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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

„Ja wohl, mit Delikatesse!“ murmelte die Geheimrätin 
grimmig. 
„Ich muss inzwischen eine Tasse Chokolade trinken, 
mir ist ganz elend geworden von der Aufregung!“ hauchte 
das alte Fräulein matt. 
„Ich trinke mit!“ sagte die Geheimrätin düster. 
Beide rauschten aus dem Saale. 
Der Assessor hatte die missbilligenden Bewegungen der 
alten Damen wohl bemerkt, dann flog sein Blick prüfend 
über das aufgeregte, glühende Gesicht seiner kleinen Frau, 
welche mit atemloser Spannung dem Spiel zuschaute. 
Aber was war denn das? 
Kurts Blicke irrten plötzlich so unstät umher. So 
sonderbar hatte Lotti ihn noch nie gesehen. Was war 
ihm nur? Er war aufgestanden, mit jähem Ruck schob er 
den Stuhl zurück, nnd Lotti zuwinkend, wandte er sich 
dem Ausgange des Saales zu. 
Lotti war sehr erschrocken: „Was ist Dir, Männchen?“ 
„Ach, garnichts — es ist nur — ich habe fast unser 
ganzes Geld verspielt! * 
„Entsetzlich!“ Lottis Herzblut erstarrte. 
„Ich will schnell zu uuserm Hotelwirt hinübergehen, 
er wird mir gewiss ein paar hundert Franken leiheu. 
Dann gewinne ich uns unser Geld wieder. Nimm hier 
inzwischen die Brieftasche! Warte hier, ich bin gleich 
zurück!“ 
Lotti war allein. Ihr schwindelte, es war zu schrecklich! 
„Fast alles verloren!“ hatte er gesagt, und sie war ja 
schuld an dem ganzen Unglück! Sie hatte ihn ja ver 
anlasst zu diesem schrecklichen Spiel! Wie eine Centnerlast 
fiel ihr die heutige Morgenscene auf das Herz. Was nun tun? 
Ha, ein glücklicher Gedanke! 
„Wenn ich nun selbst versuchte, das Verlorene wieder 
zugewinnen? 
Ja. ja, so geht’s! O, er wird noch Respekt vor mir 
bekommen! “ 
Mit zitternden Händen öffnete sie die rote Brieftasche 
und griff einen Geldschein heraus. 
„O, es scheint ja noch etwas darin zu sein!“ flüsterte 
sie nun, um vieles getröstet, und trat mutig zum Spieltisch. 
Sie setzte — und — verlor — o, das war aber unangenehm! 
Hastig nahm sie von neuem einen Geldschein aus der 
Brieftasche und — spielte weiter. Die kleinen, niedlichen 
Hände griffen noch mehrere Male in die Brieftasche hinein, 
und dann, o Entsetzen, jetzt war sie ganz leer! Sie hatte 
alles, alles verspielt! 
In diesem Augenblick kamen die beiden alten Damen 
von ihrer Chokolade zurück. Die Geheimrätin setzte ihre 
Lorgnette auf: „Wo ist denn der Assessor geblieben? 
Himmel, jetzt sitzt sogar die Frau am Spieltisch!“ 
Die beiden Damen stürmten auf Lotti zn: „Nein, Frau 
Assessor, das können wir nicht zugeben!“ 
Lotti stürzte denselben schon entgegen, klammerte sich 
verzweifelt an das alte Fräulein an und brach in ein 
jämmerliches Schluchzen aus: „Ich — hu — hu — hu — 
habe alles verloren!“ 
„Ruhe!“ tönte es von allen Seiten. 
Die alten Damen führten die arme junge Frau aus dem 
Kasino heraus. 
„O, dass man hier so etwas schreckliches erleben muss!“ 
stöhnte Fräulein Idchen, die Hände ringend. 
„Und haben Sie denn bedacht, dass Ihr Gatte sich um 
Ihren Leichtsinn vielleicht das Leben nehmen wird?“ rief 
das alte Fräulein ausser sich. 
Lotti schrie laut auf vor Entsetzen. 
„Vielleicht nimmt er es sich schon in diesem Augen 
blick, er ahnt gewiss das Unglück schon!“ schluchzte die 
Geheimrätin. 
„Suchen Sie den Assessor, beste Freundin, vielleicht 
können Sie den unglücklichen jungen Mann noch retten!“ 
schrie Fräulein Idchen atemlos. 
Die Geheimrätin stürmte in die Nacht hinaus, so schnell, 
wie es ihre Korpulenz gestattete. 
Bald hatte sie den Assessor angetroffen, der auf dem 
Wege war, seine Frau aufzusuchen, um letztere über den 
kleinen Schwindel aufzuklären, welchen er in Scene gesetzt, 
um sie von ihrem Spielinteresse zu heilen. Denn er hatte 
in Wahrheit gar keinen Verlust gehabt. 
„Mein Herr,“ donnerte die Geheimrätin voller Ent 
rüstung, „Sie haben durch ihren unverzeihlichen Leichtsinn 
Ihre arme junge Frau verdorben, durch Ihr böses Beispiel 
ist sie dem Spielteufel verfallen!“ 
Er lichte laut und vergnügt auf. „Aber meine ver 
ehrteste Frau Geheimrätin, ich glaube, Sie nehmen die 
Sache zu ernst!“ 
„Ha,“ schrie die Geheimrätin, „Sie täuschen mich nicht, 
Ihr Lachen ist das der Verzweiflung, des Wahnsinns! 
Auch nach Ihnen hat der Spielteufel seine Krallen aus 
gestreckt!“ — 
Währenddessen hatten sich Lotti und das alte Fräulein 
kraftlos auf eine der Bänke gesetzt, welche sich in den 
Anlagen in der Nähe des Kasinos befanden. 
Es war ein herrlicher Abend, von unten herauf tönte 
das Rauschen des Meeres, und in wunderbarer Pracht 
breitete sich der Sternenhimmel aus. Aber die beiden 
empfanden nichts von der sie umgebenden Schönheit 
der Natur. 
Es war zu schrecklich! Alles Geld verloren! 
Lotti war ganz erstarrt vor Verzweiflung. Eine un 
beschreibliche Angst ergriff sie jetzt um ihren Gatten, sie 
zitterte vor Aufregung. Barmherziger Gott, wenn nun 
Kurt - ihr Kurt — er war so aufgeregt, so verstört 
vorhin und — 
Ein Schuss ertönte in nächster Nähe. 
Lotti schrie laut auf, sie stürzte, gefolgt von dem alten 
Fräulein, in das nahe Gebüsch, aus welchem Pulverdampf 
emporstieg. 
Am Boden lag ein Mann, der Revolver neben ihm. 
Lotti taumelte, ihr vergingen die Sinne. 
„Aber Lotti, geliebte Lotti!“ Zwei wohlbekannte Arme 
umfingen sie. Die arme kleine Frau kam wieder zu sich: 
„Ach, Kurt, lebst Du denn noch?“ 
„Aber Lotti, warum denn nicht?“ 
„Ja, aber wer ist denn jener Maün?" 
„Ein unglücklicher Spieler, der sich das Leben nehmen 
-wollte, und dem ich noch rechtzeitig glücklicherweise den 
Revolver aus der Hand schlagen konnte, als ich hier bei 
dem Gebüsch mit der Geheimrätin vorüberkam,“ sagte der 
Assessor ernst. Lotti schauderte und schmiegte sich fester 
an Kurt. 
Energisch traten -jetzt die beiden alten Damen an den 
Selbstmordkandidaten heran, welcher, völlig unverletzt, sich 
wieder erhoben hatte und nun mit tief zerknirschtem 
Gesichtsausdruck vor den Anwesenden stand. 
„Mein Herr!“ hub die Geheimrätin voller Entrüstung 
an und wollte dem Selbstmordkandidaten die gerechte 
Strafpredigt halten; aber der Assessor erhob Einspruch: 
„Wie wäre es, meine Damen, wenn wir zusammenlegten 
und diesem armen Manne eine kleine Summe zum Trost 
schenkten?“ 
Die allen Damen waren sofort bereit, und selbst der 
Assessor und Lotti beteiligten sich, freilich mit nur kleinen 
Gaben, was nach den im Spielsaal gemachten Erfahrungen 
leider nicht anders möglich war — 
Noch in später Abendstunde sassen die alten Damen 
und das junge Ehepaar zusammen in ihrem gemeinschaft 
lichen Hotel und berieten, was nun zu tun sei. 
Lotti hatte ihrem Kurt alles gestanden und unter 
jämmerlichem Schluchzen, tief zerknirscht, die leere Brief 
tasche abgeliefeit. 
Kurt war über die ganze Unglückserzählung natürlich 
nicht sehr erfreut, und die beiden allen Damen Hessen es 
inzwischen an ernsten Ermahnungen nicht fehlen. Denn 
Oberwasser hatten die beiden letzteren nun, das liess sich 
leider auf keinen Fall bestreiten. 
„Ja, Frauchen“, meinte endlich der Assessor nach 
denklich, „unser Geld ist so gut wie zu Ende. Ich werde 
an deu Papa depeschieren müssen, er möchte uns Geld 
schicken, das wird das beste sein!“ 
„Nein, Kurt, das ist unmöglich! Das wäre ja eine 
furchtbare Blamage für uns und dann würden ja auch alle 
erfahren, dass ich an dem ganzen Unglück schuld bin!“ 
„Ja, Frauchen, dann müssen wir eben schleunigst ein 
packen und nach Hause reisen, denn zu dem teuern Leben 
hier haben wir kein Geld mehr, es reicht nur knapp zur 
Rückreise. Ach. Lotti, Lotti, wer hätte das gedacht!“ 
Die arme kleine Frau machte ein sehr bedrücktes 
Gesicht: „Ja, was nun?“ 
„Meine lieben jungen Herrschaften! Ich habe eine 
prachtvolle Idee!“ liess sich da recht tröstlich Fräulein 
Idchens Stimme vernehmen. „Sie reisen allerdings nach 
Haus, aber nicht direkt, sondern Sie bleiben noch ein 
Weilchen in unserer Villa im lieben heimatlichen Gtune- 
wald! “ 
„Und wir tun nachher so, als wenn wir direkt aus 
Montecarlo kämen!“ rief Lotti strahlend vor Freude und 
umarmte Fräulein Idchen stürmisch. 
Die beiden alten Damen drohten der kleinen Frau mit 
dem Finger. 
Kurt machte ein etwas langes Gesicht: „Hm! Also 
inkognito im Grunewald!“ 
Am nächsten Morgen sass das junge Ehepaar wieder in 
der Eisenbahn und flog mit etwas trübseligen Gesichtern 
der Heimat entgegen. 
Lotti schmiegte sich an ihren Kurt: „Du Männchen!“ 
„Was denn, Frauchen?“ 
„Nach Montecarlo reisen wir aber nicht noch mal!“ 
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