein Reiterfest, an dem sich Damen und Herren 
der Gesellschaft beteiligten, fand jüngst in dem von Director 
Wannow musterhaft geleiteten .Tattersall am Kur 
fürstendamm“ zum Besten des Vereins „Pferdehort“ 
statt. Ein zahlreiches distinguiertes Publikum, darunter 
viele Offiziere unserer Garde-Kavallerie-Regimenter -wohnten 
der wohlgelungenen, in ihrem Programm geschickt zu 
sammengestellten sportlichen Veranstaltung bei. Die Teil 
nehmer des Festes ernteten besonders für die in der bunten 
Uniform der „Schillhusaren“ vö geführten reiterlichen 
Leistungen reichen Beifall. — Die Abwechslung des 
aktuellen Berliner Lebens führt uns vom Sport zur Kunst. 
Ein beliebtes Mitglied der Komischen Oper ist Berta 
Binder von Martionowska, früher am Theater des 
Westens. Sie sang nach Frieda Felser die „Carmen“ mit 
viel Erfolg. Der Nachbar der Künstlerin aus der Komischen 
Oper ■— natürlich hier nur; im Portrait — ist Felix Dahn. 
Dahn, der Sohn des früheren Münchener Hofschauspielers 
Ludwig Dahn und Neffe des gleichnamigen bekannten 
Schriftstellers, stand 1895 zum ersten Mal als „Liebenau“ 
im Waffenschmid auf der Bühne und zw<r zu Frank 
furt a. M„ 1905 ging der Künstler ins Tenorfach über, 
studierte bei Knote in München und wuide am 1. März d. J. 
als Oberspielleiter und ausübender Sänger an die 
Lortzing-Oper verpflichtet. — Albert Ivutzner ist ein 
hervorragender Tenor des im Theater des Westens 
gastierenden „Hamburger Operettenensembles. Wir sehen 
ihn hier als „Rossillon“ und in der charakteristischen Ver 
körperung des „Danilo“ aus der „Lustigen Witwe“. — Vor 
kurzem beging eine in den weitesten Kreisen bekannte und 
hochgeachtete Persönlichkeit, der Generalleutnant z. D. 
Friedrich Freiherr von Dincklage - Campe das 
50jährige militärische Dienstjubiläum. Anlässlich dieser 
Feier wurden ihm Ehrungen von Nah und Fern zuteil. 
Herr v. Dincklage -war nicht nur ein hervorragender 
Militair, sondern er hat sich auch schriftstellerisch in um 
fassender Weise betätigt und durch seine Romane, Novellen, 
Skizzen, Plaudereien über Armee-, Marine, Jagd etc. eine 
grosse Schaar von Verehrern erworben. — Der Verein der 
Blumengeschäfts-Inhaber in Berlin veranstaltete mit grossem 
Erfolg tine Bindekunst-Ausstellung in den Räumen 
des Landes-Ausstellungs-Palastes. In herrlichen 
Blumengewinden, Sträussen, Kränzen, Phantasiearrangements 
fanden alle freudigen und schmerzenbringenden Ereignisse 
des menschlichen Lebens ihren charakteristischen, sym 
bolischen Ausdruck. Bekannte Persönlichkeiten aus der 
Berliner Gesellschaft und dem Gelehrtenstande gehörten 
der Preis-Jury an. — Soziale Fragen fachwichtiger Natur 
tvurden in der ITauptVersammlung des Deutschen 
M usikdirektoren- Verbandes behandelt, die in der 
Berliner Schlaraffia stattgefunden. Zu dem Kongress hatten 
zahlreiche Städte Deutschlands ihre musikausübenden Pleni- 
potentaires entboten. — Im Neuen Theater erzielte „Der 
Dieb“ von Henry Bernstein einen grossen Erfolg. Die 
Hauptrollen lagen in den Händen des Heirn Christians 
und der gastierenden Wiener Schauspielerin Claire 
Wallentin. Die den Geschmack des Berliner Publikums 
treffende Erotik des 2. Aktes reflektiert sich in der Scene 
die wir hier photographisch wiedergeben. — Für Sports 
freunde ist das Wort „Karlshorst“ wieder aktuell geworden und 
welche Anziehungskraft diese Sportstätte auf seine Berliner 
Freunde auszuüben vermag, davon gibt uns das Bild einen 
Begriff „Ostermontag in Karlshorst“. — O das glück 
liche Berliner Theater, das sich eines solch mit Zuschauern ge 
füllten Parkets rühmen könnte, wie wir es auf der Tribüne 
des II. Platzes und auf dem I. Platz und dessen Tribünen 
sehen Gelegenheit haben. Allerdings hier werden auch 
„Preise“ davoDgetragen, wie Kuroki als Sieger des 
Osterpreises beweist, und wie das Bild „Moment aus 
dem Damen-Preisrennen schliessen lässt, spielen die 
Damen hier nicht nur die Rolle beifallspendender Zuschauer, 
sondern sie geben zu Gunsten des Siegers ihren sportlichen 
Idea en auch eine materielle Unter lage. — Wir wenden uns 
der bildenden Kunst zu. Zu den hervorragensten Bildhauern 
der Gegenwart, die sowohl vor der Kritik bestehen, als auch 
sich der Anerkennung des Publikums und der kaiserlichen 
Wertschätzung erfreuen, gehört Professor Gustav Eberlein. 
Seine We ke zeigen klassische Kunst, Grösse, männliche 
Kraft, Seele und <dle Formen! — Auch Professor Paul 
Meyerheim zählt in seinem Kunstrayon zu den aller- 
grössten. Man möchte sagen, er hat das Tier „kunst 
salonfähig“ gemacht; er führt die Bestie in ihrer wildesten 
Natur in unseren Salon und wir können ihr ruhig ins Auge 
sehen; sie ist lebendig, hat Seele und Kraft, mehr wie 
manche Schwester der Wildheit und wir brauchen uns doch 
nicht zu fürchten. — Von der Tanzkunst in ihrer voll 
endetsten Grazie erzählen die Bilder der folgenden Seite. 
Vor -wenigen Tagen fand im Festsaal des Mürich’sehen 
Tanzinstituts, Steglitzerslrasse 35, die Prüfung der 
Studierenden statt, die der Hochschule der Genossen 
schaft deutscher Tanzlehrer angehören. Es war be 
wundernswert, was in der kurzen Zeit eines vierzehn 
tägigen Kursus im Einstudieren von Gesellschafts- und 
Gruppentänzen und Tanzdivertissements geleistet wurde. 
Einen besonderen Eindruck hinterliessen der „japanische 
Fächer tanz“ von Engelhardt, Leipzig und die „Pierot- 
Quadrille“ von Alexander Hoffmann. Ebenso boten ein 
stimmungsvolles Bild die „Winterträume“ von Paul Mürich, 
Berlin. — Auf die Prüfung in einer Schule, die mehr in 
das soziale Leben hinüberspielt, weist die photographische 
Aufnahme „Kindersing- und Bewegungspiele“, hin. 
An die Erziehung grossstädtischer Kinder stellt die Gegenwart 
ausserordentliche AnIorderungen. Aber die Schule lehrt 
nur positives Wissen; Sinn für Musik, Grazie des Körpers 
und ästelisches Fühlen werden hier nicht entwickelt. 
Da muss man es mit grosser Freude begrüssen, wenn neben 
den staatlichen Schulen sich es Privatanslalten zur besonderen 
Aufgabe machen, du ch saebgemässen Unterricht auf Ge 
sundheit und Gemüt des Kindes einzuwirken. Diese Auf 
gabe löst das Altmann’sche Konservatorium in an 
erkennenswertester Weise. — Wir wenden uns noch einmal 
der Welt zu, welche die Bretter bedeuten. Das Gastspiel des 
Ensembles der Monte Carlo-Oper, das im Königl. 
Opernhause stattfand, ist beendet, die französischen Künstler 
ziehen lorbeerbekränzt nach ihrer Fleimat zurück. Sie 
können sich eines grossen äussern und künstlerischen Erfolges 
freuen. Noch selten haben Publikum und Presse den Dar 
bietungen eines fremden Ensembles solches Interesse entgegen 
gebracht; und der Kaiser zeigte aufs neue, wie man grosse 
Künstler eines Landes ehrt und auszeichnet. Director 
Gunsbourg, der Leiter des Ensembles, hat uns freilich 
auch eine feine und charakteristische Regiekunst vors Auge 
geführt und die Bekanntschaft mit Persönlichkeiten, wie 
Renaud, Chaliapine, Rousseliere, Mademoiselle Lindsay zu 
machen, bedeutete für uns einen grossen künstlerischen 
Gewinn. — Zum Schluss bietet sich uns noch Gelegenheit, 
einen Blick in die Galerie für alte und neue Kunst zu 
tun. Die Galerie für alte und neue Kunst, welche bisher mit 
einigen intimen Musik- und Vortragsabenden in Reinhardt- 
schem Kammerstil debütierte, ist jetzt der Kunstkritik als 
zukünftige Pflegestätte für bildende und für Interieur-Kunst 
älterer uud neuerer Zeit in den Räumen des Hauses 
Wilhelmstrasse 45 offiziell zugänglich gemacht worden. Die 
Galerie präsentiert sich uns als ein zwischen mehreren 
Salons gelegener, sehr langgestreckter Saal, der durch eine 
Pfeilerstellung in zwei schmälere, galerieartige Wandelgänge 
geteilt wird. Kostbares altes Mobiliar aus der Zeit des 
französischen Rokoko und Barock, dazu Gobelins und 
schwellende Teppiche geben dem Raum das Ansehen einer 
luxuriös eingericlv eten Privatkunststätte. An den Wänden 
entlang, auf Truhen und Staffeleien malerisch verteilt, hängen, 
stehen, liegen Bilder alter und neuer Meister; eine lange 
Reihe koketter Sessel deutet dabei an, dass hier nicht die 
Kunst allein, sondern auch Geselligkeit gepflegt werden soll. 
Das Nützliche soll sich mit dem Angenehmen verbinden — 
und so wird hoffentlich das Angenehme auch stets 
nützlich sein. Bemstein-Sawers.ky. 
Apollo - Theater. 
Aus dem neuen Zugstück: „Der Triumpf des Weibes“. 
Das Hemd — Hansi Hanke.
        
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