Path:

Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

2 
Mit grossem Bedauern musste man sich bald von ein 
ander verabschieden, jedoch hoffte man, sich in Montecarlo 
wieder zu treffen, da die alten Damen auch dorthin reisen 
wollten. Ehe das junge Paar Nizza erreichte wurde noch 
eine Postkarte an Kurts Papa verfasst: .Ich bin furchtbar 
glücklich“ schrieb Lotti, und der Assessor setzte darunter: 
„Ich auch“. 
Nun war das junge Paar in Montecarlo angekommen, 
und mit köstlichem Behagen sassen die beiden jetzt auf 
einer Terrasse und überschauten voller Entzücken das 
herrliche, blaue Meer. Die Brandung toste und schäumte, 
es war ein prächtiger Anblick. Und unweit von ihnen 
erhob sich das Kasino, ein schimmernder Palast, leuchtend 
und glänzend im strahlenden Sonnenlicht. 
„Ach Männchen, so schön habe ich mir Montecarlo 
nicht gedacht! Und nicht wahr, nun sehen wir uns auch 
die Spielsäle an?“ 
„Natürlich, mein Frauchen!“ 
Lotti zitterte vor Vergnügen, denn auf die Spielsäle 
hatte sie sich ja schon lange gefreut, und plaudernd, 
lachend, das mit Brillanten geschmückte Händchen auf den 
Arm des Assessors gestützt, tänzelte sie voller Uebermut 
durch die herrlichen Anlagen, welche das Kasino umgeben, 
dem geheimnisvollen Zauberpalaste entgegen. Nun durch 
schritten sie das mit marmornen Säulen geschmückte 
Vestibül. 
Zögernd blieb Lotti einen Moment stehen, sie. atmete 
tief auf: 
„Ach, Männchen, mir wird ganz bange!“ 
Dann traten beide in den mit gelblichem Dämmerlicht 
erfüllten Saal. 
Tiefe Stille herrschte, nur das feine Klingeln des 
Goldes tönte unaufhörlich, und die fieberhafte Spannung 
auf den meisten Gesichtern der Menge, welche die grünen 
Tische umdrängte, verriet nur zu deutlich die furchtbare 
innere Erregung fast all dieser Menschen. Wie sie nach 
dem Glücke jagten und hasteten, und wie die nervös 
zitternden Hände Einsatz nach hierhin und dorthin schoben! 
„Kien ne va plus!“ erschallte es eintönig aus dem 
Munde des Croupiers. 
„Hast Du gehört, Männchen?“ flüsterte Lotti leise. 
„Gerade so stand es in meinem Buche über Montecarlo!“ 
Mit lebhafter Spannung in den munteren Augen standen 
beide Arm in Arm und beobachteten das interessante 
Treiben am grünen Tische; wie im Uhrwerk spielten sich 
die Vorgänge dort ab, immer sich gleich bleibend und 
doch immer weiter rasend in unheimlicher Geschäftigkeit. 
Unaufhörlich rollte die entscheidende Kugel der Roulette, 
während schwarz gekleidete Herren mit feierlicher, ernster 
Haltung lautlos zwischen den Tischen hin und her gingen, 
um in ihrer Eigenschaft als Aufseher die Ordnung aufrecht 
zu erhalten. 
„Etwas unheimlich, aber sehr interessant!“ flüsterte 
Lotti atemlos. „Willst Du nicht auch einmal spielen?“ 
„Ach bitte, Männchen, tue es doch!“ 
„Fällt mir ja gar nicht ein, wir wollen lieber eine 
Partie nach Mentone machen, es soll dort wunderschön 
sein!“ sagte der Assessor, sich dem Ausgange zuwendend. 
Lotti jedoch stand zögernd. 
„Aber Männchen!“ 
„Komm Frauchen, komm!“ 
Beide verliessen den Spielpalast. 
„Weisst Du, ich finde es eigentlich garnicht schneidig 
von Dir, dass Du nicht spielen willst!“ 
„Du bist köstlich! Eine andere Frau würde froh sein, 
wenn ihr Mann nicht spielt, und Du —!“ 
Der Assessor unterbrach sie plötzlich und schwenkte 
lebhaft den Hut: „Sieh doch, Lotti, wer dort kommt!“ 
Zwei grüne Sonnenschirme winkten von ferne. 
„Ah, welche Freude!“ vergnügt eilte Lotti den beiden 
alten Damen entgegen. 
Ja, sie waren es wirklich. 
Die dicke Geheimrätin und Fräulein Idchen, ihre alte 
Freundin. Sie waren soeben in Montecarlo angekommen, 
nachdem sie einen Abstecher nach Venedig gemacht. 
Man schüttelte sich aufs wärmste die Hände, und dann 
wurde die Partie nach Mentone gemeinschaftlich unter 
nommen. Bei einigen Gläschen echt italienischen Weines, 
unter Palmen und bei brillantester Laune feierte nun die 
kleine, muntere Gesellschaft ihr frohes Wiedersehen, und 
vergnügt kehrten alle des Abends nach ihrem gemeinschaft 
lichem Hotel zurück. 
„Höre mal, Lotti!“ sagte der Assessor zu seiner jungen 
Frau mit einem leisen Seufzer. „Wir sind ohne Schwieger 
mama abgereist, und nun — scheint mir — haben wir 
zwei Schwiegertanten gefunden!“ — — — 
Lustig guckte am nächsten Vormittag die Sonne in 
den Salon des jungen Ehepaares hinein, aber es sah darin 
durchaus nicht so fröhlich aus, wie die strahlende Himmels 
königin vermutete. Frau Lotti war allein und — ärgerte 
sich. Die kleine Frau hatte ihren Gatten beim Morgen 
kaffee von neuem bestürmt, „dass er ihr zu Liebe nun heute 
wirklich spielen müsse , und da war Kurt, „ihr Kurt“, zum 
ersten Mal böse geworden. 
O, es war empörend, ihr einen so kleinen, un 
bedeutenden Wunsch abzuschlagen! 
Dann hatte sie ihre Kaffeetasse etwas unsanft auf den 
Tisch gestellt — und dann — dann war er fortgegangen. 
Lotti schluchzte ein Weilchen — und nun fasste sie 
einen energischen Entschluss. Fünf Minuten später hatte 
sie sich in eine blasslila Foulardtoilette gekleidet. O, sie 
sah entzückend darin aus! 
Dann wurden die goldblonden Löckchen so verführerisch 
wie möglich um das rosige Gesicht arrangiert und duftende 
Veilchen in den weissen Ledergürtel gesteckt. 
Aha — draussen ertönten Schritte auf dem Korridor. 
Er kam zurück. 
Geschwind setzte sie sich in den Schaukelstuhl, so 
nachlässig, so bequem wie möglich. 
So — recht weit zurückgelehnt. 
Noch ein bisschen nachlässiger. 
Nun nahm sie einen neuen französischen Roman in die 
Hand und las darin scheinbar auf das eifrigste. 
„Warte nur, Du sollst meinen Wunsch schon erfüllen!“ 
dachte die kleine Frau energisch. 
„Guten Tag, süsse Lotti!“ 
Sie antwortete nicht und las scheinbar interessiert weiter. 
„Aber Lotti, hörst Du mich denn nicht?“ 
Lottis Herz begann heftig zu klopfen, sie sah ein, dass 
sie sich um den Begrüssungskuss brachte, — und das war 
doch eigentlich schade! 
Und wie herzlich der Ton seiner Stimme klang — sie 
wäre am liebsten aufgesprungen und ihm um den Hals 
gefallen! 
Aber nein — das durfte nicht sein. 
„Ach so, Du bist’s!“ sagte sie so matt und kühl wie 
möglich, keinen Blick von ihrem Buche wendend. 
„Na, da hört doch abes alles auf!“ rief der Assessor 
ärgerlich. 
Wenn er nur nicht so liebe Augen hätte! 
Aber es half alles nichts, sie musste ihren Plan zu Ende 
führen. 
„Du liebst mich nicht mehr!“ rief sie plötzlich heftig 
schluchzend und verzog das Mündchen so weinerlich wie 
möglich. 
„Um Gotteswillen, Lotti!“ Der Assessor war tief 
zerknirscht. 
„Dass — Du — mir — den — kleinen Wunsch — 
abschlagen — konntest — — —“ 
„Lotti, zieh Dich an, wir gehen nach dem Kasino 
hinüber, ich werde spielen!“ 
„Ach, Du liebes, siisses, allerbestes Männchen!“ 
Bald waren die beiden im Spielsaale. 
Kurt setzte sich an den grünen Tisch und spielte — 
spielte wirklich. 
Und Lotti stand ihm gegenüber mit strahlenden Augen 
und folgte gespannt jeder seiner Bewegungen. 
Hin und -wieder nickte er ihr zu. 
O, es war doch zu interessant, dass er nun wirklich 
spielte! 
Stunde um Stunde verrann, Kurt spielte noch immer. 
Lotti fühlte sich etwas abgespannt. „Du, Männchen, wollen 
wir nicht zur table d’höte gehen? Es ist schon spät!“ 
„Zur table d’höte? Gewiss, gehen wir!“ 
Sie sassen im Speisesaal des Hotels; natürlich hatten 
die beiden alten Damen neben ihnen Platz genommen. 
Geschäftlich eilten die Kellner hin und her. 
„Ich hätte garnicht gedacht, dass das Jeu mich so 
interessieren würde,“ meinte der Assessor animiert, sich 
ein Glas Sekt nach dem anderen einschenkend; „nach dem 
Kaffee gehen wir wieder hinüber!“ 
„Natürlich, natürlich!“ stimmte Lotti eifrig bei. 
Die beiden alten Damen stiessen sich gegenseitig 
heimlich mit dem Ellenbogen an. „Ach, du lieber Himmel! 
Den armen jungen Leuten droht Gefahr!“ jammerte 
Fräulein Idchen leise ihrer Freundin zu. 
„Oho, da müssten wir nicht sein!“ flüsterte die Geheim 
rätin ebenso leise, aber energisch. 
„Haben Sie aber auch bedacht, mein lieber Herr 
Assessor, dass der Spielteufel —“ 
Der Assessor lachte: „O, der hat gar keinen Einfluss 
auf mich!“ 
„Der Spielteufel!. O, wie interessant das klingt!“ 
meinte Lotti. 
„Hm, hm!“ räusperte sich die Geheimrätin kräftig. 
„Wenn die lieben jungen Herrschaften erlauben,“ hub 
sie dann laut und bestimmt an, „so begleiten wir Sie nach 
dem Spielsaal hinüber.“ 
„Sehr angenehm!“ meinte der Assessor artig. — 
Wieder sass Kurt am grünen Tische und spielte, und 
Lotti stand ihm gegenüber und sah zu. 
Wieder vergingen die Stunden, es war längst Abend 
geworden. 
Drüben auf dem Sofa hatten die beiden alten Damen 
Posto gefasst uud verwendeten keinen Blick von dem 
jungen Paare, indem sie sich leise und aufgeregt, hin und 
wieder missbilligend die Köpfe schüttelnd, über den 
Leichtsinn ihrer Schützlinge unterhielten. 
„Wenn es sein muss, so hole ich ihn mit Gewalt vom 
Spieltisch,“ sagte die Geheimrätin, sich unwillkürlich die 
Aermel aufstreifend. 
„Um Gotteswillen, beste Freundin, nur keinen Eklat! 
Ich bitte Sie! Alles mit Delikatesse!“ flüsterte das alte 
Fräulein flehend.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.