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Full text: Berliner Leben Issue 10.1907

„Herr Rosenbaum ist schon zum vierten Mal hier; er 
sagt, er könne keinen Tag länger warten; es sei ihm Bar 
zahlung versprochen für die Libellenflügel.“ 
„Aber ich habe doch Gäste jetzt,“ 
„Das Mädchen ging und kam wieder. „Der Mann sei 
am Bankrott, sagt er. Er müsse sich ein Leid antun, 
wenn er das Geld nicht bekäme. Frau Gräfin hätten ihn 
auf heut bestellt.“ 
„Gott, in der Zerstreuung vielleicht. Ich kann doch 
jetzt nicht . . . mein Geldschrank . . .“ 
Von draussen machte sich der Harrende durch Husten 
bemerkbar. Die Gräfin befürchtete eine Katastrophe. Sie 
winkte die Zofe mit den Augen heran. „Geben Sie ihm 
hundert Mark als Abschlagszahlung, Mimi, damit wir ihn 
los werden.“ 
Das Kammerkätzchen stand verlegen. Die Gräfin wurde 
ungnädig. „Aber so gehen Sie doch . . .“ 
„Wenn Frau Gräfin mir die hundert Mark“ — 
„Ach so — Gott, ich weiss garnicht, ob ich soviel 
kleines Geld . . , Aber sie können ja auslegen, Mimi.“ 
Die Kleine machte ein einfältiges Gesicht, obgleich sie 
schlau genug gewesen, ihr letztes Monatsgehalt sofort auf 
die Sparkasse in Sicherheit zu bringen, nachdem der Herr 
Graf etwas unmotiviert plötzlich abgereist war und die 
Gräfin bald darauf einen kleinen Pump bei ihr angelegt 
hatte. 
„Legen Sie aus, Mimi“, befahl Virginia jetzt. 
Und Mimi lief zum Piccolo, der heut den Pagen mimte; 
der Piccolo lief zum Oberkellner, und nach zehn Minuten 
hatte Herr Rosenbaum sein Geld. Aber er war noch nicht 
zufrieden; die ganze Summe brauchte er, heute noch, in 
spätestens einer Stunde. Aus seinem Gebahren sprach die 
Angst. Er würde wiederkommen. Das fteilich wusste die 
die Gräfin nicht. Sie fühlte sich wieder sorgenlos, zumal 
die Attraction ihres jours in Sicht war. Sie hatte an jedem 
Dienstag eine besondere Attraction, bald einen Geigen 
virtuosen, bald einen Schnellmaler, ein ander Mal einen 
Conferencier, der sein Publikum nach neuester Mode 
theosophisch-lilerarisch anregen sollte. Heute wurde ein 
Taschenspieler erwartet, der spiritistische Betrügereien 
durch verblüffende Imitation entlarven sollte. Sie hatte 
sich den Amerikaner auf seinen Ruf hin verschrieben, noch 
ehe er an einer Berliner Spezialitätenbühne auftrat. Er 
kam in Frack, Lack, Claque mit einem Tenorgesicht und 
kecken Augen. Die Gräfin neigte nur, die Wirrpern, als 
er ihr seine tadellose Reverenz machte; dann sah sie 
schärfer hin, wieder glitt ein nervöses Zucken über ihre 
Züge; noch ein prüfender Blick, eine neue Unruhe. Ein 
kurzes Insichhineinsinnen, ein jähes Erröten — und sie 
war wieder im Gleichgewicht. Auch Mister Francis 
Iiullington sah schärfer auf die majestätische Frau — ein 
mal, zweimal. Er errötete nicht; aber ein unmerkliches 
Lächeln kräuselte seine Lippen unter dem wohlgepflegten 
Schnurrbart und seine Augen wurden noch kecker. 
Es regnete Blumen, Schiefertafeln bedeckten sich mit 
geheimnisvoller Schrift, Phosphorgerüche wurden ver 
nehmbar, in schimmernden nebelhaften Umrissen und 
dumpfen Klopftönen manifestierten sich die Pseudogeister. 
Der Zauberkünstler arbeitete in einem schnell improvisrrten 
Dunkelkabinet. 
Von draussen tönte wieder ein hartes Husten. Die 
Gräfin fuhr zusammen. Sie befahl der Jungfer den Stören 
fried durch den Oberkellner entfernen zu lassen. Für die 
schnippische Miene, die die kleine Person aufsteckte, hätte 
Virginia sie ohrfeigen mögen. Jetzt stieg die Leidenschaft 
in ihr auf .... Unter diesem Kranz von Verehrern und 
Verehrerinnen niemand, der ihr half gegen solches Gesindel, 
der ihr würde helfen wollen, wenn er erfahren hätte . . . 
Sie folgte den Expeiimenten nur noch mit halber Auf 
merksamkeit und beantwortete eine Bemerkung des Kom 
merzienrats verkehrt. Die Phrasen der beiden ParasitinneD 
ekelten sie an; sie wurde spürbar unliebeuswürdig. 
Man hörte den scharfen Schritt des Oberkellners. Ein 
Wortwechsel entspann sich im Korridor. Die Gräfin horchte 
angestrengt. „Grossartig!' rief der Kommerzienrat, der 
neben ihr stand nnd die Kunststücke Mister Hullingtons 
interessiert verfolgte. Dann mit einem erstaunten Blick 
auf die Wirtin — „aber Fran Gräfin scheinen sich zu 
langweilen“ ? Ihre Augen hingen an der Flurtür. Auch 
seine Aufmerksamkeit wendete sich jetzt den Vorgängen 
hinter der Tür zu. 
Plötzlich bewegte sich die Klinke, die bis jetzt halblaut 
kämpfenden Stimmen schwollen an: Schon stand der Kauf 
mann auf der Schwelle des Salons, hinter sich die Hand des 
Kellners, der ihn am Zipfel seines schäbigen Rockes zurück 
zerrte. Auch das schadenfrohe Gesicht des Piccolo in der 
Pagenlivre tauchte einen Augenblick lang grinsend auf. 
„Frau Gräfin verzeihn ich muss die Gräfin 
sprechen“, hauchte der Verfolgte atemlos. Virginias Herz 
schlag setzte sekundenlang aus. Sollte sie in Ohnmacht 
fallen oder dem frechen Patron willfahren? Der Kommerzien 
rat stand schon bereit, sie in seinen Armen aufzufangen. 
Alle Unterhaltung war verstummt. Der zum Amüsement 
befohlenene Magier in seinem Dunkelkabinet kicherte vor 
Vergnügen über die Unterhaltung, die ihm hier geboten 
wurde. 
Jetzt war der Lieferant mitten im Salon. Die Worte, die 
er in der Verlegenheit nicht fand, ersetzte er durch über 
eifrige Gestikulationen. Die Gräfin, totbleich, streckte zur 
Abwehr die Hände aus. „Mein Gott, wahrt denn keiner 
der Herren mein Hausrechl? Ich bin eine wehrlose Frau“. 
Die Offiziere waren sofort zur Disposition, ohne recl t 
zu wissen, was sie eigentlich sollten. Doch Herr Rosen 
baum steuerte auf die vornehme Dame zu und tuschelte 
die dicken blauroten Lippen dicht an ihrem weissen Ohr 
mit den grossen Diamantenboutons: „Wenn ich mein Geld 
nicht kriege, dann schreie ich’s hier aus, dass der saubere 
Graf mit der Festkasse durchgegangen ist!“ 
Eine Ohnmacht blieb wirklich der einzige Ausweg, um 
die Situation zu retten. Vorher noch ein gehauchtes „Herr 
Kommerzienrat, regeln Sie die Angelegenheit, ich bitte . . .“ 
Die Rätin und die Rittmeisterin bekamen zu tun. Ihre 
Samariterdienste würden ihr Ansehen wieder heben. 
Einige Herren verschwanden geräuschlos; für wen es aber 
irgend anging, der verharrte, um Zeuge der Szenen 
entwicklung zu bleiben. Krohn nahm den Mann mit sich 
auf den Flur und befriedigte ihn. Als er wieder in dem 
Salon trat, schlug die Gräfin die Augen auf. Sie seufzte 
noch einmal, versuchte sich selber auszulachen . . . „Nein, 
wie so ein Betrunkener einen erschrecken kann! Ich 
danke Ihnen, Herr Kommerzienrat. Aber die Herrschaften 
haben sich stören lassen, wie ich sehe . . . Ich bedaure 
unendlich. Mister Hullington, haben Sie die Güte fort 
zufahren“. 
Sie selber zog sich mit ihrem Ritter in ihr angrenzendes 
Boudoir zurück. „Frau Gräfin sind so nervös — das 
macht die Sehnsucht nach dem abwesenden Gemahl“ — 
(„Auch Männer können so niederträchtig sein?“ dachte 
Virgina, die solchen Ton nur von Frauen gewöhnt war) 
„Es handelte sich um garnichts Wichtiges; der Fabrikant 
der Libellenflügel verlangte seine tausend Mark nur ein 
wenig drastisch, das Messer sitzt ihm an der Kehle — 
Fällige Wechsel oder sowas . . . Aber wenn Frau Gräfin 
sich nur die Mühe genommen hätten bis an ihren Geld- 
schrank zu geben — da sie dem Mann die Zahlung nun 
mal für heut versprochen hatten — so wäre jeder Eklat 
vermieden worden . . . Frau Gräfin haben ja doch die 
zehntausend Mark, die das Fest einbrachte, bequem zur 
Hand . . .“ 
Sie wand sich innerlich in Qualen, Sie wusste, noch 
heute Abend würde man im Millionenklub unter den 
Linden, morgen in der ganzen Gesellschaft erfahren, das& 
sie vogelfrei war und dass ihr goldner Käfig nur aus Papiei- 
machee bestanden; übermorgen würde man sich erzählen,, 
dass der Graf nicht nur die Festkasse, sondern auch ihre 
Brillanten mitgehen geheissen und dass sie, um sich Credit 
zu verschaffen, sich seitdem mit lauter geschickten Imita 
tionen schmückte. Und noch eh’ eine Woche vergangen, 
würde ganz Berlin wissen, dass der splendide Rosettische 
Haushalt seit Jahren nur auf Schulden aufgebaut w'ar und. 
dass die schöne Gräfin, bevor sie von ihrem mächtigen 
Freunde an die ITofbühne gebracht wurde, Tänzerin im 
Varitee und vorher Kellnerin gewesen. . . Das alles ging 
ihr blitzartig durch den Kopf, während ihr kundiger Gast 
unbefangen lachte. Aber sie war nicht das Weib, den 
Erfolg eir.es ganzen Lebens durch das Erlebnis einer 
Viertelstunde ausstreichen zu lassen. Dass ihr Gatte zu 
ihr zurückkehren wuirde, sowie die Mittel aufgebraucht 
waren, darüber konnte sie beruhigt sein. Er konnte die 
kluge Lebensgefährtin, deren et finderischer Geist immer 
einen Ausweg wusste und deren schönen Augen seine Ver 
hältnisse schon manche Förderung verdankten, ja garnicht 
entbehren. Er selbst war gewandt genug, bei all seinen 
gewagten Manipulationen den Kopf im rechten Augenblii lc 
immer wieder aus der Schlinge zu ziehen. Solange sie 
also Gräfin Rosetti war und sein letztes oberfaules Manöver 
verborgen blieb, konnte man ihrer gesellschaftlichen Posi 
tion nichts anhaben. Es fragte sich nur, wie sie sich im 
Augenblick und für die nächsten Wochen über Wasser 
hielt. Sie lehnte den edelgeformten Kopf zurück und 
blinzelte den Millionär an ihrer Seite an. Dessen Auge 
hing wieder an dem Spitzengekräusel an ihrer Brust, aber 
jetzt ohne jede Spur von sinnlicher Erregung; es taxierte 
nur den Wert der Steine, den sie trug. Ihre aufflackernde
        
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