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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Stücke. Die übrigen legte sie mit raschem Griff in die 
Schreibtischlade und schloss sie ab. Den Schlüssel versenkte 
sie in ihre Tasche. 
Dann nahm sie den Kranz vom Nagel, band die rote 
Schleife, mit der Mariechen so oft vergebens geliebäugelt 
hatte, sorgfältig ab, wickelte sie in Seidenpapier, und trug 
den bedenklich zusammengetrockneten dürren Lorbeer in die 
Küche. 
Mit abgewandtem Gesichtreichte sie ihn demMädchen hin. 
„Verbrenn’ ihn Käte. Du hast heut gerade schönes 
Feuer.“ 
„Schönchen! Legen Sie ’n man hin den ollen Staub 
fänger. Ich kann jetzt nich von mein’n Kuchen weg. — 
Ein paar Blättchen wer' ich mir zum Einlegen behalten.“ 
Lise hörte schon längst nicht mehr. Sie war bereits 
aus der Küche und zwei Minuten später wieder auf der 
Strasse draussen. 
Sie lief hinaus auf den Feldweg zu Gärtner Banse. 
„Ich möchte einen schönen Kranz haben von lauter 
bunten Frühlingsblumen, Hyazinthen, Narzissen und Tulpen 
und Krokos und Schneeglöckchen, bunt und lustig für mein 
Kleinchen, und hier die bunte Schleife, die binden Sie dran, 
Herr Banse.“ 
„Wohl, wohl, Frau Schmidt. Die rote Schleife kenn’ 
ich doch —?“ fügte er schmunzelnd hinzu, das Band auf 
merksam betrachtend. 
Lise überhörte die Frage. 
„Also sehr schön, lieber Herr Banse, und pünktlich 
morgen früh um sieben Uhr.“ 
„Wohl, wohl, Frau Schmidt.“ 
Mariechen lag schon im Bettchen, als Lise nachhäus 
kam. — Ihr Mann war im Rathauskeller. 
„Zum letztenmal, Gott sei Dank,“ dachte Lise und deckte 
mit Käthe den Geburtstagstisch. 
Unsere Bilder. 
Reinhold Begas, den grossen Meister der Plastik, und 
sein neuestes Werk „Der gefesselte Prometheus“ zeigt die 
erste Seite unserer neuen Nummer. Getragen von der 
Gunst des Kaisers, verehrt und bewundert von sehr vielen, 
aber auch von manchem angefeindet, war es dem Künstler 
vergönnt, Werke zu schaffen, die seinen Namen unsterblich 
machen. Begas hat einer ganzen Kunstepoche seinen geistigen 
Stempel aufgedrückt. Er steht heute im 77. Lebensjahre, 
noch immer eine ungebeugte, männlich schöne Erscheinung. 
■— Von der grossen, lür ewige Zeiten schaffenden Kunst 
des Bildhauers nur eine Seitendrehung zur modernsten aller 
Kleinkünste — zu der des Cabarets. Wir sehen einen Star 
desselben, den eleganten, zierlichen Direktor des beliebten 
Cabarets „Roland von Berlin“, Paul Sclineider-Duncker, 
in seinem reichgeschmückten Heim. Mit viel Grazie und 
Geschmack versteht er es, die oft recht gewagten Chansons 
vorzutragen und sein Publikum zu elektrisieren. Auf der 
selben Seite finden wir noch das Bild des bekannten 
Rezitators Marcell Salzer, der früher auch dem Cabaret 
angehörte und jetzt mit seinen Rezitationen viel Erfolg hat. 
Dann ein Grosser im Reiche einer höheren Kunst: Professor 
Siegfried Ochs, der Dirigent des von ihm vor nun 
25 Jahren begründeten Philharmonischen Chors. Mit 
32 Mitwirkenden und 12 passiven Mitgliedern entstand im 
Jahre 1883 dieser Chor, der heute 398 aktive und 800 pas 
sive Teilnehmer zählt und ein wichtiger Faktor im Musik 
leben unserer Grossstadt geworden ist. Mit einer glänzenden 
Aufführung von Bachs H-moll-Messe wurde die Jubelfeier 
begangen. Ein anderer Jubilar —• zwar einer kleineren 
Zeitepoche — ist auch Georg Matlhes, der Gründer und 
Leiter der Gewerbe-Akademie, die im Januar 1003 die 
Feier ihres 10jährigen Bestehens begeht. — Eine sehr 
bemerkenswerte und für die Kunstentwickelung unserer 
Reichshauptstadt recht wichtige Persönlichkeit ist Mathilde 
Rabl, die einzige Frau unter den vielen Kunsthändlern 
Berlins. Eine geborene Bayerin kam sie vor vielen Jahren 
hierher und fand Stellung als Kassiererin im Künsllerverein. 
dessen allmächtige, hochgeschätzte Geschäftsführerin sie 
später wurde. Doch ihr Drang zur Selbständigkeit ver- 
anlasste sie, ihre Stellung aufzugeben, und der Name des 
Kunstsalon Rabl in der Potsdamer Strasse hat heute bei 
allen Kennern den besten Klang. — Auf Seite 3 sehen 
wir die grossen Bilder zweier Berühmtheiten der Tanzkunst. 
Friederike Kierschner, schon seit längerer Zeit als 
vortreffliche Solotänzerin unseres Königlichen Opernhauses 
geschätzt, ' ist' jetzt durch ihren- allgemein bewunderten 
Schwertertanz in „Aida“ in die allererste Reihe gerückt. 
Die technische Vollendung ihrer Leistungen kann nur der 
Kenner würdigen, aber ihre enorm graziösen Bewegungen 
und ihre ausdrucksvolle, treffliche Mimik entzücken das 
grosse Publikum. Ihre Kollegin Margherita Urbanska, 
deren blendend schöne Erscheinung schon seit Jahren be 
wundert wird, gehört ebenfalls zu den besten Vertreterinnen 
jener echten Tanzkunst, die frei von dem Duncan-Schwindel 
geblieben ist. — Die beiden folgenden Seiten bringen die 
Hauptkiäfte des Neuen Operetten-Theaters, das vor 
läufig, da sein eigenes Heim am Schiffbauerdamm erst im 
Februar fertig wird, im Berliner Theater gastiert und mit 
der Auflührung von Offeubachs „Blaubart“ einen sehr 
grossen und wohlverdienten Erfolg errungen hat. Direktor 
Victor Palfy hat es verstanden, sehr gute Kräfte zu vet- 
einigen, und er scheute keine Kosten, um dem melodien 
reichen Werke des grossen Parodisten einen würdigen 
Rahmen zu geben. Die Titelrolle fand in Julius Spiel 
mann den denkbar besten Vertreter und als „Boulotte“ 
haue Phila Wolff sehr grossen Beifall, ebenso die 
Komiker Sachs und Max Marx. Ganz vortrefflich war 
das Orchester unter der brillanten Leitung von Bertrand 
Sänger. — Zwei der hervorragendsten Mitglieder des 
Königlichen Schauspielhauses, jedes in seinem ITeim, finden 
wir auf Seite 10: Amanda Lindner und Arthur 
Krausneck. Die vortrefflichen Leistungen beider sind 
so allgemein bekannt und gewürdigt, dass es sich 
erübrigt, hier näher darauf einzugehen. — Ein Bild 
von überraschender Wirkung bot unlängst die Bühne 
des Neuen Königlichen Operntheaters (Kroll) als man 
beim Aufgehen des Vorhanges dort 300 Kinder sah, die 
mit vollendeter Präcision das „Altniederländische Dankgebet“ 
von Kremser lür Kinderchor, Streichorchester undHarmonium 
und „Volkslieder und Symphonie“ von Schytte, Kinder-Suiie 
in 3 Sätzen für Streichorchester und Chor, zu Gehör brachten. 
Es waren die Mitglieder des Kinderchors und Schülerorchesters 
des unter der Leitung von Direktor W. Rott stehenden 
Konversatoriums Wilmersdorf und der vereinigten Musik 
institute Hutschenreuter. Beim Wohltätigkeitsfest zum 
Besten des Vereins „Arbeitsstätte für arbeitslose 
Familien-Väter und Mütter“ wirkten sie in dem reich 
haltigen Programm mit und fanden den lebhaftesten Bei 
fall. — Der alte Weihnachtsmaikt ist durch polizeilichen 
Ukas schon seit Jahren aufgehoben worden, aber überall, 
in allen Strassen, Ecken und Winkeln etablieren sich junge 
und alte Verkäufer und Verkäuferinnen von Weibnachts 
artikeln, denen wir die besten Geschäfte wünschen, denn sie 
haben es wirklich nötig. — Bilder aus dem neuesten Schlager 
des Thalia-Theaters „Die gelbe Gefahr“ von Curt 
Kraatz und Georg Okonkowski enthält Seite 13. D. r 
überaus lustige Schwank, zu dem Alfred Schönfeld die 
witzigen Couplets und Einödshöferdie prickelnde Musik ge 
liefert hat, giebt den Mitwirkenden Gelegenheit, ihr ganzes 
Können zu zeigen. Die Damen Ballot,Wehlen,Junckei- 
Schatz, Thebis und Reinecken sowie die Herren 
Gessner, Sondermann, Rieck, Olfers, Fritz Junker 
mann und Herrmann entfesseln allabendlich wahre Beifalls 
und Lachstürme. — Ein neues schmuckes Variete-Theater mit 
dem urberliner Namen „Folies Bergere“ ist in der Jäger 
strasse ei öffnet worden. Aus dem durchweg guten Pro 
gramm sehen wir auf Seite 14 einige der Hauptnummern. — 
Auch unter den Dichtern gibt es Specialitäten. Eine ganz 
besondere ist aber C. Kohlis-Kvffhausen, „Der Weiri- 
poel“. In seinem elegant und geschmackvoll ausgestaltetem 
Werke „Das Wein-Turnier“ (Verlag Herimann Waltei), 
dessen Bilderschmuck Carl Zander ausgeführt hat, besingt 
er in stimmungsvollen und formvollendeten Versen sämtliche 
edelen Weinsorten. Der Weinpoet, der ausserdem noch Be- 
silzer des Hotel und Restaurant Phönix ist, vereinigte zur 
Feier der Herausgabe seines Buches eine Anzahl von Pei- 
sönlichkeiten der Kunst- und Schriftstellerkreise bei sich 
und unsere Aufnahme zeigt die Festgäste nach dem Souper. 
— Den Schluss der Bilderreihe macht ein Tablau, das die 
in der Kunstwelt allgemein bekannten Haupllehrkräfte des. 
Mozart-Konversatoriums zeigt. 
Dr. Hugo Russak.
        
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