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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Zukunft, — in jedem Augenblick ein anderes, 
immer schöneres. Er durchfühlte alle seine Ge 
danken und dachte über seine Gefühle nach. 
Glücklich war er und zufrieden und versöhnte 
sich wieder mit seinemSchicksal. 
Oben war er, hoch oben über dem Zenith, 
als sich jemand erfrechte, ihn an seinen Beinen 
hinunter zu zerren, hinunter auf die Erde. 
— Was machen Sie da? — rief ihn eine 
Stimme an. 
Er bebte zusammen vor dieser unangenehmen 
und unerwarteten Überraschung. Er war ganz 
abgekühlt worden, wie glühendes Eisen, auf das 
man Wasser giesst; er aber zischte nicht. 
— Was ich mache? .... Ich ich — 
bade mich, wenn Sie nichts dagegen haben. 
— Seien Sie nicht frech, sonst — 
— Sonst? — fragte der Sitzende. 
sonst werde ich mit Ihnen anders um 
gehn! — drohte der rohe Mann. 
— Ja — ja, höflicher!! 
— Wer sind Sie eigentlich? 
— Wer sind Sie?! — fragte der Sitzende 
mit ruhigem Gemüt. 
— Das sehen Sie selber! 
— Ja, ich sehe Ihren guten, warmen Winter 
rock, an dem kein Knopf fehlt; Sie sind wohl 
verheiratet, nicht? Und ich höre Ihre Bier 
stimme. Sind Sie vielleicht ein Grenzwächter? Ich 
habe nichts zu verzollen. 
Das musste den andern sehr ärgern. Der fühlte 
sich auch beleidigt, denn er bemerkte mit Betonung: 
— Ich bin ein Schutzmann, ein Po-li-zist, wenn Sie 
es wissen wollen, und schlug auf seinen Säbel. 
— Polizist?! Wirklich? Das ist schon etwas! 
Beinahe wäre ich erschrocken, wenn Sie nicht da wären. 
— Genug — genug! Haben Sie Papiere? 
— Jawohl! Soviel Sie nur wollen! 
— Kommen Sie mal zur Laterne, ich will sie an 
schauen! 
— Das tu’ ich einfach nicht! Ich sitze da ganz gut 
und die Laterne ist zuweit entfernt; wenn Sie aber so 
gut sein wollen — bat er höflich —, können Sie die 
Laterne — herbringen. 
Des andern Wut steigerte sich. 
— Geben Sie die Papiere her!! 
Er ging dann zur Laterne, kam aber bald zurück 
und sagte: 
-- Das sind ja Zeitungspapiere, Briefe und Verse! 
Sie wollen mich betrügen! Ah, das geht einfach nicht! 
Kommen Sie!! 
Warum denn nicht, ich hab’ ja nichts besseres zu tun. 
Und er stand schon zum Gehen bereit, streifte den 
Kragen auf, den Rock knöpfte er wieder zu und zog 
den Hut tief in die Stirn, noch tiefer steckte er seine 
Hände in die Taschen und hielt den Rock fest zu. So 
Zerstörte Stimmung. 
Von Ferdinand Dunajec. 
(Nachdruck verboten.) 
Ein kalter Wintertag. 
In der Fensternische des grellbeleuchteten 
Kaffeehauses, an seinem gewohnten Platz, sass 
er und lehnte sich auf die kalte, nackte Platte des 
marmornen Tisches. Mächtige Rauchwolken blies 
er in die Höhe, trank konzentrierten Alkohol 
dazu, als wollte er die zügellosen Gedanken 
seines ermüdeten, abgespannten Hirns, die wild 
wogenden, heissen Gefühlswellen seiner zer 
rissenen Seele entwaffnen. 
Es ging schwer. 
Am Ende kam doch der ersehnte Augenblick, 
in dem ihm kein Gedanke, kein Gefühl mehr 
quälte, als wäre alles — alles tief eingeschlafen. 
Da war er glücklich, so glücklich und zufrieden, 
dass er nicht einmal davon etwas wusste. 
Die Zeitung hielt er zwar in seiner Hand, 
blätterte auch darin und las sogar, aber nur so 
mit den Augen, wie mit Linsen, die keine empfind 
lichen Nerven hinter sich haben; kein Wort er 
weckte Gedanken oder Gefühle in ihm und er 
setzte doch die Entzifferung fort. Wie er dann 
das Blatt aus seiner Hand fallen Hess, schaute er 
■lange durch das Fenster den wild sich herum 
wirbelnden Flocken zu. Die Flaumen flogen 
und fielen, als wäre das grosse, grausame Deck 
bett — der graue, gramsüchtige Himmel — entzwei 
gespalten. 
Der weisse, weiche Schnee schmiegte sich zart auf 
die kalte, tote Brust der Erde, als wollte er sie um 
armen, zudecken, erwärmen, —- sie, die Erde, — er, 
der schimmernde, weiche Schnee. Und seine Seele 
zitterte leise, wie er diese blasse, tote Liebe sah. 
Er trank dann wieder, rauchte weiter und sah dem 
Toben der Elemente zu. 
Immer dieselbe Geschichte. 
Endlich dämmerte es. 
Vom Hintergrund des Kaffeehauses erschienen zwei 
Weiber, — Besen, Fetzen und Schaufeln in ihren 
Händen. Sie starrten ihn mit ihren noch schläferigen 
Augen an, als wollten sie sagen: der Kerl ist auch 
noch da? 
Sie kannten schon einander. Er wartete immer auf 
sie, denn sie waren die personifizierten Zeiger seiner 
Uhr. Wenn die da waren, wusste er bestimmt, dass 
•die fünfte Tagesstunde gekommen war und die waren 
es, die ihn immer, wenn auch nicht nach Hause, — 
aber fortjagten. 
Schnell bauten sie Barrikaden aus den Sesseln, die 
sie auf die Tische häuften und schon zauberten sie 
solche Staubwolken empor, dass er, der letzte und 
einzige Gast, schleunigst flüchten musste. 
Draussen knöpfte er seinen Rock zu, streifte den 
Kragen auf und zog den Hut tief in die Stirn, tiefer 
Polizeioberst Gustav Krause f 
noch steckte er seine Hände in die Taschen und hielt 
den Rock fest zu. So ersetzte er die unteren fehlenden 
Knöpfe. Es war, als rieten ihm diese beiden fehlenden 
Knöpfe: Du musst heiraten! Merkwürdige Assoziation! 
Und er dachte wirklich und ernst und feierlich ans 
Heiraten. Vielleicht eben darum so ernst und so 
feierlich, weil es unausführbar war. Und schon tauchten 
in seiner Erinnerung blonde, schwarze, schlanke, junge 
Gestalten auf, die glänzenden Sterne seines Seelen 
himmels, hoch oben über ihm und unerreichbar weit. 
Während die Heldinnen seiner erlebten Geschichten 
aus der Tiefe der Vergangenheit auftauchten, kam er 
zum See. Der Wind, der wahnsinnige, wilde Wind 
stürmte brüllend und wehklagend den See entlang, als 
wollte er jemanden jagen. Die Bäume beugten sich 
tief vor ihm, dem wütenden, mächtigen Tyrannen. 
Am Ufer setzte er sich auf eine Bank und nahm 
den Hut vom Kopfe, als wäre er in eine Kirche ge 
treten. Die hin und her treibenden Wellen sangen die 
schönsten Psalmlieder, die Psalmlieder der Natur, zu 
dem erhabenen Orgelspiel des Windes. 
Tau war gefallen auf seine trockene Seele, der sie 
erfrischte. 
Es war garnicht kalt, nein. Er hatte seinen Rock 
aufgeknöpft und fühlte doch noch so eine innere 
Wärme, dass sein einzig-irdisches Eigentum, seine 
Seele, ganz mit der Natur verschmolz. 
Und er machte Bilder, Bilder der Zukunft, seiner
        
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