Path:

Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Von Montecarlo bis zum Grunewald. 
Humoreske von Olga Görlitz. 
(Nachdruck verboten.) 
Sie kamen eben von ihrem Hochzeitsdiner. Seelen- 
vergniigt und freudestrahlend. Warum sollten sie auch 
nicht? 
Sie waren das glücklichste junge Ehepaar, das man 
sich nur denken konnte. 
Und was für ein schmuckes Ehepaar! 
Er war unstreitig der schneidigste Assessor und Frau 
Lotti das süsseste junge Frauchen, von welcher es wirklich 
schwer zu sagen war, ob sie vor einigen Stunden in dem 
weissseidenen Brautkleide mit Myrthenkranz und Schleier 
oder jetzt in der graziösen, zartgrauen Toilette bezaubernder 
aussah. Jedenfalls stand der kleine Kapothut dem blonden 
Lockenköpfchen zum Verlieben hübsch. Frau Lotti trug 
nämlich einen Kapothut aus ernsten Gründen“, sie wollte 
frauenhaft, würdig aussehen. Man war doch nun einmal 
verheiratet, wenn auch erst seit einigen Stunden, und da 
war es doch wirklich unangenehm, noch immer hin und 
wieder mit „gnädiges Fräulein“ angeredet zu werden. Man 
war also jetzt .gnädige Frau“ und damit basta! 
Zu Frau Lotti’s grossem Aerger meinte zwar der alte 
Onkel, welcher das junge Ehepaar nach dem Bahnhofe 
begleitet hatte, Lotti schaue mit dem Kapothütchen noch 
viel jugendlicher aus. 
„Das reine Baby, zum Anbeissen nett!“ hatte er gesagt. 
Lebhaft stimmte der junge Ehemann den Worten des 
Onkels bei, während die junge Frau ein bitteres Gesichtchen 
machte. 
„Na adieu Kinder! Glückliche Reise! Und zankt Euch 
nicht!“ — 
Lotti lachte schon wieder. 
„Adieu Onkelchen!“ Sie winkte mit dem Taschentuche 
und der Assessor schwenkte lebhaft den Flut. 
Noch ein Glockenzeichen, ein Pfiff — und der Zug 
setzte sich in Bewegung. 
Da srssen sie nun beide in einem Coupe erster Klasse 
und flogen voller Uebermut dem schönen Süden entgegen, 
dem Ziel ihrer Hochzeitsreise. 
Lotti’s Mama hatte tausend Mark dazu beigesteuert und 
Papa ebenfalls tausend Mark. Damit konnte man sich 
schon amüsieren. 
Wohlverwahrt ruhten diese beiden Spenden in einem 
kleinen, toten, eleganten Lederiäschchen auf der Brust des 
Assessors, und „Du sind sie auch noch da?“ fragte Frau 
Lotti alle fünf Minuten besorgt, worauf er jedesmal be 
ruhigend nickte und ihr zum Dank für ihre Fürsorge das 
niedliche Pländchen küsste. 
„Weisst Du, es ist reizend, eine verantwortliche Haus 
frau zu sein!' sagte sie wichtig und schmiegte sich be 
haglich an ihren Kurt. Derselbe revanchierte sich natürlich, 
indem er jetzt das andere Händchen seiner kleinen Frau 
küsste: „Ach, Lotti!“ 
In der gegenüberliegenden Ecke des Coupes sassen 
zwei alte Damen. 
„Nun sehen Sie nur, Beste, diese unaufhörlichen 
Zärtlichkeiten, es wird einem wirklich zu viel!“ flüsterte die 
eine derselben, eine dicke Geheimrätin „Mein August 
war doch auch mal zärtlich, aber so albern hat er sich nie 
benommen. „Ja, ja, die Männer!“ seufzte die zweite der 
alten Damen, ein sehr längliches, dünnes Fräulein und 
schlug ihre hellblauen Augen schwärmerisch zum Himmel 
auf oder vielmehr bis zu der niedrigen Decke des Eisenbahn 
coupes. 
„Aber diese Zärtlichkeiten fangen ja immer von neuen 
an!“ murmelte die dicke Geheimrätin missbilligend. „Am 
Ende sind sie garnicht verhebalet!“ „Entsetzlich! Ich 
steige aus!“ stöhnte das alte Fräulein. 
Geh, Med,-Rat Professor Dr. von Leyden 
wurde durch Verleihung des Prädikats Exceiltnz ausgezeichnet, 
„Um Gotteswillen, beste Freundin, so warten Sie doch 
wenigstens bis zur nächsten Station!“ 
„Fandest Du eigentlich, dass mir der Mjurtenkranz 
gut stand?“ fragte in diesem Augenblick Lotti kokett. 
„Bezaubernd, mein Frauchen!“ 
„Sie sind verheiratet!“ flüsterte die Geheinrätin er 
leichtert. 
„Es scheint so!“ antwortete das Fräulein tief aufatmend 
und lehnte sich beruhigt wieder in ihrer Ecke zurück, ihren 
Pinscher mit zärtlichem Druck an sich ziehend. 
Die beiden in der entgegengesetzten Coupeecke 
kümmerten sich nicht ein bischen um die Entrüstung der 
alten Damen, sie hatten ja beide viel zu viel zu tun mit 
ihrem sonnigen, jungen Glück. Kurt und Lotti hätten am 
liebsten die ganze Welt umarmt vor innerem Jubel, die 
beiden alten Damen mit einbegriffen. Aber es war doch 
auch gar zu schön, so frischgebacken von der Hochzeit zu 
kommen und dazu diese himmlische Hochzeitsreise vor sich 
zu haben.! 
Erst sollte es nach Nizza gehen und dann nach — 
Montecarlo. 
„Du Männchen!“ 
„Was denn FrauchenI“ 
„Ich freue mich furchtbar auf Montecarlo! Weisst Du, 
ich finde, es liegt schon so etwas interessantes, geheimnis 
volles in dem Namen! 
Ach, es muss himmlisch sein, die Leidenschaft der 
Spieler zu beobachten 1 Du wirst doch auch spielen, 
Männchen ? “ 
„Ich, warum nicht gar!“ 
„Nicht?“ Frau Lotti machte ein sehr enttäuschtes 
Gesicht. 
„Aber darauf habe ich mich gerade so gefreut! Im 
vorigen Winter haben wir in unserem Lesekränzchen ein 
sehr interessantes Buch über Montecarlo gelesen“, sagte sie 
eifrig. „Und nun denke mal, Männchen, wie ich meinen 
Freundinnen in Berlin imponieren würde, wenn ich Ihnen 
nach unserer Rückkehr erzählen könnte: wir waren in 
Montecarlo und — mein Mann hat gespielt!“ setzte die 
kleine Frau mit komischer Würde hinzu. 
Der Assessor lachte, dass es dröhnte, sodass der kleine 
Pinscher auf dem Schosse des alten Fräuleins ein wütendes 
Gebell erhob, denn er dachte, es ginge ihn an. Lotti 
wurde rot. 
„Es ist nicht schön von Dir, dass Du so über mich 
lachst!“ sagte sie schmollend und rückte ein Stückchen fort. 
„Aber Lotti!“ Der Assessor wurde weich. „Süsse 
Lotti!“ flehte er zerknirscht, und dann musste er ihr wohl 
so viel Zärtliches gesagt haben, was die alten Damen nicht 
recht hören konnten, so sehr sie auch die Ohren spitzten, 
denn Frau Lotti machte schon wieder ihr glückstrahlendstes 
Gesicht. Das gute Einvernehmen war also vollständig 
wieder hergestellt, und das junge Ehepaar kicherte und 
plauderte miteinander von neuem, dass es eine Lust war. 
„Es ist wirklich etwas aufregend, mit solch einem 
jungen Ehepaar zusammen zu fahren!“ flüsterte die dicke 
Geheimrätin. 
„Ja wohl, man wird ganz nervös von diesen ewigen 
Zärtlichkeiten!“ sagte das alte Fräulein matt, „selbst meinem 
Pitty wird es zu viel!“ 
Als nun aber schliesslich das junge. Ehepaar mit be 
zaubernder Liebenswürdigkeit die beiden alten Damen mit 
in die Unterhaltung zog, da begann die Zurückhaltung der 
selben allmälig zu schwinden, und sie konnten die Zärtlich 
keiten ihres hübschen Vis-a-vis garnicht mehr so übel finden, 
wurde nimmer animierter, und als sich nun noch im Laufe 
des munteren Geplauders herrausstellte, dass das alte 
Fräulein eine Jugendfreundin von Lottis Grossmama war, 
da' wollte das Schmunzeln und Freuen gar nicht mehr auf 
hören.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.