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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

Hoffnung erlosch. Mit der Spende eines huldvollen Lächelns 
und eines tete-ä-lete zur Dämmerstunde machte sie den 
nicht zu ihrem Sklaven. Da müsste sie die höchsten Preise 
zahlen: dann freilich würde auch er nicht knausern und 
sie zum Dank vielleicht völlig rangieren. Allein dass er 
sich’s nicht würde versagen können in aller Diskretion mit 
seiner pikanten Eroberung zu renommieren wie mit seinen 
Rennpferden und seinen alten Weinen, das wüste sie im 
Voraus. Die Rangierung ihrer Verhältnisse würde sie ihren 
Ruf kosten. Untadelig also musste der bleiben, gerade 
jetzt, wo der Klatsch ohnehin um sie wuchern würde. 
Er schien in ihrer Seele zu lesen. Fragend, erwartungsvoll 
sah er sie mit zusammengekniffenen Äuglein an. Sie aber 
blickte fest und ruhig aut ihn mit jenem kleinen Lächeln, 
das niemals aufmunterte und doch nichts abschlug. „Ich 
bin also in ihrer Schuld, Herr Kommerzienrat. Meinen 
Mann erwarte ich morgen früh zurück, — er wird Ihnen 
unverzüglich die ausgelegte Summe zurückerstatten. Sie 
wissen, wie ungeschäftlich ich selbst bin.“ So rauschte 
sie mit Würde zu ihren anderen Gästen zurück. 
„Die Herrschaften unterhalten sich gut? Bewirken die 
echten Geister keine Gegenaktion? Mister Hullington, 
ich glaube Sie mogeln. Ich muss doch einmal persönlich 
Ihr Kabinet inspizieren.“ 
Sie verschwand hinter der dunklen Gardine. Man hörte 
noch ihr harmloses Lachen. Dann saugte das Schwirren 
der vielen lebhaften Stimmen das leise geführte Gespräch 
in dem abgetrennten Raume auf. 
Virginia nahm die Hand des „Amerikaners“ „Richard 
Berger, erkennen Sie mich?“ 
„Beim ersten Blick, — Frau Gräfin . . .“ Er ver 
neigte sich. 
„Lassen Sie die Gräfin. Für Sie bin ich auch heut 
Mademoiselle Virginia, die neben Ihnen in den Reichshallen 
debütierte, die manchen lustigen Abend und manche tolle 
Nacht mit Ihnen verlebte, in die Sie verliebt waren bis 
über die Ohren. Haben Sie denn das vergessen, Richard?“ 
„Ich bin doch ein Gentleman und weiss, dass ich mich 
im Salon der Gräfin befinde. 
Sie beug‘e ihren Kopf zu ihm nieder. „Und die Gräfin 
gefällt Ihnen nicht mehr? Bin ich denn so alt geworden 
in den zehn Jahren!" 
Er erlaubte sich einen Handkuss — und noch einen, 
als sie still hielt. Ihr Busen wogte neben seiner Schulter, 
die Spitzen ihres Haares berührten seine Stirn. Ihm wurde 
beiss und kalt, obgleich er verwöhnt war von Frauengunst. 
Aber bis zu einer legitimen Gräfin, einer gewesenen 
Durchlaucht hatte sich seine Forschheit noch nicht ver 
stiegen. 
„Richard, ich möchte noch einmal jung sein und fessel 
los wie damals. Nur einen Tag, nur eine Nacht lang! 
Das alte Komödiantenblut muss sich austoben.“ 
Seine Augen leuchteten sie an. Er war wie benommen 
vor Ueberraschung und Entzücken. 
„Und Sie weiden schweigen, wenn ich mal wieder aben- 
teure. Sie sind ja ein Gentleman. 
Vor meines Gatten Kreisen muss ich ja die Unnahbare 
für Sie bleiben.“ 
Da brannte sein Kuss auf ihren Nacken. „Ehrenwort!“ 
„Sie sind ein reicher Mann, Richard?“ flüsterte sie 
schelmisch wie ein Kind. „Sie verdienen täglich Tausende?“ 
„Die Zeitungen nennen mich ja einen Star. Darum 
wurde ich auch Amerikaner“. 
„Und Sie würden mir einen Dienst erweisen, einen sehr 
grossen, — so sehr Cavalier zu sein, dass Sie mich aus 
einer drückenden Situation befreiten, in die eine — 
Unvorsichtigkeit meines Gatten mich gebracht?“ 
Er begriff ungefähr. Er hatte diesen Nachmittag genug 
beobachtet. „Es wircUmich glücklich machen Ihnen dienen 
zu können. Verfügen Sie über mich.“ Noch ein Hände 
druck, ein paar scherzhafte gleichgültige Worte, die auch 
für die Andern vernehmlich wurden. Dann kam die 
Gräfin wieder zum Vorschein, in bester Laune strahlend. 
Die Experimente nahmen ihren Fortgang, die Gäste plau 
derten. Es wurde spät, bis man sich zerstreute. 
Der Amerikaner verweilte länger als die übrigen auf den 
Wunsch der Hausfrau; sie wollte ihn noch für eine zweite 
Festlichkeit engagieren. 
Uebrigens wussten weder der Pikkolo noch der Ober 
kellner festzustellen, wann er an diesem Abend den Kaiser 
hof verlassen hatte. 
Am folgenden Morgen aber beglich die Gräfin ihre 
Schuld beim Kommerzienrat Krohn. Auch machte sie in 
den nächsten Tagen ostentativ eine Reihe von grösseren 
Einkäufen, die sie alle baar bezahlte, und gab nach zwei 
Wochen einen rout, bei dem Mister Hulligton grossartige 
Triks vorführte. Es hiess, er habe ein fürstliches Flonorar 
dafür empfangen . . . 
Nach drei Monaten kehrte der Graf zurück, und das 
Ehepaar zeigte sich bis zu seiner Abreise in ein Weltbad 
unzertrennlich wie die Turteltauben. Die Gesellschaft kam 
trotz aller Gerüchte zu dem Schluss, dass die Gräfin sich 
in allen kritischen Situationen tadellos benommen habe und 
trotz ihrer Bühnenlaufbahn eine Frau der strengsten 
Sitten sei. 
Hans 
Novelle von R. de Bary. 
(Nachdruck verboten.) 
„Worauf warten Sie, lieber Hans, fragte ich an 
einem trüben Herbstabend meinen Freund, den Grafen 
Hans, vom Auswärtigen Amt. Er setzte sein buben- 
haftigstes Gesicht auf, rückte an seinem Monocle und 
sah durchtriebener denn je aus. 
„Ich warte nicht, ich lasse warten!“ 
„Was heisst das hier, beim Regen im Tiergarten, 
lassen Sie warten?“ 
Er zog seinen Arm durch den meinen und sagte, 
„wenn Sie mir Diskretion versprechen, will ich Ihnen 
mein Geheimnis verraten. Sie als Weiberfeind 
kennen die Frauen nicht; sie wissen nicht, welche 
Mittel man anwenden muss, um zum Ziel zu gelangen. 
Die Frauen sind so furchtbar verschieden. Die Einen 
fallen so zu sagen auf den ersten Anhieb dem Manne 
in die Arme. Dieses sind die süssen kleinen Fratzen, 
die ähnlich wie ich, eben jeden Sonnenstrahl mit 
nehmen, jeden Fuss küssen, der sich ihnen bietet. 
Dann kommt No. II, das Mädchen, welches ernst ge 
nommen sein will, meist von Muttern mit Hausaltar 
in der Ecke, behütet. Nichts für mich. Dann endlich 
kommt die Art, die mich wirklich interessiert. Frauen, 
nicht mehr ganz jung, Frauen mit heissen Herzen, aber 
durch Stellung und Erziehung zurückgedrängtem Ge 
fühl. Frauen, die sich schwer, sehr schwer erobern 
lassen — manchmal niemals — bei denen man aber 
das Gefühl hat, mit dem Sieg auch etwas Besonderes 
errungen zu haben. Und bei einer Jagd auf solches 
Edelwild trafen Sie mich eben an, mein lieber Freund.“ 
„Es kann ja alles ganz gut und schön sein, was 
Sie mir da sagen, lieber Hans, erklärt mir aber immer 
noch nicht Ihr Wartenlassen.“ 
„Ja, das ist eine von mir erdachte Jagdlist. Also 
hören Sie. Die Frau (No. III warf ich etwas maliziös 
lächelnd ein!) hat einem gestattet, sie zu besuchen. 
Man geht hin, ist lieb und nett zu ihr, versucht wohl 
auch sie zu küssen und schürt das Feuer durch schnellen 
Abgang. Man sieht sich wieder und merkt, die Festung 
fängt an, sich zu ergeben, d. h. sie fängt an, einen lieb 
zu haben, sich zu sehnen wenn man fern ist. Endlich 
hält man den Zeitpunkt für gekommen, ihr seine Hoff 
nungen und Wünsche aussprechen zu dürfen und man 
verabredet zur bestimmten Stunde bei ihr zu sein. 
Sie ist natürlich in etwas nervöser Stimmung schon 
den ganzen Tag. Den Leuten ist Befehl gegeben keine 
Besuche anzunehmen, — mit Ausnahme des Herrn 
Grafen X., den man wegen einer Wohltätigkeitssache 
sprechen muss. Das Zimmer ist mit Blumen geschmückt, 
das Licht verschleiert, der Teekessel summt, die Ziga 
retten stehen bereit. Eine Viertelstunde vor der Zeit 
schleicht sie ab und zu an’s Fenster und durch die 
Stores verborgen, wirft sie einen Blick auf die Strasse. 
Die Uhr tickt gleichmässig, jetzt schlägt sie die Stunde 
an, wo er kommen wollte. Es vergehen 5, 10 Minuten 
Niemand kommt. Eine halbe Stunde. Die Frau wird 
immer nervöser, immer enttäuschter. Heute, jetzt 
merkt sie zum ersten Mal, wie sehr sie den Erwarteten 
liebt; sie steigert sich in eine Extase hinein ihn so 
lieb zu empfangen wie nie; ihm zu gewähren, was sie 
ihm bisher versagte! Wenn er nur käme, wenn sie 
seine Stimme nur hörte, seine Küsse fühlte! 
Eine Stunde ist so vergangen in rastlosem Umher 
jagen. in Tränen der Enttäuschung — endlich ertönt 
die Klingel — die Tür öffnet sich schnell und herein 
tritt der Ersehnte! Mit unterdrücktem Jubelschrei stürzt 
sie ihm um den Hals; vergessen ist alles Trübe der 
letzten Stunde, untergegangen in dem einen Gefühl, 
er ist doch noch gekommen, ich habe ihn wieder, er 
ist mein 
,So mein Bester, einen wetteren Kommentar brauche 
ich 'ihnen jetzt wohl nicht mehr zu geben?“ 
, Hans, Hans was sind Sie für ein leichtsinniger 
Mensch! Bedenken Sie denn niemals was sie mit 
diesem frivolen Spiel mit Frauenherzen für Unglück an- 
richten? Denken Sie an mich, die Stunde kommt 
auch für Sie einmal, wo das Schicksal Ihnen heim 
zahlen wird, was verbrochen.“ 
„Hören Sie auf mit Ihren Schwarzsehereien, „carpe 
diem“ ist mein Wahlspruch! Addio — jetzt hat sie 
lange genug gewartet!“ — 
Zwei Jahre später sah ich den hübschen, leichtlebigen 
Hans erst wieder. Etwas ernster schien er geworden; 
glücklich sah er aus trotz des Ernstes und unwider 
stehlicher denn je. Wir hatten keine Gelegenheit uns 
allein zu sprechen und es« vergingen einige Wochen. 
Eines Morgens telephonierte man mir, der Graf Hans 
bäte mich, sofort zu ihm zu kommen. Sein alter Die 
ner trat mir zitternd und weinend entgegen und kaum 
verstand ich vor Erregung, was er mir sagte. Sein 
geliebter junger Herr, den er wie einen Sohn geliebt 
habe, liege tot in seinem Zimmer und ein Brief an
        
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