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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Das Guckloch der Reitschule. 
Von Roda Roda. 
Nachdruck verboten. 
Unterfahrkanonier Bedö sass schlaftrunken auf dem 
Streifbaum zwischen Rex, dem Chargierer, und Leda, 
dem Eigenpferde des Batterie-Kommandanten, und 
hutschte sich. — Es war fünf Uhr am Nachmittag — 
nun musste sie ja bald kommen. 
Bedö betrachtete zufrieden sein Tagewerk. Ein 
schmaler Sonnenschein fiel durch den kunstvollen Stroh 
vorhang des Fensters auf Ledas pralle Kruppe und 
löste sich im metallfarbigen Deckhaar des Fuchses zu 
flimmerndem Opalglanz auf. — O, seine Pferde wartete 
Bedö gut. — Da konnte der Herr Hauptmann zufrieden 
sein! — Ueberhaupt, wie die anderen mit den Pferden 
umgehen — und wie er, Bedö, umgeht— das ist doch 
tausend und eins. — Das dort unten — die Zugpferde 
der Oeschützlinie mit ihren dicken Mähnen — na, 
denen sieht man die Rekrutenarbeit gehörig an. Seine 
Leda aber — das ist auch ein Tierchen! Wenn sie in 
der freien Sonne steht — das lautere Gold! Die 
Füsschen, dieses Kopferl — die feinen Ohren! Und 
wenn die Frau oben sitzt . . . 
Da kommt sie eben. 
Bedö braucht nicht erst nach der Tür zu sehen — 
Rex und Leda passen auf sie, wie die Haftelmacher. 
Frau Adele tritt kaum in den Stall und Rex wiehert 
schon trotz einem Araberhengst. Leda wieder fängt 
an, wie närrisch zu weben und folgt mit ihren dunkel 
braunen Augen jedem Schritt der Herrin. Wenn Frau 
Adele, um ihre Stute zu necken, zögert, dann weiss 
sich Leda nicht zu fassen. Sie packt den Rex am 
Kamm, packt den Bedö am Rock, setzt ihr Gebiss auf 
die Krippe und zerrt und zerrt, dass die Halfterkette 
reissen möchte. 
Bedö springt auf. 
Frau Adele nickt den Stall warten und dem In 
spektionskorporal zu, die sie steif-militärisch begrüssen, 
und geht langsam den Stallgang entlang. Ihr bleiches, 
schmales Gesicht umspielt ein Lächeln, als sie die 
Bewegung sieht, in die ihre Lieblinge geraten sind. 
Bedö wischt rasch den Schaum ab, den Leda an 
Rexis Mähne zurückgelassen hat, und stellt sich dann 
zum Salut so an die Stute, dass die Frau Hauptmann 
ungefährdet in den Stand treten kann. 
Adele öffnet ihr Körbchen und teilt Brot und Rüben 
bissen unter die beiden drängenden Schnauzen. Auch 
Rexis anderer Nachbar, der Trompeterschimmel Nuntius, 
der gar so neidig zusieht, kriegt unter Rexis Halse 
durch einen Happen. 
„Fressen die Pferde gut?“ fragt die Dame. 
„Jawohl, gnä’ Frau“, antwortet Bedö und steht 
Habt Acht. 
„Sie sehen auch prächtig aus.“ Frau Adele klopft 
ihre Schützlinge ab. Bedö errötet glückselig bei ihrem 
Lob. — 
Zuletzt kriegen Rex und Leda noch Zucker — um 
den müssen sie aber bitten. Das hat sie Bedö gelehrt. 
„Pflegen Sie mir die Pferde brav. Ich werde 
morgen Leda reiten . . . Warten Sie . . . Sie können 
heut’ am Abend in die Küche kommen, Sie sollen was 
zum Nachtmahl haben. Wollen Sie? 
„Jawohl, gnä’ Frau“, sagt Bedö. 
„Adieu!“ 
Frau Adele geht und ahnt nicht, wie ihr — Pferde 
wärter an ihr hangt mit schwärmerischen Augen. 
Bedö wäscht sich amTränktrog sehr umständlich Kopf 
und Hände, kämmt sich und kleidet sich an. Um sieben 
Uhr sitzt er schon in der Küche des Herrn Hauptmanns. 
Theres wirtschaftet in ihrer geräuschvollen und 
flinken Art um ihn herum und balanciert ein und das 
andere Bratblech in absichtlicher Nähe seiner Nase. 
Sie hat sehr wenig Respekt vor den schüchternen 
Leuten. Und Lorenz, der Diener, soll sehen, dass 
sie sich nichts aus Bedö macht. 
Bedö sitzt still und schaut — und — — — wartet 
auf — sie. 
Frau Adele, die blasse, schlanke Frau, tritt leise ein, 
winkt ihm, der aufgesprungen ist, er möge sich setzen 
— und ordnet an, dass er etwas zu essen bekomme. 
Kaum ist sie fort, als Lorenz zu Theres sagt: „Na 
—■ hab’ ich recht?“ 
„Freilich“, antwortet ihm Theres, „es is wieder 
Krieg drinnen. Sie hat ganz verweinte Augen.“ 
Bedö hält den Atem an. Er möchte für sein Leben 
gern mehr erfahren. Er möchte alles, alles wissen. 
Er möchte fragen, aber ihm schnürt etwas die Kehle 
zu: die Furcht, dass diese zwei sein Geheimnis erraten 
könnten — — 
Denn er hat ein Geheimnis: er ist verliebt in Frau 
Adele. 
Er liegt auf dem harten Strohsack im Zugszimmer 
und findet keinen Schlaf. In seinen fieberglühenden 
Träumen geht die blasse schlanke Frau um mit rot 
geweinten Lidern. 
„Krieg is drinnen“, hört er sagen. 
Ah, ihm fällt’s wie Schuppen von den Augen. Jetzt 
versteht er erst die tiefe, bleierne Trauer seiner Herrin, 
ihre Blässe,ihrezuckenden Lippen,ihrebebenden Nüstern. 
Sie hat keine Kinder. Sicherlich kommt sie zu ihren 
Pferden in den Stall, weil sie keine Seele hat, der sie 
ihr Leid sonst klagen könnte. Wenn sie meint, es sehe 
sie niemand, dann umhalst sie Leda, legt den Kopf an 
die Ganaschen der Stute und — und schluchzt, dass es 
ihren Leib nur so durchzuckt. — Zweimal hat das Bedö 
mit blöden Augen gesehen. — Jetzt begreift er’s. 
Seine Herrin ist unglücklich bei allem Reuhtum. 
Bedö sieht zum erstenmal, dass auch die üppipen 
Herrenleute ihr Kreuz zu tragen haben. Er sieht in 
einen Abgrund hinein, den er nie geahnt hat. Es ist 
also bei den Offizieren und ihren Frauen gerade so — 
wie dort, zu Haus im Dorfe — — 
„Krieg ist drinnen“ — Glanz und Liebe draussen. 
Dieser HerrHauptmann, der kein Erbarmen mit seiner 
Mannschaft kennt, hat auch keins mit sich und mit — ihr. 
Mit ihr, Adele, die Bedö verehrt wie die heilige 
Jungfrau Maria. 
Wenn Frau Adele ausreitet, darf er immer hinterdrein 
folgen. Dann verschlingt er jede ihrer Bewegungen mit 
gierigen Augen. Sein Herz steht still, so oft Leda vor 
einem Papierfetzen stutzt. — Er zittert, wenn Frau Adele 
in leichtem Galopp an die Hindernisse geht. — Reitet 
sie in Gesellschaft, dann möchte er die Herren nieder- 
schlagen dürfen, die sie ehrfurchislos ansehen, und die 
erst, die ihre Hand zum Abschied oder Gruss berühren. 
Manchmal reitet der Herr Hauptmann mit. Der 
schweigt meistens — wenn er aber redet, klingt’s rauh 
und kurz. 
Bedö hat nie gewusst, was oft den Nacken des Herrn 
Hauptmanns so verdunkelt — jetzt weiss er auch das: 
der Zorn ist’s, eine schwarze Blutwelle, die ihrn zu 
Kopfe steigt. 
Damals, als der Herr Hauptmann beim Sturze Ledas 
jenes hässliche Schimpfwort hervorstiess — damals 
meinte er auch Frau Adele. — Bedö weiss nun alles, alles 
ganz genau. — O, er ist roh, dieser Herr Hauptmann, roh 
und grausam, ganz wie dort, zu Hause im Dorfe, Bedös 
Nachbar, der seine Frau schlägt, und Bedös Bruder, 
der sie auch schlägt und Bedös Vater, der 
Da fällt’s Bedö erst ein: im Dorfe schlagen alle 
ihre Frauen. 
Am Ende ? 
Bedö springt auf und stiert um sich. 
Rechts und links schlafen die Kanoniere. 
„Hast von Spangen ’tramt?“ fragt der Korporal 
vom Tage, der am Tische sitzt. 
Bedö hat eine furchtbare Nacht hinter sich. Er hat 
gesonnen und gesonnen, wie er seine Prinzessin aus 
den Händen ihres Mannes befreien könnte — er weiss 
keinen Ausweg. 
Wenn Frau Adele ausreitet, er hinter ihr, wird er 
plötzlich — draussen auf der Heide vorspritzen, Leda an 
der Trense fassen und mit sich fortziehen. — Wohin? — 
Ah, er will sterben. Wozu noch auf der Welt 
bleiben, die ihm das Einzige versagt, das er mit allen 
Fasern ersehnt — seine erhabene Herrin Adele! 
Einmal — nur möchte er ihr Haar streicheln dürfen 
— ihre rosafarbenen Finger küssen und sie fragen: 
„Warum bist Du so still, heilige Maria, MutterGottes, 
wenn die sieben Schwerter Dein Herz durchbohren?“ 
„Bedö“, schreit der Feuerwerker, „ist der Herr 
Hauptmann da?“ 
„Nein, FIcrr Feuerwerker!“ meldet Bedö, der jäh 
aus seinem Sinnen erwacht ist. 
„Wo ist er nachher?“ — 
„Vielleicht dass er auf der gedeckten Reitschul’ is, 
Herr Feuerwerker “ 
„Was — vielleicht? Es gibt kein Vielleicht bei der 
Kaiserlichen. Geh hin und schau.“ 
Bedö läuft durch den finstern Gang zum Guckloch 
der Lambrine und blickt in die gedeckte Reitschule. Da 
steht mitten in der Manege in den weichen Knoppern 
der Herr Hauptmann. Er hat einen Revolver in der 
Faust und feuert jetzt und jetzt einen blinden Schuss in 
die Luft, der die Pferde der Abteilung nervös macht. 
Da steht er also und lärmt und schreit! O, auch 
solch einen Revolver haben anlegen — — 
schiessen — — — hin wär er, der Hauptmann! Und 
die gnä’ Frau hätte Ruhe — 
Bedö kommt zurück und meldet: „Der Herr Haupt 
mann ist dort.“ 
Feuerwerker Stanitsch dreht sich auf den Hacken 
um und geht. 
Bedö ist wieder bei den Pferden. Ein Fieber kreist 
in seinen Adern. 
Plötzlich gibt’s ihm einen Riss. 
Er stürmt in die Dislokation hinauf, greift in die 
Patronentasche eines Mannes, der heutauf Pulverturm 
wache geht, nimmt einen Karabiner vom Rechen, läuft 
in die Futterkammer — ans Guckloch. — Dort lädt er. 
Jetzt sitzt er wieder auf dem Streifbaum zwischen 
Rex und Leda und hutscht sich. 
Gleich werden sie draufkommen dass der 
Hauptmann — — geschossen ist — — — 
Bedö hat ja lang und ruhig auf ihn gezielt. 
Auf den Rücken, mitten auf den Rücken. 
Den Karabiner hat er weggeworfen. 
Dann ist er durch den finstern Gang hierher gelaufen. 
Ob ihn jemand gesehen hat? Er weiss es nicht. 
Mag man immerhin draufkommen. Ihm ist alles, 
alles gleich! Wenn er nur tot ist, ihr Peiniger!
        
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