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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Unsere Bilder. 
Eine der charakteristischsten Persönlichkeiten aus dem 
Berliner Leben ist mit Polizeioberst Krause vor 
wenigen Tagen aus diesem Leben geschieden. Er ist in 
eine Welt gegangm, von der man, wie der römische Dichter, 
sagen kann, „vindice nullo“ . . und auch ohne Polizei . . . 
Gustav Krause galt als ein eifriger, gewissenhafter und 
pflichtgetreuer Offizier, der sich vom einfachen Landwirts 
sohn durch eigene Tüchtigkeit zu seiner wichtigen Stellung 
emporgearbeitet hat. Geboren am 16. Dezember 1831 in 
dem Dorfe Bollstedt an der Unstrut als Sohn eines 
kleinen Besitzers, widmete er sich der Landwirtschaft, um 
am 1. Oktober 1850 als Freiwilliger beim 2. Garde- 
Regiment z. F. einzutreten. Durch seine Tapferkeit in der 
Schlacht von Königgrätz, zum Offizier befördert, legte er 
den Grundstein zu seiner glänzenden Carriere. — Des be 
deutendsten Diplomaten Deutschlands dürfte in der nächsten 
Zeit viel gedacht werden, wenn dessen Schwester, Frau Mal- 
wine von Arni m-Kröchlendo rf ihren achtzigsten 
Geburtstag feiert. Die würdige Dame, die in ihrem 
vornehmen Heim sinnend ihr Auge in die Ferne richtet, 
vielleicht in diesem Augenblick mehr als je ihres grossen 
Bruders gedenkend und der grossen Zeit, da er gelebt und 
die er geschaffen, ist die einzige Schwester Bismarcks. 
Frau von Arrim-Kröchlendorf ist im Jahre 1827 geboren 
und seit dem 30. Oktober 1814 mit Oskar von Arnim auf 
Kröchlendorf verheiratet. — Der nervöse Grossstädter wird 
sich wehmütiger Erinnerungen nicht erwehren können, 
streift sein Blick unsere Bilder „Aus Berlin von anno 
dazumal“. Er wird Vergleiche zwischen unseren der 
Riesenausdehnung Berlins entsprechenden öffentlichen Bau 
werken und Plätzen und denen vergangener Tage anstellen 
und erkennen müssen, wie das Friedliche, das reizvoll 
Intime, das historisch Stimmungstolle der Hast und 
Unruhe des weltstädtischen Getriebes mehr und mehr zum 
Opfer fä'lt. Welch eine Welt liegt zwischen dem „Rathaus 
und der Spandauerstrasse“, dem „Rathaus und der Gerichts 
laube“ und dem „Rathaus und der Königstrasse“ im Jahre 
1861 einerseits und andererstits unserem modernen Rathaus 
im Centrum Berlins, zu dessen Entlastung noch ein zweites 
Magistratsgebäude erbaut worden ist, und der anliegenden 
Strassen. Welch ein Contrast zwischem dem „Spittelmarkt 
1789“ und dem Spiltelmarkt von heute? ... — Ein Bild 
von heute — . . soll das Bild uns als Symbol dienen — 
die Grösse der deutschen Hauptstadt, die Einheit und Grösse 
Deutschlands versinnbildlichend — welch’ ein Schaustück 
wäre hierzu geeigneter als eine Sitzung bevollmächtigter 
Sendboten aus allen Gauen des deutschen Reiches, die sich 
im Reichstagsgebäude zusammengefunden haben, unsere 
Regierung zu kontrollieren und Gesetze zu beschliessen? 
Es ändert an dem Symbole der deutschen Einheit nichts, 
wenn auch der Reichstag in viele Fraktionen geteilt ist — 
ob „links“, ob „rechts“ — im Grunde der Seele ist doch 
schliesslich jeder Abgeordnete ein Deutscher. Wir sehen 
den Präsidenten des neuen Reichstages, Graf Udo zu 
Stollberg - Wernigerode und als besonders markante 
Persönlichkeiten den dem Centrum angehörenden und beim 
Kolonialetat in den Vordergrund seiner Partei getretene Ab 
geordneten Erzberger, auch der charackteristische Kopf 
Bebel’s, des Chefs der Sozialdemokraten ist bemerkbar — 
ferner von den bekanntesten Volksvertretern: Geh. Rat 
Gamp, Bassermann, Freiherr Heyl zu Piersheim, 
Graf Oriola, Gröber, Trimborn, Fritzen, Herold, 
v. Winterfeld-Menkin, Ablass, Eickhoff, Kopsch, 
Auer, Singer, Frohme, Ledebour, Stadthagen, 
Zubeil, Fischer. Persönlichkeiten in ihrem Pleim aus 
dem Reiche der theatralischen Kunst, deren Bilder unsere 
Seiten 8 und 9 schmücken, erinnern uns daran, dass der 
Frühjahrsbote März vorläufig noch nicht im Stande war, 
dem Berliner Theaterleben Abbruch zu tun; hat doch 
Direktor Gregor soeben erst wieder mit der Aufführung 
seiner Oper „Romeo und Julia auf dem Lande“ das Interesse 
der musikalischen Kunstgemeiride auf sich gelenkt und ist 
Direktor Monti doch überhaupt erst jetzt wieder nach einer 
langen Winterpause auf den Spielplan getreten! Die Komische 
Oper am Schiffbauerdamm hat noch nicht allzulange ihre 
Pforten geöffnet aber in der kurzen Zeit der Aufführungen 
hat sich' der Direktor Plans Gregor einen grossen 
Namen erworben. Er hat es verstanden, dem Zuge unserer 
Zeit Folge leistend, neues Leben in die Operndarstellung 
zu bringen und der Idee zum Siege zu verhelfen, dass die 
Kunst nicht der Musik zu helfen habe, sondern die Musik 
mit ihren Schwesterkünsten Darstellung und Male: ei der 
Kunst. — Max Monti ist der Direktor des Hamburger 
Operettentheaters, das schon im vorigen Sommer mit 
ausserordentlichem Erfolge hier gastierte und nun aufs 
Neue im Theater des Westens sein Gastspiel begonnen, 
um die Berliner mit den freundlichen Melodien der lustigen 
Witwe zu erfreuen. — Seinen erst wenige Monate alten, 
niedlichen Buben auf dem Schooss, stellt sich uns der 
Direktor des Neuen Theaters Dr. Alfred Schmieden in 
der Eigenschaft eines glücklichen Vaters vor. Schmieden 
geniesst in seltenem Masse das Interesse und die Protektion 
des Kaisers. Das ist begreiflich, denn er hat sich durch 
Aufführung der „Condottieri“ als literarischer Sachkenner 
hervorgetan, und das Gastspiel der „Despres“ inscenierend, 
sich nicht nur ein Verdienst um die internationale Kunst, 
sondern auch um die internationale friedliche Politik erworben. 
— Ein erster Charakterdarsteller am Neuen Schauspielhause 
ist Ernst Arndt, den wir in Gesellschaft seiner Gattin 
„zuHause“ begriissen dürfen. Arndt war unter Lindau Mitglied 
des Deutschen Theaters, dann wurde er an das Königl. 
Schauspielhaus engagiert. Hier wurden dem Künstler drei 
Jahre Urlaub erteilt, die es ihm ermöglichten, an seiner 
jetzigen Wirkungsstätte so grosse Erfolge zu erzielen. 
Wie schon erwähnt, hat die lustige Witwe, Operette von 
Franz Lehar, in Berlin wieder ihren Einzug gehalten; 
nun sind jawohl Witwen in Berlin begehrte Persönlichkeiten, 
aber eine solche Anziehungskraft wie die Lehar’sche hat 
wohl doch noch keine ausgeübt. Freilich hinter der Witwe 
stehen auch Künstler und Künstlerinnen — Namen wie 
Marie Ottmann, Poldi Deutsch, Gustav Matzner, 
Vilma Conti, Albert Kutzner machen den Erfolg ver 
ständlich. — Nicht als Szene eines Stückes, sondern als 
Kunstwerk an sich ein Bild davon zu geben, zu welcher 
staunenswerten Höhe sich die moderne Dekorationskunst 
emporgearbeitet hat, bringen wir das herrliche landschaftliche 
Gemälde aus dem II. Akt der Delius’schen Oper „Romeo 
und Julia auf dem Dorfe“. Hier scheint sich die Kunst 
selbst übertroffen zu haben — eine so lebendige, künstlich 
künstlerische Natur war im Bereiche der Kunst noch kaum 
gesehen worden. — Ein Portraitmaler ersten Ranges ist 
Professor Paul Spangenberg, dessen Bild sich an der 
Spitze unserer Einzelportraits befindet. Wenn wir seine 
Kunstwerke auf Seite 13 betrachten, so müssen wir gestehen, 
dass sich ähnlich wie bei dem geschilderten Dekorations 
stück Portraitähnlichkeit und Portraitkunst selten so ideal 
vereint zusammenfinden . wie bei diesen Schöpfungen. Ich 
möchte sagen — die Seele des Künstlers hat sich mit der 
Seele seines in ein Kunstwerk zu übertragenden Objektes 
vermählt und diesem Bündnis ist das Werk entsprossen, das 
der Künstler nun ebenso als sein eigen betrachten kann, 
als es auch der portraitierten Persönlichkeit gehört. Das 
unter den Gemälden befindliche Portrait der Frau Staats 
minister Gräfin Posadowsky-Wehner ist übrigens 
für das neue Wöchnerinnen-Heim am Urban, dessen Be 
gründerin die Gtäfin ist, gemalt worden. — Unter den 
Einzelportraits in unserem „Berliner Leben“ figuriert auch 
Direktor Adolf Lieban. Lieban ist vor wenigen Tagen 
die Leitung des Lortzing-Theaters übertragen worden; bei 
seinem Kunstverständnis und seiner Tüchtigkeit ist zu 
hoffen, dass er das ehemalige, an Prüfungen so reiche 
Belle-Alliance-Theater zur Pflege einer gesunden, volks 
tümlichen Oper nunmehr in ein recht ruhiges Fahrwasser 
geleiten wird — Ans Kgl. Opernhaus ist als Nachfolgerin 
der Destinn Frances Rose engagiert worden. Die 
Künstlerin verfügt ebenso souverain über ihre klangvolle 
Stimme, als auch über ein umfangreiches Register der 
Leidenschaft. — Ein beachtenswertes Talent am Deutschen 
Theaters ist die befähigte Schauspielerin Camilla Eiben 
schütz, die als „Julie“ sehr gefiel. —: Einen Künstler 
veteran daif man Robert Guthery nennen, der vor wenigen 
Tagen Abschied von der Bühne genommen, um sich ins 
Privatleben zurückzuziehen. Mit Guthery scheidet ein Stück 
der guten alten Berliner Possenzeit, er hat mit Künstlern 
wie Helmerding, Engels, Formes, Thomas und Künstlerinnen 
wie Anna Schramm und Ernestine Wegner die Glanz 
zeit der Berliner Posse mitgemacht, er hat auch 
an der stolzesten Epoche der Berliner Operette, 
aktiven und erfolgreichen Anteil genommen. 48 Jahre war 
der treffliche und allgemein beliebte Künstler ununterbrochen 
auf der Bühne tätig, seit 14 Jahren war er Mitglied der von 
Richard Schultz geleiteten Theater. Nun geht er 
aus seiner Welt, die die Bretter bedeuten — für immer, 
möge er an der Seite seiner Gattin glücklich sein otium cum 
dignitate geniessen. — Die Strassenbilder aus dem 
heutigen Berlin, zeigen den Mut der Berliner. Es ist 
„März“ — also Frühling, da genügt ein Sonnenstrahl und 
alle sind im Freien. Die Felddienstübung ist vollendet 
und ohne Mantel marschieren unsere Vaterlandsverteidiger — 
Soldaten und Offiziere — der Kaserne zu. In Kapuze und 
Mäntelchen gehen die Kinderchen, von Bonnen und Mädchen 
begleitet, spazieren, aber die Luftballon Verkäufer, die in 
andeien Städten erst das Mailüfterl ab warten, sind schon auf der 
Bildfläche erschienen, und bittend ruft so eine kleine Ber 
linerin: „Mir auch einen!“ — Auch die Brüder haben sich 
schon auf den Bänken eingefunden, die, ohne zu arbeiten, 
von unserem Herrgott gekleidet werden, wie die Lilien auf 
dem Felde —; fragt man aber den Berliner, wovon diese 
„Kinder der Sonne“ leben, so antwortet er „von Luft 
kotelettes mit Sonnensauce!“ — Auch der Eisverkäufer stellt 
sich beim ersten Märzensstrahl ein; er selbst noch im dicken 
Winterüberzieher sich schützend vor Kälte, aber den heiss- 
blütigen Berliner Jungens will er schon seine kostbare 
Ware nicht vorenthalten und so verkauft er seine leckernen 
Portionen Himbeer- und Vanilleeis zu 5 und 10 Pfennigen, 
als wenn die Augustsonnerstrahlen auf die Strasse hernieder 
glühten — aber das Thermometer steht nicht viel über 0. 
Eine interessante Ausstellung, wie sie ähnlicher Art Berlin 
noch kaum gesehen haben dürfte, haben wir im kommenden 
Sommer zu erwarten. Hinter Schöneberg, ein gewaltiges 
Terrain umfassend, wird eine Marine- und Kolonial- 
Ausstellung ihre Pforten und Tore öffnen. Eine ganze 
Reihe hervorragender Persönlichkeiten haben die Vorarbeiten 
zu dem nationalen Werk in die Hand genommen, wir 
nennen nur aus der grossen Zahl Namen wie Kontre- 
admiral z. D. Plüddemann, Prinz zu Schönaich- 
Carolath, Professor Dr. Paasche. Ein zu maritimen 
Schaustücken notwendiger See wird hergestedt werden, 
ferner werden Tropenbahnen gebaut und durch Theater usw. 
auch für das Amüsement gesorgt werden. — Eine Märznummer 
können wir nicht schliessen, ohne zu Ehren Gambrinus 
ein Bockbierfest bildlich wiederzugeben. Draussen in 
den Terrassen am Halensee fand das Fest statt und dort 
sassen und standen die durstigen Berliner und Berlinerinnen 
und tranken immer noch eins. Freilich neben dem Bier 
bietet das Fest noch andere Genüsse, denn es hat ganz sein 
süddeutsches, sein Münchener Gepräge. Bayrische Musi 
kanten spielen und bayrische Heben mit ihren anheimelnden 
„Trink’s noch eins“ regen den Durst an . . . 
Berns te in -Sazve rsk y.
        
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