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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

ersetzte er die fehlenden Knöpfe wieder. An das 
Heiraten dachte er aber nicht mehr. 
Es war auf einmal wieder kalt geworden. 
— Ist bei Euch wenigstens geheizt? 
Der Polizist gab keine Antwort. Als hätte er aber 
erwidert, fügte der junge hinzu: 
— Es wird doch gut sein, mich ein wenig zu er 
wärmen, es ist ja schrecklich kalt hier draussen! 
Schleunigst bemerkte der andere jetzt: 
— Ja — ja, wir werden Ihnen schon warm machen. 
Indessen langten sie an. Er trat in ein Zimmer, in 
dem einige Betten standen, in denen die Kollegen 
seines amtlichen Begleiters schliefen. Er beneidete 
sie sehr. 
Der Polizist weckte den Wachtmeister; der schraubte 
die Lampe auf, setzte sich an den Tisch und schaute 
ihn vom Kopf bis zur Zehe an. Seine zerfetzten 
Schuhe und mangelhaften Kleidungsstücke machten 
nicht den besten Eindruck, er aber verlor trotzdem 
sein Ansehen bei dem Wachtmeister nicht. Diese 
Achtung hatte vielleicht das mit langem, zottigem Haar 
umrahmte knochige Gesicht hervorgerufen. 
— Treten Sie näher! 
Er tat es. 
— Haben Sie gehört, wessen Sie beschuldigt werden ? 
— Nein, ich war auch nicht neugierig darauf. 
— Sind Sie Musiker? 
— Nein, zwar ich geige. 
— Sind Sie Maler? 
— Nein, aber ich kann auch malen. 
— Also Dichter sind Sie! 
— Auch kein Dichter, wenn ich auch dichte, wie 
der Philosoph Fichte; aber meinetwegen können wir 
dabei bleiben. 
Sie sind sehr gut gelaunt, wie ich sehe. 
— Fast immer, wenn ich verstimmt sein müsste. 
— Nun genug. Wo wohnen Sie? 
— — — Ich? Ich habe — 
keine Wohnung, — erwiderte er auf diese unerwartete 
Frage. 
Ueberrascht hob der Polizist seinen Kopf höher, 
staunend starrten seine Augen ihn an und verwundert 
fragte er: 
— Sie haben keine Wohnung? 
— Nein, wenn ich es sage. 
— Dann werden Sie da bleiben! 
Wütend fauchte der Wind gegen das Haus. 
— Wirklich?! — Ich danke Ihnen. 
— Wer sind Sie eigentlich? 
Er griff wieder in seine Tasche, nahm ein gelbes, 
gedrucktes Papierchen hervor und überreichte es ihm. 
Der Wachtmeister schaute erst das Papierchen an, 
nachher ihn, dann wieder das Papierchen und darauf 
wieder ihn und frug mit mildem Ton: 
— Warum haben Sie dem Schutzmann statt dessen 
Zeitungspapiere gegeben? 
— Er hat nur Papiere von mir verlangt, ich wusste 
nicht zu welchem Zweck, und im Dunkeln hab ich 
nicht gesehn, was ich ihm gab. 
— Seit wann haben Sie denn keine Wohnung. 
— Seit gestern. Heute werde ich aber eine andere 
Wohnung suchen. 
— Das sollen Sie auch tun! 
— Ja — ja, ich muss ja ein Zimmer haben, denn 
hungern ohne zu schlafen wäre doch ein bischen 
anstrengend. 
— Jetzt können Sie gehn! 
— Schön. Wenn Sie aber gestatten, werde ich 
noch ein wenig da bleiben. Draussen ist’s kalt und 
hier im Zimmer ist ein ganz gemütliches Wetter, — 
ich möchte mich erwärmen. 
Die Antwort nicht einmal abwartend, setzte er sich 
auf einen Stuhl. 
Der Wachtmeister nahm Zigarretten hervor und 
steckte eine an. 
— Bitte um einel 
— Gern! — und er reichte ihm eine. 
Der Polizist bliess den Rauch unter den Tisch, der 
junge liess Rauchringe in die Höhe steigen. Sie 
starrten einander an, sprachen aber nichts. 
Die Zigarrette hatte er zu Ende geraucht. Wie er 
keine Hoffnung mehr hatte, eine zweite zu erhalten, 
nahm er Abschied und ging den schweren Riesenkampf 
ums Dasein wieder aufzunehmen. 
Calcutta und Darjeeling=Himalaya 
von Hermione von Preuschen. 
Nachdruck verboten! 
So kurze Zeit ich in Calcutta war, so viel Gutes 
und Liebes ich dort vom deutschen und österreichischen 
Generalkonsulat erlebt, so furchtbare Erfahrungen 
machte ich dort in den Hotels. Vor dem Grandhotel 
hatte man mich gewarnt, weil dort vor acht Tagen 
einer an Cholora gestorben war. So ging ich zum 
Great Eastern, das mir winklig und schmutzig vorkam, 
und in dem ich am nächstfolgenden Tag aus Gnaden 
ein Hinterzimmerchen für zwölf Rupien täglich (fast 
achtzehn Mark) erhalten konnte. Ich dankte — bestieg 
meinen Wagen, da sprang vom Bock ein waschechter 
Franzose, pries das Hotel Metropole seines Freundes, 
seine cuisine francaise, Situation centrale und seine 
quattre ruppies par jour. So fiel ich natürlich herein 
und in eine wohlorganisierte Räuberhöhle. Dieses 
Hotel warf seinen Schatten über meinen ganzen 
Aufenthalt. Wenn ich vom dinner an der Seite des 
Gouverneurs von Bengalen oder des Maharadja von 
Cotpurtalla, beim Grafen Quadt — in mein Elendsnest 
kam, in dem mirs schien, als ob Pest und Cholera 
epidemisch seien, die Ohren noch klingend von den 
Warnungen des Botschaftsarztes, dass in der Durintolla 
(in der mein „Grand-Hotel Metropole“ gelegen) der 
eigentlich Herd der sehr bösartigen Blatternepidemie 
sei, die z. Z. über Calcutta ihre Geissei schwinge — 
dann hatte ich in dem furchtbaren, ungezieferstarrenden 
Stachelbett keine Sekunde Schlaf. Nein, Bombay ge 
fällt mir besser. Und die nativequarters dort sind so 
tausendmal farbiger. 
Auch der breite Ganges, hier heisst er Hoogli, 
wälzt trübe Wellen an einen staubigen Strand. Ich 
fuhr bis zum burning ghat, das aber hier hinter einer 
Mauer seine Leichen in Rauch verwandelt. Zahllose 
Lastkarren hüllen die Strasse in Staub und Schmutz. 
— Aber trotzdem hat Calcutta prächtige öffentliche 
Gebäude. Ein sehr interessantes Riesenmuseum, den 
Maidan, eine herrliche Wiese mit daran grenzenden 
Parks mitten im Zentrum, ein sehr schönes Europa 
viertel mit Tanks und Gärten und einem wundervollen 
botanischen Garten, der die ganze Welt mit Tropen 
pflanzen versorgt und dessen Palmenallee weltberühmt 
ist. — Abends freilich heulen und lachen auch im 
Europäerviertel die beutegierigen Schakale. Es klingt 
unheimlich. — Die Strandroad bis nach Fort William 
ist einzig schön, am breiten Hoogli. 
Am schönsten aber ist die unmittelbare Umgebung 
dieser ungesündesten und modernsten aller indischen 
Städte. Die feuchte Sumpfniederung mit den zahllosen 
Flussarmen erzeugt eine Vegetation von einer Ueppig- 
keit ohnegleichen. Nirgend sah ich prächtigere Palmen, 
nirgend herrlichere Magnolien, üppigere Schlingpflanzen 
und Orchideen, blühendere, duftendere Sträucher und 
Büsche. 
Calcutta selber steht unter dem Zeichen des Ende 
des achtzehnten Jahrhunderts. Zahllose Häuser mit 
blütenumranktem Säulenportikus. Sogar meine 
Räuberhöhle besass einen solchen. — Als ich dann 
nach Darjeeling fuhr, gab ich in ihr mein Gepäck zum 
Aufbewahren, als ichs später öffnete, fehlten mir zwei 
köstliche japanische Kimonos und eine Kette von 
Türkisen aus Lahore. Doch was konnte ich tun? Ich 
schwamm schon nach Rangoon. — Schweigen, dulden 
— schäumen — das alte Lebenslied! — 
Ich war krank und elend in Calcutta; Darjeeling 
hat mich wieder gesund gemacht. Ein Herr nannte 
Calcutta die grösste Globetrotterfalle von Indien. Und 
in die Begeisterung der Dutzendreisenden kann ich 
nicht einstimmen, — so schön und einzig es in seiner 
Art auch ist. Aber es macht uns klar wie nichts 
andere, die Riesengrösse, die schier unglaubliche — 
dieses Landes! — 
Der Mount Everest hat neunundzwanzigtausend und’ 
der Kichinjunga siebenundzwanzigtausend Fuss. Der 
höchste Europäer, der Mont Blanc, noch keine fünf 
zehntausend! ln Darjeeling ist man, einen ganzen Tag 
die originelle Bergbahn hinauffahrend — (an Silliguri, 
in dessen Nähe so viele Tigerjagden sind) — sieben 
tausend Fuss hoch, bald so hoch wie auf dem Gorner 
Grat. Grade erst auf den allerniedrigsten Vorgebirgs- 
höhen. — Und man hat zwanzig Tagereisen bis zum.
        
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