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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Eine alte Geschichte. 
Von Karl Nissen. 
Autorisierte Uebertragung aus dem Schwedischen von 
Henny Bock-Neumann. 
Nachdruck verboten. 
Bob Mänssons Geschäft lag in einer Querstrasse. 
Es war eine lange schmale Strasse. Wenn man 
am Markt stand und auf sie hinblickte, dann ver 
schwand sie in der Perspektive als kleiner Fleck weit 
unten nach dem Hafen zu, und wenn die Sonne schien 
und die Luft hell und klar war, konnte man vom Markt 
aus die Masten der hinter der Strasse im Hafen 
liegenden grossen Emigrantendampfer erkennen. Denn 
dort hinunter strebten alle Strassen, schmale und breite, 
und immer musste ein Streifen der See oder dessen, 
was sich auf ihr befand, mit in die Perspektive kommen. 
Von dort unten kamen Seeleute aller Grade, vom 
Leichtmatrosen und dem Heizer fünfter Klasse bis zum 
Maschinisten und Kapitän. 
Und wenn sie Arm in Arm mit diesen oder jenen 
Landratten auf dem spitzigen Strassenpflaster umher- 
wanderten, da gab es gar viele verlockende, bezaubernde 
Sachen, die die Blicke auf sich zogen, sie lagen hinter 
den Fenstern der alten Häuser, von denen viele 
sonderbar verzierte Giebel oder kunstvoll gearbeitete 
Köpfe auf den Eisenankern aufwiesen. Diese durch 
die Gebäude gezogenen Eisen hatten den Zweck, ihren 
Einsturz zu verhindern — aber hier und dort schienen 
die Gebäude sich doch nach innen oder nach aussen zu 
biegen. Das ganze machte einen wackligen, greisen 
haften Eindruck, es war eine Erinnerung an die Zeit, 
wo man seine Häuser noch nach Belieben, ohne irgend 
eine Kontrolle von Seiten der Behörden bauen konnte. 
In der Kellerwohnung eines dieser ältesten Häuser 
hatte Bob Mänsson sein Geschäft. Dieses hatte zwei 
schmale Fenster nach der Strasse zu, die untersten 
Scheiben lagen auf dem gleichen Niveau, wie das 
spitzsteinige Trottoir, während die Fensterhöhe einem 
erwachsenen Manne nur bis an die Kniee reichte. 
Zwischen den Fenstern befand sich die Tür, zu der 
man vermittelst einer schmalen Steintreppe mit hohen, 
unbequemen Stufen hinunter gelangte. 
Ueber der Tür stand mit ungeschickten Buchstaben 
gemalt: Hier werden Häute, Eisen, Knochen, Kleider, 
Metalle, altes Tauwerk etc. etc. zu höchsten Tages 
preisen gekauft. 
In den Fenstern lag ein Gemisch von alten Arm 
bändern, Uhren, Uhrketten, Ziehharmonikas, Pfeifen, 
Tabaksbeuteln, Shlipsnadeln, Kravatten in schreienden 
Farben neben Knöpfen und Hosenträgern, alles mehr 
oder weniger benutzt, und den Hintergrund all’ dieser 
Sachen bildeten alte Kupferstiche in schwarzfleckigen, 
einst vergoldeten Rahmen — Oeldrucke und Oel- 
gemälde unbekannter Meister, die soviel Selbstkritik 
besessen hatten, dass sie ihre Initialen nicht hin 
gezeichnet hatten. 
Hinter dem Ladentisch in dem grossen halbdunklen 
Kellerzimmer mit seiner eigentümlichen Atmosphäre, 
einem Gemisch von altem Brot, feuchten Kleidern, 
und dem Trangeruch einer Legion von geschmierten 
Lederstiefeln, die auf Brettern an der Längsseite des 
Ladens aufgereiht standen, sitzt ein grauhaariger Greis 
und starrt auf ein altes Gemälde in abgenutztem 
Rahmen. Das Sonnenlicht dringt nur in Form eines 
Reflexes vom gegenüberliegenden Fenster durch die 
staubigen Fensterscheiben bis zu den zerrissenen 
Kleidern, die unter der niedrigen Decke aufgehängt 
sind, und in den Lichtstrahlen tanzen Legionen Staub- 
körnchen auf und nieder. 
Der Alte sitzt in tiefe Gedanken versunken; der 
Bart — ein langer, grauweisser Bart — hängt in 
langen Strähnen über der Brust, das spärliche Haupt 
haar wird von einem alten Scheitelkäppchen begrenzt, 
das schief auf dem einen Ohr sitzt. 
Die Brille ist tief auf die grosse, kräftige Nase 
hinabgeglitten, während die tief eingesunkenen Augen 
mit ihrem trüben, ja fast erloschenen Blick auf dem 
Bilde ruhen, das er mit den langen, schmalen Fingern 
umklammert hat. 
Nur der Mund bewegt sich, die Mundwinkel zucken 
und beben, die eingefallenen Lippen rühren sich, als 
ob die erregten Gefühle, die ihn beherrschen, sich 
danach sehnten, hervorzubrechen und sich durch Worte 
Luft zu schaffen. 
Das Gemälde ist schlecht, ungeschickt und grob 
ausgeführt und trägt den Stempel des Alters in sich. 
Es stellt ein junges Mädchen in heller Sommer 
kleidung dar, in der Tracht der vierziger oder fünfziger 
Jahre. 
Sie steht auf einer Veranda und wirft einem Jüngling 
eine gelbe Theerose zu, der mit einem feurigen, glück 
lichen Ausdruck in seinem jugendlichen Antlitz diese 
Huldigung seiner Auserkorenen empfängt. 
— Na, Mänsson, was bieten Sie? 
Der Greis zuckt zusammen und starrt verwundert 
den Fragenden an, einen dreissigjährigen Handwerker, 
der in nachlässiger Haltung, den Hut im Nacken, sich 
über den Ladentisch beugt und abwechselnd den Alten 
und das Bild betrachtet. 
— Was ich biete? 
— Ja, macht Euer Angebot, ich kann doch nicht 
den ganzen Tag hier stehen und auf Käufer für das 
alte Gerümpel warten . . . 
Der Alte zuckt zusammen. 
— Gerümpel, — stottert er — ja, haha, ja — das 
ist richtig, es wurde Gerümpel — Gerümpel alles 
miteinander! 
Der Handwerker begann den Refrain irgend eines 
Varieteliedes zu pfeifen. 
— Woher haben Sie das Bild? 
— Muss man darüber auch noch Rechenschaft 
geben was? Also Mänsson, es stammt von unserer 
Mieterin, einer alten Nähmamsell, die vor einigen 
Tagen im Armenhaus gestorben ist — sie war uns 
die Miete für drei Monate schuldig geblieben, und so 
mussten wir nehmen, was wir vorfanden . . . Dazu 
erhielten wir gesetzlich das Recht, noch ehe sie starb; 
sehen Sie Mänsson, die Miete hat das Vorrecht, ob 
gleich da nicht viel zu nehmen war, die Kleider bekam 
meine Frau mit den Kindern — na, wollen wir jetzt 
um das Bild handeln? 
— Wie hiess sie? 
— Bertha, die alte Bertha — und noch einen Namen 
hatte sie, aber den habe ich vergessen — aber nun 
fragen Sie auch nicht mehr — zwei Kronen für den 
Rahmen — eine Krone fünfzig, bieten Sie, Mänsson, 
■— wenn Sie das Gerümpel haben wollen. 
— Sie sollen zwei Kronen haben, bitte, hier sind sie! 
Der Alte nahm ein Zweikronenstück, das er dem 
Anderen gab. 
— Was, Sie handeln nicht? Kreuzdonnerwetter! 
Dann ist wohl das Bild viel mehr wert, obgleich ich 
von so etwas nichts verstehe, na — das war dumm, 
dass ich nicht mehr verlangte — Adieu denn! 
Die Tür wurde geöffnet, und der Verkäufer eilte 
fort, nachdem er die Tür so stark hinter sich geschlossen 
hatte, dass der bimmelnde Laut der Türklingel noch 
in dem Raum nachtönte. 
Der Alte hatte sich erhoben. Mit krummem Rücken 
ging er in ein kleines ärmliches Kämmerchen nach 
dem Hof zu. — Er stellte sein Bild ans Fenster, putzte 
sorgfältig seine Brille, die durch seine tränenden Augen 
feucht geworden war, und versank vor dem alten Bilde 
in Gedanken. 
Die Vergangenheit zog an ihm vorüber — die alte 
Geschichte — Jugend und Liebe und dann sein Kunst 
ideal, das später an den prosaischen Klippen des 
Alltagslebens Schiffbruch gelitten hatte. Wie er sich 
des Tages erinnerte — es waren fünfzig Jahre ver 
gangen! Sie — die Beamtentochter mit dem sonnigen 
Lächeln, war damals siebzehn Jahre alt, licht und froh —, 
und er, ein Anfänger auf der Künstlerbahn — der neue 
Wege finden und zu etwas Grossem im Reich der 
Kunst emporwachsen wollte, wo sie, sein Ideal, lockte 
und winkte — goldene Tage, wo alles lachte und in 
rosenroten Zukunftsträumen schimmerte. 
Ihr Glück war kurz. Es zersprang bei der ersten 
Lebensforderung auf ernste Arbeit, und im Kampf um 
das tägliche Brot, in dem seine Künstlerträume unter 
gingen. 
Dann galt es aufs Neue als reifer Mann auzufangen. 
Aber allein und ohne die Hoffnungsträume der Jugend. 
Sie entglitten einander, aber ihr Bild lebte in ihm 
als ein Traumbild, ein schimmerndes Licht in der 
Einsamkeit und im Dunkel der Armut, und verlassen 
hatte er in allen diesen Jahren wandern müssen, und 
auch die verblassende Erinnerung schien vergessen. 
Und nun kam mit diesem alten Bilde ihr Gruss an 
seinem Lebensabend zu ihm; er erinnerte sich ihres 
Versprechens, als er ihr einst das Bild überreichte; sie 
gelobte ihm, auf ihn zu harren und zu hoffen — »so 
lange ich dieses Bild besitze, so lange werde ich auf 
Dich hoffen; durch dieses Bild sind wir vereint, wenn 
auch das Schicksal unseren Jugendtraum unerfüllt 
lassen sollte.« 
— Und wir sind einander treu geblieben, obgleich 
das Leben unsere Wege trennte und uns nie mehr 
zusammenführte. Wir haben Schiffbruch gelitten, Bertha ! 
Jeder von uns wurde auf einer anderen Klippe aus 
gesetzt, die Wellen des Lebens umbrausten uns, und 
wir spähten nach einander aus, bis die Erfahrung uns 
mit ihrem teuer erkauften Schutz umgab, den unsere 
Blicke nicht mehr zu durchdringen vermochten. . . 
Der Greis erhob sich. 
An der Wand über dem alten Sopha hing ein Bild 
mit gepressten Blumen unter Glas und Rahmen, auf 
dem vergilbten Papier standen die Worte »Berthas 
Blumen«. 
Mit zitternden Händen entfernte er den Rahmen 
und legte die Blumen sorgsam zusammen, einen Augen 
blick später schloss er den Laden und machte sich auf 
den Weg nach dem Armenhause. 
Vor der Behausung des Pförtners blieb er stehen. 
— Wissen Sie, ob hier eine Näherin Bertha Winge 
gestorben ist? 
— Ja gewiss! — Der Pförtner blickte aus dem 
Fenster, durch welches man das Tor sah, das soeben 
weit geöffnet wurde. — Da kommt sie. Man fährt sie 
nach dem Kirchhof dort oben. 
Der Alte nickte, dann ging er hinaus. 
Durch das Tor kam ein Leichenwagen. 
Auf dem Bock ein schläfriger Kutscher, auf dem 
offenen Leichenwagen ein Sarg — ohne Blumen — 
nur in seiner schwarzen Nacktheit . . . 
Mänsson folgte nach. 
Er war allein. 
Der Weg führte aufwärts durch eine lange Allee. 
Dann bog der Wagen in den Kirchhof ein. 
Der Sarg wurde hinabgesenkt — der Prediger 
sprach das Gebet — drei Schaufeln Erde und die 
Zeremonie war beendigt. Als aber der Prediger ge-
        
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