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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

.Tat ihm, dem Skalden, — die Welt 
.Nimmermehr — was — zu Leide“. 
Die Strophe schloss mit einem unfreiwilligen Schnörkel. 
Draussen war die Flurtür mit solcher Heftigkeit ins Schloss 
gefallen, dass Lise zusammengefahren war. Sie dachte, 
nachdem der Schreck verwunden, nicht weiter darüber nach, 
wer hinausgegangen sein mochte. Sie empfand nach dem 
Schreien des Kindes die angenehme Stille um sich her 
doppelt wohltätig. Sie wollte den vorletzten Sang des 
.Skalden“ heut gern zu Ende bringen. Nachdem es so 
schön still geworden war, Hessen sich Zeit- und Slimmungs- 
verlust vielleicht wieder einholen. 
Sie wusste nicht wie lange sie geschrieben hatte, als 
die Tür vorsichtig aufgeklingt wurde. In ihrem Rahmen 
stand Käthe mit Armersündermiene und drehte an ihrem 
Schürzenband. 
Nicht eben begeistert sah Lise von ihrem Epos auf. 
.Was gibts denn schon wieder?“ 
.Frau Lehrer werden entschuljen, — ich hatte man 
blos ’nen kleinen Gang jemacht — und da —“ 
Lise klopfte nervös mit dem Stiel ihres Federhalters 
auf die Schreibtischplatte. 
„Ja, da — sind — mir nu der Herr und Mariechen 
begegnet — und — nämlich — Frau Lehrer müssen sich 
aber nich ärgern — der Herr lassen nämlich sagen — 
er wäre mit dem Kind in den .Blauen Stern“ essen 
jegangen, und wir möchten uns das verbrannte Fleisch 
und die übergekochte Suppe alleine schmecken lassen — 
und — er hätte es satt — und vielleicht fände er im 
„Blauen Stern“ auch jemanden, der ihm die Westenknöpfe 
und Mariechen die Wäschebänder und Schuhknöpfe 
annähte —“. 
Das Mädchen schluckte ein paar Mal und fing dann 
jämmerlich zu heulen an. 
„Und der Herr weiss noch nicht, wann er mit dem 
Kinde wiederkommt — “. 
„Gut, gut. Lass das heulen. Der „Blaue Stern“ ist 
nicht Amerika. Bring’ mir einen Teller Suppe herein und 
lass mich in Ruh, tu’ lieber Deine Arbeit —“. 
Käthe murmelte etwas von „Kuchenbacken“, das Lise 
nicht verstand, und trollte sich dann, um nach fünf 
Minuten mit dem letzten Rest der übergekochten dünnen 
salzigen Brühe in einem abgestossenen Tassenkopf wieder 
zu kommen. — 
Lise trank das Zeugs rasch hinunter und schrieb dam 
weiter: 
„Und — als dann kam — Gwendola — seine Herzliebste 
„Blaute das Meer — und das Schiff — und der Himmel — 
„Es blaute — — — — — — — — — —• — —“ 
Langsam fielen dunkle Schatten auf das Blatt. Wenige 
Augenblickespäter lag das kleine Gemach intieferDämmerung. 
Lise legte die Feder nieder. Der Kopf schmerzte. Sie 
fühlte eine grosse Leere im Magen und hinter der Stirn. 
Sie wollte nach Gustav rufen, da fiel ihr ein, dass er 
fort war, seit Stunden, und Mariechen mit ihm. Warum 
kam er nicht wieder? Warum liess er sie so allein? Warum 
hatte er das Kind mitgenommen? 
Sie stand rasch auf. Ihr erster Gedanke war den beiden 
nach in den „blauen Stern“. Dann besann sie sich. Nein 
nachlaufen würde sie ihm nicht. Aber heraus musste sie; 
hier allein in der toten stillen Wohnung hielt sie’s nicht 
länger aus. Sie nahm ihren Kragenmantel um, setzte den 
ersten besten Hut auf, der am Riegel im Flur hing, und 
stürmte auf die Strasse. 
Drüben jenseits des Marktes lag der „Blaue Stern. 
Sie machte einen grossen Bogen und lief durch die 
„Neue Gasse“ nach dem Flüsschen hinunter. An der 
Brücke stiess sie auf Anton Fischer. Er wollte an ihr 
vorüber, blieb aber dann plötzlich stehen und streckte ihr 
die Hand im langen schwarzen Handschuh entgegen. 
„Leben Sie wohl, teuerste Schwester in Apoll,“ sagte 
er feierlich und noch einmal mit beinahe tragischem Pathos: 
„Leben Sie wohl.“ 
Lise hielt ihn beim Aermel seines fadenscheinigen 
Rockes fest. 
„Ja, um Gotteswillen, was ist denn? Wo wollen Sie 
denn hin?“ 
Er zeigte nach Westen, wo das zahme Flüsschen einen 
weiten Bogen machte und tief und reissend wurde. 
Lise schrie auf. Anton machte eine grosse beruhigende 
Geberde. 
„Nein, meine Liebe. „„Nicht in den Orkus, den 
grausigen, führt meine Strasse.““ Ich will nach Berlin, in 
die Metropole des Geistes, da man die Sprache des wahren 
Dichters versteht.“ 
„Und Meyer & Sohn? Und das Konto Leichensteine?“ 
Anions Gesicht wurde einen Augenblick verlegen, seine 
sieghafte Haltung unsicher. Dann mit einer plötzlichen 
Bewegung warf er den Kopf in den Nacken, dass die 
langen blonden Haare im Winde flogen. 
„Neustadt hat mir meine Verdienste mit Undank ge 
lohnt. Meyer & Sohn hat meine Oden zwischen den 
Konten der Leichensteine „hellen Blödsinn“ und „groben 
Unfug“ genannt und mich selbst einen „pflichtvergessenen 
Menschen“. Pflichtvergessen! Lachhaft. Als ob es für 
uns Elitemenschen überlaupt Pflichten gäbe? Sehen 
Sie da —“ 
Er schlug seinen Mantel zurück und liess einen Kasten 
in schwarzer Farbe sehen, dem man eine gewisse Aehnlich- 
keit mit den Fabrikaten des Begräbniskontors Meyer & Sohn 
nicht absprecheu konnte. „Da ruhen me;ne Lorbeeren, 
das einzige, was ich aus Neustadt mit hinaus nehme in 
eine bessere Welt. Leben Sie wohl, Schwester!“ 
Er hatte Lise noch einmal die Hand gedrückt. Dann 
war er wie ein Schatten an ihr vorüber in die Dunkelheit 
hinausgehuscht. 
Lise Schmidt griff sich an den Kopf. Wie ein Spuk 
kam ihr die groteske Erscheinung vor. Vom Fluss her 
wehte es kalt. Sie nahm ihren Kragenmantel fester um 
die Schultern und lief nach Haus. 
In der Wohnung noch immer Totenstille. Sie beugte 
den Kopf nach vorn und horchte schärfer. Gott sei Dank, 
in der Küche wenigstens klapperte Käthe. 
Lise ging ins Schlafzimmer und machte Licht. Ein 
abscheuliches Chaos sah ihr entgegen. Augenscheinlich 
hatte Gustav, als er Mariechen zum Ausgehen ungezogen 
hatte, das Notwendige nicht gleich gefunden und über 
flüssige Kleidungsstücke und Wäsche aus Mariechens Kinder- 
schränkchen in Unmut ins Zimmer geworfen. 
Lise fing an aufzulesen, zuerst zerstreut und nachlässig. 
Ihre Gedanken waren noch immer bei dem Neustadt 
fliehenden Anton. 
Eigentlich war es ein tragikomisches Bild gewesen der 
lange, dünne Mensch in seiner Empörung über Meyer & 
Sohn. Unwillkürlich musste sie ein wenig über ihn lächeln. 
Sie hob gerade ein Paar Höschen auf. Die Schäden 
daran waren so auffällig, dass Frau Lise aufmerksam wurde. 
Zwei grosse Risse, und die Häkelspitzchen in Fransen her 
unterhängend. Mit den Hemden und Strümpfchen sah es 
nicht besser aus. Sie war im Begriff einen Bannfluch auf 
die liederliche Käthe zu schleudern, als ihr einfiel, dass, so 
lange Mariechen auf der Welt war, sie niemandem gestattet 
hatte, für Kleinchen zu sorgen, als sich selbst, bis — — 
Eine heisse Röte stieg ihr ins Gesicht. Dann plötzlich 
stand Anton wieder deutlich vor ihr und an ihr Ohr schlug 
ein Wort, das der Ergrimmte mit Hohnlachen ausgesprochen 
hatte, das grausame Wort „Pflichtvergessen“. 
In der Küche nebenan wurde es lauter. Die Tür des 
Bratofens klappte auf und zu. Ein feiner Duft von Back 
ware drang heraus. 
Käthe steckte den Kopf vergnügt ins Schlafzimmer. 
„Wollen Frau Schmidt nicht mal ansehen kommen? Der 
Kuchen ist wunderschön aufgegangen.“ 
„Welcher Kuchen?“ 
„Na doch Mariechens Geburtstagskuchen! Der Herr 
hat mir aufgetragen, einen beim Bäcker zu bestellen 
aber ich dachte, du machst ihn schon selber, das is billiger 
und schöner schmeckt er auch —- und denn —“ 
„Und denn — was Käthe?“ 
„Na ich meinte man blos,“ sagte das Mädchen, wieder 
verlegen am Schürzenbaud drehend, „weil ich mich doch 
in letzter Zeit nich gerade ausgezeichnet habe, — wollte 
ich so 'n bisschen was wieder gut machen.“ • 
Sie sahen zusammen den Kuchen an. 
„Die Lichter sind auch schon da, vier Stück und das 
Lebenslicht — der Herr hat sie gestern mitgebracht.“ 
Lise sagte nichts. Sie steckte die Lampe an, die auf 
dem Küchentisch stand, nahm sie und ging in das Wohn 
zimmer hinüber. 
Auf dem Schreibtisch lagen stossweis die weissen voll- 
beschiiebenen Blätter; an der Wand neben dem Schreib 
tisch hing der welke Lorbeerkranz. Lise stellte die Lampe 
auf den Schreibtisch und sah nachdenklich zwis hen den 
beschriebenen Blättern und dem Preiskranz hin und her. 
Und als dann kam Gwendola, seine Herzliebste 
Blaute das Meer und das Schiff und der Himmel, 
Es blaute — — — — 
Sie lachte ein wenig spöttisch auf. Ein Schiff, das 
blaute! Was hatte Anton doch gesagt? „Heller Blödsinn 
und grober Unfug.“ 
Sie nahm das letzte Blatt des Skalden und liss es in
        
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