Path:

Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

LUe ihre stolze Biiide abgelegt hatte, traten sie beide an 
das Bett des Kindes, das ruhig und sanft, mit gesunken 
roten Backen sein kleines Unbehagen ausschlief. 
Sie gingen in das Wohnzimmer nebenan. Keines von 
ihnen dachte an Schlafen. 
Lise legte ihren kleinen einfachen Schmuck ab und ver 
schloss ihn in der Schublade der alten Kommode. Dabei 
sagte sie betrübt: 
„Warum bist du so verstimmt Gustav? Ist es dir nicht 
rech', dass ich den Pieis bekommen habe?'“ 
„Weshalb hast Du mir verheimlicht, dass Du mitkon 
kurriert hast?“ 
„Ich wollte Dich im günstigen Fall überraschen, im un- 
gü istigen nicht enttäuschen “ 
„Ich hätte dich gebeten es zu unterlassen — ich war 
unter den Pieistichlern. Es scheint mir nicht korrekt — 
sieht persönlich aus,“ sagte er gereizt. 
„Wenn du es gewusst hättest — vielleicht. So —“ Sie 
giiff über den Tisch hinüber nach seiner Hand. 
„Und das Gedicht? Wenn Du Dich schon nicht über 
mein Glück freust, so sage mir wenigsten.-, wie Dir der 
„Morgen der Liebe“ gefällt?“ 
„Im Vergleich zu dem anderen Kram ganz nett. — sonst 
hätten wir ihm ja auch nicht den ersten Preis gegeben. 
An und für sich betrachtet —“ 
L ; se hatte die dunklen Brauen ein wenig zusammenge 
zogen und sah gespannt auf ihren Mann, der sich scheinbar 
ungern zum Sprechen entschloss Er empfand augenschein 
lich die Schwierigkeit, der Lorbeergekrönlen nachträglich 
mit einer abfälligen Kritik zu imponieren. 
„Nun Gustav?“ 
„Du weisst, wir redeten schon als Brautleute wiederholt 
über deine schriftstellerischen Ambitionen — “ 
„Du sprachst mir damals jedes Talent ab,“ sagte sie 
rasch und ein wenig heftig. „In Berlin waren sie der An 
sicht aus Eifersucht. Du wölbest keine andern Gö.ter nebar 
Dir — heut siehst Du, Du hast Dich getäuscht “ 
Mit mühsam aufgebrachter Euergie schüttelte der Lehrer 
den Kopf. 
„Hast Du das Gedicht bei der Hand?“ 
Frau Lise griff in die Tasche ihres einfachen Strasscn- 
rockes, den sie zu der Feslbluse trug, und zog ein Papier 
hervor. Die eigenhä :digo Niederschrift des „Moigen der 
Liebe.“ 
Der Maun beugte sich tief auf das Blatt und las. Dann 
schüttelte er sehr lebhaft den Kopf mit dem dichten, fest- 
auliegenden, braunen Harr. 
„Gegen die glatte Form, die uns bestochen hat, dem 
Gedicht den ersten Preis zu geben, ist nichts einzuwenden 
— a’'er sonst —“ 
Die Luureala war im Begriff, dem Mann das Blatt in 
hellem Zorn aus der Hand zu reissen. Dann bezwang sie 
sich. Sie halte ihn selbst zum Richter angeiufen — sie 
musste stille halten. — 
„Kein einziger neuer Gelanke — keine einzige originelle 
Ausdrucksform. So sind der Morgen und die Liebe einzeln 
und gemeinsam schon zu lausenden von Malen besungen 
worden.“ 
Frau Lise biss sich auf die Lippen. 
„Für Neustadt mag das ganz gut sein. Früher hatte 
sich Dein Ehrgeiz höhere Ziele gesteckt —“ 
Die hübsche Frau Lise murmelte etwas, das ihr Gatte 
nicht verstand, das aber etvea ein: „Nun, wir werden ja 
sehn“ bedeuten konnte. Dann sagte sie ihm Gutenacht, 
zum ersten Mal ohne Kuss seit ihrer bisher wolkenlosen 
füoljälirigen Ehe Für den Augenblick war ihr die Freude 
am Preis jedenfalls gründlich verleidet. 
Als aber am nächsten Morgen die Sonne schien, als der 
grüne Lorbeer sich satt und saftig von der Mahagonitisch- 
p’atte abhob, auf der er einstweilen seinen Ehrenplatz ge 
funden hatte, als Mariechen jauchzend mit zappelnden Händen 
nach den roten Bandschleifen griff, sahen Welt und Dinge 
wieder anders aus. 
Nachdem ihr Mann zum Unterricht gegangen, überliess 
sie es Käthe für Mariechen und das Millagbrod zu sorgen 
Sie nahm ihren grauen Kragenmantel um und lief durch 
die kleine Seitengasse auf den Mai kt hinaus in Meister 
Doms Buchbinderladen. Dort kuufie sie fünfzig Bogen 
schönes weisscs Schi eibpapier ein. 
Als sie den engen Laden verlassen wollte, tiat ihr in 
der Tür Anton Fischer entgegen Die beiden lächelten 
sich verständnisvoll an und drückten sich die Hände. Sie 
fühlten sich als ein Gemeinsames: Stammvater und Stamm 
mutter der Neuslädter Dichterschule. — — 
Das Epos, das Lise entworfen halte, machte lasche 
Fortschritte. . Danach gedachte sie an ein Drama zu gehn. 
In Berlin halle sie ein älteres Mädchen gekannt — eine 
Handarbeitslehrerin — das ein S.ück geschrieben hatte 
Es war einmal hintereinander an einem Vorstadlthealer 
aufgefühlt worden, aber immerhin, es war doch ein Grosses. 
Wenn sie erst dahin gelangt wäre. 
Ab und zu nahm die kleine Frau einen Anlauf, mit 
ihrem Mann von ihren dichterischen Plänen und Talen 
zu sprechen, aber immer wieder verschloss ihr die Erinne 
rung an die herbe Kritik, die er am „Morgen der Liebe“ 
geübt hatte, die Lippen. 
Ueberdies wäre es unpraktisch gewesen, sich ihm an 
zuvertrauen. Zum Frühjahr sollte von der Littet atur- 
gesellschaft wieder ein Preis ausgeschrieben werden. — Sie 
beabsichtigte selbstverständlich mit ihrem Epos zu konkur 
rieren — Herr Amon hatte einen Lorbeerbanz aus Guld- 
bläitern als ersten Preis in Vorschlag gebracht — haue 
Gustav von ihren Plänen gehört, er würde das Veifahren 
wieder „persönlich“ und „inkoneki“ gescholten haben, 
denn man halte ihn von seinem Prelsiieliterumt nicht ent 
bunden So war es besser, sie schwieg. 
l.n allgemeinen hatte Lise recht wenig von dem 
Lilteralurven in. 
Anton, dem sie ein paar Mal begegnet war, schwieg 
sich bis auf die neue Preisflage geheimnisvoll aus. 
Der Ingenieur hatte Neustalt nach einem plötz'hhen 
Bi uch mit der städtischen Gasanstalt veilasseu, für ihren 
Man i gir schien die blosse E wähnung der LÜttraiut- 
geschichte die Wirkung des bekannten roten Tuches auf 
den bekannten reizbaien Stier zu haben. — 
Nach und nach fing Frau Lise an, in den seltenen 
Stunden, in denen sic den Kopf frei hatte, um ihren Mann 
besorgt zu werden. Das von Käthe zubereitete Essen, das 
er mechanisch hernnterschlang, nur um rasch wieder an 
den Schreibtisch zu kommen, rührte er kaum noch an. 
Tagsüber war er verdriesslich und unfreundlich, abends 
verschwand er ohne sichtlichen Grund in die Tiefen des 
Rathauskelleis. Einzig Mariechens Lockenkopf vermochie 
es noch sein} Zärtlichkeiten auszulösen. Ganz plötzlich 
und scheinbar grundlos riss er dis Kind an sich und küsste 
und umfing es so leidenschaftlich, als ob er es vor etwas 
Bösem, Feindlichem schützen müsse. 
Wahrhaftig, sobald „Der Skalde“ fettig war, wollte sie 
einmal mit dem alten Hausarzt über Gustav spiechen. 
An einem sonnigen Sonnabendnachmitlag — der Lehrer 
hatte sich beeilt, aus der Schule zu kommen, um vor Tisch 
Mariechen noch in den Anlagen spazieren führen zu können, 
das Kind kam ja kaum noch hei aus, seit Lise am Schreib 
tisch sass und Käthe am Kochherd stand — hotte Schmidt 
schon beim Aufschliessen der Flurtür Mariechen jämmerlich 
schreien und weinen. 
Als er ins Wohnzimmer stürmte, sah er seine Frau dom 
Kinde einen heiligen Klaps auf das Händchen geben. Das 
arme Kleine, schrie, aus.Leibe.sk.räften und verteidigie einen 
b.iumgrünen welken Zweig, den es mit der Linken krampf 
haft an die kleine Brust gedrückt hielt, gegeu d„n Zorn 
der Mutter. 
VEr brauste auf. „Was : fällt-'Dir'-eiti Lise, das Kind zu 
schlagen“. 
„Da sieh“, — Frau Lise riss so heftig an dem Zweig, 
dass die welken Blätter zu Boden fielen und Mariechen 
nur noch das nackte Holz in der Hand behielt — „es ist 
nun schon das zweite Mal, dass das unnütze Ding Zweige 
aus meinem Kranz gerissen hat“. 
Sie zeigte empöit auf die Stelle an der Wand, an der 
ganz niedrig neben dem Schreibtisch der Preislorbeetkranz 
hing. In der Tat wies er zwei grosse Löcher auf. 
Der Lehret' biss sich auf die Lippen, um das ein klein 
wenig ironische Lächeln nicht zu zeigen mit de n er den 
zeriauften Lorbeer betrachtete. 
Daun nahm er Mariechen bei der Iland und führte sie 
hinaus. Käthe sollte das Kind rasch zu dem kleinen 
Spaziergang fertig machen, ehe die Sonne sich wieder 
verkroch. 
Aber Käthe war nirgends zu finden. Auf dem Plerd 
kochte die Suppe über und das Fleisch roch abscheulich 
brenzlich. 
„Käthe, Käthe“! tief der Lehrer. 
Da lachte das Kind hellauf, nahm den Vater an der 
Hand, und sich auf die Zehen seiner zierlichen Küsschen 
hebend, flüsterte es possiellieh: 
„Käthe nich da is, Käthe immerzu bei sein’ Zalz is“. 
Eine dicke Zornesfalte stand auf der Stirn des Mannes. 
Drin skandiene Lise: 
„Und — als er zog — blinkendes Schwert aus der Scheide-
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.